Markus Raetz: Ohne Titel (Wolke), 2020. Bild: Kunstmuseum Bern. Philipp Meier (NZZ) weiß kaum, wohin er den Blick richten soll bei dieser ersten Retrospektive zum Werk des 2020 verstorbenen Berner Künstlers Markus Raetz, so viel gibt es bei "oui non si no yes no" im Kunstmuseum Bern zu sehen. Der "Magier des Uneindeutigen" zwingt den Betrachter dazu, sich zu bewegen, denn es ging ihm nicht um das, was wir sehen, sondern wie wir es sehen, so Meier: "Raetz, der Künstler der minimalen Geste mit dem maximalen visuellen Effekt: Das zeigen jetzt auch seine an der Museumsdecke rotierenden Bleche, kinetische Plastiken, die je nach Position und Lichteinfall die Form dreidimensionaler Quadern annehmen, um sich sogleich wieder zum schmalen Strich zu verflüchtigen. Dieses Spiel der bewegten Form treibt Raetz immer wieder weiter, gleichsam um dem Kunstbetrachter zu offenbaren, dass Kunst nichts ist ohne dessen mitwirkende Imagination."
Anicka Yi: £†K§ñ, 2023. Bild: Galerie Esther Schipper. In der Galerie Esther Schipper lernt Irmgard Berner (Berliner Zeitung) die südkoreanisch-amerikanische Künstlerin Anicka Yikennen, die sich den Urformen des Daseins widmet und den Menschen als "biologisierte Maschine" imaginiert: "Sie experimentiert mit hybriden Ökosystemen, die auf ganz eigene Art lebendig wirken. Für diese Konstellationen verbindet sie Kunst mit Wissenschaft, arbeitet mit Forschern und mit Künstlicher Intelligenz. Als Material nutzt sie Keime und Mikroben, aber auch Duschköpfe oder Sandalen, die zuvor in Milchpulver gekocht wurden." Berner ist fasziniert von dieser im wahrsten Sinne lebendigen Kunst: "Ein dunkel schattiges Universum des Unbekannten, das durch den Geruch zum Leben erweckt wird. Rhythmisch bewegt von den Gezeiten des Ozeans. Oder einfach tief Luft holend. Eine Luft, die auf einmal ganz plastisch ist."
Am Freitag eröffnet in der Berlinischen Galerie die Ausstellung "Edvard Munch - Zauber des Nordens". Von dem biederen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen, ermuntert Johanna Adorján in der SZ. Munch platzte 1892 ins Wilhelminische Berlin "wie eine Bombe", erzählt sie. Die Ausstellung, die Munchs Schaffen in Berlin gewidmet ist, vermittelt der Kritikerin eine Ahnung davon: "Sie empfängt den Besucher mit den damals so beliebten Gemälden von Sommerlandschaften und Fjorden. Direkt gegenüber hängen Werke von Munch. Der Unterschied ist in etwa so drastisch wie der zwischen einer Sibelius-Symphonie und Thelonious Monk. Auf der einen Seite geht es um äußere Wahrheit und Harmonie - auf der anderen darum, wie ein einzelner Mensch seine Umwelt erlebt. Gesichter können bei Munch schon mal grün sein, eine Landschaft nur aus Strichen oder Farbflächen bestehen. Ahnungslos hatte sich der Verein Berliner Künstler einen Epochenbruch ins Architektenhaus in der Wilhelmstraße eingeladen, in dem die Ausstellung stattfand. Und was dort einschlug, war nicht mehr rückgängig zu machen. Es war ein Riesenskandal."
Im Tagesspiegel ist Birgit Rieger beeindruckt von der "Vielfalt in Munchs Stil. Mal kreidig-matt, mal kräftig und flächig, mal extrem reduziert und kantig in den Konturen hat er ihn immer wieder verändert. Allerdings bleibt der Künstler stets dabei: Es geht um die Emotion, nicht ums Detail. Bei den Gesichtern seiner Protagonisten verzichtet Munch auf alles. Manchmal setzt er noch Kreise für die Augen und ein Loch für den Mund, wie man es aus dem 'Schrei' kennt." Der ist nicht in Berlin zu sehen, doch zeichnet die Ausstellung "vom ersten bis zum letzten Kapitel, das sich unter anderem auf eine große Ausstellung Munchs 1927 in der Berliner Nationalgalerie bezieht, den Bedeutungswandel nach, den Munchs Werk erfuhr. Erst sprengte er die Vorstellung dessen, was man sich als Landschaftsmalerei vorstellen konnte, dann wurde seine Malerei zum Inbegriff des nordischen Gefühls und schließlich wurde er als nordisch-germanisch von den Nazis vereinnahmt, die ihn aber schließlich doch der entarteten Kunst zurechneten."
Weitere Artikel: Die Neue Nationalgalerie ist in diesem Jahr Zentrum der Berliner Art Week, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die neu eröffnete Fotografiska im ehemaligen Tacheles haben Hans-Jürgen Hafner für die taz, Tobias Timm für die Zeit und Freddy Langer für die FAZ besucht. In der tazfreut sich Brigitte Werneburg über die Sanierung von Wolf Vostells Skulptur "Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja" auf dem Berliner Rathenauplatz. Die Berliner Zeitung druckt einen Text des Dramaturgen Thomas Oberender über das Ende der DDR und die Bilder von Norbert Bisky aus dem von Franziska Richter herausgegebenen Buch "Traumaland". Weil der Westen sich zurückzieht, suchen Russlands Museen jetzt neue Kooperationspartner, berichtet in der FAZ der russische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha - Kambodscha, Myanmar, Indien, Peru, Mexiko und Iran zum Beispiel.
Besprochen werden eine Einzelschau von Lin May Saeeds im Georg Kolbe Museum in Berlin (BlZ) sowie die Ausstellungen "Tod und Teufel - Faszination des Horrors" im Kunstpalast Düsseldorf (SZ) und "#nichtmuedewerden" im Museumsquartier Osnabrück (taz).
Farbe, Wellen, Licht, Glück - mehr wollten die Fauvisten nicht, die sich zu Beginn des Jahrhunderts am Meer trafen, um zu malen, denkt sich ein von Feuerrot und Sonnengelb geblendeter Hans-Joachim Müller (Welt) in der Ausstellung "Matisse, Derain und ihre Freunde" im Kunstmuseum Basel. "Alles Anekdotische, Zeichenhafte scheint aufgehoben im zufriedenen Augenblick. Vielleicht hat Malerei nie zuvor und nie mehr später so bedenkenlos das lebbare Leben imaginiert." Gewiss, sie blieben damit allein, "schon als Matisse seine Parole 'Luxe, calme et volupté' ausrief, war ja sein großer und lebenslanger Gegenspieler Picasso mit ganz anderen Dingen beschäftigt, feierte das anmutige Menschenschicksal und begann seine kubistischen Experimente. Und Kandinsky wagte sich unterdessen weit in die Abstraktion vor, Robert Delaunay zerlegte den Eiffelturm in lauter Schalen und Scheite, und die Futuristen in Italien schärften die Kunst zur Waffe. Matisse, Derain und ihre Freunde blieben eine Insel, eine Sonneninsel. Mag schon sein, dass ihr Sommer nicht lange gedauert hat. Umso mehr haftet ihrer Malerei ein wunderbar heiterer Widerstand an."
Ganz anders über Kunst spricht Ai Weiwei, dessen Bilder aus Legosteinen gerade in der Berliner Galerie neugerriemschneider gezeigt werden, darunter eine Kopie von da Vincis Abendmahl, mit Ai Weiwei als Judas. Warum Judas, fragt ihn Minh An Szabó de Bucs im Tagesspiegel. "Na ja, ohne Judas hätte sich Jesus nicht für die Menschheit opfern können. Aber vielleicht sollte ich beim nächsten Mal einen anderen Jünger wählen." Für Jesus interessiere er sich, seit sein Vater ein Gedicht über dessen Leiden geschrieben habe. "Als er es schrieb, war er als 23-Jähriger wegen angeblich radikaler Gedanken in Haft. Er wurde sehr krank und dachte ernsthaft, er würde bald sterben. An einer Stelle im Gedicht taucht Judas in einer anderen Interpretation auf. Mein Vater schreibt, dass Maria Magdalena Jesus' Füße vor dem letzten Abendmahl mit kostbarem, duftendem Öl einsalbt. Judas erhebt sich und ruft aus: Oh, wie das duftet! So kostbares Öl! Warum verkaufen wir das Öl nicht für 30 Silberlinge? Das Geld könnten wir doch an die Armen verteilen! Etwas Ähnliches ist mir selber passiert. Als ich meinen Film 'Human Flow' an der UdK den Studierenden vorführte, fragte ein Student: Warum verschwendest du das Geld für einen Film? Warum nimmst du nicht das Geld, um Zahnbürsten für die Geflüchteten zu kaufen? Das ist doch dieselbe Frage, die Judas gestellt hat!'"
Die Berlin Art Week hat begonnen. Birgit Riegler schaut sich für den Tagesspiegel um und hat unter anderem Freude an "Hungry", einer Performance der in der Türkei geborenen und in Berlin lebenden Göksu Kunak. "Kunstgeschichte, Populärkultur und Pornowelt" fügen sich in "Hungry" zu einer wilden Mischung: "Eine Poledance-Artistin drehte sich inmitten des Publikums in olympiareifer Athletik und sehr sexy an der Stange, ein Profi-Bodybuilder spreizte seine Muskeln, eine Burlesque-Tänzer*in wiegte sich vor dem Spiegel, Kurnak selbst fuhr sich und die ganze Truppe, winkend wie Queen Mum, mit einem Kran durch die Halle. Dazu hämmernde Technomusik." Ebenfalls im Tagesspiegelstellen Riegler und andere Autoren kommende Highlights der Art Week vor.
Weitere Artikel: Laura Ewert besucht für Monopoldas Berliner Kunstfestival Atonal. Manuela Enggist schreibt auf Zeit Online über den umstrittenen Plan des Museums Langmatt (in Basel, CH), Bilder zu verkaufen. Standard und ZeitOnline berichten über einen wiedergefundenen Van Gogh.
Besprochen wird die Ausstellung "Werner Bischof - Unseen Colour" in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur (NZZ). Bischofs Fotos basieren auf der Dreifarbentheorie, erzählt Dario Veréb. Hier ein Beispiel:
Der Hans-Thoma-Preis wurde dieses Jahr an den niederländischen Grafiker Marcel van Eeden vergeben - das war vorauszusehen, meint FAZ-Kritikerin Julia Schmidt, imaginierte dieser doch schon im "The Karlsruhe Sketchbook" zeichnerisch eine Begegnung mit dem Maler. Die Verleihung des Preises findet sie jedoch nicht unproblematisch. Immerhin stand Thoma antisemitischen reaktionären Kreisen nahe, erklärt sie. Bei einer Ausstellung im Hans-Thoma-Museum in Bernau sucht van Eeden nun einen anderen Zugang zu Thoma, so Schmidt: Er wartet "nicht mehr mit dem Stil seiner nachgerade kanonisch gewordenen Graphic Novels auf, sondern mit Kontaktabzügen digitalisierter, auf großformatigen Transparentfolien zwischenkopierter fotografischer Negative auf eigenhändig mit einer lichtempfindlichen Schicht versehenem Papier. ... Auch ist es nicht mehr eine Bilderzählung, die van Eeden präsentiert, sondern eine Folge fotografischer Reisebilder. Ihr Sujet wiederum ist einer wenig bekannten Reise abgewonnen, die Hans Thoma im Frühherbst 1898 in die Niederlande unternahm." Im Grunde, so Schmidt, entfalten van Eedens Gummidrucke hier "eine Parallelgeschichte. Und suchen womöglich durch den nostalgischen Zugriff historische Distanz zu gewähren."
Weitere Artikel: Die Berlinische Galerie erhält das Werk "Hours of Fun" von Wolf Vostell als Schenkung der Berliner Volksbank, berichtet Ingeborg Ruthe in der FR. Die Fassade des Parlaments in Bern wurde vom Basler Studio Renée Levi neu gestaltet, schreibt Phillip Meier in der NZZ. Tom Mustroph resümiert für die taz das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz. In der Berliner Zeitungporträtiert Ingeborg Ruthe den Künstler Norbert Bisky.
In der FAZ gratuliert Freddy Langer der Fotografin Nan Goldin zum Geburtstag. Die "brutale Distanzlosigkeit", mit der sie fotografisch das New York der späten siebziger und frühen achtziger Jahre festhielt, machten sie zu einer Pionierin der Autorenfotografie, wie Langer weiß: "Ihre Bilder ergaben sich aus Beziehungen, nicht aus Beobachtungen. Sie waren die optischen Tagebuchnotizen einer Dauerorgie, an der sie aktiv teilnahm wie alle anderen auch. Sie sprach von Schnappschüssen, weil diese Form der Fotografie aus Liebe und dem Wunsch nach Erinnerung entstünde."
Ulrich Seidler wird für die Berliner Zeitung von der Künstlerin Nadia Kaabi-Linke durch ihre Ausstellung "Seeing without Light" im Hamburger Bahnhof geführt. In ihren Kunstwerken laufen "Leben, Tod, Schuld, Schmerz zusammen", etwa im Werk "Blindstrom für Kasimir", so Seidler: "Schwarze Flächen hängen an den Wänden, daneben finden sich helle Rechtecke, wie sie zurückbleiben, wenn man Bilder abhängt. Es geht um Werke, die 1937 bis 1939 von stalinistischen Kulturzensoren in der ganzen ukrainischen Sowjetrepublik in einer Spezialsammlung zusammengetragen wurden, um sie zu vernichten: Werke von abtrünnigen Künstlern, mit unliebsam gewordenen Protagonisten oder kritischen Inhalten. Viele Künstler starben bei den Stalin'schen 'Säuberungen', während ihre Werke, die in Kiew gelagert wurden, in die räuberischen Hände der deutschen Wehrmacht fielen. Nach dem Krieg gelangten einige nach Moskau und von dort zurück ins Kiewer Nationalmuseum, wo sie in den letzten Jahren der Vergessenheit entrissen wurden. Die Leinwände tragen gewaltvolle Spuren der Reisen, aber auch der Misshandlung, wenn etwa Porträtierte abgewaschen oder abgekratzt wurden..." Taz-Kritikerin Sophie Jung bewundert, wie Kaabi-Linke die "Haken der Geschichte, gesellschaftliche, auch ökologische Konflikte...in präzisen, vergeistigten Bildern" darstellt, findet die Ausstellung aber etwas überladen.
FAZ-Kritiker Patrick Bahners fragt sich, weshalb die Association Internationale des Critiques d'Art (AICA) die Auszeichnung "Museum des Jahres" ausgerechnet an die Krefelder Museen vergeben hat. Seit 2020 läuft in Washington ein Verfahren der Mondrian-Erben gegen die Stadt Krefeld über die Rückgabe von vier Gemälden, die unter ungeklärten Umständen in den Besitz des damaligen Direktors Paul Wember gelangten. Bis heute gab es seitens der Museen keine zufriedenstellende Erklärung, so Bahners.
Weiteres: In der Welt am Sonntag begutachtet Boris Pofalla das neue "Tacheles"-Areal: Mit den Ideen des ehemaligen Kunsthauses hat das wenig zu tun - dafür ist es viel zu kommerziell, meint Pofalla. Warum hat Deutschland die Kunst der in Berlin lebenden Bildhauerin Nairy Baghramian bisher verpennt, fragt Peter Richter in der SZ. Im Ausland feiert die iranisch-amerikanische Künstlerin jedenfalls große Erfolge: das Metropolitan Museum in New York zeigt bald zwei ihrer Skulpturen in den leeren Nischen neben dem Hauptportal. In der NZZ feiert Dario Veréb die Entdeckung von drei unbekannten Farbabbildungen des Schweizer Fotografen Werner Bischof.
So sähe es aus: Das geplante Exilmuseum von Dorte Mandrup am Anhalter Bahnhof
In der NZZ kann Paul Jandl es nicht begreifen, dass die deutsche Politik Herta Müllers Idee für ein Exilmuseum, für das es sogar schon einen Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup gibt, ignoriert. "Die Initiative, die hinter der Idee steht, arbeitet nicht im Konjunktiv, sondern volle Kraft voraus. 60 Millionen Euro wird das Museum kosten, 20 Millionen hat man bisher durch Fundraising hereinbekommen. Anträge um öffentliche Gelder sind unterwegs. Händeringend sucht man nach Unterstützung für ein Projekt, das schon vom Thema her jede nationale Anstrengung wert sein müsste. 60 Millionen Menschen waren während des Zweiten Weltkriegs Teil globaler Fluchtbewegungen. Die Geschichten des Exils sind individuell und ähneln sich doch über die Zeiten hinweg. Auch die Fluchterfahrungen der Gegenwart darzustellen, wird Teil des Konzepts sein." Billiger wird das Museum jedenfalls nicht, je länger die Bundesregierung zögert, warnt Jandl.
Weiteres: Katharina Cichosch spaziert zum Saisonstart für monopol durch Frankfurter Galerien. Besprochen wird die Giacometti-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur (FAZ).
Bild: Anna Virnich: Untitled #129, 2022. Thermacolon, stretch fabric, gouache on bed sheet, yarn on wooden frame. Marcel Proust und Joris-Karl Huysmans kommen dem Monopol-Kritiker Oliver Koerner von Gustorf beim Betrachten der textilen Arbeiten von Anna Virnich in den Sinn, die derzeit in der Kölner Galerie Drei und im Skulpturenmuseum Marl ausgestellt sind. Es ist die gleiche "hysterische, dekadente Sensibilität und Nostalgie, das kribbelige Unbehagen an der Gegenwart", die Virnich in ihren Arbeiten materialisiert, erklärt er: "Die Werke in 'Mutti raucht wieder' sind ganz im Jetzt, so wie wir uns gerade fühlen, in unserem Kopf, unseren Körpern. (...) Virnich setzt eine Austernschale auf gesteppten Satin, auf Latex. Da ist ein Gefühl von Erregung in diesem Werk, der Hauch von psychologisch aufgeladener Indiskretion und Zwanglosigkeit. Virnich nutzt diese, um die eigentliche formale Strenge ihrer Arbeiten, ihre eigene künstlerische Distanz ganz auszuspielen, ohne dass es zu pathetisch oder betulich wird. Keine minimale Sensibilität in Endzeiten."
Weitere Artikel: In der SZ greift Alex Rühle einen vergangene Woche im Svensa Dagbladet erschienenen Text der Kunsthistorikerin Susanna Petterson auf, der auf eine Absurdität schwedischer Kulturpolitik hinweist: Zwar werden auch Schwedens Museen subventioniert, aber die Museumsgebäude gehören dem Staat oder städtischen Holdings - und die Mieten übersteigen inzwischen das Budget einiger Museen. Allen voran das Schwedische Nationalmuseum, dem laut Petterson, die das Haus bis Anfang des Jahres leitete, der Umzug droht. In der FAZ besucht Peter Kropmanns das wiedereröffnete Musée d'Ennery in Paris.
Die Zeit bringt heute ein großes Museums-Spezial mit Ausblick auf kommende Ausstellungen der Saison. Als "Sensation" wertet etwa Jens Balzer die im November startende Meredith-Monk-Werkschau im Münchner Haus der Kunst, die mit ihren Performances wahre Gesamtkunstwerke schafft. Schon früh beginnt sie, "ihre Stimme nicht zum Singen von Liedern zu nutzen, sondern sie ihrerseits als Material zu betrachten, als Instrument. Sie beginnt, die Möglichkeiten zu erkunden, die der Gebrauch des Atems, der Lippen, der Wangen bietet; und sie beginnt, mit dem ganzen Körper zu singen, mit einem Körper, der sich unablässig in Bewegung befindet: Gesang wird für sie zu einem Ausdruck der körperlichen Präsenz, und nur in dieser Präsenz, auf der Bühne, kommt ihr Gesang auch wahrhaft zu sich selbst. 1966 produziert sie ihre erste Performance, 16 Millimeter Earrings, darin verbindet sie Videobilder mit theatralischen Elementen, sie singt und rezitiert aus Wilhelm Reichs Studie über den Orgasmus und unterlegt das alles mit Tape-Loops, mit Tonbandschleifen aus Stimmen". Wir hören rein:
Außerdem: Der Schriftsteller Clemens J. Setz bereitet uns in einem Essay auf die Ausstellung "Glitch. Die Kunst der Störung" in der Münchner Pinakothek der Moderne vor. Hanno Rauterberg stößt Caspar David Friedrich vom Sockel: Er fand ihn nie "besonders wagemutig". Iris Radisch nimmt Abschied vom Pergamonmuseum. Alexander Cammann empfiehlt einen Besuch im Museum der bildenden Künste in Leipzig, um die Fotografin Evelyn Richter zu entdecken. Jörg Scheller freut sich, dass der Düsseldorfer Kunstpalast mit der Ausstellung "Tod und Teufel: Faszination des Horrors" Adornos Ästhetik widerspricht und zeigt: "Die Präsenz des Horrors in Kunst und Populärkultur, gerade auch die reißerische und überrissene, spielt eine psychosoziale Rolle, die niemand unterschätzen sollte." Und Friedrich von Borries denkt in Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt über die politische Macht von Architektur nach.
Chaïm Soutine: Nature morte aux harengs, Galerie Larock-Granoff, Paris Als eine Wiederentdeckung ersten Ranges bejubelt Georg Imdahl in der FAZ eine Chaïm Soutine gewidmete Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Ein Schlüsselwerk der modernen Malerei gilt es am Rhein zu entdecken, meint Imdahl: kaum ein anderer Maler der Kunstgeschichte habe so konsequent sein Inneres auf der Leinwand nach außen gekehrt: "Was macht sein Œuvre so singulär? Eine ganz und gar eigenwillige Phantasie teilt sich Bild für Bild in der Ausstellung mit, ihre Intensität lässt an Vincent van Gogh, Oskar Kokoschka oder Egon Schiele denken. Ob Porträt, Landschaft oder Stillleben, der Einzelgänger arbeitete ohne Skizze, Studie oder Foto, doch konnte er auch nicht aus dem Gedächtnis malen, sondern nur im Angesicht des Motivs. Offenbar nahm er die Realität tatsächlich so verschroben, so dramatisch und tragisch wahr, wie er sie auf die Leinwand brachte", meint Imdahl mit Blick auf drei magere tote Heringe. "Zur Mahlzeit liegen sie auf dem Teller bereit, aber sind sie wirklich tot? Oder sehen sie nicht vielmehr verschreckt ihrer eigenen Verspeisung ins Auge?"
Die Präsentation der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich geriet 2021 aufgrund der unzureichenden Aufarbeitung der Vergangenheit der namensgebenden Familie, die ihr Vermögen unter anderem NS-Zwangsarbeit verdankt, zum Skandal (unser Resümee). Nun sind die Kunstwerke im Archiv verschwunden. Eine neue, neu kontextualisierte Ausstellung ist geplant. Doch es regt sich Widerstand, wie Timo Posselt auf Zeit Onlinedarlegt, von einer Gruppe Aktivisten, die die endgültige Schließung fordert: Der Historiker Erich Keller hält es, wie Posselt ausführt, insbesondere für notwendig, das Debakel der ersten Eröffnung auzuarbeiten: "Dass ausgerechnet in Zürich ein kulturelles Leuchtturmprojekt in einem kommunikativen Totalschaden endete, liegt laut Keller an den gemeinsamen Interessen der rotgrünen Standortpolitik, jenen des Kunsthauses und der Universität. Die Sammlung Bührle und der dazugehörige Neubau sei in erster Linie als Teil der Stadtentwicklung betrachtet worden, statt als einer der historischen Verantwortung: 'So konnte die Macht der Bührle-Stiftung ihre tatsächliche bei Weitem übersteigen und Zürich sehenden Auges in ein Debakel stürzen.' Das Kunsthaus habe sich mit der Sammlung wohl keine eines überzeugten Nazis ins Haus geholt, aber jene eines 'eiskalten Geschäftsmanns', sagt Keller. Das sei auch daran zu erkennen, wie nahtlos Bührle vom Waffenlieferanten des Naziregimes zum Schweizer Waffenexporteur im Kalten Krieg aufstieg."
Weitere Artikel: Das British Museum erhält einen Übergangsdirektor, weiß Alexander Menden in der SZ. Sein Name: Sir Mark Jones. "Müssen Studierende ihre Haut zu Markte tragen?", fragt Marcus Boxler im Monopol-Magazin. Im Standardstellt Katharina Rustler die Highlights des Wiener Kunstherbstes vor.
Besprochen werden die dem Fotografen Abe Frajndlich gewidete Ausstellung "Chameleon" im Frankfurter Fotografie Forum (FR) und eine Schau von Hundeporträts in der Londoner Wallace Collection (NZZ).
Krassikov-Straße, Erik Bulatov. Foto: The Renaissance Society. FAZ-Kritikerin Kerstin Holm gratuliert dem Künstler Erik Bulatov zum neunzigsten Geburtstag. Er bildete mit dem Maler Ilya Kabakov "das überragende Doppelgestirn der inoffiziellen sowjetrussischen Kunst", so Holm. Über den russischen Konstruktivismus fand Bulatov zu einem eigenen Stil, seine "geometrische Meditationen über Raum und Fläche, seine Bevorzugung klarer Farben und die oft quadratischen Formate setzen die Ikonenmalerei und die Avantgarde gleichermaßen fort." Besonders hebt Holm das Werk "Krassikov-Straße" hervor: Meisterhaft "erzeugt Bulatov mit der Postkartenszene einer Moskauer Neubaugegend, von der Sowjetbürger träumten, eine Atmosphäre der Aussichtslosigkeit. Männer mit hängenden Schultern, Frauen in Druckmustermode ziehen einen schnurgeraden Asphaltpfad entlang, auf dem ihnen von einer Plakatwand mit wehendem Mantel eine triumphierende Lenin-Figur entgegenschwebt wie die Nike von Samothrake. Bulatovs Menschenkörper schimmern regenbogenhaft, als wollten sie sich auflösen wie Luftspiegelungen. Der Sowjetstaat erschien ihm damals ewig, hat Bulatov gesagt, er sei davon ausgegangen, bis ans Ende seiner Tage die ihm wichtigen Dinge nur heimlich tun zu können."
Weiteres: Die französische Schriftstellerin Violaine Vanoyeke hat sich auf dem Friedhof Pierre Lachaise ein Grabmal errichten lassen, erzählt NZZ-Kritiker Rainer Moritz, und zwar ein lebensgroßes Abbild ihrer selbst: "Das Aparte an dieser Selbstbeweihräucherung besteht darin, dass Madame Vanoyeke keineswegs die übliche Voraussetzung für einen Friedhofsplatz erfüllt: Sie ist keineswegs tot und vielmehr quicklebendig. Auf der Grabplatte steht bis jetzt allein das Geburtsdatum. Dort, wo üblicherweise das Todesdatum steht, klafft eine Leerstelle."
Besprochen werden die Ausstellung "Secessionen. Klimt. Stuck. Liebermann." in der Alte Nationalgalerie Berlin (NZZ) und die Ausstellung "Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds" im Augustinermuseum Freiburg (FAZ).
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