Im Kino

Bumstag

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
08.09.2010. Freundlich opak erzählt Francois Ozon in seinem Film "Rückkehr ans Meer" von einer Frau, die ihren Freund verliert, dessen Kind austrägt und mit dem Bruder des Toten etwas anfängt. Aus einer Kifferidee macht Lynn Shelton in "Humpday" einen ganzen, sehr wortreichen Film: Zwei Heteromänner wollen einander zu Nutz und Frommen der eigenen Liberalität für einen Kunstporno ficken.

Vorspann, draußen: Paris. Lichter, die Seine, Brücken, an der Bildanmutung sofort sichtbar: Francois Ozon dreht zum ersten Mal digital. Drinnen: Mousse und Louis setzen sich einen Schuss. Er sinkt gekrümmt in ihre Arme. Vor weißem Hintergrund zu simplen E-Gitarren-Akkorden sind die beiden ein letztes Mal zusammen in einem Traum, den der Film für sie träumt. Im nächsten Bild, das sie teilen, ist Louis tot. Eine Überdosis, das Heroin war mit Valium versetzt. Mousse überlebt mit knapper Not und erfährt am Krankenbett von ihrem Arzt, dass sie schwanger ist. Die Familie von Louis, aus besserer Gesellschaft, rät ihr, das Kind nicht auszutragen. Ihre Reaktion bleibt zunächst recht opak. Die ganze Figur Mousse bleibt opak in "Rückkehr ans Meer", aber in unangestrengter Weise.

Sie zieht sich zurück, in das "Refugium" des Originaltitels ("Le refuge"), ein Haus von Freunden an der Küste, einen kurzen Fußweg vom Strand. Sie ist allein, lässt sich das Essen liefern, sie tut nichts besonderes. Dann ist sie nicht mehr allein. Es besucht sie, auf der Durchreise, Paul, der Bruder von Louis. Sie hat nicht unbedingt etwas dagegen, aber besonders erfreut zeigt sie sich auch nicht. Zunächst. Ihr Bauch ist jetzt sichtbar gerundet und immer wieder im Bild. (Isabelle Carre, die Mousse spielt, war tatsächlich schwanger) Sie streichelt ihren Bauch in der Wanne, man weiß nicht, was für eine Geste das ist: des Staunens vielleicht (aber über das Wunder? über diesen Fremdkörper?), noch wahrscheinlicher liegt aber einfach gar nichts in dieser Geste.

Einmal am Strand wird Mousse von einer zusehends hysterischen Frau beinah überfallen, die sich so enthusiasmiert über das Wunder der Schwangerschaft zeigt, dass man die Probleme, die sie damit hat, schnell erkennt. Auch Paul streichelt später den Bauch. (Paul ist schwul und beginnt ein Verhältnis mit Serge, einem jungen Mann aus dem Ort.) Einmal sitzt Mousse im Dorf auf dem Marktplatz in einem Cafe und ein Mann spendiert ihr ein Bier, setzt sich zu ihr und macht unmissverständlich deutlich, dass er auf Sex mit schwangeren Frauen steht. Sie gehen in sein Apartment, der Blick geht aufs Meer. Ob es nach einer ersten Abwehr und Schutzgeste anderer Art zu Sex kommt, weiß man so genau nicht.


Vieles weiß man so genau nicht. Insbesondere über Mousse. Sie blickt, als wüsste sie nicht recht. Sie hat oft eher schlechte Laune. Sie gibt sich niemals entschieden. Die Bilder, in die Francois Ozon sie hineinkomponiert, sind typische Ozon-Bilder. Klar, aber nicht streng. Funktional, gelegentlich mit dem Willen zur vorsichtigen Pointierung: Das Gesicht von Mousse, gespalten, in zwei Spiegeln. Man hat nie den Eindruck, dass hinter den Bildern etwas ist und schon gar kein Geheimnis. Eigentümlicherweise hat man auch von Mousse genau diesen Eindruck. Sie ist opak und nichts ist dahinter.

Ein mood piece, eine Meditation über Schwangerschaft. Derart unemphatisch wie von Mousse wurde ein Kind im Film noch selten dem Licht der Welt tagweise näher gebracht. Sie hat zu dem Kind, das auch das ihres verstorbenen Freunds ist, am ehesten müsste man sagen: gar kein Verhältnis. Ozon und sein Film urteilen nicht, aber ob sie so weit gehen zu sagen, man solle nicht urteilen, ist schon die Frage. Wie so bei oft bei Ozon denkt man: Er enthält sich, seine Kompositionen, seine Schnitte und noch die Musik, wo sie seltsam neutral einsetzt, enthalten sich. Ozon beobachtet, man weiß nur nicht genau, warum. Er demonstriert weder Interesse noch Desinteresse, kühl führt er seine Figuren vor, die tun, was sie tun. Heraus kommt, wieder einmal, ein Rätselbild ohne Geheimnis.

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Wackelkameraschuss - Rhabarberrhabarber - Wackelkameragegenschuss - Rhabarberrhabarber: das ist das ziemlich konsequent durchgehaltene Formprinzip (sit venia verbo) von Lynn Sheltons Film "Humpday". Du darfst auch Mumblecore dazu sagen. (Jedenfalls solange dir klar ist, dass es auch richtig gute Mumblecorefilme wie Andrew Bujalskis "Beeswax" gibt.)

Wir beginnen im Bett: Ben und Anna sprechen über Sex, einigen sich dann darauf, jetzt keinen, dafür morgen früh einen zu haben. Es rummst an der Tür und es steht Andrew davor, bevor er ins Haus fällt. Andrew ist ein Jugendfreund von Ben, trägt jetzt Bart, hält aber so wenig vom geordneten Leben eines Ehemanns mit kleinfamilialen Ambitionen wie Ben, der jetzt Ehemann ist, früher auch davon hielt. Man umarmt sich, dann steht Anna in der Tür und kuckt, als ahnte sie, was dann kommt, etwas pikiert aus der Wäsche.

Was dann kommt: Andrew und Ben auf einer Party. Anna kocht und bleibt allein zu Haus und so auf ihren Koteletts sitzen. Andrew und Ben auf einer Party im Hause namens Dionysos (sic!), wo man kifft und ein paar Wackelkamera-unschärfe-schussgegenschuss-rhabarberrhabarbers später auf seltsame Ideen kommt: Andrew dreht einen Film für das Festival namens "Humpday" (also: "Bumstag" - und das ist jetzt ausnahmsweise mal ein Titel, den man mit Gewinn an Gemeinverständlichkeit ins Deutsche hätte übersetzen können), und zwar soll es ein Kunstporno sein, und zwar ein schwuler Kunstporno, und zwar mit Ben und Andrew beim Ficken, also, da muss man jetzt schon präzise sein: beim Einander-Ficken. Wow.

Super Idee, klar. Weil man so zeigen kann, wie man als straighter Liberaler in Seattle wirklich nix gegen Schwule hat. Irgendwie heftet sich von da an der Film an diese Idee, als wäre sie mehr als ein blöder Gimmick für einen komplett belanglosen Film, den man dann aber sogar bis nach Deutschland verkaufen kann, weil: pseudoliberale Verklemmtheit, Schwulenporno mit zwei straighten weißen Mittelschichtmännern, wackelkameraauthentisch.


Anna is not amused, zunächst jedenfalls. (Auf dem Bild oben weiß sie noch von nichts.) Bei näherer, noch näherer und allernächster Betrachtung sind auch Ben und Andrew nicht mehr so amused, aber da müssen sie jetzt durch, oder auch nicht. Ziellos kreist das endlos - endlos wackelnd, endlos rhabarbernd - um sich selbst. Kein klarer Gedanke, nirgends. Jede Andeutung eines Reflexionsversuchs landet sehr direkt wieder im Bauchnabel eines Milieus, von dessen Fleisch dieser Film aber sowas von Fleisch ist. Humpday is as humpday does. Komisch ist?s nicht, an keiner einzigen Stelle (sag ich jetzt für mich), und wenn Lynn Shelton, die Regisseurin, geglaubt hat, es sei ihr entweder eine Heteromännerselbstquälsatire oder gar eine Liberale-weißemittelschichtjungs-schlaflosundhomophobinseattle-komödie gelungen, dann ist sie zwar sehr schief, aber ganz sicher nicht queer gewickelt.

Rückkehr ans Meer. Frankreich 2009 - Originaltitel: Le refuge - Regie: Francois Ozon - Darsteller: Isabelle Carre, Louis-Ronan Choisy, Pierre Louis-Calixte, Melvil Poupaud, Claire Vernet, Jean-Pierre Andreani, Marie Riviere, Jerome Kircher


Humpday. Regie: Lynn Shelton - Darsteller: Mark Duplass, Joshua Leonard, Alycia Delmore, Lynn Shelton, Trina Willard, Stellan Mathiesen, Steven Schardt, David Bundgren, J. Martin Dinn