Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2023 - Kunst

Bild: Josef Bolf, Rückspiegel, 2015. Zeichnung und Collagen auf Papier

Wie im Rausch fühlt sich Susanne Altmann (Tsp), wenn ihr Jiří Fajt, der frühere Generaldirektor der Prager Nationalgalerie, mit insgesamt 51 KünstlerInnen in der Ausstellung "Alle Macht der Imagination" im Dresdner Lipsiusbau eine "massive Dosis Kunst" verabreicht: "Hier wird die gesamte tschechische Avantgarde des 20. Jahrhunderts gefeiert, garniert mit zeitgenössischen Positionen. (...) Auch Jetelová, die Grand Dame der aktuellen tschechischen Szene, stellt ihre visuell-akustische Installation aus Lasern und vibrierenden Spiegelfolien hier ganz in den Dienst des Spektakels. Eine sozusagen formalistische Überraschung, dienten ihr die gleichen Elemente bisher oft dazu, kritische Kommentare zum Anthropozän oder zur globalen Situation der Menschenrechte abzugeben. Im Kontext der 'Imagination' bilden ihre 'Resonances' gleichsam ein Dach, unter dem sich auch - dem deutschen Publikum kaum bekannte - Raritäten wie Zdeněk Pešáneks (1908-1965) anthropomorphe Lichtskulpturen aus den 1930er Jahren befinden."

Bild:  LuYang, LuYang Vibratory Field, Kunsthalle Basel, 2023, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

In einer "ADHS-Hyperpop-Hölle" verirrt sich derweil Katharina J. Cichosch (taz) in der Ausstellung "Vibratory Field", die die Kunsthalle Basel dem in Shanghai geborenen, genderfluiden Künstler Lu Yang ausgerichtet hat: "Yangs überbordende Digitalwelten sind stets eingefasst in den sorgfältig gestalteten realen Raum, aus dem heraus sie in ihre Meta-Universen entführen. In wilden Stakkati begegnen einem Cyborgs, Götter und Menschen, oft angelehnt an den Künstler selbst. Sie erscheinen in ständiger Transformation wie die Kulissen, durch die sie gejagt werden: Chinoiserie und Gaming-Ästhetik, Kitsch, Artyness, Satanismus und tibetischer Buddhismus, Techno, Fashionpunk, Neurologie und Verhaltenstherapie dreschen im Soundgewitter eines nie enden wollenden Youtube-Videos auf ihr Publikum ein. Derweil wird von einer Off-Stimme philosophiert über das Sein und das Selbst, Höllenqualen, Bewusstsein, Wahrnehmung."

"Schade, dass die Kunsthalle Baden-Baden nur zwei Werke von Candice Breitz zeigt", seufzt Adrienne Braun im Tagesspiegel: "So geht der Niedergang der Kunsthalle Baden-Baden weiter, die unter dem Direktor Johan Holten nicht nur internationale Strahlkraft besaß." Sehenswert findet sie die beiden unter dem Titel "Whiteface" gezeigten Videoarbeiten dennoch: Breitz hat aus Texten von Nachrichtensprechern, Fernsehmoderatoren und Prominenten "herausgeschnitten, was diese zu Schwarz und Weiß in Mikros gesprochen haben. Das klingt mal zynisch, mal selbstgefällig und oft ziemlich rassistisch." Aber: "Auf der riesigen Leinwand sind nicht etwa die TV-Moderatoren und Politiker zu sehen, die hier kokett behaupten 'Weiße sind auch nur Menschen' oder 'Nicht alle Leute sind Rassisten'. Die Künstlerin selbst scheint diese eingespielten Sätze zu sprechen und schlüpft dazu in weiße Kleidung, trägt hier eine Langhaarperücke, inszeniert sich dort androgyn - und provoziert beim Publikum zwangsläufig Unbehagen. Denn man ertappt sich dabei, wie hilflos man reagiert, wenn Rollenmuster nicht greifen und eine Frau mit Männerstimme spricht, die sich in keine Schublade stecken lässt."

Außerdem: Anlässlich der Ausstellung "Maschinenraum der Götter" im Frankfurter Liebighaus, in der auch zwei Objekte von Jeff Koons zu sehen sind, hat der Künstler vor Ort unter anderem über sein im Juni kommendes Projekt gesprochen, berichtet Lisa Berins in der FR: "Dann will der Künstler Skulpturen zum Mond schießen; es sollen '125 Gesichter des Mondes' sein, die mit nicht mehr lebenden Persönlichkeiten verbunden seien." In Le Monde diplomatique besucht Jens Malling das Depot des ehemaligen Bergbauunternehmens SDAG Wismut, in dem sich der mutmaßlich größte Kunstschatz der DDR befindet. In der NZZ resümiert Aldo Keel einen Streit um Christian Krohgs Gemälde "Leiv Eiriksson entdeckt Amerika", das im neuen Nationalmuseum in Oslo zunächst nicht mehr gezeigt wurde und nach einem Shitstorm wieder aus dem Depot geholt wurde. Ebenfalls in der NZZ singt Marc Zollinger ein Loblied auf den deutschen Kunsthistoriker Eike Schmidt, der die Uffizien als neuer Direktor in eines der "international trendigsten" Museen verwandelt hat.

Besprochen werden die Valie-Export-Ausstellung "Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me" im Kunsthaus Bregenz (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst" im Museum Barberini in Potsdam ("Grandios", meint Stefan Trinks in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2023 - Kunst

Bild: Zineb Sedira, Installation view from the Exhibition Dreams Have No Titles. Hamburger Bahnhof. © Mathieu Carmona / DACS, London 2023.

Eine "vibrierende" Geschichtsstunde erlebt Ingeborg Ruthe (FR) im Hamburger Bahnhof, wo die algerisch-französische Künstlerin Zineb Sedira im Zusammenspiel von Film, Interieur, Skulptur, Fotografie und Performance die Geschichte des seit dem Jahrhundert der Moderne gescheiterten Traums von "Emanzipation, Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung" erzählt: Sie "zieht uns also körperlich und mit allen Sinnen hinein in eine fulminante Bild-im-Bild-Installation, eine ohne Anfang und ohne Ende. Da sind Verweise auf Orson Welles' 'F for Fake' von 1973, wo es um Authentizität geht und die Frage, wer für wen Geschichte schreibt. Die Künstlerin bezieht auch die sogenannten Casbah-Filme ein, etwa Viscontis 'Der Fremde' von 1967, Gillo Pontecorvos 'Schlacht um Algier' von 1966 sowie Ennio Lorenzinis 'Les mains libres' von 1964, den lange Zeit in den Archiven verschwundenen Dokumentarfilm über den algerischen Unabhängigkeitskampf. (…) Und so ist 'Träume haben keine Titel' großes Kino über Gewalt und Trauer, Heimat und Verlust, Migration, Integration und Solidarität. Eine universelle Erzählung, doppelt bewegend angesichts der gegenwärtigen Dramen von Krieg, Flucht und Vertreibung in der Welt, dem Krieg gegen die Ukraine."

Bild: Oleksandr Glyadelov. Documentation of the War, 2022-2023. Courtesy to MOCA NGO

Bewegt kommt Vanessa Oberin (Tsp) aus dem Berlin Museum für Kommunikation, das im Rahmen des European Month of Photography (EMOP) in der Ausstellung "The Art of Coping with War" fünf sehr persönliche Perspektiven ukrainischer FotografInnen auf den Krieg zeigt: "Die Fotografie von Yana Kononova, Absolventin der Kiewer Viktor Marushchenko School of Photograph, widmet sich einem anderen Aspekt des Krieges. Ihre 'X-Scapes' zeigen Trümmerhaufen, denen nicht mehr anzusehen ist, was sie einmal waren. Die schwarzweißen Nahaufnahmen verleihen dem verdrehten und verformten Material nahezu ein Eigenleben. Es wird so zum Archiv der Zerstörungsgewalt, die sich in ihm eingeschrieben hat."

Außerdem: In der Zeit porträtiert Carolin Würfel die Künstlerin Margaret Raspé, die sich mit einem selbst gebauten Kamerahelm in den Siebzigern bei der Hausarbeit filmte und der das Berliner Haus am Waldsee nun die Ausstellung "Automatik" widmet.

Besprochen werden die große Giovanni-Bellini-Schau im Pariser Musée Jacquemart-André (Tagesspiegel), die Ausstellung "Femme Fatale. Blick - Macht - Gender" in der Hamburger Kunsthalle (taz), die große Alex-Katz-Retrospektive in der Wiener Albertina (Standard), die Ausstellung "Maschinenraum der Götter. Wie unsere Zukunft erfunden wurde" im Frankfurter Liebieghaus (FAZ) und der Bildband "Photographers", für den Birgit Rieger mehr als hundert Fotograf:innen porträtiert hat (Tagesspiegel)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2023 - Kunst

Valie Export: Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me, 2023. Foto: Markus Tretter / Kunsthaus Bregenz

Die österreichische Künstlerin Valie Export, Pionierin der feministischen Performance, gehörte zu den ersten Unterzeichnerinnen von Alice Schwarzers und Sarah Wagenknechts "Manifest für den Frieden", inzwischen hat sie sich leicht davon distanziert. Irgendwie beeindruckt ist Standard-Kritikerin Ivona Jelcic dennoch von Exports Antikriegsinstallation im Kunsthaus Bregenz: "Erstaunlich, welch martialische Wirkung vor allem die verzinkten Pfeifen einer Kirchenorgel entwickeln können: Wie Stalaktiten hängen sie kopfüber von der Decke, stehen als Raketenbündel im Raum oder wurden zur sogenannten Stalinorgel arrangiert. Diesen Namen erhielt ein im Zweiten Weltkrieg eingesetzter sowjetischer Mehrfachraketenwerfer wegen des pfeifenden Geräuschs, das beim Abschuss verursacht wurde. In Bregenz kommt einem gänzlich anderes zu Ohren, nämlich Charles Mingus' auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstandener Jazz-Protestsong Oh Lord, 'Don't Let Them Drop that Atomic Bomb on Me'."

Monopol stellt ein älteres, aber sehr schönes Interview mit der kürzlich verstorbenen Künstlerin Mary Bauermeister online, deren Kölner Atelier die Keimzelle der Fluxus-Bewegung mit Nam June Paik, John Cage, Merce Cunningham wurde: "Sexualität war bei uns kein Thema. Wir waren sehr asketisch, auch was Drogen angeht. Bis auf Alkohol. Uns hat nicht der Exzess des Konsums interessiert, sondern der Exzess des Denkens. Der Austausch war uns genug Ekstase. Außerdem war dafür kein Geld da. Wir hatten Hunger, das war unsere bewusstseinserweiternde Droge. Wegen Paik kam einmal die Polizei, das lag aber nur daran, dass die Nachbarn den Krach nicht einordnen konnten. Er hätte keiner Fliege was zuleide tun können. "

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2023 - Kunst

Die Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich muss ein weiteres Mal auf mögliche Restitutionsfälle untersucht werden, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Betroffen sind Werke von Cézanne, Monet, Manet und van Gogh, die von der Sfitung nicht als Raubgut, sondern als Fluchtgut eingeschätzt und deshalb nicht restituiert wurden: "Die Stiftung Bührle vertrat stets die Auffassung, dass Restitution im Fall von Fluchtgut ausgeschlossen sei. Raphael Gross dürfte solche Fälle aber unter dem Gesichtspunkt 'NS-verfolgungsbedingten Verlusts von Kulturgütern', unter den auch Fluchtgut fällt, betrachten. Ein solcher Fall ist Gustave Courbets Porträt des Bildhauers Louis-Joseph Lebœuf von 1863. Lisbeth Malek-Ullstein trennte sich von dem Werk, um sich im Exil eine neue Existenz aufbauen zu können. Es befand sich in Zürich, als sie es 1941 zum Verkauf gab. Die Stiftung Bührle kam zum Schluss, dass das Bild 'unter Wahrung der Interessen' seiner Eigentümerin angekauft wurde. Was Raphael Gross an dem Fall besonders interessieren könnte, ist die Frage, ob Lisbeth Malek-Ullstein das Bild auch verkauft hätte, wäre sie nicht als Jüdin von den Nazis verfolgt gewesen."

Für Monopol unterhält sich Sebastian Frenzel mit Yvette Mutumba über das zehnjährige Bestehen ihres Magazins Contemporary And zu Kunst aus Afrika und der globalen Diaspora. Besprochen werden die Schau "Verdammte Lust" zum Verhältnis von Kirche, Körper und Kunst im Diözesanmuseum Freising (FAZ), eine Ausstellung des iranischen Fotografen Hashem Shakeri im Rahmen des European Month of Photography (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2023 - Kunst

In der FAZ berichtet Niklas Maak, dass sich der ominöse Kulturunternehmer Walter Smerling jetzt nicht mehr von Wladimir Putin sponsorn lässt, sondern von Peter Thiels Datenkonzern Palantir. Im Tagesspiegel stellt Rolf Brockschmidt den libanesisch-deutschen Künstler Said Baalbaki vor. Besprochen wird David Hockneys Multimediaschow "Bigger & Closer" im Lightroom London (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2023 - Kunst

Victor Brauner, Sur le motif, 1937. Centre Pompidou, das eine große Brauner-Kollektion hat


In der FAZ stellt Stefan Trinks den rumänischen Surrealisten Victor Brauner vor, dem das Kunstmuseum in Timișoara, rumänische Kulturhauptstadt Europas 2023, eine große Ausstellung widmet: "Möglicherweise übertrugen sich die Chamäleon-Eigenschaften der vielsprachigen rumänischen Herkunft auf seine stilistische Pluralität; vor allem aber kamen sie ihm wohl beim Überleben zugute. Bis heute gleicht es einem Wunder, dass er als Jude die Jahre in Frankreich unter deutscher Besatzung überstand. Chamäleonaugen, die Gefahren frühzeitig sehen, allerdings auch stets gefährdet sind, werden eine Obsession Brauners. Das belegt etwa sein Bild 'Nach der Natur' aus dem Jahr 1937 - der Maler steht vor der Staffelei mit fest an den Körper gelegten Armen. Was den Baum und die rosa Wolke auf der Leinwand malt, sind seine fingerartig extrem in die Länge gezogenen Augäpfel, das Ganze vor dem rabenschwarzen Hintergrund niederländischer Altmeister-Interieurs. Selten ist das Abtasten zu malender Gegenstände anschaulicher umgesetzt worden als auf diesem Gemälde."

Horst Antes, Helmkopf 1, 1968/69. Galerie Knoell


Sehr befremdlich fanden Besucher in den Sechzigern auch die Bilder des heute ein wenig vergessenen Malers Horst Antes, dessen Werk die Baseler Galerie Knoell gerade zeigt, erzählt Hans-Joachim Müller in der Welt. "Antes war mal ein 'Star', als die Erfolgsbezeichnung noch gar nicht im Umlauf war. Mit seinen 'Kopffüßlern' - körperlosen Großschädeln, die wie Helme auf verborgenen Monstern zu sitzen scheinen - hatte er sich ein ungemein einprägsames Identitätsmerkmal geschaffen. Befremdet, ziemlich ratlos stand das zeitgenössische Publikum vor den humanoiden Geschöpfen, Anfang der 1960er Jahre war das. Und weil es noch keine Computerspiele gab und kaum Außerirdische im Kino, kam einem die Art wie eine unverständliche Botschaft aus dem Kunstjenseits vor."


Links Georg Baselitz, Fingermalerei - Schwarze Elke, 1973, © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin. Rechts Peter Paul Rubens, Helena Fourment ("Das Pelzchen"), 1636/38, KHM Wien

Standard-Kritikerin Katharina Rustler schwebt förmlich durch die Ausstellung "Baselitz. Nackte Meister" im KHM Wien, die "Werke von Tizian, Cranach oder Rubens mit Baselitz in fleischlichen Dialog treten lässt. Quasi ein malerisches FKK-Paradies - immerhin sind alle gezeigten Körper nackt." Aber hier geht es nicht um historischen Kontext, sondern um Oberfläche, Ästhetik, Spiel, so die Kritikerin, die viel Spaß in der Ausstellung hat. "So stellt Baselitz zu Beginn seine überdimensionalen Fingermalereien männlicher und weiblicher Akte - es sind er selbst und seine Frau Elke - mit Cranachs zartem Sündenfall: Adam und Eva sowie der brutal-lüsternen biblischen Szene von Loth und seinen Töchtern bei Albrecht Altdorfer zusammen. Präsentiert einen Engelssturz auf Augenhöhe mit seinen heiteren, reduzierten Strandfiguren aus den 80ern. Und stellt Elke mit dunkler Hautfarbe und 'Das Pelzchen' von Rubens in ein Kabinett zusammen. Der Kontext? Bitte nicht vergeblich suchen!"

Weitere Artikel: Sophie Jung fragt sich in der taz anlässlich des Festivals Europäischer Monat der Fotografie, wie autonom Fotografie heute ist. Carmela Thiele schreibt in der taz den Nachruf auf Peter Weibel.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2023 - Kunst

Hashem Shakeri, "Porträt von Dorna und Sevda, beide 12 Jahre alt, die am Wochenende durch die neugebaute Stadt Parand spazieren", 2016, aus der Serie "Cast Out Of Heaven". Foto: © Hashem Shakeri


In Berlin findet gerade das Festival European Month of Photography (EMOP) statt, mehr dazu in Peter Truschners Fotolot. "In diesem Jahr liegt der Fokus insbesondere auf der Berliner Szene", berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel. "Es soll aber auch gezeigt werden, wie reich die Stadt an Fotoarchiven und Ausbildungsstätten ist. Der Arbeit der jungen Generation ist eine Sonderschau in einem leerstehenden Bürogebäude in der Leipziger Straße gewidmet." Wie man ein Fotoarchiv im Exil sichert, davon kann  Sergiy Lebednyskyy, Direktor eines ukrainischen Fotomuseums, ein Lied singen: Büşra Delikaya stellt ihn vor, ebenfalls im Tagesspiegel. Ferial Nadja Karrasch macht uns bei monopol mit dem iranischen Fotografen Hashem Shakeri bekannt, der ebenfalls eine Ausstellung beim EMOP hat: Hashem Shakeri. Seine Serie "Cast out of Heaven" - aus dem Himmel geworfen - zeigt das Leben in Teherans Satellitenstädten Parand, Pardis und Hashtgerd mit sehr vertrauten Problemen: "Die riesigen Siedlungen wurden errichtet, um der rasant wachsenden Population der Hauptstadt zu begegnen. Menschen mit geringem Einkommen sollten hier ein neues, erschwingliches, ein komfortables Zuhause finden. Doch der Ort, der Heimat werden sollte, wurde für die hierhergezogenen Menschen zu einer Art Limbus: Fehlende Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, kaum Arbeitsplätze bei stetigem Bevölkerungszuwachs, schlechte medizinische Versorgung und das Gefühl, vom früher gelebten, 'wirklichen' Leben abgeschnitten zu sein. Die Folgen sind ein kollektives Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Depression, Drogenmissbrauch. Eine hohe Suizidrate."

Vor fünfzig Jahren starb Pablo Picasso. Zum großen Gedenkjahr sind in Frankreich und Spanien mehr als fünfzig Schauen geplant, berichtet Hans-Christian Rößler in der FAZ. Um den Künstler geht es dabei nur zum Teil, "Picasso wird zu einem werbewirksamen kulturellen Markenzeichen aufgebaut", lässt sich Rößler vom Direktor des Picasso-Museums im spanischen Málaga erklären. Der ist leicht verschnupft, dass Picasso oft als französischer Maler gesehen wird. In den oberen Etagen gibt man sich einiger: "Macron und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärten das Picasso-Jahr schon auf ihrem vorletzten Gipfeltreffen zur Chefsache und setzten eine bilaterale Regierungskommission ein. Die Kunstbürokraten gaben die Parole aus, Picasso zu würdigen 'als universellen Künstler, der die Gründungsprinzipien Europas verkörpert, das sich aus demokratischen Staaten, Verteidigern der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit zusammensetzt'. Heraus kam dabei ein weltweiter Marathon mit mehr als 50 Ausstellungen, mit 16 die meisten in Spanien. Dazu zwölf in Frankreich, sieben in den Vereinigten Staaten, zwei in Deutschland, zwei in der Schweiz und einige mehr. Ohne die Großzügigkeit französischer Museen wäre Spanien nicht weit gekommen."

Weitere Artikel: Monopol meldet den Tod der Künstlerin Mary Bauermeister. Vier Artikel in der NZZ befassen sich mit der Aufarbeitung der Sammlung des Waffenhändlers Bührle im Kunsthaus Zürich: Thomas Ribi leitet ein, Benedict Neff erzählt, wie sich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Herkunft der Sammlung nicht ignoriert werden kann. Thomas Zaugg berichtet über den Stand der Provenienzforschung zur Sammlung, und Thomas Ribi unterhält sich dazu kurz mit Provenienzforscher Raphael Gross. Zum Tod des Kurators, Medientheoretikers und Karlsruher Museumsdirektors Peter Weibel schreiben Ingeborg Ruthe in der FR, Sebastian Strenger im Tagesspiegel, Ursula Scheer in der FAZ, Till Briegleb in der SZ und Wolfgang Ullrich auf Zeit online.

Besprochen werden außerdem eine Installation mit drei Riesenfratzen der Künstlerin Monster Chetwynd in der Rotunde der Frankfurter Schirn (FR), eine Ausstellung des afroamerikanischen Videopioniers Ulysses Jenkins in der Julia Stoschek Foundation in Berlin (monopol), die große Miriam-Cahn-Ausstellung "Ma pensée sérielle", die jetzt im Pariser Palais de Tokyo zu sehen ist (monopol) und die Schau "Neues Licht aus Pompeji" in Münchens Antikensammlung (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2023 - Kunst

Félix Vallotton: Sonnenuntergang. Oranger Himmel, 1910, Kunst Museum Winterthur

Es werde Licht, hätte man in den letzten Wochen oft gern gerufen. Licht in Überfülle findet man nun in der Ausstellung "Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini mit spektakulären Leihgaben wie Monets "Impression, Sonnenaufgang". Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) ist geblendet: "Caspar David Friedrichs 'Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne',1832/35, aus dem Frankfurter Goethe-Museum, zeigt eine dunstige Sonne, von der man nicht weiß, ob sie gleich verschwinden wird, statt der winter-starren Landschaft mit kahlen Bäumen durch wärmendes Strahlen neues Leben zu spenden. Fast elegisch fällt William Turners 'Mortlake Terrace', 1827, aus der National Gallery Washington, mit einem matt sonnengelben, unseren Blick sanft streichelnden Himmel aus. Umso intensiver geht es auf Félix Vallotons orangenem 'Sonnenuntergang' zu aus dem Jahr 1910. Arthur G. Doves 'Rote Sonne' von 1932 scheint als Spiral-Ball auf die Erde zuzurasen. Und Katharina Sieverdings Video sengender, glühender Nasa-Aufnahmen des Sonnenballs vermittelt ein Gefühl der Gefahr, die in diesem faszinierenden Schauspiel steckt."

Johann Heinrich Füssli, Dame vor Laokoon, ca. 1800 - 05- Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung

Der Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli, "so heißt es, sei ein Fall für die Couch, ein Fetischist, sexbesessen, mit sadomasochistischen Neigungen, letztlich frauenverachtend". Kann man so sehen, meint Werner Busch (FAZ), während er die Zeichnungen hochtoupierter nackter Damen in der Ausstellung  "Füssli. Mode, Fetisch, Fantasie" im Kunsthaus Zürich betrachtet. Interessanter findet er den Katalogessay von David Solkin, der Füsslis Darstellungen des Weiblichen in der Kunstgeschichte verortet und ihn zum Beispiel mit dem Karikaturisten Thomas Rowlandson vergleicht: "Wenn Rowlandson das Recht der Jugend auf die Liebe propagiert, so ist für Füssli das weibliche Geschlecht per se das Problem. Die erstarrten Antiken vermögen nichts gegen das Leben. Es gibt Zeichnungen von Füssli, da ist links eine zeitgenössische Kurtisane, rechts ohne Bezug ein männlicher muskulöser Akt von hinten dargestellt. So sind Füsslis ungezählte Helden, gewaltige athletische Kämpfer, nicht selten mit Verstößen gegen die Anatomie versehen, um ihre Körpererscheinung steigern zu können - seine Wunschprojektion, um sich gegen die zeitgenössische weibliche Zumutung wappnen zu können. Seine Ängste sind nicht zu übersehen, da hilft auch die Berufung antiker Ideale nicht."

Ferdinand von Saint André, Interimsgeschäftsführer der Documenta, erzählt im FR-Interview, was er aus dem Gutachten zur Documenta 15 gelernt hat: "Was mir sehr eingeleuchtet hat, ist die Antisemitismusherleitung und das detaillierte und gut aufbereitete Eingehen auf die Bildsprache. Ich denke, das wird auch für die Zukunft hilfreich sein. Was die Strukturen betrifft, ist klar geworden, dass eine Findungskommission eine Findungskommission ist, und nicht auch noch ein Beirat. Auch, dass dem Aufsichtsgremium Fachlichkeit aus Kunst und Kultur guttut, ist eine Erkenntnis, die von allen Seiten begrüßt wird."

Weiteres: Çagla Ilk, Co-Direktorin der Kunsthalle Baden-Baden, wird den Deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia 2024 kuratieren, meldet der Tagesspiegel. Besprochen wird noch die Retrospektive des Fotografen William Egglestone im c/o Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2023 - Kunst

Gabriele Münter: Mädchen mit roter Schleife, 1908. Bild: Bucerius Kunst Forum

Wunderbare Entdeckungen macht FAZ-Kritiker Wolfgang Krischke in einer Schau mit Gabriele Münters "Menschenbildern" im Hamburger Bucerius Forum: "Mit Gabriele Münters Namen verbindet man vor allem die expressiven und farbstarken Gemälde aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Herausragende Beispiele aus diesem Teil des Werkes in der Hamburger Schau sind das Bildnis der Malerkollegin Marianne von Werefkin, der abwesend-abweisende 'Kandinsky am Teetisch' oder das in zwei Versionen präsentierte 'Mädchen mit roter Schleife', dessen ernster, leicht melancholischer Blick mit der lebhaften Farbigkeit und dem energischen Pinselstrich des Bildes eigentümlich kontrastiert... Nichts von expressionistischer Glut hat dagegen ein ebenfalls meisterhaftes Doppelporträt, das im unterkühlten Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten ist. Dessen anheimelnder Titel "Röschen" passt nicht recht: Den Betrachter blicken nicht nur die eisblauen Augen einer jungen Frau an - die Katze auf ihrer Schulter fixiert ihn mit ebenso kaltem Blick."

Besprochen wird außerdem eine Schau der Wandmalerei aus Pompeji im Museo Civico Archeologico in Bologna (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2023 - Kunst

Viktor Palmov: Der 1. Mai, 1929. Bild: Nationalmuseum der Ukraine

Der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha, der für das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid die Ausstellung "Im Auge des Sturms" zum ukrainischen Modernismus kuratiert hat (unser Resümee), beklagt in der NZZ die Ignoranz des Westens gegenüber ukrainischer Kunst. Ohne Namen zu nennen wirft er MuseumsdirektorInnen vor, jahrelang seine Ausstellungsidee abgelehnt zu haben: "In einem mitteleuropäischen Land wurde das Projekt auf der Stelle abgelehnt. Zwei Jahre vor dem Krieg versuchte ich es dann erneut in Deutschland. Ein Freund arrangierte ein Treffen mit dem Direktor eines wichtigen deutschen Museums. Der Direktor sagte mir, dass ihm der Ausstellungsvorschlag und die Qualität der ausgewählten Werke gefielen. Das hörte sich ermutigend an. Entgegen dieser positiven Einleitung teilte er mir dann mit, dass er nicht in der Lage sei, die Ausstellung auszurichten. 'Warum nicht?', wollte ich wissen. Er habe Angst, seine russischen Partner vor den Kopf zu stoßen. Ein Moskauer Museumsdirektor hatte ihn vor einer Zusammenarbeit mit Ukrainern gewarnt."

Besprochen werden eine Schau des Caravaggisten Theodor Rombouts im Genter Museum der Schönen Künste (FAZ) die bizarren Frauen-Zeichnungen des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli im Kunsthaus Zürich (NZZ), die Ausstellung der französisch-vietnamesischen Fotografin Nhu Xuan Hua im Fotografie Forum Frankfurt (FR) und die Wayne-Thiebaud-Retrospektive in der Fondation Beyeler bei Basel (Tsp).