Das KiewerSymphonieorchester, das die letzten Jahre teilweise unter ungünstigen Bedingungen in Gera untergebracht war, findet künftig in Monheim am Rhein Unterschlupf, berichtet Michael Ernst in der FAZ. Manuel Brug wirft für die Welt einen Blick auf die Folgen der MeToo-Vorwürfe an FrançoisXavierRoth für den Klassikbetrieb. Jo Angerer informiert im Standard über den russischen Popstar Shaman, der sein Publikum für Putins Sache einpeitscht (mehr dazu zum Beispiel hier). Frederik Hanssen blickt für den Tagesspiegel ins kommende Saisonprogramm des RundfunkchorsBerlin.
Besprochen werden ein von DanielHarding dirigiertes Konzert der BR-Symphonieorchester in Wien mit dem Pianisten LeifOveAndsnes (FR), ein von LorenzoViotti dirigiertes Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard) und das Album von "Below the Waste" von GoatGirl (taz).
Georg Rudiger spricht für Backstage Classical mit dem Pianisten JewgeniKissin, einem der wenigen russischen Musiker, die sich in aller Entschiedenheit und Schärfe gegen Putin und dessen Angriff auf die Ukraine geäußert hat. Mit Kritik am russischen Staatschef (und an der zögerlichen Solidarität des Westens mit der Ukraine) lässt er es auch in diesem Gespräch nicht mangeln. Aber es geht auch ums Verhältnis zur russischenMusik: Diese "sollte gespielt werden. Wenn wir sie nicht spielen würden, dann würde dies nur Wladimir Putin nützen, weil wir damit suggerierten, dass ihm die Musik gehöre. Aber ... russische Musik gehört der ganzen Welt." Zwar "gibt es sicherlich einige Werke, die ich gegenwärtig nicht spielen würde, zum Beispiel Mussorgskys 'Bilder einer Ausstellung'. Das letzte Bild dieses wunderbaren Zyklus heißt 'Das große Tor von Kiew'. Kiew wird in diesem Kontext als Hauptstadt Russlands angesehen. Auch Tschaikowskys 'Ouvertüre 1812' op. 49, die von Russlands Sieg über Napoleon erzählt, halte ich gegenwärtig für problematisch. Man sollte auf alle die Werke verzichten, die russischeSiege feiern."
Was ist nur in Leipzig los? RodStewart wurde dort bei seinem Auftritt bei einem der Ukraine gewidmeten Song vom Publikum heftig ausgebuht (immerhin: Ein paar hielten mit Applaus dagegen), berichtet Bernhard Spring in der FAZ. "Der routinierte Entertainer schaut einen Moment irritiert ins Publikum. Was zuvor in Kopenhagen und Amsterdam funktioniert hat, klappt hier nicht. Stewart kann in Leipzig die Sympathie für ihn nicht mit einer politischen Botschaft verknüpfen. Das mitteldeutsche Publikum, das bei den letzten Wahlen die AfD und das BSW stark gemacht hat, die beide Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnen, kann sich nicht einmal zum Wunsch nach Frieden durchringen." Ein Twitter-Video hält diesen peinlichen Moment fest:
Schwache Leistung von einigen Leipziger*innen heute. Putin wirkt. Zum Glück hielten einige dagegen. Peinlich in den Augen des Weltstars @rodstewartpic.twitter.com/tuGi3fHcBE
Weitere Artikel: Max Dax spricht für die FR mit MathieuJaton, den neuen Leiter des Montreux-Festivals. "Werdet nicht alt", rät John Cale jüngeren Musikern im Zeit-Online-Gespräch mit Torsten Groß. Gerald Felber resümiert in der FAZ das BachfestLeipzig. Axel Brüggemann blickt in BackstageClassical zurück auf die Klassikwoche.
Besprochen werden QuatuorDanels zweite Gesamtaufnahme aller fünfzehn Streichquartette von DmitriSchostakowitsch (FAZ), der ARD-Podcast "Rammstein - Row Zero" Über die Frauen, die schwere Vorwürfe gegenüber TillLindemann erhoben haben (FAZ) Fabers neues Album "Addio" (NZZ), das RnB-Debütalbum "Born in the Wild" von Tems (SZ) und das neue Album "uNomkhubulwane" des südafrikanischen Jazz-Pianisten NduduzoMakhathini (SZ). Wir hören rein:
Alexander Samuels führt für die taz in die DDR-Jazzszene: Die Jazzwerkstatt Peitz gilt als Ort des Widerstands - doch gibt es eine Stasi-Akte über einen gewissen IM Thomas, hinter dem (gestützt durch Helma Kaldeweys 2020 auf Englisch erschienener Studie "A People's Music: Jazz in East Germany, 1945-1990") UlliBobel, der Leiter der Jazzwerkstatt, vermutet wird. "Bei so viel Berichterstattung und Dokumentation zur Jazzwerkstatt Peitz ist es kurios, dass dieser Teil der mit Ulli Blobel verbundenen biografischen Materialien in Deutschland bisher kaum mediale Erwähnung findet." Bobel selbst streitet alles ab, spricht von Fälschungen. "Wie wahrscheinlich ist es, dass wichtige Teile der Stasiakte von IM Thomas verfälscht wurden? 'NullProzent. Punkt.' Das sagt der aus Ostberlin stammende DDR-Historiker und Jazzfan Ilko-Sascha Kowalczuk, ohne zu zögern. Kowalczuk war über viele Jahre Projektleiter in der Forschungsabteilung der Stasiunterlagenbehörde." Dessen Studien über angeblich gefälschte Akten haben "ergeben, dass nur ganz wenige IM-Akten, weniger als ein Dutzend von Hunderttausenden, gefälscht worden waren. Und die hat die Stasi alle selbst enttarnt."
Weitere Artikel: Manuel Brug porträtiert für die WamSAndreaZietzschmann, Intendantin der BerlinerPhilharmoniker. Max Florian Kühlem erinnert in der SZ an KeithJarretts Megaseller "The Köln Concert" und kommt auf eine derzeit in der Crowdfunding-Phase steckende Doku zu sprechen, die den zahlreichen Anekdoten und Mythen, die sich um dieses Konzert ranken, auf den Grund gehen will.
Besprochen werden ein Auftritt von Nichtseattle in Berlin (Tsp), ein Mahler-Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter AlainAltinoglu mit den Solisten Clay Hilley und SamuelHasselhorn (FR), ein Konzert von HerbertGrönemeyer in Bochum (FR), JimMcNeelys Abschiedskonzert als Chefdirigent der HR-Bigband (FR), das erste Schweizer Konzert von Nemo seit seinem ESC-Erfolg (TA), Fabers neues Album "Addio" (Tsp), ein Auftritt von Calcutta (TA) und Conny Frischaufs Album "Kenne Keine Töne" (taz).
In VANerzählt der Dirigent Vitali Alekseenok von seiner Reise nach Charkiw, wo er das KharkivMusicFest als künstlerischer Leiter vorbereitete und in einem Konzertbunker unter der Oper durchführte - während russische Bomben auf die Stadt niedergingen. Es waren "zehn intensive Tage in dieser Stadt, die trotz der schrecklichen Begleiterscheinungen des Krieges erfüllt war von glühendem Spätfrühling, Hunderttausenden von Menschen, die trotz allem versuchten, ihr normales Leben zu leben. ... Manchmal konnten wir bei den Proben die Sirenen hören. Auf meine fragenden Blicke nickten die Musiker kurz: 'Wir arbeiten weiter.' Im Operngebäude waren wir relativ sicher, und wirkliche Sicherheit gibt es in Charkiw nirgends, also war es besser, sich einfach auf die Arbeit zu konzentrieren. In den Pausen schauten alle auf ihre Telefone und lasen die Militärnachrichten. ... Während der Konzerte vergaßen einige den Schrecken und kehrten zum normalen Leben zurück, andere konnten ihre Tränen nicht zurückhalten und fanden endlich Erleichterung. Die Menschen konnten Emotionen zulassen, sie konnten erleben, wasmitihnengeschah."
Weitere Artikel: Elena Lynch stellt auf Zeit Online das Belfaster Trio Kneecap vor. Johann Voigt porträtiert in der taz den Rapper Pashanim. Merle Krafeld spricht für VAN mit dem in Rente gehenden Schulleiter Klaus Haage, der in den letzten 16 Jahren eng mit dem Klavier-FestivalRuhr zusammengearbeitet hat. Ebru Taşdemir spricht für den Freitag mit LenaKampf und DanielDrepper, die über die MeToo-Vorwürfe gegen TillLindemann von Rammstein ein Buch geschrieben haben. Arno Lücker vergleicht für VAN Interpretationen des ersten Klavierquartetts von MélanieBonis. Die Version des Ensembles Louise Farrenc gefällt ihm am besten:
Besprochen werden KamasiWashingtons Jazzalbum "Fearless Movement" (FR, mehr dazu bereits hier und dort), TeodorCurrentzis' Aufführung von BenjaminBrittens "War Requiem" mit dem SWR-Symphonieorchester (SZ), ein Konzert von AnneSophieMutter in Wien (Presse), ein Konzert der Geigerin JanineJansen in Zürich (NZZ), ein dreitäger Konzertzyklus der Violinistin PatriciaKopatchinskaja (FAZ) und GarthErasmus' Jazzalbum "Threnody for the Khoisan" (taz).
Die Feuilletons trauern um Françoise Hardy. Jan Feddersen zeichnet in der taz ihren Weg als Sängerin aus der vom Rock'n'Roll geprägten YéYé-Musk der frühen Sechziger nach (ihren ersten Hit haben wir oben eingebunden). "Sie vereinte alle verhauchte Sensibilität der Zeit, alle Zivilisationskritik im Zarten in ihrer Person. Ihr Stil blieb über alle Jahre - wie soll man sagen, ohne den Klischees, die die Worte markieren, auf den Leim zu gehen: geschmackvoll, modern und ernsthaft, mit immer einer Note melancholischerEntrücktheit."
Die männlichen Popstars der Sechziger und Siebziger machten ihr am laufenden Meter Avancen, die sie in ihren Texten mit kühler Souveränität abblitzen ließ, schreibt Michael Pilz in der Welt. "Es war die Zeit, in der sie auch in Filmen auftrat", unter anderem bei Jean-LucGodard. "Es kam einiges zusammen bei Françoise Hardy um 1968. Auch wenn sie es nie verstanden hat, dass sie als Intellektuelle galt und als Ikone im studentischen Milieu ('Mir fehlt es an jeglichem Abstraktionsvermögen'), hatte sie eine gesunde Abneigung gegen kulturindustrielle Zumutungen. Sie schämte sich dafür, auf Englisch und sogar auf Deutsch zu singen ('Ich habe den Missbrauch zugelassen'). Sie ekelte sich davor, überhöht zu werden und vergöttert ('Ich möchte nicht mehr als meine Melodien sein') und vor der Öffentlichkeit überhaupt ('Es ist vulgär'). Die Öffentlichkeit hielt sie daraufhin für arrogant, sie selbst hielt sich für schüchtern."
Ihren Rückzug von den Bühnen hielt sie konsequent durch, auch wenn sie weiterhin Musik machte. "Womöglich war es die Stilmischung aus sentimentaler Liedpoesie, allzu ausgestellter Weiblichkeit und hochgradiger Kompatibilität mit allen möglichen Schlagerformaten, die Françoise Hardy irgendwann zur Abkehr von ihrer Bühnenfigur bewegt hat", mutmaßt Hilmar Klute in der SZ. "Sie mochte ihre alten Sachen nicht mehr singen und schrieb sich stattdessen etwas sperrigere Texte wie 'Message personel': 'Wenn der Lebensekel dich packt und sich die Trägheit des Lebens in dir einnistet: Denk an mich!'" Dieses Lied von 1973 "sollte man Aliens vorspielen, falls die wissen wollten, was französische Popmusik auszeichnet", schreibt Andre Boßé in der Zeit: "SovielSinnlichkeit, sovielSchwermut!"
Weitere Nachrufe schreiben Harry Nutt (FR), Jan Wiele (FAZ), Eric Facon (NZZ) und Gregor Dotzauer (Tsp).
Außerdem: Jan Brachmann berichtet in der FAZ vom Géza-Anda-Wettbewerb in der Schweiz, bei dem russische Klavierspieler stark vertreten sind, doch "man habe vorher sondiert, dass nicht der Kreis um die musikalischen Putinisten wie Waleri Gergijew und Denis Mazujew politisches Kapital aus eventuellen Wettbewerbserfolgen schlagen könne." Boris Pofalla porträtiert in der Welt den aufstrebenden Popstar TroyeSivan, dessen Auftritt in Berlin Beate Scheder (taz) und Anna Ruhland (Tsp) besprechen. Nicholas Potter erzählt im Tagesspiegel von seinem Treffen mit der aus der Ukraine stammenden DJAlinka.
Besprochen werden die bei Streaminganbietern gezeigte Doku "Long Live Montero" über den queeren Rapper Lil Nas X (taz), ein Liederabend mit ChristianeKarg in Frankfurt (FR), ein Konzert von HerbertGrönemeyer in Bochum (SZ) und das neue Album "Nell' Ora Blu" von Uncle Acid and the Deadbeats, die sich darauf vor der Musik des italienischen Genrekinos der Sechziger und Siebziger verneigen (Jungle World).
München diskutiert seit nunmehr über zwanzig Jahren über ein neues Konzerthaus. Zuletzt schien es, dass Markus Söders Intervention ("Denkpause") die Debatte endgültig auf Eis gelegt hat. Jetzt kommt sie wieder in Gang: "Das Konzerthaus kommt", so die Ansage aus der bayerischen Landesregierung, schreibt Egbert Tholl in der SZ. Allerdings "deutlich abgespeckt" und erst im Jahr 2036 - da werden viele, die "schon lange für das neue Konzerthaus kämpfen, gute Ärzte brauchen, wenn sie die Eröffnung noch mitbekommen wollen." Die Kosten sollen von einer Milliarde auf 500 Millionen Euro runtergehen und das einst geforderte Musikzentrum zu einem bloßen Saal eingedampt werden. "Hier wird Zukunft weniger geplant als vergeigt. Es müsste schon ein genialischerNeuentwurf her, um wenigstens in Teilen das aufzufangen, was einst geplant war. ... Ein Grund dafür, dass Söder nun mit Stolz die neuen Pläne verkündet, ist vermutlich, dass der Freistaat aus dem Erbpachtvertrag für das Areal am Ostbahnhof nicht herauskommt, auf dem das große Konzerthaus geplant war. Und somit derzeit Jahr für Jahr viel Geld für eine Kiesfläche bezahlt."
Außerdem: Christian Wildhagen resümiert in der NZZ den Klavierwettbewerb Concours Géza Anda, bei dem IlyaShmukler den ersten Preis gewonnen hat: "Welche Delikatesse des Anschlags legt er dann an den Tag!"
Und eine traurige Meldung aus der Nacht: FrançoiseHardy ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Anders als viele französische Sängerinnen, die auch auf Deutsch sangen, beherrschte sie die Sprache tatsächlich. Hier ein Auftritt im deutschen Fernsehen im Jahr 1970 (der Mann, der zu Beginn ein Loblied auf sie singt, ist im übrigen ein gewisser Patrick Modiano):
Patrick Modiano et Francoise Hardy réunis sur un plateau de télé allemand en juin 1970. Après un bref échange, elle chante "Was Mach Ich Ohne Dich" (version allemande de "Comment te dire adieu") [Crédit : Instagram @Francoise_Hardy__Collection YouTube… pic.twitter.com/d3aPzZagK3
Besprochen werden ein Wiener Auftritt der Pianistin YujaWang (Standard), ein Auftritt von KeanuReeves mit seiner Band Dogstar in der Schweiz (TA), RichardThompsons Album "Ship to Shore" (FAZ) und ein neues Album von Alice Randall (FR).
Das Rundfunk-SinfonieorchesterBerlin hat unter Vladimir Jurowski die Siebte von Bruckner gespielt. "Jurowski ein Dirigent des langen Atems und der weiten Bögen", schreibt Albrecht Selge in VAN. "Diese Bögen zielen hier mit bewundernswert geduldiger Disposition auf die weiträumigenGipfel des Werks: den Abschluss des Kopfsatzes, den absoluten Höhepunkt im Adagio (inklusive 'the Beckenschlag'). Das ist in seiner Konsequenz enorm beeindruckend, auch wenn mancher Hörer gewiss etwa im Scherzo mehr Schärfe und/oder Ausgelassenheit goutieren würde. Im vierten Satz erweisen Dirigent und Orchester dem Mondstein Bruckner dann gar ihren Respekt, indem sie sich bewusst nicht schämen für dessen äußerliche Schwerfälligkeiten. Etwa diese halb tanzenden, halb marschierenden Elefantenblechchöre, die in die schlussendliche Finalerhebung führen. Jurowski und das RSB erlauben Bruckner auch, fremd und bizarr zu bleiben. Dieser Bruckner, der mit einem Lauschen auf die feldmansche Rückseite des Erdtrabanten begann, ist eine wahreMondfeiernis." Nach Ausflügen in Industriepop-Gefilde kehrt CharliXCX mit ihrem neuen Album "Brat" endlich wieder zum Hyperpop-Irrsinn ihrer frühen Tage zurück, jubelt Jakob Biazza in der SZ, und damit "zur Kunst oder Wahrhaftigkeit oder dem Echten oder wie auch immer man das mit zu viel Pathos nennen mag. Ein Werk von vehementem, strahlendem Eklektizismus - 19 Stile pro Song, jeder davon noch etwas greller oder anschmiegsamer oder bitzelnder als der vorherige. Alles randvoll mit jenem Zauberwahnsinn, der sie immens groß darin gemacht hat, auf keinen Fall zu groß zu werden. Anders gesagt, und nur für den Fall, dass sie doch kurz weg war: willkommen zurück."
Außerdem besprochen werden ein Auftritt von Nichtseattle (FR), das RnB-Debütalbum der Newcomerin Tems (Standard), das Eröffnungskonzert des IntonationsFestivals in Berlin (Tsp), neue Podcasts (hier und dort) zu den MeToo-Vorwürfen, die Rammstein-Sänger TillLindemann letztes Jahr gemacht wurden (Welt) und das neue, kurz nach seinem Tod veröffentlichte Album von SteveAlbinis Band Shellac (taz).
In der Universität der Künste in Berlin wurde vergangene Woche eine bislang ungespielte Variane von ArnoldSchönbergs Violinkonzert op. 36 gespielt. Freitag-Kritiker Michael Jäger war dabei: "Alle nur denkbaren Gefühle werden mit immer demselben Tonmaterial, das sich auf verschiedenste Art in sich selbst spiegelt, auf den musikalischen Begriff gebracht. Die Zäsuren zwischen den Variationen waren stets hörbar. Eine ziemlich erregte, auch laute Passage kommt gleich in den ersten Minuten: In früheren 'strukturalen' Interpretationen, die wohl immer glaubten, sie müssten eine Gesamtstruktur als großen Bogen von der ersten bis zur letzten Note vermitteln, verstand man gar nicht, was das sollte; hier verstand man, es war eine einzelne Spiegelung neben den anderen. ... Diese Komposition soll nicht irgendwo hinführen, ... sondern will von vielen Seiten, für viele wahrnehmbar eine Erlebniswelt zeigen, die über Melancholie niemals hinausreicht. Die bleibende Melancholie eines Zeitalters."
Außerdem: Dirk Schneider berichtet in der taz von einer Veranstaltung zur Geschichte der "Hamburger Schule", um die zuletzt wieder arg gestritten wurde. Helmut Mauró spricht für die SZ mit dem Bariton AndrèSchuen über Schubert. Ljubiša Tošić spricht für den Standard mit Peter Paul Kainrath, dem Intendanten des Klangforums Wien. Gabriele Reiterer erinnert im Standard an die Steinbildhauerin und Musikerin AnnaMahler, Tochter von Gustav und Alma Mahler, über die sie kürzlich auch eine Biografie veröffentlicht hat. Nicholas Potter schreibt im Tagesspiegel über den Unmut vieler Fusion-Mitarbeiter und -Gäste, nachdem das jährlich in der Natur von Mecklenburg-Vorpommern stattfindende Elektro-Festival zuletzt "in essaylangen Statements um die richtige Wortwahl ringt, um Israelzukritisieren".
Besprochen werden das Schönbrunn-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard), ein Konzert des DallasSymphonyOrchestra mit Anne-SophieMutter in Frankfurt (FR) und ein Konzert von LiamGallagher in London (SZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Doreen Dormehl über Eminems neue Single "Houdini":
Thomas Lindemann plaudert für die FAS mit der Berliner Rapperin Haiyti. Gereon Asmuth erinnert in der taz an Herbert Grönemeyers vor 40 Jahren erschienes Album "4630 Bochum". Elmar Krekeler erinnert in der WamS an den einst vor den Nazis nach Indien geflohenen Komponisten WalterKaufmann, der dort nicht nur lange fürs Radio arbeitete, sondern 1940 mit anderen Migranten aus Deutschland den frühen Bollywood-Film "Prem Nagar" auf die Beine stellte. Eben ist eine CD mit Aufnahmen seiner indischen Miniaturen durch das Rundfunksinfonie-OrchesterBerlin erschienen:
Besprochen werden St. Vincents Album "All Born Screaming" (FR), ein von KlausMäkelä dirigiertes Konzert des OsloPhilharmonic mit dem Geiger Daniel Lozakovich (Standard) und ein neues Album von BonJovi sowie eine Doku über die Band (Presse).
In ihrer Musik und Kunst arbeitet die Band Laibach mit der Ästhetik des Totalitarismus , die sie drastisch überhöht und damit subversiv untergräbt. Im Welt-Gespräch anlässlich der Europatournee denkt Ivan Novak, der Sprecher (aber nicht der Sänger) der Band, dazu passend über Wohl, Wehe und Zukunft der EU nach, die er sich "stark und weise" wünscht und die "in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht die Strategie der Blockfreiheit des ehemaligen Jugoslawien übernehmen könnte. ... Historisch gesehen fällt Europa ständig auseinander, und es scheint, als sei das Auseinanderfallen die Art und Weise, wie Europa sich konstituiert. Jedes Mal, wenn es versucht, sich neu zu konstituieren, scheitert es besser und kommt stärker zurück. Diese Entwicklung war in der Vergangenheit sicherlich nicht friedlich und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht sein. Aber wir hoffen aufrichtig, dass die Idee eines geeinten Europas gerettet werden kann."
Thomas Bärnthaler ist in der SZ hin und weg vom Album "Diamond Jubilee", das Patrick Flegel unter seinem Künstlernamen CindyLee ohne die üblichen Streamingdienste, Labels und CD-Pressungen im Rücken als Youtube-Video samt Downloadlink veröffentlicht hat und das seit einer jubelnden Besprechung auf Pitchfork komplett durch die Decke geht. Diese Musik "ist besitzergreifend wie der Gesang der Sirenen, trotz des durchweg gemächlichen Tempos, und trägt einen weit fort in einen Echoraum, wo verloschene Sounds und Genres des vergangenen Jahrhunderts wiederauferstehen. ... Flegels Nostalgie ist absolut, wirkt aber trotzdem nie kalkuliert oder puristisch. In seinem streng subjektiven Retro-Kosmos darf alles nebeneinander existieren: Sunshine-Pop, New Wave, Sixties-Psychedelia. Dabei ist sein Wildern im Kanon nie bloß Reminiszenz, sondern einer spirituellen Essenz von Pop auf der Spur, einer Sprache der Sehnsucht."
Weitere Artikel: Klaus Walter denkt in der FR darüber nach, ob man gewalttätigeMusiker von ihrer Musik trennen sollte. Samir H. Köck plaudert für die Presse mit MarcoWanda über das neue (im Standardbesprochene) Album seiner Band. Martin Gropp verabschiedet sich in der FAZ von der Punkband NOFX, die nach über 40 Jahren Bandgeschichte dieser Tage ihre Abschiedskonzerte in Deutschland spielen.
Besprochen werden neue Veröffentlichungen zur Geschichte der HamburgerSchule (taz), ein Auftritt von OliviaRodrigo (FAZ, FR), das neue Album der Nürnberger Punkband AkneKidJoe (taz) und das Debütalbum der jamaikanischen Rapperin JNoa (für tazlerin Hannah Möller eine der "wichtigsten neuen Stimmen im Rap").