Im Kino

Lauter falsche George Clooneys

Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
16.07.2025. Kleinere und größere Regelverstöße ereignen sich im Verlauf des vergnüglichen Roadtrips, den Christian Lerchs "Karli & Marie" schildert. Der Film ist ein Beispiel für einen kleinen, seit einigen Jahren wahrnehmbaren Regionalkinoboom im deutschen Filmschaffen und überzeugt unter anderem mit einem herrlich größenwahnsinnigen Schlusspunkt. 

"Die Welt ist voll von falschen George Clooneys", weiß die resolute, aber reichlich desillusionierte Marie, einst Schönheitskönigin von Mengkofen, heute zuerst betrogene, dann geschiedene Eigentümerin eines bankrotten Betonwerks. Bei einer angetrunkenen nächtlichen Autofahrt fährt sie versehentlich den gealterten Kleinganoven Karli über den Haufen, als der gerade versucht, einen Geldautomaten zu sprengen und auszurauben. Da beide Beteiligten dieses glücklicherweise glimpflich verflaufenden Unfalls ein gewisses Interesse daran haben, die Polizei herauszuhalten, nimmt Marie Karli zunächst einmal mit nach Hause - und in der Folge dann gleich mit auf einen Road Trip Richtung Innsbruck, wo sie mit letztem Barvermögen eine Bestechungsaktion zur Rettung des vom verstorbenen Papa übernommenen Familienunternehmens versuchen will.

"Karli & Marie" ist im Kern ein Gangster-Roadmovie. Aber anstelle von jungen, wilden Liebenden schickt Regisseur Christian Lerch zwei Urbayer*innen in den besten Jahren auf die Reise und in den Konflikt mit dem Gesetz - sowie, jedenfalls in Maries Fall, auf die Suche nach einer Freiheit von den Regeln und Zwängen, die ihr die eigene Vergangenheit auferlegen. Karli ist in mancher Hinsicht einen Schritt weiter: in Kalkutta geboren, bereits als Kind mit dem Vater um die Welt gereist, später als Koch in Frankreich und als Bombenentschärfer und Sprengstoffexperte bei der Bundeswehr tätig, ist er niemals irgendwo heimisch geworden, und nie um einen Kniff verlegen, um sich und Marie aus jeder Notlage herauszuwinden.

Notlagen entstehen einige in den knapp 90 Kinominuten von "Karli & Marie", es beginnt mit einem Motorschaden und mündet recht rasch in einer ersten Eskalation, wenn Karlis fehlzündender Sprengstoff Maries Geldkoffer in Fetzen sprengt. Die Reise wird trotzdem fortgesetzt, auch wenn der Versuch der Bestechung ohne verfügbare finanzielle Mittel aussichtslos erscheint. Anders ausgedrückt: Der Roadtrip wird zum Selbstzweck, es ist sympathisch, dass der Film das weiß und uns gegenüber offen einräumt.


Es ist interessant, dass sich bereits seit einem Jahrzehnt heimlich, still und leise ein bayerisches Regionalkino etabliert hat, das zuverlässig Scharen von Besuchern in die lokalen Lichtspielhäuser lockt - und jenseits der Grenzen des Bundeslandes kaum wahrgenommen wird. So kann etwa die inzwischen auf neun Filme angewachsene und weiter fortlaufende Reihe der Eberhofer-Krimis längst als veritables bayerisches Blockbuster-Franchise durchgehen. Auch Sigi Zimmerschied, der eine knorrig-gewitzte Performance als Karli hinlegt, ist dem süddeutschen Publikum als Polizeidienststellenleiter Moratschek aus den Eberhofer-Filmen vertraut, bekommt jetzt eine größere Bühne als Hauptdarsteller - und beweist, dass er das Format hat, einen ganzen Film zu tragen. Auch wenn er das gar nicht muss, denn auch die vor allem als Kabarettistin bekannte Luise Kinseher überzeugt und ergänzt den ebenfalls vom Kabarett kommenden Zimmerschied zu einem lakonischen Leinwandpaar.

Allerdings dauert es ein wenig, bis "Karli & Marie" wirklich in die Gänge kommt. Was zunächst arg gewollt und hölzern daherkommt, findet über anderthalb Kinostunden immer mehr zu einem eigenen Tonfall, irgendwo zwischen lakonisch, verschroben, eigensinnig und mitunter gar berührend. Filmisch wird Christian Lerchs Film das deutsche Kino eher nicht retten, dafür kommt er zu flach und fernsehhaft daher - aber auch die Eberhofer-Filme können ja ihre Wurzeln im öffentlich-rechtlichen Regionalkrimi nur bedingt leugnen. Dass es im Kino wieder eine Welle von Stoffen gibt, die versuchen, eine spezifische Regionalität zu erzählen, und die damit relativ zuverlässig ein Publikum erreichen, ist gleichwohl eine gute Nachricht und vielleicht gar ein zukunftsweisender Ansatz angesichts einer gewissen urbanen Nivellierung des deutschen Filmschaffens.

Einen allzu bescheidenen, ambitionslosen Ansatz kann man "Karli & Marie" spätestens zum Ende hin wirklich nicht mehr vorwerfen, wenn aus den bayerischen "Bonnie und Clyde" mit einem überraschenden Knalleffekt plötzlich der bayerische "Fight Club" wird. Ein herrlich größenwahnsinniger Schlusspunkt in einem Film, der nicht in jedem Detail überzeugt, der aber ausreichend skurrile Haken schlägt und mit genügend für sich stehenden Minipointen überrascht, um sein (vermutlich wieder regional begrenztes) Publikum gut gelaunt aus dem Kino zu entlassen. Und vielleicht sogar ein bisschen zu inspirieren, wenn nicht zum Geldautomatenknacken oder dazu, Dinge in die Luft zu sprengen, dann doch zu so manchem kleineren Regelbruch. das täte ja, auch jenseits der bayerischen Landesgrenzen, allen Deutschen gut.

Jochen Werner

Karli & Marie - Deutschland, Österreich 2025 - Regie: Christian Lerch - Darsteller: Sigi Zimmerschied, Luise Kinseher, Rainer Egger, Johanna Bettenbinder, Maria Hafner - Laufzeit: 87 Minuten.