Im Kino

Die Wahl wählen

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
22.02.2012. Schon seit zwei Wochen läuft "Der Junge mit dem Fahrrad", die neue Regiearbeit der Brüder Dardenne, in den deutschen Kinos: Ein Film, der sich bedingungslos solidarisch erklärt mit einem sturen, rothaarigen Kind. Neu in den Multiplexen angekommen ist dagegen "Ghost Rider: Spirit of Vengeance" vom Regiegespann Neveldine / Taylor: Eine weitere Station der nicht enden wollenden Reise des Nicolas Cage in Richtung unterstes Videothekenregal.


Ein unbändiger, ursprünglicher Bewegungsdrang muss irgendwo in diesem rothaarigen Jungen stecken: Cyril Catoul (Thomas Doret, eine Entdeckung) läuft ständig auf und davon, sobald sich ein Anlass und eine Gelegenheit bieten. Cyril lebt in einem staatlichen Jugendheim, er versucht, zu Beginn des Films, seinen Vater zu finden, der ihn im Stich gelassen hat und ein Fahrrad, das der Vater für ihn gekauft hatte. Im Laufe der Suche trifft er auf Samantha (Cecil Le France), eine Friseurin, die ihn bei sich aufnimmt. Dass er immer wieder wegrennt, egal, wo er sich befindet, egal, wer ihn wie davon abhalten möchte, dass es ihn nach draußen drängt, wann immer sich die Wände um ihn herum endgültig zu schließen drohen und dass er später, nachdem er das Fahrrad aufgetrieben hat, wegfährt, so schnell er kann, das ist eindeutig eine Abwehrreaktion, ein Schutzmechanismus, ein Weglaufen vor dem eigenen Leben.

Genauso eindeutig aber ist die Solidarität des Films mit diesem Wegrennen. Die Solidarität artikuliert sich im unnachahmlichen Kamerablick der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, einem Blick, der sich in den Neunziger Jahren in den Filmen "La promesse" und "Rosetta" formierte und der sich seither Film für Film ausdifferenziert hat. Längst klebt die Kamera nicht mehr so unbedingt an den Figuren und ihren Bewegungen, wie sie das vor allem in "Rosetta" getan hatte, in "Der Junge mit dem Fahrrad" nimmt der Film erst gegen Ende ein paarmal die Geschindigkeit des Fahrrandfahrens auf, in eleganten, schwebenden tracking shots. Was der Kamerablick der Dardennes aber immer noch impliziert, auch wenn er inzwischen souveräner, zurückhaltender wirkt als früher, sind die Freiheitsgrade, die er den Protagonisten zuzugestehen scheint. Er versucht, so könnte man das zu beschreiben versuchen, Menschen zu filmen, ohne sie gleichzeitig in der Einstellung einzusperren (im Englischen bringt schon der Begriff des "framing", der dem Akt des Aufzeichnens immer schon das Moment der Einrahmung einschreibt, dieses Dilemma auf den Punkt).



Die Filme der Dardennes sind genau und klug konstruiert, aber es gibt in ihnen (zumindest in ihren besten; und zu denen zählt "Der Junge mit dem Fahrrad") keine überdeterminierten Bilder. Die Schauspieler verhalten sich zur fiktionalen Situation und die Kamera zu den Figuren so, als ob sie nicht schon immer wüssten, was im nächsten Moment geschehen wird. Gelegentlich (besonders prägnant im Vorgänger "Le silence de Lorna") resultieren daraus harte Brüche in der Erzählung, unvermittelte Neuanfänge, den neuen Film bestimmen eher sanfte Umorientierungen, kontinuierliche Lernprozesse, die aber aus der Szenenfolge, aus den Bewegungen Cyrils heraus entstehen und nicht "verordnet" werden: Es geht dem Film gerade nicht darum, weder in seiner Handlung, noch in seinen Bildern, Cyril wieder den ideologischen Staatsapparaten (Heim, Schule, Ersatzfamilie), die ihn umringen und vor denen er wegrennt, zuzuführen. Die zentrale Beziehung des Films, die zwischen Cyril und Samantha, beruht weder auf natürlicher, noch auf sozialer Hierarchie, sondern wird gestiftet durch einen exzessiv anmutenden Vertrauensüberschuss, den die Friseurin dem rothaarigen Bengel entgegen bringt. Die spirituelle (um nicht sagen zu müssen: religiöse) Dimension eines solchen Gnadenakts übermittelt sich auch in der Musik, in den wenigen Takten von Beethovens Klavierkonzert No. 5, die die beiden Regisseure, ganz entgegen ihren ansonsten strikt naturalistischen Gewohnheiten, diesmal gleich an mehreren Stellen ihres Films zulassen.

Die Dardennes drehen spirituelle, aber sicher keine pädagogischen Filme. Als Kinobesucher, der man, gerade aus dem französischsprachigen Kino, pädagogische Filme und den zugehörigen pädagogischen Kamerablick gewohnt ist, kann man gelegentlich die Geduld verlieren mit dem sturen, dabei nicht richtungslos wilden, sondern zielstrebig blinden Cyril, der "nicht zuhört" und "keine Rücksicht nimmt", wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat; der einmal sogar Cecil De France in den Oberarm sticht, um sich zu befreien. Das Tolle an dem Film ist, dass er einem diese Haltung, diesen Blick abtrainiert und dass er alles daran setzt, ihn durch seinen eigenen Blick - und den Samanthas - zu ersetzen, einen, der nicht herablassend und wohlwollend (und damit schon wieder pädagogisch) ist, sondern solidarisch mit einem Jungen, der sich heraus nimmt, eine eigene Wahl zu treffen, der, wie man mit Deleuze sagen könnte, die Wahl wählt.

Lukas Foerster

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Osteuropa ist das neue Hollywood: Manches Studio lagert schon aus Kostengründen seine Dreharbeiten dorthin aus, auch wenn die Filme ihre Herkunft rein äußerlich gern verleugnen. Und manche Actionrecken früherer Zeiten - allen voran Dolph Lundgren, der auf seine alten Tage mittlerweile so etwas wie ein Ein-Mann-Direct-to-DVD-Filmproduktionsstudio darstellt - konzentrieren sich sogar allumfassend auf den ehemaligen Ostblock nicht nur als Produktionsstätte, sondern auch als maßgeblichen Spielort ihrer Allmachtsfantasien. Von daher ist es vielleicht kein Wunder - zumindest aber wohl finanzökonomisches Kalkül -, wenn es den Ghost Rider (Nicolas Cage), den mit Lederkluft-, Motorrad- und Eisenkettenausstattung schon immer proletarischsten aller Comichelden aus der zweiten oder dritten Marvel-Reihe, für die Fortsetzung seines ersten, auf eigentümliche Weise recht unterhaltsam geratenen Kinoabenteuers nun ins osteuropäische (und vorderasiatische) Hinterland verschlägt, wo er hinter alten Mauern des noch älteren Europas Wunden leckt.

Anders als die anderen mehr oder weniger zahnpastawerbungkompatiblen Marvel-Helden wie Iron Man, Thor oder Captain America (vom DC-Konkurrenten Green Lantern ganz zu schweigen) ist der Ghost Rider eine von Grundauf tragische Figur und schon qua Herkunft keine Lichtgestalt zur Wahrung und Errettung des Guten, sondern buchstäblich ein armer Teufel, der bitter darunter leidet, seine Seele dem Satan überantwortet zu haben: Kein Menschenrichter mit Muskeln also tritt hier auf, sondern ein Seelenschlucker, der rächend aufsammelt, was übrigbleibt. Und wer, wenn nicht Nicolas Cage, selbst ein armer Teufel aus der mittlerweile dritten Hollywood-Reihe, der wie kaum ein zweiter Darsteller in den vergangenen Jahren seine Karriere durch höchst zweifelhafte Entscheidungen konsequent in die Direct-to-DVD-Hölle der unteren Videothekenregale manövriert hat, wer also wenn nicht dieser Nicolas Cage, dessen wildes Grimassieren längst schon unter Cage-ing als Idiom in den Internet-Nerd-Slang eingegangen ist, könnte diese neurotisch völlig zerfahrene Figur, die ständig zwischen wutentbrannter Weltabgewandtheit, brachialen Gewaltausbrüchen und Begeisterung über ihre eigene Proletenhaftigkeit (Wie pinkelt ein Teufelssohn, der Feuer speit? Wie ein Flammenwerfer!) changiert, auf den Punkt bringen? Eben.



In Teil 1 der ohnehin nur als Franchise zweiter Klasse angelegten Reihe vermengte sich das zu einem immerhin veritablen B-Movie-Spaß zwischen Motorradmilieu und fröhlicher Unbekümmertheit. Für Teil 2 ließ es immerhin aufmerken, dass mit Mark Neveldin und Brian Taylor zwei seit ihrem wahnwitzigen "Crank" (2006) als Erneuerer des jüngeren Actionkinos im Segment zwischen großem Blockbuster und Videothekengülle gehandelte Regisseure Nicolas Cage auf verzweifelter Mission zur Seite stehen. Allein, der gemeinschaftliche Ausflug nach Transsylvanien stand wohl schon wegen der Auflage, einen PG-13-tauglichen und damit recht zahmen Actionfilm abzuliefern, nicht unter dem allerbesten Stern.

So ist denn "Ghost Rider 2", man muss das in aller Deutlichkeit so sagen, in erster Linie öder Murks, stets gefesselt zwischen dem Erzählen-Wollen einer überdies recht faden, der Rede nicht werten Abenteuergeschichte mit etwas Indiana-Jones-artigem Okkultismus-Budenzauber und einem nie recht zugelassenen Drang zum Actionexzess. Dabei war es doch gerade der Ballast des Erzählens, der "Plotitis", dessen sich Neveldin/Taylor mit ihrer wunderbar grotesken Anordnung in "Crank" fröhlich entledigt hatten. In "Ghost Rider 2" kommt er dafür nun geballt, plump und schwer zurück, noch dazu in einer der unnötigsten und ineffektivsten 3D-Konvertierungen der jüngeren Zeit. Das ist insofern auch absurd, da der Film am Ende schließlich eine Erlösungsgeschichte erzählt, davon wie der Ghost Rider sich seines Fluchs entledigen könnte, gewissermaßen eine Art Luzifer-Inversion - von der Höllenbrut zur Lichtgestalt: Wer sollte wohl - und warum überhaupt - ein Interesse daran haben, dass ausgerechnet der schmutzigste, exzessivste Rocker der ansonsten so steril anmutenden Pfadfinderbande im Superheldenuniversum am Ende nicht mehr bösartig mit Eisenketten und Feuersbrunst hantiert sondern fromm und artig Weihwasser verspritzt? Ihr Teufel und Dämonen unter Gottes weitem Himmel, was für ein blanker Unsinn!

Thomas Groh

Der Junge mit dem Fahrrad - Belgien / Frankreich / Italien 2011 -Originaltitel: Le gamin au vélo - Regie:Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne -Darsteller: Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Egon Di Mateo, Fabrizio Rongione - Länge: 87 min.

Ghost Rider: Spirit of Vengeance - USA 2012 - Regie: Mark Neveldine, Brian Taylor - Darsteller: Nicolas Cage, Fergus Riordan, Ciarán Hinds, Idris Elba, Christopher Lambert, Violante Placido, Johnny Whitworth - Länge: 96 min.