Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2022 - Kunst

Paul Cezanne: Stillleben mit Äpfeln und Pfirsichen, 1905. Tate Modern

Gar nicht satt sehen kann sich Observer-Kritikerin Laura Cumming in der großen Cézanne-Schau in der Tate Modern. Alles leuchtet, schwärmt Cumming, die Obstschalen, Frau und Sohn, der Mont Sainte Victorie, Farben und Form so verdichtet wie in einem Sonnett: "Man wünscht sich ungemein, die Bilder zu berühren: mit dem Finger über seine Pinselstriche zu fahren und ihre Bewegung zu verstehen, seine Äpfel in der Hand zu wiegen, die so fest und gewiss sind, den Duft oder den Geschmack seiner glühenden Orangen zu erfassen. Farbe wird Frucht. Es gibt ein Aquarell, bei dem der einzige Hinweis auf die Zitrone auf einem Tablett ein formschöner Rohling ist, der mit einem gelben Tupfer berührt wird; das ist alles und mehr, als man braucht."

Weiteres: Zwei Vertreter von Ruangrupa werden Gastprofessoren an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, meldet Spon. "Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, gratulierte auf Twitter sarkastisch und beklagte: 'Antisemitismus-Toleranz schadet in Deutschland nicht. Israelhass ist karrierefördernd.'" Besprochen werden die Ausstellung "Worin unsere Stärke besteht" mit Künstlerinnen aus der DDR im Bethanien (taz) und die KI-Schau "Life after Bob" des amerikanische Künstler Ian Cheng in der Halle am Berghain (die Tsp-Kritikerin Birgit Rieger "knietief ins Metaverse" schickte).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2022 - Kunst

Bild: "Soheila Sokhanvari, Wild at Heart (Portrait of Pouran Shapoori), 2019. © Soheila Sokhanvari, courtesy Kristin Hjellegjerde Gallery.

Wie die "Großmütter" der aktuellen Proteste im Iran erscheinen Jonathan Jones im Guardian die 31 rebellischen Frauen aus dem Iran vor 1979, die die Künstlerin Soheila Sokhanvari gemalt hat und denen das Londoner Barbican Center derzeit eine Ausstellung widmet: "Ihre Gesichter, die alten Fotografien entnommen sind, sind in Schwarzweiß gehalten. Sokhanvaris Gemälde geben der modernen Tradition der fotobasierten Malerei einen persischen Anstrich. Sie tut das mit einer glühenden Unschuld, betont die Unbeholfenheit alter Schnappschüsse und geht auf Unvollkommenheiten ein, um diese Frauen für uns lebendiger zu machen. Ihr Gemälde von Mahvash betont die lachende Spontaneität und nicht das glatte gute Aussehen, obwohl Mahvash in den 1950er Jahren ein Sexsymbol war, das so beliebt war, dass Szenen ihres Tanzes in amerikanische Western für das iranische Publikum eingefügt wurden. Diese monochromen Gesichter sind in psychedelische Ausbrüche intensiver Farbe gesetzt."

Bild:  Eliza Douglas in Moscow, February 12, 2022. By Anne Imhof. Directed by Jean-René Étienne and Lola Raban-Oliva. Courtesy of the artist, Galerie Buchholz & Sprüth Magers.

Es geht weniger um Jugend als um einen "fluiden Zustand des Dazwischen" in Anne Imhofs aktueller Ausstellung "Youth" im Amsterdamer Stedelijk Museum, warnt Laura Helena Wurth in der FAS vor. Und anders als in anderen Imhof-Schauen dominiert hier nicht nach das Spektakel, sondern Wurth ist ganz auf sich allein gestellt: "Die Szenerie des zweiten Ausstellungsteils ist in rotes Licht getaucht. Der beißende Geruch von Gummi liegt in der Luft, an Schienen befestigte, bewegliche Lautsprecher schicken einen treibenden Sound durch den Raum. Die Spinde werden hier abgelöst von gestapelten Autoreifen, Wassertanks und leeren Lagerkisten, die wieder ein menschenleeres Labyrinth formen. Manchmal findet man eine Vitrine mit Motorradhelmen, manchmal begegnet einem sogar ein ganzes Motorrad. Auch hier sind immer wieder kabinettartige Nischen zu entdecken, in denen nur noch die herumliegenden Dosen und die durchgelegene, schmutzig-gelbe Matratze darauf hinweisen, dass hier vor Kurzem noch jemand geschlafen oder doch zumindest gelegen haben muss. Man watet durch dieses Labyrinth und wird dabei selbst zum Performer."

Für die Welt blickt sich Boris Pofalla in der polnischen Kunstszene um. Zunächst einmal atmet er auf: Noch immer machen die jungen polnischen Künstler, was sie wollen: "Düstere, körperliche Kunst, viel Feministisches und Queeres, alle Medien." Und doch sieht es in Polens Kulturszene finster aus, konstatiert Pofalla. Verträge mit progressiven Museumsdirektoren werden vom Kulturministerium nicht verlängert, ersetzt werden sie von unbekannten, aber PiS-treuen Leuten. Wird Polen ein zweites Ungarn? Pofalla fragt in der Kunstszene nach, etwa bei dem Kunsthistoriker Karol Sienkiewicz: "Smart seien sie, die neuen Herrscher Polens, das findet auch Sienkiewicz. Es gebe keinen großen Moment der Machtergreifung, der Widerstand erzeugen würde, sondern ein allmähliches Verschwinden von Freiräumen. Viele Künstler kooperieren, sie stellen weiter in den übernommenen Museen aus, nehmen Stipendien und Preise an. 'Die Leute müssen von irgendetwas leben', sagt Sienkiewicz."

Außerdem: Reza Afisina und Iswanto Hartono, zwei Mitglieder von Ruangrupa, erhalten eine Gastprofessur an der Hamburger Kunsthochschule, meldet der Standard. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft protestiert: Ihr Präsident Volker Beck schrieb, "diese sei ein 'fatales Signal für die deutsche auswärtige Kulturpolitik und das Bekenntnis zu Israels Sicherheit und Existenz im Koalitionsvertrag: 'Die Sicherheit Israels ist für uns Staatsräson.'' Außerdem widerspreche die Entscheidung dem Beschluss des Deutschen Bundestages zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS." Durch Kriege und Repressionen musste das Goethe-Institut seine Arbeit in immer mehr Ländern einstellen, dafür findet im Berliner Kunsthaus Acud aktuell das "Goethe-Institut im Exil" mit ukrainischer Kunst, Literatur und Musik statt, berichtet Patrick Wildermann im Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Kingdom of the Ill" im Museion in Bozen (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2022 - Kunst

Das International Council of Museums (ICOM) hat kürzlich eine Neudefinition des "Museums" vorgelegt - und in der SZ ist Peter Richter not amused. "Zugänglich und inklusiv", Diversität und Nachhaltigkeit fördernd und ethisch kommunizierend - so soll es sein. Das klingt für Richter dann doch sehr "amerikanisch - und so passt er in diese Zeit, in der sich auch im alten Europa eine radikale Bewertungsumkehr artikuliert. Das gilt nicht nur da, wo Inklusivität jetzt einen höheren Wert darstellt als die früher bewunderte Exklusivität einer Sammlung. Auch die Tempeltreppen und -portale, die geböschten oder rustizierten Sockel und all die anderen architektonischen Signale des Herausgehobenen, Geheiligten und besonders Gesicherten sind unter Vorbehalt und Verdacht geraten. Mitunter, die Kämpfe um die neue Museumsdefinition spiegeln das eindrucksvoll, gilt das sogar für die Kerntätigkeiten des Erwerbens, Sammelns und Konservierens, sodass es manchmal den Eindruck machen kann, als würde von Museen heute im Wesentlichen nur noch das Zurückgeben erwartet. Aus den Wallfahrtsstätten der kunstreligiösen Ehrfurcht sind in Teilen der Publizistik tendenziell Raubritterburgen geworden, deren Mauern schon aus Prinzip geschleift gehören."

Bild: "Aristide Maillol, La Nuit, 1909, Paris, Fondation Dina Vierny - musée Maillol, Foto © J.-L. Losi"

Sehr kritisch flaniert Philipp Meier derweil in der NZZ durch die große Aristide-Maillol-Ausstellung im Kunsthaus Zürich, hatte er doch in der Begleitpublikation zuvor einen Essay von Catherine McCormack gelesen, in dem die britische Kunsthistorikerin der "Frauenfeindlichkeit" des französischen Bildhauers auf den Zahn fühlt: "Die Verwandlung von Frauen in Anschauungsobjekte der Kunst hatte Maillol offen gestanden, als er spottete: 'Wenn ich ein Mädchen vorbeigehen sehe, ziehe ich sie mit meinen Augen aus und sehe Marmor unter ihrem Rock.' So sah der männliche Blick damals aus. Wenn wir heute Maillols sinnliche, formvollendete Skulpturen betrachten, tritt auch diese chauvinistische Fratze zutage."

Außerdem: "Rettet die Rieckhallen jetzt!", ruft im Tagesspiegel der der Berliner Anwalt und Kulturförderer Peter Raue: "Berlin lebt von seinen kulturellen Einrichtungen. Hamburger Bahnhof und Rieckhallen sind der einzige und einzigartige Platz in Berlin, in dem Raum ist für Ausstellungen aktueller Kunst (die Nationalgalerie braucht oft jahrelangen Vorlauf, bis dort eine Ausstellung installiert werden kann, andere Räume für zeitgenössische Kunst gibt es nicht)."

Besprochen wird die Ausstellung "Pelze" in der Frankfurter Synnika -  eine Retrospektive des gleichnamigen lesbisch-feministischen Projekts Pelze Multimedia, das von 1981 bis 1996 in einem von Frauen besetzten Haus in der Potsdamer Straße in Berlin Quartier bezog, wie Katharina J. Cichosch in der taz aufklärt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2022 - Kunst

Bild: Installation, Serie von Fotografien und Glaskästen mit spezifischen geografischen Koordinaten. Privatbesitz. Courtesy the artist and Nature Morte, Delhi. Foto: Vibha Galhotra

Wir atmen etwa 23.000 Mal am Tag, der Atem ist in fast allen Weltkulturen gleichbedeutend mit der Seele, jüngst ist er dennoch in Verruf geraten, notiert Gunda Bartels im Tagesspiegel+. Wie aber macht man ihn sichtbar? Dieser Frage stellt sich die Hamburger Kunsthalle mit Werken von Francisco de Goya bis Jenny Holzer und Marina Abramovic in einer so "poetischen" wie "politischen" Ausstellung, fährt Bartels fort: "Nicht nur Krankheiten rauben Menschen den Atem, auch der Staat und die Industrie mit Smog als sicht- und riechbarem Fallout. Ihn versucht die indische Künstlerin Vibha Galhotra in ihrer Installation 'Breath by Breath' von 2016 wortwörtlich einzufangen. Wie eine Ritterin der traurigen Gestalt in einer pervertierten Spitzweg-Szenerie schwenkt sie ihr Schmetterlingsnetz in den Miasmen der Müllkippen und Schnellstraßen der Megacity Neu-Delhi. Dicke Luft allüberall. Saubere dagegen wird für Kaufkräftige im Internet feilgeboten, wie die Künstlerin festgestellt hat."

In der FR springt heute Harry Nutt Georg Baselitz zur Seite, der forderte, Adolf Zieglers NS-Triptychon "Die vier Elemente" aus der Ausstellung der Münchner Pinakothek der Moderne zu entfernen (unsere Resümees). "In Fall Ziegler mutet es besonders bitter an, dass einem rücksichtslosen Karrieristen der NS-Diktatur, der das Leben und Arbeiten von sehr vielen, heute oft weitgehend unbekannten Menschen - darunter viele jüdischer Herkunft - zerstört hat, ein kunsthistorisches Andenken in einem der wichtigsten deutschen Museen gewährt wird. Der 1959 gestorbene Ziegler wurde nie zur Rechenschaft gezogen, nach 1945 war er lapidar als Mitläufer 'entnazifiziert' worden. Es wäre also völlig falsch, den Einspruch des 84-jährigen Malers Baselitz der auffälligen Konjunktur von Verbotsforderungen zuzuschlagen, für die das modische Etikett Cancel Culture in Umlauf ist.Vielmehr verweist die energische Reaktion des einflussreichen Vertreters der Nachkriegsmoderne auf eine lückenhafte historische Aufarbeitung der Geschichte deutscher Kulturinstitutionen."

Außerdem: In der Zeit fragt sich Hanno Rauterberg, was Computerprogramme wie Dall-E-2, mit dem sich "aberwitzige" (Kunst-)Motive produzieren lassen, für Künstler und Kunstmarkt bedeuten: Den Künstlern erwächst durch die Bildmaschinen "ein schier allmächtiger Konkurrent, einer, der sie obendrein noch beklaut, weil so ziemliches alles, was im Internet an Bildern publik wird, in den Datenschatz der Generatoren einfließt. Je mehr sich also die menschlichen Gestalter ausdenken, desto mächtiger wird ihr maschinelles Gegenüber. Am Ende droht ihnen sogar, von den Maschinen verschluckt zu werden, so wie es dem polnischen Künstler Greg Rutkowski bereits passiert, dessen Stil von den Bildgeneratoren derart oft kopiert worden ist, dass sich seine Originale im Netz kaum mehr auffinden lassen." Besprochen wird die Ausstellung "Füssli, entre rêve et fantastique" im Musée Jacquemart-André in Paris (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2022 - Kunst

In der FAZ stellt sich Patrick Bahners gegen Georg Baselitz' Forderung, Adolf Zieglers NS-Tritychon "Die vier Elemente" aus der Ausstellung der Münchner Pinakothek der Moderne zu entfernen (unser Resümee). Ein Museum soll nicht nur zeigen, was ästehtisch oder moralisch gefällt, meint Bahners. Und: "Die Auffassung, dass unter den korrupten Produktionsbedingungen im NS-Staat nur schlechte Kunst habe entstehen können, zwingt Moral und Ästhetik zusammen unter dem Bann wahnhafter Reinheit." In der Welt betont Sven Felix Kellerhoff, dass Ziegler ein Parteikünstler  gewesen sein mag, aber bei der NS-Führung nicht sonderlich gut gelitten. Goebbels beschimpfte ihn als Kamel, Wicht und Trottel.

Weiteres: Im Tagesspiegel gibt Nicola Kuhn einen Ausblick auf den Steirischen Herbst in Graz, in dessen Mittelpunkt die Schau "Ein Krieg in der Ferne" steht. Besonders beeindruckt hat sie Mykola Ridnyis an der Schwarzmeerküste gedrehtes Video "Seacoast" von 2008, bei dem Quallen zum Sound von Düsenjets auf einen friedlichen Strand klatschen. Besprochen werden Louise-Bourgeois-Ausstellung "The Woven Child" im Berliner Gropius-Bau (SZ) und zwei Magnum-Ausstellungen im Museum für Fotografie und in den Reinbeckhallen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2022 - Kunst

Adolf Ziegler, Die vier Elemente, 1937. Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne. Foto © Sibylle Forster, Bayerische Staatsgemäldesammlungen


In der SZ meldet Jörg Häntzschel, dass Georg Baselitz die Münchner Pinakothek der Moderne in einem Brief aufgefordert hat, endlich ein Triptychon des NS-Malers Adolf Ziegler abzuhängen, das in einem Saal mit dem Titel "Panoptikum" neben Picasso hängt: "Der Wandtext, der den 'Vier Elementen' beigestellt ist, klärt über Zieglers Karriere auf und beschönigt auch sonst nichts. Die Akte 'repräsentierten rassistische Körperideale des NS', heißt es dort unmissverständlich. Das Bild hängt hier also weniger als Kunstwerk denn als Dokument? Genau darauf deutet außer dem Wandtext nichts hin. Und nicht nur das: Die Ausstellung gibt vor, einen belebenden Wettstreit der Stile und Ästhetiken zu veranstalten, doch in Wahrheit mischt sie auch die Register. Hier ein triviales, auf Massenwirkung getrimmtes Machwerk, dort anspruchsvolle Moderne."

In der FAZ rollt Werner Bloch noch einmal die Vorgänge um den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig auf. Er sieht nicht nur in der Arbeit der Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn unverantwortlichen Irrsinn am Werk (zunächst wollte sie den gesamten  Pavillon aufs Festland verfrachten, jetzt hat sie nur die Fundamente freigehackt, aber dabei Bloch zufolge auch Steine abtransportiert , womit sie gegen den Denkmalschutz verstoßen könnte. Ebenso skandalös findet er die Berufung von Yilmaz Dziewior, der selbst in seiner eigenen Findungskommission saß, für die nächste Biennale: "An Dziewior führt in Deutschland praktisch kein Weg vorbei, und man kann getrost annehmen, dass seine Kolleginnen und Kollegen aus der 'Findungskommission' von 2019, die ihn bei seiner Wahl zum Venedig-Kurator unterstützten, mit Recht auf eine Gegenleistung pochen können... Die Profiteure von Hierarchien sitzen im Zweifel immer noch am längeren Hebel. Deutschland kann auf solche Vorgänge nicht stolz sein."  

Besprochen werden die Joan-Jonas-Retrospektive im Münchner Haus der Kunst (FAZ) und die Ausstellungen der britisch-libanesischen Künstlerin Mona Hatoum in Berlin (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2022 - Kunst

Da musste schon 2010 Albert Oehlen kommen, damit die Museumsdirektoren hierzulande begriffen, welchen Schatz es mit der Wiener Malerin Martha Jungwirth neu zu entdecken gab. Die Kunsthalle Düsseldorf widmet ihr jetzt eine große Retrospektive und auch FAZ-Kritiker Georg Imdahl findet das überfällig, wenn er sieht, wie sie das "Verhältnis von Abstraktion und Gegenständlichkeit" auslotet: "Jungwirths Malstil entfaltet sich auf Papier, einem Malgrund, der farblich wie Packpapier anmutet und stets auf Leinwand kaschiert ist. Nirgends dringt die Ölfarbe in Poren ein, sie verwischt sich vielmehr auf der Fläche." Das sieht man besonders gut auf den Porträts, deren "Ausdrucksträger" oft kaum zu erkennen sind, so Imdahl. "Auge und Antlitz sind, wenn überhaupt, nur zu erahnen, Hände kommen kaum vor; schon gar nicht wird die Figur von Konturen eingefasst. Von äußerer Ähnlichkeit kann eher nicht die Rede sein. Über die Charakterzüge der Dargestellten ließe sich nur spekulieren, wohl aber gibt sich unbedingt die Identität der Malerei zu erkennen. Sie ist geprägt von drangvoller Offenheit, vertraut auf den richtigen Zugriff, mutet spontan und ungestüm an und erscheint doch im Resultat am Ende immer organisiert und zielgerichtet."

In einem Nachruf auf die Documenta 15 benennt Thomas Schmid in seinem Blog die in seinen Augen Hauptverantwortlichen für das Debakel: "der Oberbürgermeister von Kassel, die Generaldirektorin, ihr Interimsnachfolger, Mitglieder der Findungskommission, die Kulturstaatsministerin, die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst sowie nicht zuletzt der ehemalige Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel. ... Es ist, als hätten sie eine Fackel durch die Zeit, durch die Monate getragen: die Fackel des Durchhaltens, des Sich-nicht-irre-machen-Lassens, des obstinaten Schweigens, der hartleibigsten Verweigerung von Erklärung, Rechtfertigung, Argumentation und Diskurs. Und sie kamen damit am Ende allesamt durch - in einer Gesellschaft, die sich so gerne zugutehält, dass sie gelernt habe, Entscheidungen nicht zu dekretieren, sondern sich im diskursiven Raum heranbilden zu lassen."

Außerdem: Im Tagesspiegel wundert sich Simone Reber über das "etwas luftig gestrickte Programm" der Nationalgalerie, das Klaus Biesenbach für die nächsten zwei Jahre präsentiert hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2022 - Kunst

Gregor Hildebrandt, "A Blink of an Eye and the Years are Behind Us" in der Kunsthalle Praha. Ausstellungsansicht. Foto © Vojtěch Veškrna


Auf nach Prag, in die neue Kunsthalle Praha, eine vom Architekten Jan Schindler umgebaute  alte Transformatorenstation, die vor sieben Monaten eröffnet wurde und derzeit den Berliner Künstler Gregor Hildebrandt ausstellt, empfiehlt Laura Ewert in monopol: "Hier wurde kein Alien abgesetzt, sondern man hat sich am Historischen entlang gehangelt. Entstanden ist so ein industrielles Design, das nie zu schwer oder museal wirkt und somit der Kunst genügend Raum lässt. Auch durch das Passepartout-Prinzip, das entwickelt wurde, um in einem Layering verschiedene Hängevarianten an den Wänden zu ermöglichen. Was im Falle von Gregor Hildebrandt äußerst gut gelingt. Wir sehen zum Beispiel sehr große, mit VHS-Tape bespannte Wände, deren feinen und fein gehangenen Bahnen von fast allen Besuchern angepustet werden, weil man gar nicht anders kann, als die Spiegelungen darin auch selbst zu beeinflussen. Davor Skulpturen, die an eckig geschnittene Bäume erinnern, mit Jahresringen aus Tapeband, ein Parkett aus Schachbrettern, ein Parkett aus Kassetten, und irgendwann wird man durch eine sehr gelungene Raumführung aus gebogenen Schallplatten an eine Wand geleitet, vor der man Platz nehmen kann, vor einem Gemälde aus Tapedeck-Rücken, die eine Freibad-Spiegelung ergeben."

Weiteres: Ingeborg Ruthe unterhält sich für die FR mit der Künstlerin Mouna Hatoum, die derzeit an drei Orten in Berlin ausstellt. Sabine Weier berichtet in der taz vom 55. Steirischen Herbst in Graz, wo größtenteils Werke von Künstlern aus dem postsowjetischen Raum gezeigt werden. Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel das Atelier des schwedischen Bildhauers Ricard Larsson in Berlin. Besprochen wird die Ausstellung "Mining Photography" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2022 - Kunst

Winslow Homer, The Gulf Stream, 1899, © Metropolitan Museum of Art, New York


Bernhard Schulz besucht für den Tagesspiegel in der Londoner National Gallery eine Ausstellung des amerikanischen Malers Winslow Homer (1836-1910) und entdeckt einen Künstler "zwischen Realismus und Naturalismus, darin seinem älteren Zeitgenossen Adolph Menzel ähnlich". Homer wurde berühmt mit Bildern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg bevor er nach Maine zog, wo er sein Lebensthema fand: die "Gewalten der Natur, vorzugsweise des Meeres. Schiffsuntergänge waren damals an der Tagesordnung, Fischer beständig in Lebensgefahr. Homer malte die Frauen und Mädchen des Ortes als starke, den Stürmen trotzende Personen, aufrecht am Strand, im Arm einen Korb, den Fang der anrudernden Männer aufzunehmen. Schiffbrüchige wurden mit neuartigem Gerät gerettet, Ertrinkende von starken Schwimmern geborgen. ... Es entstehen Bilder, in denen ein Einzelner klein vor den gewaltigen Elementen steht, und immer häufiger solche, in denen gar kein Mensch mehr vorkommt."

Katharina Cichosch unterhält sich für monopol mit der afghanischen Künstlerin Sara Nabil, die sich ärgert, wenn Westler glauben, Afghaninnen seien "qua Naturgesetz" nicht gleichberechtigt: "'Das finde ich arrogant. Wir haben erst mit unseren Familien für unsere Rechte gekämpft, dann auf gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Es gibt eine ganze Generation, die in dieser Freiheit aufgewachsen ist. Sie glaubt an die Menschenrechte. Sie glaubt nicht, dass diese Rechte ein importierter Wert sind. Ein Menschenrecht ist ein Menschenrecht.' Nabil selbst ist in einer liberalen Familie groß geworden. Ihre Erfahrungen im eigenen Zuhause weckten in ihr den Wunsch, sich für andere Frauen zu engagieren. 'Für mich sind Menschenrechte und Freiheit immer noch universelle Werte. Nichts, das der Westen für sich allein beanspruchen kann,' sagt Nabil. Das, sagt die Künstlerin, sei 'kulturelle Bevormundung'."

Claas Oberstadt macht für die Zeit eine Rundreise durch die Heimatmuseen der Republik und stellt fest: Es "sind die kleinen und kleinsten Sammlungen, in denen sich besonders deutlich zeigt, was den Deutschen wichtig ist, welche Teile ihrer Vergangenheit sie bewahren wollen. Es gibt hierzulande Tausende Heimatmuseen, sie sind das heimliche Gedächtnis der Gegenwart. Höchste Zeit, sie einmal zu besuchen."

Weiteres: Brigitte Werneburg besucht für monopol die Kunststadt Vilnius, die sich auf ihren 700. Geburtstag vorbereitet. Elke Buhrunterhält sich für monopol mit der chinesischen Künstlerin Cao Yu, die gerade in der Ausstellung "Empowerment" im Wolfsburger Kunstmuseum zu sehen ist, über ihre Arbeit und Konzepte des Feminismus. Besprochen wird außerdem die Schau "Vor Dürer. Kupferstich wird Kunst" im Frankfurter Städel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2022 - Kunst

Lucian Freud: Hotel Bedroom, 1954. Bild: National Gallery 

Die National Gallery prunkt mit einer Blockbuster-Schau zu Lucian Freud. Im Guardian kann Jonathan Jones anders, als vor diesem Künstler niederzuknieen, der selbst als Porträtist der Queen nicht schmeichelte: "Seine Genialität liegt in seiner unschuldigen Einfachheit. Schau einfach hin und zeige ehrlich, was du siehst. Es war das klarste und bescheidenste Glaubensbekenntnis, und doch bedeutete es, eine ganze Wagenladung philosophischer und künstlerischer Ablenkung zu ignorieren, und das ein ganzes Arbeitsleben lang. Schon in den ersten Selbstporträts dieser Schau ist er sich seiner Berufung bewusst, mit großen Augen blickt er aus einem messerscharfen Gesicht in die Welt. Damit schmeichelt er sich selbst? Fotografien zeigen, dass er wirklich so gut aussah. Auf seinem Bild 'Hotel Bedroom' von 1954 steht er im Schatten, die Hände in den Taschen, grüblerisch unter Igelhaaren, während seine neue Frau (es war seine zweite) Caroline Blackwood im Vordergrund im Bett liegt, blass und hell beleuchtet, ihr Haar zerzaust auf dem Kissen, offenbar besorgt, ihre langen, dünnen Finger an der Wange. Es waren ihre Flitterwochen. Es ist ein Moment der Angst und Ungewissheit in einer jungen Ehe, während wir von ihrer Blässe zu seiner verschatteten Wildheit und dann zu einem Fenster auf der anderen Straßenseite blicken, durch das wir einen Blick in einen anderen Raum werfen, ein Theater der verschiedenen Geschichten. Freud könnte hier eine Fiktion inszenieren, nur ist sie so grau und real."

Wolfgang Mattheuer: Der Nachbar, der will fliegen, 1985. Bild: Mink


Schön, dass der Software-Unternehmer Hasso Plattner Potsdams Terrassencafé Minsk vor dem Abriss bewahrt hat, um dort DDR-Kunst zu zeigen, doch in der taz hätte es Sophie Jung noch schöner gefunden, wenn sich die Stadt selbst um ihre DDR-Moderne gekümmert hätte und ihre Bauten nicht der Willkür ihrer Mäzene überließe, die sonst vor allem in Barock investieren. In der FR versichert Ingeborg Ruthe aber, dass die Fotografien des zur Eröffnung geladenen kanadischen Künstlers Stan Douglas erstaunlich gut zu den Bildern des DDR-Malers Wolfgang Mattheuer passen: "Zwei besondere Künstler der späten Moderne treffen aufeinander. Aber vielleicht auch zwei Zweifler dessen, was die Welt so Fortschritt nennt. Mögen Stan Douglas' herbstlich bunt belaubte Schrebergärten kurz vorm Winterschlaf, mögen Mattheuers Ausblicke aus einer Dachluke auf die Landschaft seiner vogtländischen Heimat oder die Gartenmotive seines Spätwerks, das Hasso Plattner sammelte - mag das alles so friedlich und versöhnlich wirken: Etwas Beunruhigendes, Unheilvolles steckt in den Landschaften beider Künstler. Es sind auch Motive ernüchterter, dekonstruierender Romantiker, die eine gesellschaftliche Hybris ausdrücken."