Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2023 - Kunst

Paul Delvaux, Das Viaduct. © Foundation Paul Delvaux, Koksijde, Belgium / VEGAP - SABAM. Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemysza.


FAZ-Kritiker Paul Ingendaay taucht im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid ab ins "Reich der Schatten, der Ängste, des Aberglaubens und geheimen Wissens". Das Museum hat seine Sammlung auf "Spuren des Okkulten" untersucht und fördert so einige Kuriositäten zu Tage, so der angenehm gegruselte Kritiker. So erscheint Edvard Munchs Ölgemälde "Abend" von 1888 noch viel unheimlicher, wenn man per Röntgenverfahren die zweite Frauenfigur entdeckt, die vom Künstler später wieder übermalt wurde, erfahren wir. Sensationell ist vor allem eine Entdeckung, die man in José de Riberas berühmter Pietà von 1633 machen kann. Man sieht sie aber nur, wenn man ganz nah an das Bild herangeht, verrät der Kritiker, dann blickt es nämlich zurück: "Tatsächlich, ein Auge, gleich unterhalb des linken Oberarms Christi; eher kein wohlwollendes, sondern ein kritisches, vielleicht sogar wütendes Auge. Kunstvoll simulieren die Falten des Leichentuchs den Ausschnitt eines Gesichts. Sollen wir darin das Auge des Malers sehen? Oder das Auge Gottes, das aus dem Leichentuch heraus auf das Leiden seines Sohnes schaut? Und was, wenn es sich um den Blick des Bösen handelte - welches nach alter christlicher Auffassung niemals schläft, sondern stets wachsam die Augen offen hält? Wie es sich für eine Ausstellung über das Okkulte und Geheime gehört, werden unsere Fragen an die Kunst nicht weniger, sondern mehr."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Plastic World" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (SZ) (unser Resümee).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2023 - Kunst

Sun Mu, "Lied des Friedens", 2018


Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel den aus Nordkorea stammenden Maler Sun Mu, der gerade im Berliner Kunstraum Meinblau ausstellt. Der Künstler, der in seinem Heimat längst Persona non grata ist, war ursprünglich regimetreuer Propagandamaler, floh in den 1990er Jahren nach Südkorea und träumt in seinen Werken von einem vereinten Korea: "Sun Mu ist ein lockerer, angstfreier Typ. Ein Mann der direkten Botschaften und kräftigen Farben, subtil ist nichts in seiner Kunst, satirisch subversiv aber schon. Dass sich Sun Mu auch als Menschenrechts- und Friedensaktivist sieht, wie Bernhard Draz anmerkt, lässt sich eins zu eins draußen an der Hauswand ablesen, wo die Flaggen von Nordkorea und den USA vom Dach herunterbaumeln. Unten verschlungen zu einem Knoten, der das spannungsreiche Verhältnis der Staaten symbolisiert. Wie die Arbeit heißt? 'Knot', Knoten, grinst Sun Mu. Doofe Frage, wie auch sonst."

Zanele Muholi, Brave Beauties, Durban 2020


Beeindruckt steht Philipp Meier (NZZ) im Kunstmuseum Luzern, wo die südafrikanische Fotografin Zanele Muholi ihre Porträtfotos ausstellt. Muholi will mit ihren Arbeiten gegen die Verfolgung Homosexueller in ihrer Heimat protestieren, die immer öfter durch "korrigierende Vergewaltigungen" geheilt werden sollen. "Hunderten von lesbischen und bisexuellen Frauen sowie Transpersonen hat Zanele Muholi mit ihrer Fotokunst ein Gesicht verliehen. Sie ist eine Vorkämpferin der queeren Lebenswelt Südafrikas. Und diese erhält in der Ausstellung im Luzerner Kunstmuseum ein eindrücklich schillerndes Antlitz. Was darin zu lesen steht: Wut, Trotz, aber auch Wunsch nach Selbstbestimmung und Suche nach einer eigenständigen Identität. ... 'Wir 'queeren' den Raum, um ihn einzunehmen und um sicherzustellen, dass Schwarze Trans-Körper ebenfalls Teil des öffentlichen Raums sind', sagt Muholi. Damit sind ihre Bilder auch ein hochpolitisches Statement."

Ursula Scheer schreibt in der FAZ über einen komplexen Fall möglicher Beutekunst: Ein Zuschauer der BR-Sendung "Kunst + Krempel" identifizierte 2008 ein dort vorgestelltes Objekt als ein Tafelbild des Belgischen Malers Frans Francken des Jüngeren. Bis 1945 hing das Bild im Hitler'schen Führerbau. Jedoch: "Kurz nach Hitlers Selbstmord in Berlin schon wurde das Münchner Depot geplündert. Es ist immer noch einer der größten ungeklärten Kunstdiebstähle des vorigen Jahrhunderts. Die meisten gestohlenen Objekte sind nie wieder aufgetaucht - Frans Franckens 'Bergpredigt' allerdings schon." Am 21. September soll das Werk nun versteigert werden, doch noch sind zahlreiche Fragen offen: "Denn wem das Gemälde einst gehörte, ob es womöglich aus jüdischem Vorbesitz stammt, ist immer noch unklar. Weiter zurück als bis 1943 reicht die Provenienzgeschichte nicht, trotz aller vom Auktionshaus und der Einlieferin unterstützter Recherchen Klingens mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte."

Weitere Artikel: Jana Talke unterhält sich im Monopol-Magazin mit dem ukrainisch-russischen Künstler Nikolau Estis. Jana Ballweber berichtet in der FR über Sicherheitslücken im IT-System des Auktionshauses Christie's.

Besprochen werden die Anton-Kokl-Schau im Museum Wiesbaden (FR), die online-Ausstellung "De-Zentralbild" über Migrant:innen in der DDR (Tagesspiegel) sowie die Ausstellungen "Das Leben des BODI" im LVR-Landesmuseum Bonn (FAZ), "Farbe Bild Raum. Bart van der Leck im Dialog" auf der Insel Hombroich (taz), "Oscar Tuazon. Was wir brauchen" in der Kunsthalle Bielefeld (taz), "Paul McCartney Photographs 1963-64" in der National Portrait Gallery London (NZZ) und "Diva" im Victoria & Albert Museum London (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2023 - Kunst

Der neue Mensch, der Ansager, der Konstrukteur. El Lissitzky: Das Selbstbildnis als Kestner Gesellschaft, Installationsansicht, Foto: Volker Crone, 2023 

"Tiefe Spuren" hinterließ der russische Avantgardist El Lissitzky bei seinem ersten Besuch in der Kestnergesellschaft in Hannover im Jahr 1923, weiß FAZ-Kritiker Georg Imdahl. Dort, wo er seine allererste Einzelausstellung hatte, kann man in einer Gruppenschau nun eine Auswahl von Arbeiten des Konstruktivisten betrachten, so Imdahl: Lissitzky war "ein Multitalent, das Kunst und Ästhetik als sozialutopischen Transmissionsriemen auffasste und die schneidige Form als Ausdruck von Fortschritt und Zukunft begriff". Ergänzt werden seine Arbeiten durch eine Auswahl von Werken seiner künstlerischen Nachfolger: "Einen alten Drahtzaun, einen roten Anorak und rohe Holzplatten kombiniert Martin Boyce, Jahrgang 1967, zu einem Mobile. Der schottische Bildhauer triggert damit Insignien der Moderne: das Raster, die Abstraktion, das Objet trouvé - prosaisch, aber völlig illusionslos. Gute Wahl auch dies: Marysia Lewandowska lässt Lissitzkys spätere Frau, Sophie Küppers, in einer fiktiven Rede als ebenso fiktive Leiterin der Kestnergesellschaft anno 1923 zu Wort kommen. Geschickt lässt die 1955 geborene Polin sie nicht nur informativ über die damalige Kunstszene sprechen, sondern auch über ihre Rolle als Frau und Mutter."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Thomas Thiel über eine Frankfurter Tagung, die sich mit der Frage auseinandersetzte, ob Kunst noch autonom ist. Die türkische Kunstszene ist in Aufruhr, berichtet Susanne Güsten im tagesspiegel: Die Istanbuler Stiftung für Kultur und Kunst (IKSV) benannte überraschend die britische Kunsthistorikerin Iwona Blazwick als Kuratorin für die 18. Biennale Istanbul, und nicht die vom Expertenbeirat einhellig empfohlene türkische Kuratorin Defne Ayas.

Besprochen wird die Augmented-Reality-Ausstellung "Apis Gropius" der serbischen Performance- und Installationskünstlerin Ana Prvački im Gropius Bau Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2023 - Kunst

Mona Hatoum: "Remains of the day". Foto: Kunsthaus Zürich. 

NZZ-Kritiker Philip Meier sieht in der Ausstellung "Stellung beziehen" im Kunsthaus Zürich zwei Künstlerinnen aus unterschiedlichen Epochen in einen kraftvollen Dialog über erlebtes Leid treten. Wie "ein Schlag ins Gesicht" wirken Käthe Kollwitz' schwarz-weiße Druckgrafiken, in denen sie Krieg und Tod verarbeitet und sind dabei, das sollte man ob der Eindringlichkeit der Bilder nicht vergessen, von hoher technischer Qualität, so Meier. Auf eher "poetisch-symbolische" Weise intervenieren die Kunstwerke der in Beirut geborenen Künstlerin Mona Hartoum: "Ein überdimensionierter Rosenkranz aus schwarzen Kanonenkugeln liegt da ausgebreitet auf dem Boden ('Worry Beads'). Assoziationen zu Religion und Gewalt kommen auf. In schwarzen Stahlkäfigen leuchten blutrot amorphe Glasobjekte, die an Brüste, Blasen, Mägen oder an andere Organe erinnern ('Cellules'). Da berührt sich schön-schreckliche Ästhetik mit Kritik an Machtstrukturen, Kontrollmechanismen und Formen der Körperstrafe."

Weitere Artikel: In der FAS findet der französische Kunsthistoriker Jean Pierre de Rycke heraus, wer die historische Person hinter Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" war. Modell für die nachdenkliche Rückansicht stand aller Wahrscheinlichkeit zu Folge der Forstbeamte Karl Albrecht Holte von den Brincken.

Besprochen werden die Ausstellung "Action, Geste, Peinture. Femmes dans l'abstraction, une histoire mondiale (1940-1970)" in der Fondation Vincent van Gogh in Arles (FAS), die Ausstellung "Im Freien" mit Werken des Künstlers Norbert Bisky im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst in Zwickau (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2023 - Kunst

Michael Armitage: Tea Picker, 2023. Foto: Markus Tretter. Bildrechte: Michael Armitage und David Zwirner Forman Family Collection.

"Seine Kunst lebt von dieser nagelspitzen Mehrdeutigkeit, der Umkehr der Perspektive und von den beunruhigenden historischen Narben, die das Lachen im Hals stecken lassen", schreibt eine beeindruckte Alexandra Wach in der FAZ zu dem britisch-kenianischen Maler Michael Armitage und seiner Ausstellung "Pathos and the Twilight of the Isle" im Kunsthaus Bregenz. Die Einflüsse, die sich in den Gemälden zeigen, sind vielfältig, leben aber "vor allem vom überbordenden Gestus des Malerischen. Es ist aber auch die Mischung aus Mythen, Erinnerung und surrealen Phantasien: Armitage verknüpft sie mit ostafrikanischen Kunsttraditionen und postkolonialen Realitäten. Zugleich gelingt es ihm, an europäische Maler wie Manet oder Cézanne anzuknüpfen und Landschaften, die nur wenige dieser Titanen bereisten, gegen jede Exotik politisch aufzuladen", lobt Wach, während sie auf eine an Gaugin erinnernde Frauengruppe blickt, die Armitage auf löchrigem Lubugo gemalt hat, einem Stoff, der aus Feigen gewonnen wird: "Während man die hochgesteckten Haare der Frauen in rosa Kleidern betrachtet, die sich dem erotisch aufgeladenen tansanischen Tanz Baikoko hingeben, kommt man nicht umhin, die Falten und geflickten Risse ins Visier zu nehmen, die der Leinwand bei aller Entrücktheit des Motivs den Charme eines Schlachtfelds verleihen.

Tolle Künstlerin, aber besonders viel Mühe scheint sich Direktor Klaus Biesenbach mit der Ausstellung "75/75" von Isa Genzken in der Neuen Nationalgalerie nicht gegeben zu haben, bedauert Hans-Jürgen Hafner in der taz und wendet sich den grundlegenden Problemen zu, die er darin sieht: Die Preußenstiftung, zu der die Nationalgalerie gehört, "ist fehlkonstruiert, überverwaltet und unterfinanziert. Vom Tisch ist die Empfehlung der einst von Grütters eingesetzten Wissenschaftsrat-Experten, den Museums-, Bibliotheks- und Archivgiganten in Fachabteilungen aufzuspalten." Die angestrebte Reform kommt auch nicht so richtig in die Gänge: "Dass sich nach einer Stiftungsratssitzung im Juli 'sämtliche Bundesländer weiterhin an der Finanzierung der Stiftung beteiligen wollen', klingt gut, aber nicht neu. So wirkt es zu gleichen Teilen heroisch und verloren, wenn Klaus Biesenbach jetzt den Ball bei den einzelnen Museen sieht: 'Wir müssen mit den Innovationen anfangen.'"

Besprochen wird Ika Hubers Ausstellung "À la Recherche" in der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2023 - Kunst

Vincent van Gogh: "Sternennacht". 1889

Noch eine Van-Gogh-Ausstellung, möchte man zunächst seufzen. Aber das New Yorker Metropolitan Museum of Art konzentriert sich auf einen in der Kunstgeschichte bisher kaum beachteten Aspekt in den Gemälden von Vincent van Gogh: Die symbolische Bedeutung der Zypressen. Vor allem in den Jahren vor seinem Selbstmord malte Van Gogh immer wieder Zypressen, schreibt auf Hyperallergic Daniel Larkin, der dem verdienstvollen Ausstellungskatalog entnimmt, wie intensiv sich Van Gogh in Literatur über die Morbidität der Zypresse vertiefte, etwa in Victor Hugos Gedicht "Les Derniers Bardes". "Weithin als Symbol des Todes verstanden und lange Zeit mit Friedhöfen und dem Makabren in Verbindung gebracht, boten diese Bäume ein künstlerisches Ventil, als van Goghs eigene Sorgen sich vertieften und seine Selbstmordgedanken sich verschlimmerten."

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit Bildern von Christian August in der Berliner Galerie Burster (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2023 - Kunst

Adolph Menzel, "Rabbi von Bagdad", ca. 1851


Begeistert berichtet Stefan Trinks in der FAZ von einer Adolph-Menzel-Ausstellung im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, die sich dem Shakespeare-Enthusiasmus des Künsters verschrieben hat. Zeitlebens hatte Menzel seine Theaterbesuche in Bildern reflektiert, führt Trinks aus, die entstandenen Bilder seien weitgehend unbekannt und jetzt quasi komplett in Schweinfurt zu besichtigen. Eine obskure Fußnote der Kunst- und Theatergeschichte? Keineswegs, denn die Ausstellung ermöglicht einmalige Begegnungen: "Einer der größten Schätze der Schweinfurter Sammlung, der 'Rabbi von Bagdad', das en face gegebene Brustbild eines jüdischen Priesters im Festornat von 1856/80, kommt dem Betrachter mit nach vorne geneigtem Kopf derart nahe, dass dieser die geröteten Liddeckel, das Gelb im Weiß der Augen und die winzigen Schweißpartikel auf der Halbglatze wahrnehmen und das Gefühl haben muss, dieser Nathan der Weise stehe ihm in einem Theatermonolog am Bühnenrand direkt gegenüber und fordere eine Positionierung im großen Ringen um Toleranz von ihm."

In der FR amüsiert sich Judith von Sternburg über das Verschwinden von gleich 100 Richard-Wagner-Statuen (siehe unter anderem hier), die bis vor Kurzem vor dem Bayreuther Festspielhaus aufgestellt waren: "Nun ist es so, dass Ottmar Hörls Richard-Wagner-Figuren einem auf die Nerven gehen können. Andererseits sind sie possierlich. Andererseits geht es immerhin um Richard Wagner. Andererseits muss ein bisschen Spaß schon sein. Andererseits ist es wegen des ganzen Personenkults ernsthaft gut, dass sie possierlich sind. Andererseits hat es eine beleidigende Seite, wenn man bedenkt, dass Wagner selbst 1,66 Meter groß war. Andererseits war Beethoven 1,62, Schubert 1,56."

Weitere Artikel: Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel das Berliner Atelier der Künstlerin Heike Kati Barath, deren Arbeiten gerade in der Gruppenausstellung "Ernsthaft?! Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst" in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind. Nadia von Maltzahn berichtet im Tagesspiegel vom Wiederaufbau des bei der Explosion im Hafen von Beirut schwer beschädigten Sursock-Museums in Beirut.

Besprochen werden die Ausstellungen "Magdalena Abakanowicz. Textile Territorien" im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne (Tsp), Wandmalereien von Bridget Riley in der Berliner Galerie Hetzler (Tsp), "Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule" im Kulturzentrum Rendsburg (taz) und die der Transzendenz gewidmete Ausstellung "Calling" im Düsseldorfer Kunstverein (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2023 - Kunst

Installationsansicht von "Eye to Eye", Chiharu Shiota. Foto: Haus Konstruktiv, Zürich.

Unheimlich schweben Chiharu Shiotas spinnennetzartige Kunstwerke im Raum, sodass NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "Eye to Eye" im Haus Konstruktiv in Zürich kaum die Augen abwenden kann. Die "Fadeninstallationen" der japanischen Künstlerin sind weltberühmt, in ihrer Mitte "halten sie die verschiedensten Objets trouvées gefangen", so der Kritiker, meistens Alltagsgegenstände: "Dass bei Chiharu Shiota dem Auge eine besondere Bedeutung zukommt, zeigt sich gerade an dieser faszinierenden Rauminstallation mit dem Titel 'Eye to Eye' von 2023. An der überwältigenden Menge von blutroten Fäden, eigentlich sind es dünnere Seile, hängen Tausende von Brillen. Es sind getragene Sonnen- und Korrekturbrillen, welche die Künstlerin über die Jahre gesammelt hat. Einige von ihnen weisen zerbrochene Gläser auf, andere Beispiele wirken durch die stumpf gewordene Tönung der Sonnenbrillengläser wie erblindet. Wir aber blicken gebannt auf dieses Augenmeer von unzähligen Sinnfäden und Assoziationen, die uns mit einem grösseren Geflecht von Bedeutungen verknüpfen."

Weitere Artikel: Sophie Jung spricht für die taz mit dem Juristen Michael Mai, der die Kuratorinnen Elke Gruhn und Yama Rahimi bei der Konzipierung der virtuellen Ausstellung "Hidden Statement" des Kunstvereins Wiesbaden unterstützt, die afghanische Künstlerinnen zu Wort kommen lässt, die im Land festsitzen. Die Künstlerinnen auszustellen und sie gleichzeitig vor dem Regime zu schützen, ist nicht einfach, so Mai: "Der einzige gangbare Weg für die Ausstellung war also die komplette Anonymisierung der Künstler:innen. Bei 'Hidden Statement' werden nur Pseudonyme verwendet und die biografischen Angaben sind so reduziert, dass eine Rückverfolgung ins Leere führen würde."

Besprochen werden die Ausstellung "Fake, Figuren und Fiktion - Die bewegte Welt des Franz Winzentsen" im Kunsthaus Stade (taz) und die Ausstellung "Anna Boch. Eine impressionistische Reise" im Mu.ZEE in Ostende (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2023 - Kunst

Hito Steyerl, 2019. Foto: Dominik Butzmann / re:publica unter CC-Lizenz
In einem ausführlichen Interview mit Jörg Häntzschel spricht Hito Steyerl in der SZ unter anderem über "art washing", die Förderung von Kunstprojekten durch große Konzerne, die lediglich der eigenen "Reputationspflege" dient: "Wir haben es gerade erst erlebt mit Palantir bei der Leipziger Ausstellung 'Dimensions'. Die haben das genutzt, um aggressiv ihre neuen Produkte, ihre militärische KI anzupreisen. Es gibt in Deutschland viele große Konzerne, die teils in der Nazizeit gegründet worden sind oder damals große Teile ihres Vermögens erwirtschaftet haben, und jetzt über ihre Stiftungen in Kunst- und Wissenschaftsförderung involviert sind." Außerdem blickt sie zurück auf den Skandal bei der Documenta: "Ich habe unterschätzt, wie erbittert dieser Kulturkampf um den BDS ausgefochten wird. Da geht es nur vordergründig um Israel oder Palästina. Das sind Vorwände für Machtkämpfe zwischen Fraktionen der deutschen Kultur-Bürokratie, auch um den Bundestagsbeschluss. Wenn man Rassismus gegen Antisemitismus ausspielt, kann nichts Gutes rauskommen, zumal in Deutschland."

Der Münchner Kunstverein wird zweihundert Jahre alt: in der taz unterhält sich Tal Sterngast mit der Direktorin Maurin Dietrich und dem ehemaligen Leiter Bart van der Heide.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2023 - Kunst

Ulla von Brandenburg, It Has A Golden Sun and An Elderly Grey Moon, 2016, Super-16-mm, Farbe, Sound, 22:25 min., Photos © Martin Argyroglo, Courtesy the Artist


Film, Bühne, Design - manchmal weiß man nicht wo man ist in der Ausstellung von Ulla von Brandenburg, "It Has a Golden Sun and an Elderly Grey Moon", die die Städtische Galerie Karlsruhe gerade zeigt, schreibt Katinka Fischer in der FAZ. Farben und Stoffbahnen spielen jedenfalls eine Hauptrolle, auch in ihrer Filmtrilogie: "Darin geht es um den Ausbruch einer bunt gewandeten Gruppe aus einer streng geregelten und durch geheime Riten bestimmten Parallelwelt in die Natur, wo weder Alters- noch andere Grenzen gelten. Eine erlösende Balance aus Regeln und Freiheit verheißt am Ende der gemeinsame Tanz. Eine schöne Utopie. Zu einem surrealen Liedtext montierte Fragmente aus Goethes Farbenlehre steigern die Theatralik dieser Vorgänge, die an die Künstlerkolonie des Monte Verità ebenso wie an Rudolf Steiners Eurythmie denken lassen, und geben von Brandenburgs Interesse an der Farbe zugleich weiteren Ausdruck. Indes erzählen die Filme, in denen sie ihre Mittel sparsamer einsetzt, überzeugendere Geschichten. Wenn zum Beispiel Röcke zu Theatervorhängen werden, von denen einer nach dem anderen aufgeht, ohne dass je offenbar wird, was und ob sich überhaupt etwas dahinter verbirgt."

Boris Pofalla besucht für die Welt das Haus der Kulturen der Welt und die Eröffnungsausstellung "O Quilombismo!" der neuen Intendanz von Bonaventure Ndikung. Mit dem Geist des Hauses hat sie nicht viel zu tun, findet er: "Es ist sehr viel von Wurzeln, von Affirmation und Bewahrung die Rede", seufzt er. "In der Rhetorik der Schau ist ein Künstler jemand, der eine Kultur, eine Tradition, ein Volk in seinem Werk zu Wort kommen lässt, die Geister und Erfahrungen der Vorfahren belebt und sich ihnen gegenüber respektvoll verhält. Der westliche Kunstbegriff dagegen verlangt radikale Individualität, Zertrümmerung der Vorgänger und Kritik an der eigenen Gesellschaft. Nur einmal taucht in der über das ganze Haus und die Gärten verteilten Ausstellung die eigentlich naheliegende Idee auf, dass Wurzeln, Traditionen und Überliefertes auch mal hinter einem gelassen werden müssen - in dem Video 'We Are Not Your Monkeys' von 1996, das sich gegen die Verachtung der Kaste der Dalit, der 'Unberührbaren' richtet."

L'Annunziata di Antonello da Messina, 1475. Foto: The Yorck Project / Wikipedia unter cc-Lizenz


Für Bilder und Zeiten (FAZ) betrachtet Eberhard Rathgeb in der Villa Abatellis in Palermo lange Antonello da Messinas Gemälde "Maria der Verkündigung": "Ihr Gesicht und ihre Körperhaltung, in denen sich weder heilige Ergebenheit noch heilige Furcht zeigen, verraten sofort, dass sie nicht versteht, wie es möglich ist, dass sie, ohne mit einem leibhaftigen Mann ins Bett gegangen zu sein, hat schwanger werden können. Die Engel an ihrer Seite, die etwas bedrückt aussehen, als wüssten sie sich und ihr in diesem Dilemma nicht zu helfen, können diesen Einbruch des Profanen und Alltäglichen in die von ihrem Dienstherrn im Himmel angezettelte Geschichte nicht mildern. ... Sie sieht nachdenklich und trotzig aus, als würde sie damit hadern, dass sie schwanger wurde, obwohl sie nur masturbiert hat. Eine menschliche Regung, Trotz, Empörung, stellt den göttlichen Anspruch auf Kniefall und gläubigen Gehorsam infrage und lässt aus einer Madonna wieder eine Frau aus dem Volk werden, die sich nicht gerne von jemandem etwas vormachen lässt."

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe besucht für die FR die Sommerausstellung "Rohkunstbau" im Schloss Altdöbern im Spreewald. Rewert Hoffer unterhält sich für die NZZ mit der Fotografin Herlinde Koelbl über Imagepflege in der Politik. Henning Kober stellt in der FAZ die Künstlerin Hani Hape vor, die Helmut-Newton-Fotos kopiert, die fotografierten Frauen aber mit Männern ersetzt. Stefan Trinks schreibt in der FAZ zum Tod des Malers Brice Marden.

Besprochen werden die Ron-Mueck-Ausstellung in der Fondation Cartier in Paris (Welt) und eine Kabinettausstellung zum Schreiben mit der Hand im Deutschen Romantik-Museum (FR).