Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2023 - Kunst

FAS-Kritikerin Tal Sterngast lässt sich in der Fondation Louis Vuitton von Mark Rothkos "Farbwolken" umhüllen, die dort in einer großen Retrospektive zu sehen sind. Spannend findet die Kritikerin aber vor allem, dass die Ausstellung die lange Entwicklung zeigt, die Rothko durchlief, bis er die figurative Malerei und "das Unterirdische und das Unbewusste verlassen" konnte und "in den Himmel der Abstraktion" aufstieg, wie Sterngast beobachtet: "Rothko brauchte mehr als zwanzig Jahre, um sich von Figuren, Linien und Körpern zu befreien und die radikale Auflösung der Bildgrenzen und die metaphysische Abstraktion vibrierender Farbflächen zu erreichen, für die er später berühmt wurde. Die chronologisch konzipierte Ausstellung, die sich über vier Stockwerke und elf Säle erstreckt, lädt dazu ein, nachzuvollziehen, an welchem Punkt es Rothko gelingt, dass, wie er es ausdrückte, die Malerei 'Wunder vollbringt'...Auf dem Weg durch den vierten und fünften Saal - etwa Mitte der 1950er-Jahre - beginnen sich die Farbwolken in den Gemälden zu verdichten. In den meisten Gemälden sind zwei oder mehr mit dem Pinsel aufgeriebene Farbblöcke oder -streifen mit subtil variierendem Glanz übereinander angeordnet, der Kontrast zu ihrem Hintergrund trennt sie voneinander. Die Farbe erfüllt den Raum."

Frans Hals, 'The Lute Player', before 1623-4. Musée du Louvre, Paris © RMN-Grand Palais (musée du Louvre) / Mathieu Rabeau 


So lebensnah erscheinen Welt-Kritiker Boris Pofalla die Figuren von Frans Hals, dass er glaubt, ihr Lachen in den Sälen der National Gallery in London widerhallen zu hören. Spezifisch für das Werk des niederländischen Maler ist, weiß der Kritiker, dass er nicht nur angesehene Bürger malte, sondern sich auch in den schummrigeren Ecken der Gesellschaft umsah: "Recht bekannt ist sein Bild 'Malle Babbe'...Es zeigt aller Wahrscheinlichkeit nach eine geistig behinderte Frau, die in Haarlem stadtbekannt war. Wie malte nun Frans Hals diese Person, die am unteren Ende der sozialen Leiter stand? Mit genau derselben Individualität und Hingabe wie seine Auftragsporträts. Die Eule auf ihrer Schulter kann für das niederländische Sprichwort stehen, betrunken wie eine Eule zu sein, oder aber für Weisheit (eindeutig lesbare Symbole sind selten bei Hals). Das Lachen der 'verrückten Barbara' ist auf dem Bild direkt assoziiert mit dem geöffneten Zinnkrug, aus dem sie eben noch getrunken zu haben scheint."

Besprochen werden die Ausstellung Juergen Teller: "I need to live" im Grand Palais Éphémère Paris (FAS) und die Ausstellung "James Gillray: Charakters in Caricature" im Gainsborough's House in Sudbury (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2023 - Kunst

Weiteres: FAZ und SZ trauern um den Kunsthistoriker Alexander Perrig, der sich besonders um die Erforschung des Werks Michelangelos verdient gemacht hat. Greifswald bereitet sich auf das Caspar-David-Friedrich-Jubiläumsjahr vor, berichtet die FR, rund 200 Veranstaltungen sind geplant.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Lyonel Feiniger. Retrospektive" in der Kunsthalle Schirn (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2023 - Kunst

Bild: Tiny, Halloween, Seattle, Washington, 1983 © Mary Ellen Mark, Courtesy of The Mary Ellen Mark Foundation and Howard Greenberg

Ganz gleich, ob Mary Ellen Mark Mutter Theresa, Prostituierte, Hollywoodstars, Kranke oder Teenager bei Abschlussbällen fotografierte - stets waren ihre Porträts geprägt von tiefem Respekt, erkennt Andrian Kreye, der in der SZ in der Mark-Retrospektive "Encounters" im c/o Berlin bewundert, wie viel Zeit sich Mark für die Porträtierten nahm. Manchmal lebte sie am Rand der Gesellschaft, bei den Menschen, die sie mit der Kamera begleitete, etwa, als sie 1983 für das Life Magazine eine Gruppe von Teenagern in den Straßen von Seattle fotografierte: "Es war vor allem Erin Blackwell mit dem Spitznamen Tiny, die sie zu ihrer Hauptfigur machte. Das Mädchen hatte mit 14 schon ihre ersten zwei Verhaftungen wegen Prostitution hinter sich und träumte davon, auf einer Pferdefarm zu leben, Geld für Diamanten und Edelsteine und zehn Kinder zu haben. Von Tiny machte Mark auch ihr vielleicht bekanntestes Foto, ein strenges Porträt, auf dem das Mädchen an Halloween ein schwarzes Kleid und einen Hut mit Schleier trägt. Sie könnte zu einer Cocktailparty unterwegs sein, nur an ihrem Gesicht kann man ablesen, was für eine Härte in diesem Leben lauert."

Adriaen van Utrecht: Großes Stillleben mit Hund und Katze, 1647. Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Zwischen Fischtellern und Blumenpracht im Übermaß entdeckt Andreas Platthaus (FAZ) "Zeitlose Schönheit" - so der Titel der Ausstellung der Dresdner Galerie Alte Meister, die derzeit Stillleben aus der eigenen Sammlung zeigt und quer durch die Kunstgeschichte führt: "Die wahre Dramatik der Stillleben-Kunst bieten einmal mehr die verlassenen Festtafeln. Nicht die wandfüllenden Darstellungen von Frans Snijders, die eher lautes Leid anklingen lassen, das bei der Jagd aufs angehäufte Wild oder den Mühen des Imports exotischer Früchte entstanden sein muss (im Gegensatz zum Katalog kann die Saalbeschriftung gar nicht genug auf niederländischen Kolonialismus verweisen), sondern die subtilen Anordnungen auf kleinen Genrestücken, deren Porzellan- oder Glasgeschirr an den Kanten der Tische und Konsolen ständig vom Absturz bedroht scheint. Deren Pasteten wie explodierte Granathülsen inmitten der Damast- und Silberpracht liegen. Oder deren Totenköpfe im Halbdunkel der Randzonen als Buchstützen dienen. Die prekäre Balance des Lebens ist das Thema dieser Malerei, und sie auf vordergründige politische Aussagen aus heutiger Perspektive zu bringen greift zu kurz, denn diese Bilder übten grundsätzliche Kritik an der menschlichen Existenz."

Außerdem: Im Monopol-Magazin denkt Jens Hinrichsen über Kunst unter dem wachsenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz nach. Nachrufe auf den im Alter von 68 Jahren gestorbenen New Yorker Künstler Pope.L bringen Hyperallergic und Monopol.

Besprochen werden die Ausstellungen "Naturtalent - 300 Jahre Pascha Weitsch" und "#Weitsch Reloaded - Harz. Fotografie. Heute" im Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig und die Ausstellung "Pascha Weitsch zum 300. Geburtstag" im Städtischen Museum Braunschweig (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2023 - Kunst

James Ensor, Rochen. 1892. © Foto: J. Geleyns - Art Photography


Alexandra Wach ist für den Tagesspiegel nach Ostende gereist, wo das Kunstmuseum aan Zee zum Auftakt des James-Ensor-Jahres 2024 dem Maler die Ausstellung "Rose, Rose, Rose à mes yeux" widmet: "Wie Édouard Manet, der um eine Generation ältere französische Impressionist, erkannte Ensor im Stillleben den eigentlichen 'Prüfstein des Malers'. Denn wer unspektakuläre Gegenstände wie Muscheln oder Geschirr so zu malen verstand, dass sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sei auch für scheinbar bedeutsamere Themen geeignet. Ensors Bilder wirken dank der aufgehellten Palette spontan und leicht, während viele seiner Zeitgenossen mit einer dunkel gehaltenen Flut von Schalen, Krustentieren, Vögeln und Wild überwältigen wollten. Zu sehen gibt es auch bei ihm Blumen, Schmuck oder Beispiele für asiatisches Kunstgewerbe. Doch fühlt man sich von seiner Auswahl nie bedrängt. Vielleicht, weil sie eine Bühne herstellt, auf der auch existenzielle Aspekte eine Rolle spielen. Wenn er etwa den Kopf eines Rochens gegen ein Stück Holz lehnt, schaut dieser wie eine Maske aus."

Außerdem: Manuel Brug bewundert für die Welt venezianische Malerei in der Alten Pinakothek in München.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2023 - Kunst

Heilige Geschäfte mit Christian Jankowski in Lübeck. Foto: Lübeck Tourismus


In Deutschland haben in diesem Jahr 9000 Geschäfte dicht gemacht, von aufgegebenen Büros gar nicht zu reden. Das läuft jetzt alles digital, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Was tun mit dem ganzen Platz? Der Künstler Christian Jankowski hatte eine Idee und in Lübeck ein paar aufgegebene Kirchen mit Schlafsofas und anderem möbliert. Genial, findet Maak: "Menschen lagen hier in den Kissen, als seien sie zu Hause, der Effekt war fast surrealistisch und vollkommen erstaunlich: Die Trennung zwischen dem öffentlichen Raum (der durch die Folgen der Digitalisierung gerade in großen Teilen verödet) und dem privaten Wohnzimmer (von dem aus online gearbeitet und online eingekauft wird) verschwamm. ... Schon heute stellen Museen wie die Tate Modern fest, dass gerade jüngere Menschen die Foyers der Ausstellungshäuser als kollektives Wohnzimmer nutzen; dass sie sich dort treffen und ganze Tage verbringen und tun, was früher auf dem Marktplatz stattfand: Informationen austauschen, Dinge kaufen, die Vorbeigehenden beobachten."

Im Interview mit monopol gibt Kuratorin Elena Sinanina, Mitorganisatorin des vom Hauptstadtkulturfonds unterstützten interdisziplinären Festivals "Black Land, Red Land - Restitute", ein hervorragendes Beispiel für Diskussionssimulation. Bei dem Festival ging es um Fragen "nach Herkünften dieser Objekte, nach Besitzverhältnissen, nach Dominanz-Verhältnissen, nach Zugängen, nach Exklusionen und der Frage, wer bestimmt über diese Zugänge, wer entscheidet, welche Bedeutungen zu den Artefakten zirkulieren, wer verfügt über Zugänge? Und wie lässt sich das auf die koloniale Vergangenheit beziehen?" Als postkoloniale Kritik möchte das Sinanina nicht verstanden wissen, sondern nur als "Annäherung". Auch auf die Frage, ob zum Beispiel die Nofretete nach Ägypten zurück sollte, möchte sie lieber nicht konkret antworten: "Das ist natürlich eine vielschichtige Diskussion. Und was ich aus künstlerisch-kuratorischer Perspektive versuche, ist, der Komplexität der Fragestellung gerecht zu werden. Als wir mit unserem Team, zu dem Yunus Ersoy, Anne Diestelkamp aber auch am Festival Beteiligte wie der Sozialwissenschafter Fazil Moradi begannen, uns diesen Institutionen und ihren Argumentationsmustern zu nähern, musste ich feststellen: Je mehr wir uns damit beschäftigen, desto weniger verstand ich von den sogenannten Argumentationen und Begründungszusammenhängen, und von dem, was vielleicht verschleiert oder verleugnet werden soll."

Besprochen werden die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, zusammen mit Florian Illies' Buch "Zauber der Stille" (FAS)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2023 - Kunst

Max Oppenheimer: Die Philharmoniker. Artothek des Bundes, Dauerleihgabe im Belvedere, Wien.
Max Oppenheimer war ein Künstler, "der seine Homosexualität genauso wenig verbirgt wie seinen Hass auf die Lordsiegelbewahrer akademischer Malerei", stellt Paul Jandl für die NZZ in der Ausstellung "Expressionist der ersten Stunde" im Wiener Leopold-Museum fest. Sein Lebensweg führt ihn von Stadt zu Stadt: Er "ist 1916 Mitbegründer des Zürcher Cabaret Voltaire. Das Berlin der zwanziger Jahre genießt der Maler als Stadt der lockeren Sitten und des erhöhten Tempos. In Oppenheimers dynamischen und krachend farbigen Bildern sind die Fahrer eines Sechstagerennens porträtiert. Schachspieler wirken in der kybernetischen Kunst von Oppenheimer genauso beschleunigt wie das Gesicht Thomas Manns." Im New Yorker Exil ist auch er von der Geschwindigkeit der Stadt überwältigt: "Fast zwei Jahrzehnte im New Yorker Exil verbrachte der Maler vor einem Bild, das sein letztes großes werden sollte. (…) Eine Apotheose der Kunst und wahrscheinlich auch der österreichischen Heimat. 'Die Philharmoniker', so heißt das Gemälde, werden von Gustav Mahler dirigiert. Das Licht, in dem das Orchester sitzt, scheint schon aus dem Jenseits zu kommen."

Rosanna Grafs Installationen "Ordinary Women - Carrier Bags of Friction" im Kunsthaus Hamburg nimmt Neele Fromm in der taz voll und ganz mit in die Ab- und Beweggründe weiblicher Wut. Die Künstlerin "ist eine Figur der liberalen Selbstoptimierung in einer Welt, in der weibliche Wut keine Berechtigung hat und bereinigt werden muss. Du bist wütend, weil dein Partner keinerlei Care-Arbeit auf sich nimmt? Schreibe es in dein Achtsamkeitsjournal. Du würdest am liebsten toben und schreien, weil du schon wieder sexuelle Belästigung erfahren hast? Probier doch mal Meditation aus. (…) Die Künstlerin lässt ihre Figuren aus Literatur und vergangener Berichterstattung zitieren, so auch aus Fragmenten der pseudo-wissenschaftlichen Gesichtsanalyse Vera Brühnes, die in einem Indizienprozess 1962 wegen Mordes verurteilt und später begnadigt wurde. Schuldig machte sie vor Gericht auch ihr vorspringender Haaransatz, damals ein Zeichen für 'männliche Aktivität und Geltungssucht.'"

Weiteres: Anne Waak trifft die kenianische Künstlerin Chelenge van Rampelberg für monopol zum Interview über die Entstehungsbedingungen ihrer Kunst. Der überwiegend staatlich-autoritär finanzierten Kunstszene Aserbaidschans widmet sich Kerstin Holm in der FAZ recht unkritisch.

Besprochen werden: Die Mitgliederausstellung "Klima, Nahrung, Natur" im Museum für Photographie Braunschweig (taz) und die Ausstellung "Meisterblätter expressionistischer Graphik" im Aschaffenburger Kirchnerhaus Museum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.12.2023 - Kunst

Bild: !Mediengruppe Bitnik und Sven König, Download Finished. The Art of Filesharing, 2006, Copyleft: !Mediengruppe Bitnik & Sven König

"Glitches" sind Computerspielefehler, aber sie kommen auch in der Kunst vor - mal als Missgeschick, mal als bewusst produzierte Störung. Den Reiz jener Störungen erkannten schon Fotografen wie Germaine Krull oder Evelyn Richter, erinnert Jörg Häntzschel, der für die SZ die Ausstellung "Glitch" in der Münchner Pinakothek der Moderne besucht hat: "Heute, wo auch achtlos geknipste Bilder makellos sind, wo sie das Original teils sogar an Perfektion übertreffen und aus pickligen Teenie-Gesichtern Algorithmus-konforme Schönheiten machen, wo also das Medium keine Fehler produziert, sondern die Fehler der Wirklichkeit ausbügelt, muss man sich als Glitch-Künstler schon etwas einfallen lassen. Die einen werden in den abgelegeneren Provinzen des Digitalen fündig, dort, wo es noch krude und vorläufig zugeht: Mame-Diarra Niang etwa hat sich während des Lockdowns durch die Straßen Südafrikas auf Google Street View geklickt und Screenshots der von den vorbeifahrenden Kameras zu bunten Geistern verzerrten Anwohner vor ihren Häusern gesammelt. Mehr Surrealismus braucht man nicht."

"Die ganze japanische Kunst in nuce" findet Stefan Trinks (FAZ) im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, das in der Ausstellung "Meister & Mythen" sechzig der schönsten Netsuke aus der Sammlung Karl-Ludwig Kley zeigt. "Von den drei berühmtesten Netsuke-Schnitzern der Edo-Zeit, die von 1603 bis 1868 reicht und die längste Friedensphase der japanischen Geschichte und damit eine der Prosperität darstellt, gibt es gleich mehrere Werke. Von jedem der drei wird in einer eigenen Vitrine in der Mitte des Raums eine Spitzenarbeit gezeigt. Bereits der Erste namens Yoshinaga stammt aus der ehrwürdigen Kaiserstadt Kyōto. Sein Stil ist expressiv und eigen, seine Arbeiten weisen markante Charakteristika wie die mit wenigen Strichen tief eingeschnittenen Augenbrauen auf, die weniger als einen Millimeter breit sind. Sein 'Schlangenmensch' von Yoshinaga etwa legt derart gekonnt sein linear dürres Beinchen hinter den Kopf und seine Finger hakenförmig in die gebogene Zehen des Fußes, dass sich der denkbar größte Kontrast zum kugeligen Bauch in der Leibesmitte des Kontorsionisten mit seinem ornamentierten Nabel ergibt."

Bild: Laia Abril, Illegal Instrument Kit, On Abortion, 2016 © Laia Abril

Pro Jahr sterben etwa 47.000 Frauen, weil sie keinen Zugang zu legaler Abtreibung haben, erfährt Caroline Schluge (Standard) in der so erschütternden wie einfühlsamen Fotoausstellung "On Abortion" im Foto Arsenal Wien, das das Langzeitprojekt der katalanischen Künstlerin Laia Abril zeigt: "Mittels Bildgeschichten porträtiert Abril Personen, die heimlich einen Abbruch vorgenommen haben, zeigt Fahndungsfotos von Ärzten und Hebammen und Plakate von Pro-Life-Kampagnen aus den USA. Am stärksten wird die Schau aber immer dann, wenn sie von Einzelschicksalen Abstand nimmt und Stillleben zeigt: Bilder einer Badewanne, gefüllt mit brühend heißem Wasser, giftiger Pflanzen oder eines Kleiderbügels aus Draht gehen unter die Haut, ohne zu verstören."

Außerdem: Der von Lucas Cranach d. Ä. entworfene und von Michael Triegel bearbeitete Altar ist nach einem "lächerlichen Streit" nicht nur zurück im Naumburger Dom, sondern wurde auch als "Religious Heritage Innovator of the Year 2023" ausgezeichnet, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 89 Jahren verstorbenen italienischen Pionier der Arte Povera Giovanni Anselmo.

Besprochen werden die Ausstellung "v01ces - Die menschliche Stimme im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" in der Berliner Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten (taz) und die Ausstellung "Holbein at the Tudor Court" in der The Queen's Gallery im Buckingham Palace (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2023 - Kunst

Arnold Böcklin, Schloss am Meer (Mord im Schloss), 1859Foto: Museum Folkwang Essen - ARTOTHEK


In Linz war während der Zeit des Nationalsozialismus ein "Führermuseum" geplant. Die Deutsche Niederlage setzte den Plänen ein Ende. Das Linzer Lentos Kunstmuseum arbeitet nun in der Schau "Reise der Bilder" die dunklen Aspekte der lokalen Kunstgeschichte auf. Hans-Joachim Müller ist in der Welt beeindruckt von der Akribie, mit der man nun öffentlich Rechenschaft darüber gibt, wie die geraubte Kunst ins Haus gekommen ist. Dabei führen alle, fast alle Wege zu Wolfgang Gurlitt, jenem Kunsthändler, den Kokoschka einst 'Zauberprinz' genannt haben soll. Wobei nicht geklärt ist, ob es als Ehrentitel gemeint war oder zur Kennzeichnung eines windigen Charakters. Jedenfalls wird nach dem Besuch der Ausstellung und mehr noch nach der Lektüre der vorzüglichen Begleitmonografie nicht mehr viel Märchenstimmung übrig geblieben sein. (...) Dass Wolfgang Gurlitt als "Vierteljude" galt, behinderte den Fortgang seiner Kunsthändlerkarriere nicht sonderlich. Er konnte reisen, kaufen, verkaufen und genoss das Wohlwollen der faschistischen Nomenklatura. Wie er es schaffte, sich immer wieder aus allen Lebensfallen zu befreien und unverdrossen auf Erfolgskurs zu bleiben, gehört zu den unverratenen Familiengeheimnissen."

Weitere Artikel: Die Besucherzahlen deutscher Museen nähern sich wieder den Vor-Covid-Margen, berichtet unter anderem Monopol. Unabhängig davon leiden freilich insbesondere die Berliner Museen unter akuter Finanznot, weiß Tobias Timm auf Zeit Online. Drei Empfehlungen macht eine Unternehmensberatung der Documenta, um eine Wiederholung des letztjährigen Antisemitismusskandals zu verhindern, meldet die FAZ. Olga Kronsteiger moniert im Standard die nach wie vor mangelhafte Aufarbeitung der NS-Geschichte der Wiener Horten Collection. Für Monopol unterhält sich Sebastian Frenzel mit Carolyn Christov-Bakargiev, der Leiterin der Documenta 13.

Besprochen werden die Ausstellungen Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle ("Wie traurig, wie schön. Das ist der paradoxe Kern der Caspar David Friedrich'schen Kunst- und Lebensauffassung: Die unsterbliche Kunst erkundet, was die Vergänglichkeit ist. Ihr entkommt keiner, im besten Fall geht man zu zweit in die Natur oder vor die Ruine, die an die Natur zurückfällt", schreibt Boris Pofalla in der Welt), "Mythos und Massaker. Ernst Wilhelm Nay und André Masson" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (FAZ), "Thomas Huber. Lago Maggiore" im Lugano Arte e Cultura (NZZ), "Heilige Frauen in der Orthodoxen Kunst" im Ikonenmuseum Recklinghausen (FAZ), Sophia Domagałas Ausstellung "LIBERTÉ (être belle)" im Berliner Mountains (taz Berlin), die Gruppenausstellung "One and More Chairs" in den Berliner Mehdi Chouakri Wilhelm Hallen (Welt), die Dauerausstellung "Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft. Sammlung der Nationalgalerie 1945-2000" in der Neuen Nationalgalerie Berlin (FR), Sandra Mujingas Installation "Fleeting Home" im Museum für bildenden Künste Leipzig (taz), Andreas Greiners KI-Installation "Game of Life" in der Berliner Galerie Dittrich & Schlechtriem (Monopol) und in einer Doppelbesprechung zwei Ausstellungen im Kunstverein Braunschweig: "Anna Ehrenstein: Imagined Inevitabilities" und "Dennis Siering: Unnatural Territories" (taz Nord)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2023 - Kunst

Philip Guston: Legend 1977. Museum of Fine Arts, Houston. Houston, USA. ©The Estate of Philip Guston, Courtesy Hauser und Wirth.

"Wie viel Eigenes steckt im anderen, auch und gerade im ultimativ Bösen?" Diese Frage zieht sich durch das Werk des Künstlers Philip Guston, wie Katharina J. Cichosch in der taz festhält. Die Londoner Tate Modern hat dem amerikanischen Maler eine umfassende Retrospektive gewidmet. Mit seiner Auslotung des Bösen eckte Guston immer wieder an, erinnert Cichosch - mehrmals musste die Ausstellung verschoben werden, weil New Yorker Galeristen ihrem Publikum seine Ku-Klux-Clan-Figuren nicht zumuten wollten. Er habe sich "schwarzes Trauma angeeignet", lautete der Vorwurf, wie Cichosch wiedergibt, dabei wurde übersehen, dass Guston als Jude selbst zum Feinbild der "White Supremacists" gehörte. Anfang der fünfziger Jahre wendet sich Guston der Abstraktion zu, kann die Kritikerin in der Ausstellung beobachten, aber "wenige Jahre später sind die Kapuzenmänner wieder da. Die Hoods, die schon Jahrzehnte zuvor immer wieder schemenhaft gespenstisch sich ins Bild geschlichen hatten, erscheinen nun so brachial-banal, wie Guston fortan seine kompletten Motive ausarbeitet. Oft in der Lieblingsfarbe Pastramirot bis Fleischrosa."

Besprochen werden außerdem die Fotografie-Ausstellung "Carrie Mae Weems - The Evidence of Things Not Seen" im Kunstmuseum Basel (NZZ) und die Ausstellung "Venezia 500. Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei" in der Alten Pinakothek München (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2023 - Kunst

Einen regelrechten Besucheransturm erlebt die Frankfurter Schirn-Kunsthalle seit der Eröffnung der Lyonel Feiniger-Retrospektive in ihren Räumen: Was macht eigentlich die Faszination für diesen Künstler aus, fragt Hans-Joachim Müller in der Welt. Neben der "eminenten Sinnlichkeit" der Werke, sieht Müller auch eine "technische Seite", die ihn zuweilen durch die völlige Abwesenheit starker Emotionen auch ein wenig irritiert: "Soll man es also visionär nennen, wie Feininger den Seheindruck prismatisch zerlegt? Alles gewinnt so den Charakter von Erscheinungen. Kleine Figurenschemen vor übermächtig aufragenden Gebäudeteilen, aufblitzenden Lichtkeilen und delikat modulierten Farben - das hat auch was von der stillen Anmut, mit der bei Caspar David Friedrich staunende Menschen vor dem Schauspiel der auf- oder untergehenden Sonne stehen. Eine spirituelle Botschaft wird daraus nicht. Feininger ist für den elegischen Ton zuständig, für leise Modulationen, für die lyrischen Abstände zwischen Maler und gesehener Welt."

Weiteres: Die Akademie der Künste hat auf ihrer Website ein Statement mit dem Titel "Zur Verteidigung der Kunstfreiheit" veröffentlicht, das auch von Direktorin Jeanine Meerapfel unterzeichnet wurde, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Man sehe durch aktuelle Entwicklung die Unabhängigkeit der Kunst bedroht, es gelte "die Kunst- und Meinungsfreiheit als durch die deutsche Verfassung geschützte höchste Rechtsgüter in der Demokratie zu verteidigen".