Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2023 - Film

Daniel Kothenschulte wirft für die Welt einen Blick auf das Urteil im Prozess von Anika Decker gegen Til Schweiger, in dem der Drehbuchautorin zwar eine moderate Gewinnbeteiligung zugesprochen wurde, die Kosten des Prozesses muss sie allerdings auch tragen. Es hat nämlich einen guten Grund, warum in Deutschland Künstler so selten auf Nachzahlungen pochen: "Kaum ein Kinofilm spielt seine Produktionskosten tatsächlich ein. Die Filmfördermodelle sind so aufgestellt, dass Produzierende im Extremfall auch ohne den Verkauf einer einzigen Kinokarte über die Runden kommen. Ihre 'producer's fee' errechnet sich aus den Budgets, die von ihnen geforderten Eigenanteile lassen sich mit Vorab-Verkäufen - etwa ans Fernsehen - verrechnen. Das minimiert ihr Risiko. Kommt es dann doch einmal zu Gewinnen, zahlt man die bedingt rückzahlbaren Darlehen an die Förderanstalten zurück - und der Rest ist Schweigen."

Dazu passt die aktuelle Einigung im Streik der Drehbuchautoren in Hollywood. Ein zentraler Punkt des Streiks war der Einbruch von Tantiemen im Streamingzeitalter, da kaum noch Serien lizenziert und syndiziert werden. Im früheren Modell ergaben sich daraus stets Folgezahlungen an die Autoren. Da die Streamingdienste ihre Abrufzahlen allerdings hüten wie Coca Cola sein Rezept, konnten hier bislang kaum Erfolgsbeteiligungen eingefordert werden. Hier wurde nun "ein Kompromiss erreicht, den die Writers Guild als echten Durchbruch angibt", schreibt Barbara Schweizerhof auf ZeitOnline. "Erstmals nämlich wird es Vergütungszahlungen geben, wenn 20 Prozent der Abonnenten eines Streamingportals eine Serie in den ersten 90 Tagen nach Veröffentlichung schauen. Das Zahlenspiel gibt eine Andeutung darauf, wie komplex eine Erfolgsmetrik im Streamingzeitalter werden kann, bei der die Größe eines Dienstes und womöglich auch die Kosten einer Produktion genauso wie unterschiedliche Zahlen für einzelne Folgen und womöglich verschiedene Länder einfließen können."

Außerdem: Valerie Dirk spricht für den Standard mit der Regisseurin Elisabeth Scharang über deren neuen Film "Wald". Rüdiger Suchsland gibt auf Artechock Tipps zum Filmfest Hamburg. Pascal Blum (TA) und Andreas Scheiner (NZZ) berichten vom Auftakt des Zurich Film Festivals mit einem beglatzten Nicolas Cage. Außerdem ehrt das Zurich Film Festival ehrt den Filmkomponisten Volker Bertelmann, schreibt Christoph Wagner in der NZZ. Nachrufe auf den Schauspieler Michael Gambon, der einem breiten Publikum vor allem als Dumbledore aus den Harry-Potter-Filmen bekannt wurde, schreiben David Steinitz (SZ) und Katrin Nussmayr (Presse),

Besprochen werden Christian Tafdrups Horrorfilm "Speak No Evil" (Welt, unsere Kritik), Theo Montoyas Sex-Essayfilm "Anhell69" (Tsp, Zeit), Gareth Edwards' SF-Film "The Creator" (Standard) sowie Tristan Séguélas und Olivier Demangels französische Netflix-Serie "Tapie" über den Linkspopulisten Bernard Tapie (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2023 - Film

Blickt in den Abgrund einer enthemmten Gesellschaft: "Burning Days"

Der türkische Autorenfilmer Emin Alper wirft mit seinem Paranoiathriller "Burning Days" einen Blick auf die Korruption im türkischen Hinterland. Es geht um Wasserknappheit. "Es ist die treffende Ironie" des Films, schreibt Robert Wagner im Perlentaucher, "dass man als Zuschauer die Werkzeuge des Filmemachers deutlich vor sich sehen kann, dass der Film aber trotzdem wirkt." Er funktioniere in seiner "klaren Unklarheit als Verschwörungsthriller, als politische wie existenzielle Parabel und als Psychogramm, ist dicht und reichhaltig. Wenn wir einem anderen Pfad von ausgestreuten Brotkrumen folgen, dann auch als fragile, schwule Liebesgeschichte in einem Umfeld aus Misstrauen und Homophobie. Vor allem ist es aber ein Film, der uns einlädt, in Gesichter zu schauen und zu rätseln, ob sie so einfach zu durchschauen sind, wie sie scheinen." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte verirrt sich gerne in "Alpers modernen Kafkaesken", in denen der Regisseur "metaphorische Bilder" schafft, "die an der Grenze zum Surrealen in die Abgründe einer enthemmten, nicht mehr öffentlich kontrollierbaren Gesellschaft blicken lassen." In der FAS lobt Bert Rebhandl Alpers "erzählerische Intelligenz". Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und auf Artechock.

Weiteres: Annita Decker hat ihren Prozess gegen Til Schweiger "im wesentlichen verloren", zitiert SZ-Kritiker David Steinitz den Richter Rolf Danckwerts aus der Urteilsverkündung: Zwar erhält die Drehbuchautorin eine moderate Nachzahlung aus den jüngsten Gewinnen der Filme, die sie mitgeschrieben hat, aber nicht aus den deutlich höheren Gewinnen der Kinoauswertung: Sie hätte ihre Ansprüche darauf innerhalb von drei Jahren geltend machen müssen. In der FAZ berichtet Julia Encke von der Urteilsverkündung. In der taz spricht Gareth Edwards über seinen (auf ZeitOnline, Artechock und in der SZ besprochenen) Science-Fiction-Film "The Creator" (mehr dazu bereits hier). Auf Artechock übermittelt Rüdiger Suchsland Notizen vom Filmfestival San Sebastian. Alexander Görlach erzählt in der NZZ eine kleine Geschichte des südkoreanischen Filmwunders, dem das Zurich Film Festival in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmet. Helgard Kemper und Katja Nicodemus plauschen für die Zeit mit Wim Wenders.

Besprochen werden Christian Tafdrups "Speak No Evil" (Perlentaucher), die Memoiren des Berliner Autorenfilmers Jörg Buttgereit (Filmfilter), Barbara Alberts gleichnamige Verfilmung von Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" (FR, Artechock, FAS, Filmdienst), Theo Montayas Essayfilm "Anhell69" (taz, Filmdienst), Moritz Springers Dokumentarfilm "Das Kombinat" (Filmdienst, SZ), Marc Rothemunds "Wochenendrebellen" (Artechock), Michael Steiners auf Netflix veröffentlichter Actionthriller "Early Birds" aus der Schweiz (NZZ) und die laut taz-Comicexperte Ralph Trommer ziemlich schludrige ARD-Dokuserie "BÄM - Geschichte des Comics". Hier alle Filmkritiken des Filmdiensts zur aktuellen Startwoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2023 - Film

Erstklassig anarmorphotisch: "The Creator" von Gareth Edwards

Gareth Edwards' Science-Fiction-Blockbuster "The Creator" hat den FAZ-SF-Spezialisten Dietmar Dath mit seiner Geschichte über den Krieg der Menschheit gegen ein KI-System mehr als überzeugt, zumal der Stoff um ein Roboterkind, das sich als tödliche Waffe entpuppen könnte, auf der Höhe der Zeit inszeniert wurde. Vorbilder dafür gibt es reichlich, doch der Film "übertrifft an Schönheit wie an Weisheit Spielberg, Lemire und Nguyen, weil Edwards erstens ambivalenteres Material aufbietet und es zweitens schlüssiger verdichtet. Dazu dienen ihm Aufnahmen, die er in acht südostasiatischen Ländern mit (klassizismushalber) erstklassigen anamorphotischen Kameralinsen unternommen hat. Die filmnarrativen Formen, die er zur Bändigung der Eindrucksfülle in Anspruch nimmt, kennt er sichtlich in- und auswendig; er hat vermutlich sowohl die Schauplatzverwandten zwischen Coppolas 'Apocalypse Now' (1979) und Kubricks 'Full Metal Jacket' (1987) als auch die nötigen bildnarrativen Inspirationen, allen voran 'Kozure Ôkami' ('Okami - Das Schwert der Rache', 1972) von Kenji Misumi, aufmerksam studiert. Das alles eignet er sich auf eine Weise an, für die man mit einer Metapher aus der Physik das Wort 'Piezoelektrik' wählen könnte. Denn das bezeichnet die Erzeugung einer elektrischen Spannung in einem Festkörper durch elastische Verformung desselben." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und NZZ.

Weitere Artikel: Die iranische "Kostümbildnerin und Setdesignerin Leila Naghdipari sitzt seit dem Jahrestag von Jina Mahsa Aminis gewaltsamem Tod im Gefängnis", meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel, nachdem Jafar Panahi auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Susan Vahabzadeh schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers David McCallum.

Besprochen werden mit "Emile - Erinnerungen eines Vertriebenen" und "A Boy's Life - Kind Nummer B2826" zwei neue Dokumentarfilme über Holocaust-Überlebende (Standard) und die auf Arte gezeigte, französische Comedyserie "Unter Kontrolle" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2023 - Film

"Grüne Grenze" von Agnieszka Holland

Die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland hat Personenschutz angeheuert, meldet Gerhard Gnauck in der FAZ: Ihr in Venedig prämiertes Flüchtlingsdrama "Grüne Grenze" über die Lage der syrischen Migranten, die aus Belarus via Polen in die EU kommen wollen, ist in ihrem Heimatland extremen Anfeindungen ausgesetzt. "Der Chef der regierenden PiS, Jarosław Kaczyński, wetterte, wer ein solches 'widerliches Pamphlet' herstelle, unterstütze oder auch nur gut aufnehme, sei 'Teil der Armee Putins' und jener Kräfte, die Polen zu einem 'Kondominium' seiner Nachbarstaaten in Ost und West machen wollten. ... Justizminister Zbigniew Ziobro verglich die 'Grüne Grenze' mit NS-Propagandafilmen und ihrer 'Darstellung der Polen als Banditen'. Holland, deren Vorfahren teils im polnischen Widerstand waren, teils Opfer des Holocausts wurden, wehrt sich. ... Ein Staatssekretär forderte von allen Studiokinos in Polen, vor Hollands Film ein zwanzig Sekunden dauerndes Gegenvideo zu zeigen. Es weist auf den von Belarus geführten 'hybriden Krieg' hin. Der Spot endet mit den Worten: 'Wir schützen die Grenze. Sicheres Polen.' Zahlreiche Kinobetreiber haben angekündigt, diese Forderung nicht zu erfüllen."

Mit der "vorläufigen Einigung" zwischen Drehbuchautoren und den Hollywood-Studios scheint zumindest dieser der beiden aktuellen Doppelstreiks beigelegt - Details des Deals liegen noch nicht vor und unter den Einigungsverträgen trocknet derzeit auch noch keine Tinte. Alles gut also? Nein, "beide Parteien haben verloren", kommentiert Claudius Seidl lakonisch in der FAZ, "wenn sie nicht längst verloren sind." Denn: In dem Streit ging es vor allem auch um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und weder die Autoren noch die Produzenten sollten sich sicher sein, dass in dieser Entwicklung wirklich das letzte Wort gesprochen ist: "Die Produzenten, die jetzt auf der Seite der Studios verhandelt haben, könnten sich ohnehin schon darauf gefasst machen, dass sie die nächsten sein werden, deren Job eine KI genauso gut erledigen kann. Kaum ein Arbeitsplatz in der Filmindustrie wird bleiben, wie er jetzt ist. Kaum ein Arbeitsplatzbesitzer darf sich sicher fühlen. Insofern ist, was wie der Abschluss eines Arbeitskampfs aussieht, viel eher die Vorahnung der Konflikte, die noch kommen werden - nicht nur in Hollywood, nicht nur in Amerika, sondern überall dort, wo sehr gut ausgebildete und halbwegs gut bezahlte Menschen sich für unersetzlich halten, weil sie ja über so wunderbare Produktionsmittel wie Schöpferkraft, Eigensinn, Risikobereitschaft verfügen."

Außerdem: Jakob Thaller wirft für den Standard einen Blick auf die Lage der Wiener Programmkinos. Besprochen werden Héloïse Pelloquets Regiedebüt "Wild wie das Meer" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "The Continental" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2023 - Film

Ein zu allem entschlossener Wadenbeißer: Roger Stone in "A Storm Foretold"

Drei Jahre lang hat der dänische Filmemacher Christoffer Guldbrandsen den US-Politberater Roger Stone mit der Kamera begleitet. Stone gilt als Bluthund und Wadenbeißer, der schon Nixon, Reagan und natürlich auch Trump zur Seite stand und dabei auch nicht davor zurückschreckt, Verschwörungstheorien zu streuen. Guldbrandsen selbst findet sich nun mit seinem Film "A Storm Foretold", der jetzt beim Zurich Film Festival zu sehen ist, in einer wahren Groteske wieder, berichten Sandro Benini und Pascal Blum im Tages-Anzeiger: "Stone behauptet, der Dokumentarfilmer habe mithilfe künstlicher Intelligenz eine Fake-Dokumentation fabriziert. Er droht mit einer 25-Millionen-Klage. Was man im Film sehe, habe gar nicht stattgefunden. Außerdem arbeite der Filmemacher für den dänischen Geheimdienst." Vielleicht sind solche verzweifelten Gegenmanöver auch kein Wunder, denn in einer Szene etwa fordert Stone, "in allen Gliedstaaten mit angeblichen Hinweisen auf Betrügereien Wahlleute aufzustellen, die bei der Ratifizierung das Ergebnis missachten und für Trump stimmen würden." In einer anderen erzählt er, "wie man Donald Trump etwas in den Mund legt. Man müsse ihn loben, in einer Rede einen so brillanten Satz gesagt zu haben, dass das Publikum in Jubel ausgebrochen sei. Ob dies zutreffe oder nicht, sei völlig egal. Es komme darauf an, Trump von seiner Genialität zu überzeugen - so werde er den Satz in einer nächsten Rede tatsächlich verwenden."

Außerdem: Die Agenturen melden eine "vorläufige Einigung" zwischen Hollywood und den Drehbuchautoren, die seit fünf Monaten streiken. Allerdings gibt es derzeit noch keine Anzeichen dafür, dass sich Hollywood und die weiterhin streikenden Schauspieler sich demnächst ebenfalls einigen. Besprochen wird Nicolas Philiberts berlinale-prämierter Dokumentarfilm "Auf der Adamant" über ein psychiatrisches Zentrum in Paris auf einem Boot ("eine Feier der Gemeinschaft der Individualität" beobachtet tazler Fabian Tietke).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2023 - Film

Orientierungslos, aber betörend schön: "Millennium Mambo" von Hou Hsiao-Hsien

Hou Hsiao-Hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 kommt wieder in die deutschen Kinos und bietet somit eine interessante Wiederbegegnung mit dem asiatischen Arthausfilm der Jahrtausendwende, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Der Film schöpft auch daraus, wie "die Twentysomethings sich ziemlich verloren fühlten in der neuen Zeit", schließlich "ignoriert der taiwanesische Meisterregisseur elegant alle zeitlichen Zusammenhänge, seine Geschichte gleitet fast wie im Halbschlaf durch die Jahre. ...  Eine diffuse Orientierungslosigkeit hat nicht nur seine verschachtelte Erzählung, sondern auch seine Figuren befallen." Doch "rückblickend spricht aus den Bildern weniger ein 'Millenniumsgefühl' als vielmehr eine Idee davon, was man sich um die Jahrtausendwende unter state of the art Erzählkino vorstellte. Die affizierte Leere und emotionale Verwahrlosung, grundiert von Motiven des Genrekinos, besitzen eine betörende Schönheit: von den durchfeierten Nächten in Taipeh, unterlegt mit einer beständig pluckernden Musik-Collage, bis ins winterliche Japan, wo Vicky im Schnee einen Abdruck ihres Gesichts hinterlässt."

Besprochen werden Jørgen Leths und Andreas Koefoeds Dokumentarfilm "Music for Black Pigeons" über den Jazzmuzsiker Jakob Bro (taz, mehr dazu bereits hier), Jan Stocklassas auf Sky gezeigter Dokumentarfilm "Der Mann, der mit dem Feuer spielte" über Stieg Larssons Recherchen zum Mord an Olof Palme (FAZ) und die neue Staffel der Serie "Sex Education" (Tsp, ZeitOnline, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2023 - Film

Auf zum Flughafen und in den nächsten Flieger nach Taipei gestiegen, ruft uns Axel Timo Purr auf Artechock entgegen. Der Wochenendausflug lohnt sich alleine schon wegen der großen Ausstellung, die dort dem taiwanesischen Autorenfilmer Edward Yang gewidmet ist. Dieser feierte um 2000 auf internationalen Festivals noch große Erfolge, ist seit seinem Tod im Jahr 2007 aber etwas in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung balanciert zwar "chronologisch über das Leben Yangs spielerisch hinweg", fokussiert aber vor allem auf Yangs filmische Sujets, erzählt Purr, der hier erlebt, "was Filmkunst ist und wie Film entsteht. Dazu haben die Kuratoren nicht nur eine beeindruckende Sammlung an Storyboards, Filmkameras, aber auch ganz profanen Alltagsgegenständen aus Yangs Umfeld zusammengetragen, sondern beeindrucken vor allem mit klug gewählten Filmausschnitten, die über in dunklen Räumen schwebenden Projektionsflächen miteinander korrespondieren und dabei nicht nur die Entwicklung von Yangs visuellem Stil - sein bedächtiges Tempo, die langen Einstellungen, eine statische Kamera, wenige Nahaufnahmen, leere Räume und Stadtlandschaften - deutlich wird, sondern auch seine narrative Entfaltung, die sich mit jedem Film mehr der Veränderungen der taiwanesischen Gesellschaft auf die Mittelschicht annimmt und den Konflikt zwischen Moderne und Tradition, Wirtschaft und Kunst und wie Gier Kunst korrumpieren kann, so poetisch wie gnadenlos analytisch seziert." Dieser Videoessay befasst sich ausführlich mit "Yi Yi", für den Yang 2001 in Cannes den Regiepreis erhielt.



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Außerdem: In seiner Artechock-Wochenkolumne freut sich Rüdiger Suchsland auf das Filmfestival in San Sebastian und legt uns den Gesprächsband "Der unsichtbare Dritte" ans Herz, in dem Josef Schnelle mit deutschen Filmschaffenden über deren Blick auf Hitchock spricht (die Gespräche bilden auch die Grundlage für diese fast dreistündige Sendung zum Thema im Dlf Kultur).

Besprochen werden Paul B. Preciados Essayfilm "Orlando, meine politische Biografie" (Perlentaucher, Zeit), Michael Chaves' Horrorfilm "The Nun 2", der Perlentaucher Lukas Foerster einmal mehr beweist, dass "das Horrorgenre nach wie vor der Ort ist, an dem sich die vielleicht größte Qualität des amerikanischen Kinos, seine lebendige Normalität, am besten bewahrt", Pablo Larraíns eben noch in Venedig, aber nun schon auf Netflix gezeigte Pinochet-Groteske "El Conde" (Standard), die Wiederaufführung von Hou Hsiao-Hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 (Filmdienst), Héloïse Pelloquets "Wild wie das Meer" ("Ein feministisches Manifest für starke, unangepasste Frauen", freut sich Tatiana Moll auf Artechock), Éric Besnards Komödie "Die einfachen Dinge" (Welt), Rainer Kaufmanns "Weißt Du noch" mit Senta Berger (Artechock), der Dokumentarfilm "Vergiss Meyn Nicht" über den im Hambacher Forst ums Leben gekommenen Filmemacher und Aktivisten Steffen Meyn (Tsp), die zweite Staffel der "Sex and the City"-Fortsetzung "And Just Like That..." (Freitag), die vierte Staffel von "Sex Education" (Welt) und die Sky-Serie "Family Law" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2023 - Film

Andreas Busche vom Tagesspiegel fällt aus allen Wolken, als sein Blick auf die Zusammensetzung der Findungskommission fällt, die in den nächsten Monaten einen neuen Intendanten für die Berlinale aus dem Hut ziehen soll: Die Zusammensetzung "zeugt von einem Höchstmaß an Einfallslosigkeit", kritisiert er. "Roth sagte vergangene Woche, dass die Berlinale ihrem Anspruch gerecht werden soll, 'das größte Publikumsfestival und ein politisches Filmfestival zu sein'. Letzteres gelingt jedoch nicht per Dekret, es braucht schon eine Vorstellung davon, wie sich das Kino künftig gegenüber anderen Erzählformen mit Bewegtbildern behaupten soll. Vielmehr besteht die Gefahr, dass künftig eher inhaltliche denn künstlerische Kriterien bei der Filmauswahl angelegt werden - von 'Fachleuten', die 'Im Westen nichts Neues' schon für politisches Kino halten."

Arm ist Berlin weiterhin, aber dafür auch nicht mehr so richtig sexy: Klaus Wowereit in "Capital B" (Arte)

Wie konnte die Aufbruchstimmung in Berlin unmittelbar nach der Wende derart versickern? Dieser Frage geht Florian Opitz in seiner von Arte online gestellten Doku-Serie "Capital B - Wem gehört Berlin?" nach, für die er nicht nur bemerkenswertes Archivmaterial zusammengestellt hat, sondern tatsächlich auch viele der Verantwortlichen für Interviews vor die Kamera bekommen hat. ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell kann die Reihe nur empfehlen: "Die Serie führt vor Augen, wie aus der korrupten CDU-Finanzwirtschaft des Bankenskandals, in dem die steuerzahlende Allgemeinheit ein paar Investoren Gewinne garantierte, ein riesiges Haushaltsdefizit entstand. Das wurde ab 2001 unter Klaus Wowereit (SPD) und seinem Finanzsenator Thilo Sarrazin beseitigt durch harte Sparpolitik, etwa in der heute als dysfunktional bekannten Verwaltung, und durch den Ausverkauf von einst landeseigenem Wohnraum. Letzterer ist seit der Finanzkrise von 2009 zum bevorzugten Spekulationsobjekt von global 'entfesselten Anlagekapital' (Stadtsoziologe Andrej Holm) geworden, der die Wohnungsfrage zu einem der drängendsten Probleme der einst so bezahlbaren Hauptstadt gemacht hat. Es ist eindrucksvoll, wie es der Serie gelingt, bei aller Komplexität der Vorgänge elegant Verbindungen zwischen dem Oben und Unten zu schaffen. Von Sarrazins Sparpolitik geht es zu einem dadurch prekär gewordenen Mädchentreff in Neukölln." Für den Tagesspiegel bespricht Claudia Reinhard die Dokuserie.

Weitere Artikel: Daniel Imwinkelried blickt für die NZZ nach Österreich auf den Wirbel, den dort eine ganze Flut von Porträtfilmen über Sebastian Kurz ausgelöst hat - wobei ein offenbar besonders werbeträchtig gestalteter Film auch wegen seiner ungeklärten Finanzierung Spekulationen darüber nährt, aus wessen Geldbeutel die Mittel dafür geflossen sein könnten: "Die Macher von 'Kurz. Der Film' bestreiten jedoch, dass der Film vom ehemaligen Kanzler mitfinanziert worden sei." Diese Woche geht ein weiterer Film über Kurz online, meldet außerdem Valerie Dirk im Standard. Diese spricht im Standard außerdem mit Senta Berger, die aktuell in Rainer Kaufmanns Ehedrama "Weißt Du noch" im Kino zu sehen ist. In der NZZ stellt Urs Bühler Maja Hoffmann vor, die am Mittwoch zur neuen Präsidentin des Locarno Film Festivals gewählt wurde. In der SZ gratuliert David Steinitz dem Hollywood-Produzenten Jerry Bruckheimer zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Paul B. Preciados Essayfilm "Orlando" (Perlentaucher, Zeit), Michael Chaves' Horrorfilmsequel "The Nun" (Perlentaucher), der Dokumentarfilm "Vergiss Meyn Nicht" über den bei den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst ums Leben gekommenen Journalisten und Aktivisten Steffen Meyn (taz, FR), Harald Pulchs und Ralf Otts Dokumentarfilm "Oskar Fischinger" über den deutschen Animations- und Experimentalfilmpionier (FR), die DVD-Ausgabe von Christine Kuglers und Günter Kurths "Kalle Kosmonaut" (taz), die Wiederaufführung von Hou Hsiao-hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 (SZ), der neue Teil der Actionreihe "Expendables" (Standard), Eric Besnards Komödie "Die einfachen Dinge" (SZ),  und die Netflix-Serie "Liebes Kind" (FR). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2023 - Film

Szene aus Maya Derens "At Land" von 1944


Patrick Holzapfel stellt in der NZZ die avantgardistische Regisseurin Maya Deren vor, der das Filmpodium Zürich einen Filmabend widmet: "Der Stellenwert Derens für den künstlerischen Film ist ungebrochen. Trotzdem entzieht sich die 1917, im Jahr der russischen Revolution, in Kiew als Eleanora Solomonowna Derenkowskaja in eine intellektuelle jüdische Familie geborene Künstlerin und Theoretikerin den üblichen Mechanismen der Kanonisierung. Das hängt auch damit zusammen, dass ihr Werk sich dem Ungreifbaren verschrieben hat. Ihre großteils in den 1940er Jahren realisierten Filme lassen sich kaum beschreiben, entziehen sich mit verspielter, formal präziser Bewegungskunst den üblichen Modi des Kinos. Es sind filmische Choreografien, Tanzfilme und Studien des Unterbewussten. Oft ist Deren selbst darin zu sehen. Bis heute wirken die Filme unverbraucht und aufregend. Das gilt genauso für Derens theoretische Schriften, die sich einer Idee des poetischen Films nähern."

Besprochen wird Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant", der jetzt in die Kinos kommt (FR, SZ und hier noch die Berlinalekritik im Perlentaucher).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2023 - Film

Sterling K. Brown in Cord Jeffersons "American Fiction"

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfest Toronto, wo Cord Jeffersons Verfilmung von Percival Everetts Roman "American Fiction" den Hauptpreis gewann. Der Roman ist schon gut zwanzig Jahre alt, so Rebhandl, aber er passt sehr gut in die heutige Zeit. Hauptfigur ist der schwarze Schriftsteller, Thelonious "Monk" Ellison, der "mehr oder weniger offen Joyce nacheifert oder einem anderen alten weißen Mann" und damit "- hier beginnt schon die satirische Zuspitzung - seine Identität" verrät. "Jeffrey Wright spielt dieses Dilemma mit der Zurückhaltung, auf die 'American Fiction' dann lustvoll seine Übertreibungen bauen kann. Denn Monk reagiert auf den Erfolg von vielerlei Rollenprosa mit einem pseudonymen Machwerk, das all das erfüllt, was (weißen) Verlegern über Afroamerikaner einleuchtet. Und bald ist der Streich nicht mehr zurückzunehmen, es hilft nur die Flucht nach vorn, das gilt auch für den Film insgesamt, der dann aber mit vielen Zwischentönen seine deutliche Botschaft anreichert. Mit dem Mythos vom "großen amerikanischen Roman" muss "American Fiction" es gar nicht aufnehmen, um eine sehr präzise Bestandsaufnahme der Reste der bürgerlichen Öffentlichkeit in Amerika vorzunehmen."