Heiner Goebels. 862 - Eine Orakelmaschine . Foto: Oliver Dietze. Ein "Kunstereignis" erlebt FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner mit Heiner Goebbels "Orakelmaschine" in der Völklinger Hütte. In einer "performativen Installation" hat der Künstler die Kohlenstampfmaschine des ehemaligen Industriekomplexes zum Leben erweckt, so der Kritiker, sie "schnaubt, stöhnt und rattert" und wechselt in "virtuoser Video-und Lichtdramaturgie" ständig ihre Gestalt. Alles beginnt ganz sphärisch: "Zunächst künden ferne Glockenschläge vom Beginn der Vorstellung. Leises Vogelgezwitscher und irgendein Rascheln im Unterholz mischen sich mit Metallgeräuschen, die so zaghaft erscheinen, als sei ihnen eine Ahnung von den neuen Besitzverhältnissen im Areal zwischen Fauna und Flora einerseits und Menschen auf dem Rückzug andererseits eingeschrieben. Die Klänge aus den um die Tribüne postierten Lautsprechern verdichten sich. ... Rauch steigt auf, ein Rohr lässt zischend Dampf ab, etwas fällt lärmend herab, Hundegebell oder Wolfsgeheul erklingt, dann fremder Gesang, als habe ein Zeitzeuge die wehmütig intonierten Melodien jener nicht immer freiwilligen Arbeiter auf Tonband konserviert, die im Laufe der hundertfünfzigjährigen Geschichte der Hütte hier Blut, Schweiß und Tränen vergossen haben."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungschreibt Ingeborg Ruthe einen Nachruf auf die deutsch-iranische Tier-Bildhauerin Lin May Saeed und annonciert die Werkschau "Im Paradies fällt der Schnee langsam" im Georg Kolbe Museum Berlin. In der Weltberichtet Jakob Hayner über die Eröffnungsveranstaltung des Weimarer Kunstfests (unser Resümee). Das Schweizer Kunstkollektiv Hulda Zwingli hat im Archiv des Kunsthauses Zürich nach Kunst von Frauen gestöbert, informiertNZZ-Kritiker Phillip Meier, die Funde sind in der Ausstellung "Re-Collect! - Wie Künstlerinnen und Künstler die Kunsthaus-Sammlung sehen" zu sehen.
Besprochen werden die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie Berlin (taz), die 90. Herbstausstellung des Kunstvereines Hannover (taz), die Ausstellung "Andrea Büttner. Der Kern der Verhältnisse" im Kunstmuseum Basel (FAZ) und die Fotoausstellung "Das andere Leben. Ost-Berlin zwischen Mauerbau und Mauerfall" in den Räumen der Agentur DDR-Fotoerbe (BlZ).
Mountains and Pond (Berge und Teich) von Walter Spies, 1938. Foto: Sothebys. In der NZZ erinnert Johannes Balve an den deutschrussischen Maler und Musiker Walter Spies, der vor einhundert Jahren nach Bali auswanderte. Dort wirkte er als künstlerisches Multitalent, so der Kritiker, leistete einen wichtigen Beitrag zur Erschließung der Gamelan-Musik und war auch an Friedrich Murnaus Film "Die Insel der Dämonen" beteiligt. Außerdem "übte er sich in allen Malstilen, malte zeitweise auch kubistisch. Zuletzt entwickelte er in Anlehnung an die traditionelle balinesische Kunst einen eigenen Stil, der eher behelfsmässig als magischer Realismus bezeichnet wird. Die Traumlandschaften der balinesischen Mythen und Tierfabeln verdichten sich in seinen Bildern zu einer Urwald-Morphologie, die den Menschen mit einschliesst. 'Die Landschaft und ihre Kinder' erzählt von der Liebe zur Natur und den in ihr einfach lebenden Menschen, die durch die Wälder ziehen. Die übereinanderliegenden Bildebenen sind wie filmische Montagen komponiert. Die 'Rehjagd' ist Teil eines kosmischen Geschehens, in dem es weder Opfer noch Täter gibt. Der Maler und Musiker Spies muss über synästhetische Fähigkeiten verfügt haben. Bilder waren für ihn auch musikalisch, und so beschrieb er sie mit musikalischen Termini, wie 'Scherzo für Blechinstrumente'."
Die taz-Autorin Eva-Christina Meier hat die Textilkünstlerin Paulina Brugnoli in Santiago de Chile getroffen. Die heute 83-jährige war Zeugin des gesellschaftlichen Aufbruchs 1970 in Chile - und des Putsches am 11. September 1973. Brugnoli erinnert in dem Porträt an die emblematische Ausstellung der "Unidad Popular Salvador Allendes" von 1972, an der sie beteiligt war. Die taz hat zum 50.Jahrestages des Putsches in Chile eine Sonderausgabe sowie eine Artikelserie angekündigt.
Caspar David Friedrich, Mann und Frau beim Betrachten des Mondes, um 1824. Alte Nationalgalerie Berlin
In der NZZ ist Franz Zelger sehr zufrieden damit, wie die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur den Einfluss von Künstlern der Romantik auf Friedrich ausleuchtet: "Vom Mond beschienene Nachtlandschaften gehören zu den wichtigsten Bildfindungen des Niederländers Aert van der Neer. Es sind Gemälde voller Poesie, etwa die "Kanallandschaft mit Mondschein": Die Beleuchtung durch den Mond, dessen Reflexe sich im Wasser spiegeln, ist atmosphärisch subtil wiedergegeben. Der dunkle Vordergrund evoziert nächtliche Stille, Bewegung herrscht nur am wolkigen Himmel. Beliebte Stimmungsträger sind die Sonnenauf- und -untergänge, wie sie sich beim französischen Barockmaler Claude Lorrain in großer Zahl finden. Nach seinem Freund Carl Gustav Carus, Arzt, Naturphilosoph und Maler, sind Friedrichs Bilder Visualisierungen 'einer gewissen Stimmung des Gemütslebens durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung des Naturlebens'. Das heißt, die Natur wird bei Friedrich zur Projektionsfläche menschlicher Empfindungen, ihre Darstellung geht über das Sichtbare hinaus."
Eine Ausstellung über Kolonialismus im Museum Zeche Zollern in Dortmund soll Samstags von 10 bis 14 Uhr nur für Schwarze und People of Color geöffnet sein, berichtet in der NZZ Fatina Keilani: "Was 'weiß' sei, erklären die Ausstellungsmacher ebenfalls: Es handle sich beim Weißsein um ein soziales Konstrukt mit Privilegien, nicht um eine Hautfarbe." Heißt das, auch BIPoC oder Schwarze können unter Umständen weiß sein, fragt sich der verdutzte Leser. "Die Ausstellung soll laut Eigendarstellung eine Art Werkstatt sein, in der 'Besucher:innen gemeinsam mit Gästen aus Zivilgesellschaft, Kunst und Wissenschaft die Spuren und Folgen des Kolonialismus' erkunden und Ideen entwickeln sollen. Aber wäre es dann nicht gerade sinnvoll, dass Personen aller Hautfarben und Biografien dies gemeinsam tun, um sich als Mitglieder der Menschheit schwierigen Aspekten der gemeinsamen Geschichte zu stellen?", überlegt Keilani.
Weiteres: In der Weltschreibt Hans-Joachim Müller den Nachruf auf Pablo Picassos Sohn Claude Ruiz-Picasso. In der SZ informiert Cornelius Pollmer über den Stand des geplanten Leipziger Einheitsdenkmals (es tut sich wenig). Besprochen werden die Retrospektive "Fantasiefabrik" der österreichisch-schweizerischen Künstlerin Elisabeth Wild im Museum für Moderne Kunst Wien (taz) sowie "Stellung beziehen - Käthe Kollwitz. Mit Interventionen von Mona Hatoum" im Kunsthaus Zürich (Welt) und eine Ausstellung mit Druckgrafiken von Picasso, Matisse, Miró, Chagall zu Ehren des Kunsthändler Ambroise Vollard im Museum Folkwang in Essen (SZ).
Bild: Édouard Vuillard: "Frau im Profil mit grünem Hut", um 1891. Foto: Jean-Marc Anglès / RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) Die Sujets schienen meist gewöhnlich, formal waren Edouard Vuillards Bilder umso "kühner", erkennt Angelika Affentranger-Kirchrath (NZZ), die in der Ausstellung "Vuillard et l'art du Japon" in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne auch erfährt, dass Vuillard seine Inspiration vor allem in der japanischen Kunst fand: "In der Lausanner Schau hängen ausgewählte grafische Blätter japanischer Künstler neben Vuillards Arbeiten. In einigen Fällen kommen sie einander in Ausdruck und Intensität so nahe, dass man sie verwechseln könnte. Ganz absichtslos und selbstverständlich - wie ein Pianist, der ohne Notenblatt spielt - verfügte Vuillard über die Stilmittel der japanischen Kunst. Er fand über das Studium der fernöstlichen Ausdrucksweise zu Lösungen, die es ihm erlaubten, sich von den herkömmlichen europäischen Bildregeln zu lösen. Der rigide konstruierte, illusionistische Perspektivraum verwandelt sich in seinen Werken zum bewegten, mehransichtigen Raum, in dem alle Bildstellen gleich wichtig sind. Fläche und Tiefe oszillieren und gehen ineinander auf."
Weitere Artikel: Nachdem sich Horst H. Baumann seit Ende der 1960er Jahre dem Design und der Lichtkunst zuwandte, geriet sein fotografisches Werk zunehmend in Vergessenheit. Zu Unrecht, ruft Damian Zimmermann im Monopol Magazin, nachdem er Baumann im Museum für Angewandte Kunst in Köln als fotografischen Visionär, allerdings ohne eigene Handschrift kennenlernt. Die beiden Vertreterinnen der "Letzten Generation", die versuchten, in der Hamburger Kunsthalle Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" zu überkleben, sind freigesprochen worden, meldet Friederike Gräff in der taz.
Alberto Giacometti, Selbstbildnis mit blauer Baskenmütze, 1916. Abbildung: Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, Legat. Bruno Giacometti, 2012 In der NZZberichtetPhilipp Meier angeregt über eine Ausstellung im Bündner Kunstmuseum, Chur, die sich dem Frühwerk Alberto Giacomettis, sowie dessen Verhältnis zu seinem Vater Giovanni widmet. Die Verbindung zwischen beiden war zunächst eng, auch künstlerisch. Doch Alberto ging bald eigene Wege: "Da war ein Katalog mit der Kunst des alten Ägypten: eine Offenbarung für Alberto, die sein gesamtes Werk bestimmen sollte. Plötzlich waren sie da in seinem Schaffen, die Ägypter: Allen voran Echnaton, mit dem strengen Pharaonenprofil, mit dem sich nun der junge Maler in seinem Selbstporträt an der Staffelei von 1921 aus dem Kunsthaus Zürich kühn von den weichen Linien des bisher gepflegten Stils absetzte. Dass er diesen beherrschte, hatte Alberto Giacometti gerade erst noch in einem Selbstbildnis aus demselben Jahr bewiesen, das einem Werk von Giovanni Giacometti zum Verwechseln ähnlich sieht."
Weiteres: In der NZZ sieht Paul Jandl die Haltung Bonaventure Ndikungs, Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, zum BDS immer noch nicht geklärt. Die Bayerische Staatsbibliothek hat, wie Spiegel Onlineberichtet, einen frühen Druck des Hokusai-Farbholzschnitts "Unter der Welle im Meer Kanagawa" erworben.
Hokusai: Unter der Welle im Meer Kanagawa Besprochen werden Leda Bourgognes Ausstellung "Mêlée" im Westfälischen Kunstverein in Münster (Monopol) und die Ausstellung "If the Sky Were Orange: Art in the Time of Climate Change" im Blanton Museum of Art in Austin, Texas (Guardian).
Der Sargkünstler Paa Joe mit Sandalettensarg. Foto: Regula Tschumi. Extravagante Särge bestaunt FAZ-Kritiker Florian Siebeck in der ghanaischen Haupstadt Accra. Die Angehörigen der Volksgruppe Gha, die im Süden Ghanas, in Togo und Benin lebt, hält nichts davon, ihre Toten in einfachen Holzkisten unter die Erde zu bringen. Stattdessen geben die Angehörigen bei Spezialisten Särge in Auftrag, die das Familienemblem oder den sozialen Stand des Verstorbenen verkörpern, zum Beispiel in Form einer Kobra oder eines Löwen, erfährt der Kritiker. Oft sollen die Motive aber auch einen Bezug zum Leben oder zu bestimmten Vorlieben haben: "Bis zu einem Monat dauert die Arbeit an so einer kunstvollen Hülle. Die Sargkünstler lassen sich einiges einfallen, damit die Verstorbenen ihren Weg so fortsetzen können, wie sie gelebt haben oder gern gelebt hätten. Ein Viehhändler kann in einem Rind bestattet werden, eine kinderreiche Frau in einer Henne, ein Fischer in einer Languste. Aber auch Linienbusse, Ölfässer, Bulldozer, Tomaten, Zahnpastatuben und Schnapsflaschen wurden schon gefertigt." Die ghanaische Sargkunst hat schon länger die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt erregt, so der Kritiker, Künstler wie Daniel Mensah oder Joseph Ashong alias Paa Joe zeigen ihre Särge in Museen und Ausstellung weltweit. Weitere ungewöhnliche Sargmodelle kann man hier bewundern.
Besprochen werden die Ausstellung "Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik" im Kunstmuseum Winterthur (SZ) und die Ausstellung "Der große Schwof. Feste feiern im Osten" der Kunstsammlungen Städtische Museen in Jena (taz).
Durch ein Wechselbad der Gefühle geht FAZ-Kritiker Cornelius Pollmer in der Ausstellung "Kapital/Famed" im Museum Gunzenhauser in Chemnitz. "Kapitalismuskritik in snackbaren Häppchen", wie sie die Kuratoren Sebastian M. Kretzschmar und Jan Thomaneck hier auftischen, findet er ja schon etwas befremdlich. Bevor er aber zu schlechte Laune bekommt, "weil die global allgemeine Geldschneiderei auch nach Beendigung dieser Schau weitergehen wird", tobt er sich lieber in dem, für ihn unbestrittenen, Highlight der Ausstellung, aus: "Die Hüpfburg im großen Oberlichtsaal des Museums, tituliert mit der schönen Wendung 'Seele und Dekor', ist das unbestritten zentrale Objekt von 'Kapital', und als Idee ein Ereignis für sich. Denn PVC und Polyester wachsen hier getrieben von einem ohne Unterlass ballernden Gebläse zu einer hybriden Edition von Marx' 'Das Kapital' empor, aufgeklappt und umgedreht steht es da wie ein vielleicht sogar schützendes Dach und lädt jedenfalls offensiv ein, darin zu springen oder sich mit ein paar vergeblichen Fausthieben kurz emotional zu erleichtern."
Besprochen werden die Jubiläumsausstellung der Salzburger Residenzgalerie "Von 0 auf 100. 100 Jahre Residenzgalerie, 100 Gründe zum Feiern"(FAZ) und Lucy Beechs Ausstellung "Working with no waste" im Edith Russ Haus in Oldenburg (taz)
Olga Mezenceva, O.T., 2021, Ölkreide, Fineliner, Buntstift, Filzstift auf Papier. Foto: Galerie Art Cru
In der Berliner Zeitungstellt Irmgard Berner die Künstlerin Olga Mezenceva vor. "Outsider-Kunst" nennt man, was sie macht, weil Mezenceva seit ihrer Geburt geistig behindert ist. Wie man es auch nennt, für Berner ist es vor allem Kunst, wie man derzeit in der Galerie Art Cru in Berlin sehen kann: "Ihre Schöpfungen: farbstarke Arbeiten mit sich biegenden, quetschenden und sich selbst behauptenden Formationen. In konzentrierter, ausdauernder Arbeit vollzieht sie eine Art kreisenden Gebärvorgang, einem Kreißen gleich und aus dem Unbewussten hervorgeholt. Mit Ölpastellkreiden, Edding, Filz- und manchmal Bleistift. Denn während des Zeichnens und Malens dreht Mezenceva das Blatt, nimmt es quer, hochkant, stellt es auf den Kopf. Ihr Malen ist ein Denken und Handeln in räumlich-haptischen Vorgängen, die unmittelbar eine visuelle Welt erschaffen. Der Stimulus der Farbe, die Griffigkeit der Ölkreide auf dem Papier. Kunst ist ihre Sprache."
Weiteres: In der FAZ freut sich Christoph Schmälzl, dass eine verschwundene Alexander-Büste des Winckelmann-Museums wiederaufgetaucht ist und an Griechenland restituiert wurde. Andreas Platthaus ärgert sich über eine großplakatierte Frauenbüste im Kunsthistorischen Museum Wien, die Petrarcas geliebte Laura darstellen soll, was Platthaus für Unfug hält. Besprochen wird eine Ausstellung des Künstlerpaars Etel Adnan und Simone Fattal im Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin (FAZ).
André Brouillet, Une leçon clinique à la Salpêtrière, 1887. Foto aus einem Flur der Universität Paris V, Domaine public
Seltsame Idee. Das Museum der Moderne in Salzburg widmet der Rückenbeuge eine Ausstellung: Als Kunstmotiv stand die Rückenbeuge ursprünglich für die "hysterisch verkrampften Frau", wie laut FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier das Gemälde "Une leçon clinique à la Salpêtrière" (1887) von André Brouillet deutlich macht, "das bei Freud als Lithographie im Arbeitszimmer hing. Es ist in Salzburg in stattlicher Originalgröße als Kopie zu sehen. In seiner Mitte der Nervenarzt Jean-Martin Charcot, der den 'Arc de cercle' wissenschaftlich untersuchte. In einem Hörsaal lauschen gut zwei Dutzend schwarz gekleidete Männer und zwei Krankenschwestern dem Professor, ihre Blicke richten sich auf eine hypnotisierte, nach hinten gebogene Patientin mit weißem Dekolleté, die Charcots Kollege Joseph Babinski stützt." Doch es geht nicht nur um Klinisches: Laut Kuratorin Kerstin Stremmel soll die Ausstellung vielmehr eine "Wundertüte mit heiteren Momenten" bieten: "Alexandra Bircken hat sich einer Männerdomäne angenommen und ein schweres Motorrad in eine tänzerische Pose gezwungen, das Vorderrad himmelwärts gereckt."
In der FAZ ist Andreas Kilb froh, dass wenigstens der Bundespräsident sich mit einer Veranstaltung zum geplanten, aber bei der Realisierung stockenden Exilmuseum in Berlin bekannt hat: "Ob Claudia Roth die Botschaft verstanden hat? Oder grübelt sie immer noch darüber nach, wie sie die Schlosskuppel auf dem Humboldt-Forum dekolonialisiert?"
Weiteres: Die Berliner konnten sich mit einer Lesung im Pergamonmuseum vom Ischtar-Tor verabschieden, dass wegen Renovierung des Museums bis 2037 nicht mehr zu sehen sein wird, meldet der Tagesspiegel. Imke Staats stellt in der taz das Künstlerhaus Sootbörn in Hamburg vor. Besprochen werden die Ausstellungen "Ocular Witness: Schweinebewusstsein" im Sprengel Museum Hannover (taz) und "Shift. KI und eine zukünftige Gesellschaft" im Marta Herford (FAZ).
Bild: Anton Hofreiter, Tulpen in Südtirol, 2021, Courtesy Anton Hofreiter/ Galerie pavlov's dog Naive Tulpenporträts von Anton Hofreiter, Installationen von Meret Becker, Papierarbeiten von Michael Stich, Gemälde des Rappers Cro oder von Peter Doherty - all das versammelt die Ausstellung "Beyond Fame" im Düsseldorfer NRW Forum, die Hanno Rauterberg in der Zeit ganz spielerisch vorführt, "wie abgekapselt und scheinheilig es ansonsten in der Museumsszene zugeht. Obwohl es die Kuratoren ungern zugeben, sie stehen vor einer gewaltigen Begründungslücke, ja einem Begründungabgrund. Denn warum werden manche Künstler hoch gehandelt und andere in ihre Hobbykeller verbannt? So gut wie nie wird offen diskutiert, was Museen heute noch unter Qualität verstehen. Wenn formale Aspekte bei der Bewertung keine Rolle mehr spielen, worum geht es dann? Was spricht noch dagegen, auch die sogenannten Laien und Amateure auszustellen, solange sie innig und ernsthaft an ihrer Kunst arbeiten? Das jedenfalls wäre für ein Kunstsystem, das stärker denn je ums Soziale kreist, um Emanzipation und Egalität, ein naheliegender Schritt." Hm, sollte es nicht eher mehr ums Künstlerische kreisen?
Für Monopol hat sich Maja Goetz mit Annie Sprinkle und Beth Stephens auf einen "ökosexuellen Spaziergang" begeben, zu dem die beiden Künstlerinnen auf der Mannheimer Bundesgartenschau geladen haben. Zunächst muss Goetz lernen, wie "man Liebe mit der Erde machen" oder "dirty mit ihren Pflanzen sprechen" kann. Aber Vorsicht, vielleicht sagt ein Baum ja auch mal nein: "An diesem Tag scheinbar nicht. Später sagt eine der Künstlerinnen: 'Mein Baum war erst etwas schüchtern, aber dann hat er gefragt, ob ich ihn noch mehr lecken kann. Er war ein guter Küsser!' Sie bedanken sich bei den Bäumen, mit denen sie eben noch Zärtlichkeiten ausgetauscht haben. Ob die Besucherinnen befremdlich finden, was sie eben gesehen haben?"
Außerdem: Auf den "Glauben und Zweifeln"-Seiten schreibt die Künstlerin Julia Krahn über ihr Projekt "St. Javelin", für das sie geflüchtete ukrainische Frauen als Sinnbilder des Friedens inszenierte. Im Standardporträtiert Katharina Rustler die estnische Künstlerin Kris Lemsalu, deren Skulptur "Chará" , ein Mix aus Herz, Portal und Vagina, derzeit auf dem Kunstplatz auf dem Wiener Graben zu sehen ist, und die von der Kunstwelt gefeiert und von der FPÖ kritisiert wird. Besprochen wird die Online-Ausstellung "De-Zentralbild", die das Leben von MigrantInnen in der DDR zeigt (taz)