Im Kino
Mit Grazie und Distanz
Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
29.04.2026. Ulrich Köhlers Spielfilm "Gavagai" erzählt von den sehr ungleichen Bedingungen, die ein europäischer Filmdreh in Afrika mit sich bringt. Hauptdarsteller Jean-Christophe Folly wird dabei allerhand zugemutet.
"Vielleicht können wir jetzt endlich über den Film reden?" Diesen Satz sagt die Regisseurin Caroline Lescot (Nathalie Richard) auf der Pressekonferenz, nachdem bereits eine Weile über den Film geredet worden ist, allerdings nicht in der Form, die sie sich vorgestellt hat. Die Fragen sind das, was gerne als "unbequem" bezeichnet wird. Sie beziehen sich auf Produktionsbedingungen, auf Machtverhältnisse, auf Zuschreibungen, Rollenverteilungen und auf rassistische Stereotype, und wenngleich die Regisseurin all diesen Dingen mit routinierter Arroganz begegnet, kann sie nicht verhindern, dass sie ein ums andere Mal zur Sprache kommen.
"Sie können nicht alles umdrehen" erklärt eine Journalistin. Aber ob in dem Film-im-Film, dessen Team in der Mitte von Ulrich Köhlers "Gavagai" auf einen Raum voller irritierter Journalist:innen trifft, überhaupt etwas umgedreht werden soll, bleibt fraglich. So wie zugleich offensichtlich die mehrfache Umkehrung von Rollen, Konstellationen, Power Moves und Power Relations als die zentrale Agenda des Regisseurs Köhler beschrieben werden kann, der in "Gavagai" von Filmarbeit unter sehr ungleichen Bedingungen erzählt. Wenn schon nicht alles thematisiert werden kann (die Verhältnisse, der Blick, die Stereotype, die Vorbehalte etc.), dann vielleicht von allem ein bisschen.
Medea aus Kolchis ist in Korinth die Fremde, die gedemütigt und verstoßen wird. In dem stark stilisierten Film-in-Film, an den sich die unbequemen Fragen richten, ist sie eine weiße Figur; diejenigen, die sie demütigen und verstoßen, sind hingegen Schwarz. Bereits in den Szenen, in denen zu Beginn die Dreharbeiten an den Gestaden eines sehr bunten Senegals zu sehen sind, wird das Set von einer weißen Regisseurin und einer weißen Hauptdarstellerin (Maren Eggert) dominiert, während der schwarze Hauptdarsteller (Jean-Christophe Folly), der einen senegalesischen Vater und einen französischen Pass hat, vor allem damit beschäftigt scheint, mal die eine und mal die andere zu besänftigen. (Insgesamt entspricht dieses Set recht genau den Vorstellungen, die ein europäisches Publikum von den Dreharbeiten einer europäischen Produktion in Westafrika haben dürfte; Wimmelbilder, Farbpalette, partielle Segregation, auteuriale Aussetzer und spätkoloniales Gebaren inklusive.)

Es sieht nicht gut aus. Nicht für Medea, der von Euripides bis Christa Wolf verschiedene Gestalten und Stimmen verliehen worden sind, aber noch keine, die ihr einen Weg aus einer langen Geschichte der Gewalt gebahnt hätte. Nicht für das französische Autorenkino, das in "Gavagai" als ein selbstbezogenes, macht- und geschichtsvergessenes Projekt erscheint. Und letztlich auch nicht für "Gavagai", den Köhler doch als jenen anderen (was eben nicht heißt: ganz anderen) Film konzipiert hat, der programmatisch in einem Dilemma situiert ist, um die Präsenz von kolonialen, rassistischen und sexistischen Verstrickungen weiß und diese nicht ausblendet, sondern in ein Konzept der Spiegelungen und Inversionen zu überführen sucht.
Gespielt wird dabei über Bande. Anstelle von nur zwei Handlungszusammenhängen (Drehort, Filmfestival) gibt es hier drei oder vier, die sich zwischen einem fiktiven Film und einer fiktiven Realität, zwischen einem Dreh- und einem Festivalschauplatz, einer mythischen Erzählung, ihrer Adaption fürs Kino und der Erzählung über die Prämissen der Adaption verteilen. Zwei Paare finden und verlieren sich, zwei Ehen befinden sich in Auflösung, zweimal hängen Kinder irgendwo dazwischen, zweimal will sich eine Figur einer anderen im fremden Land anschließen, ohne dass diese Doppelungen direkt aufeinander abzubilden wären. Das Motiv der Abhängigkeit wird unter wechselnden Vorzeichen durchgearbeitet; Zurückweisung wandelt ihre Form, ohne an Härte zu verlieren; Begehren spielt eine Rolle, setzt sich aber gegen das Realitätsprinzip nicht durch; und auch wenn all dies sehr sorgfältig konstruiert wurde, vermittelt "Gavagai" vor allem eines: dass es sich um Konstruktionen handelt, die auf eine Leinwand übersetzt worden sind.
Ulrich Köhlers sechster Spielfilm ist ein Film mit vielen Fußnoten. (Darunter auch einigen zum theoriegeschichtlichen Deep Space des Titels.) Jean-Christophe Folly ist der Schauspieler, der sich durch diesen Film und seine Rahmungen mit Grazie und Distanz bewegt, während ihm in seinen diversen Rollen alles Mögliche zugemutet wird. Ihn zu beobachten, in den Kostümierungen, die ein europäisches Filmteam für ihn bereitgestellt hat, macht die Begegnung mit "Gavagai" zu einer interessanten Erfahrung. 2025 hat Folly dann nur noch eine Nebenrolle in "L'Âme idéale" von Alice Vial gespielt.
Stefanie Diekmann
Gavagai - Deutschland, Frankreich 2025 - Regie: Ulrich Köhler - Darsteller: Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Diakhere Thiandoum - Laufzeit: 91 Minuten.
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