Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.12.2023 - Film

Kinematografische Comic-Art: "Rebel Moon"

Zack Snyders Science-Fiction-Blockbuster "Rebel Moon" war seitens des Regisseurs mal als Teil des Star-Wars-Erzähluniversums angelegt, ging dann aber doch eigene Wege - zum Glück, findet Lukas Foerster im Perlentaucher, denn der Regisseur "kostet in seinem neuen Werk die Freiheit, ohne Rücksicht auf vorgängige intellectual properties eine neue Welt kreieren zu können, aus vollen Zügen aus." Pubertär bleibt die Schau zwar dennoch. "Einerseits. Andererseits: wenn schon pubertäre Kinderzimmerfantasien, dann bitte so. Denn dass Snyders Kino eines ist, das nicht erwachsen werden will, heißt vor allem, dass es sich nicht mit dem 'vernünftigen' Normalmaß abspeisen lassen möchte, auf das das 'erwachsene' Kino seine Bilder zurechtschneidet. Die Bilder sollen immer größer werden, immer verführerischer glänzen. ... Wie schon in der je nach Perspektive poly- oder kakophonen Zombie-Schlachtplatte 'Army of the Dead' arbeitet Snyder in 'Rebel Moon' viel mit hohen Brennweiten und entsprechenden Unschärfeexzessen - eine Technik, die er inzwischen geschmeidiger zu handhaben versteht und immer wieder mit irrlichternd-psychedelischer Farbgebung kombiniert. Der Effekt ist, for better or worse, kinematografische Comic-Art, direkt ins Lustzentrum geknallte Panel-Ikonografie statt sauber durchkonstruierter Illusionsräume."

Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Wim Wenders über dessen neuen, in Welt und FR besprochenen Film "Perfect Days" (mehr dazu bereits hier). Die Filmkritiker vom Filmdienst küren ihre Lieblingsfilme 2023.

Besprochen werden die Wiederaufführung von Morris Engels, Ruth Orkins und Ray Ashleys "Little Fugitive" aus dem Jahr 1953, der als maßgeblicher Einfluss der französischen Nouvelle Vague gilt (FR), die auf DVD veröffentlichten Komödien von Pia Frankenberg aus den Achtzigern (taz), Sean Durkins Wrestlerdrama "The Iron Claw" (Tsp), Giovanni Pellegrinis Dokumentarfilm "Lagunaria" über Venedig (taz), die zweite Staffel von "Reacher" nach dem Roman "Bad Luck and Trouble" von Lee Child (TA), die Netflix-Serie "Code des Verbrechens" (Presse), Elisa Scheidts MDR-Doku "Tripperburgen" (FAZ) und die SRF-Serie "Davos 1917" (FAZ). Außerdem hier alle Filmstarts der Woche beim Filmdienst.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2023 - Film

Einfach viel zu schöne öffentliche Toiletten: "Perfect Days" von Wim Wenders

Mit seinem in Japan gedrehten Drama "Perfect Days" um den duldsam-stoischen Kloreiniger Hirayama ist Wim Wenders bereits in Cannes gefeiert worden, zum regulären Kinostart legen die Filmkritiker noch einmal nach - und dann schickt Japan den Film auch noch ins Rennen für den Auslandsoscar. Zu Recht, denn es ist wohl sein "schönster Spielfilm seit Langem", freut sich Thomas Abeltshauser im Freitag. Dieser "Hirayama ist in seinem Leben gut aufgehoben, und auch in Wenders' Bildern, die, in der klassischen 'Academy Ratio' im Verhältnis 1.33:1 weniger Platz an den Rändern lassen, als man das heute gewohnt ist, und deshalb auch weniger Raum für Störsignale", beobachtet Lukas Foerster im Filmdienst. Um Sozialrealismus geht es dem deutschen Auteur dabei gerade nicht, der Film ist "eine reine Kinofantasie, die Fantasie eines Lebens, das sich in der Form, die es sich selbst gibt, genug ist. Man mag an Wenders' Begeisterung für die an der Oberfläche ähnlich seelenruhigen Filme von Yasujiro Ozu denken, oder auch an das ähnlich stilbewusste und popkulturgetränkte Werk von Jim Jarmusch. Aber letztlich singt Wenders seine eigene Melodie."

"Mit den schlichten Gesten und der reduzierten Handlung, in der sich die Dinge meistens am Rand ereignen, erzählt Wenders nebenbei ziemlich viel", hält Tim Caspar Boehme in der taz fest. "Sein Hauptdarsteller Kōji Yakusho trägt dieses Geschehen mit einer zurückgenommenen Selbstverständlichkeit, als habe er sein Leben lang nichts anderes getan." Man frage sich gar, ob Wenders wohl "ein Plädoyer für die Würde der Arbeit vorschwebte. Für derlei Interpretationen ist 'Perfect Days' jedoch denkbar ungeeignet. Dafür sind die Orte, an denen Hirayama im Einsatz ist, einfach zu schön. Und zu gepflegt. Umgekehrt könnte man in dieser Hinwendung zu etwas, das man sonst als gegeben voraussetzt, ein Plädoyer für die Würde des Klos erkennen." Hirayamas "Aufgehen in der Gegenwart und in ordnungsschaffenden Gewohnheiten ist Zen-Buddhismus nach Art von Wim Wenders", meint Robert Wagner im Perlentaucher. "Seinen Ort hat er vor allem anderen in den Freuden an kleinen Dingen. Im Sonnenlicht, das durch die Baumkronen flackert. Vor allem aber in der Erfüllung, die es bereitet, Klos zu putzen. Warum er so gründlich sei, es wird eh wieder dreckig, fragt ihn ein Kollege einmal. Aber gerade an diesem Punkt, wenn er der endlosen Entropie am unglamourösesten Ort der Welt unaufhörlich Einhalt gebietet, unterstreicht 'Perfect Days' ohne Nachdruck, dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen sollten - und ist dabei durchaus überzeugend." In der Zeit schreibt Katja Nicodemus über den Film.

Außerdem: In der Welt gratuliert Dennis Sand dem Berliner Underground-Regisseur Jörg Buttgereit zum 60. Geburtstag (eine Auswahl seiner tollen Hörspiele gibt es in der Audiothek der ARD). In der Zeit würdigt Peter Kümmel den Regisseur und Schauspieler Jan Georg Schütte anlässlich von dessen neuer ARD-Serie "Das Fest der Liebe".

Besprochen werden Sean Durkins Wrestlerdrama "The Iron Claw" (FD), Frant Gwos chinesischer SF-Blockbuster "Die wandernde Erde 2" (FAZ), Simon Verhoevens "Girl You Know It's True" über den Milli-Vanilli-Skandal (taz, Zeit Online, Standard), die Stephen-King-Adaption "Kinder des Zorns" (FR), Takashi Yamazakis "Godzilla Minus One" (SZ) und die SRF-Serie "Davos 1917" (NZZ, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2023 - Film

Otar Iosseliani, 2013. Foto: Valerios Theofanidis unter CC-Lizenz
Der georgische Autorenfilmer Otar Iosseliani ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Wegen politischer Repressalien war er in den Achtzigern nach Frankreich ausgewandert. Sein Debütfilm "'April' war Anfang der 1960er-Jahre wegen 'Formalismus' verboten worden", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Er arbeitete daraufhin eine Zeitlang als Matrose und als Metallarbeiter. Auch nach seiner Emigration machte er keinen Hehl aus seiner Überzeugung als bekennender Monarchist. Seine Kinobilder hingegen kannten kein Klassenbewusstsein, sie hatten oft etwas Anarchisches. So feierten Iosselianis Werke mit einer fliegenden, schwebenden Kamera von William Lubtchansky nicht nur eine im Verschwinden begriffene Welt, sondern zugleich das einfache Leben. ... Immer wieder verteidigten seine poetischen, mit Wehmut grundierten Tragikomödien die Magie der kleinen Dinge gegen den Turbokapitalismus." Und sie zeichneten sich durch eine "epische Ironie" aus, ergänzt Andreas Kilb in der FAZ: Hier "ist das Leben keine Story. Es ist ein Panorama, ein Uhrwerk des Zufalls, ein historisch-mechanisches Figurenballett, in dem dieselben Charaktermasken immer wiederkehren. ... Dabei war dem Geschichtspessimisten Iosseliani nichts fremder als Larmoyanz. Statt vom Überdruss am Leben erzählt jeder seiner Filme von der Lust daran, in Afrika ('Und es ward Licht') wie in der französischen Provinz ('Jagd auf Schmetterlinge'). Sein Kino brauchte kaum Dialoge, es ließ die Dinge sprechen, die Blicke, die Gesten."

Außerdem: Rochus Wolff beleuchtet im Filmdienst die Schwierigkeiten beim Auffinden von Kinderfilmen in Streamingportalen. Besprochen werden die zweite, auf Lee Childs Thriller "Bad Luck and Trouble" (unsere Kritik) basierende Staffel der Amazon-Serie "Reacher" (NZZ), Zack Snyders für Netflix gedrehtes Science-Fiction-Epos "Rebel Moon, Teil 1" (critic.de), die letzten Folgen der Netflix-Serie "The Crown" (FAZ) und Simon Verhoevens "Girl You Know It's True" über Frank Farians Milli-Vanilli-Skandal (FD, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2023 - Film

Heike Buchter wirft für die Zeit einen Blick auf die aktuelle Weihnachtsfilm-Produktion. Lara Ritter nutzt in der taz den Anlass von Brad Pitts (heute) und Til Schweigers (morgen) 60. Geburtstag, um auf den Wandel von männlichen Schönheitsidealen zu blicken.

Besprochen werden William Oldroyds gleichnamige Verfilmung von Ottessa Moshfeghs Roman "Eileen" (Jungle World), Tobi Baumanns Komödie "791 KM" mit Iris Berben (Welt), die Schweizer Serie "Davos 1917" (TA) und die Netflix-Serie "Sanctuary" (SZ).
Stichwörter: Netflix, Schönheitsideale

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2023 - Film

Der frühe Slapstickstar Mabel Normand

Die Filmreihe "Leading Ladies" im Wiener Metrokino wirft ein Schlaglicht auf die oft übergangenen Komödiantinnen des Stummfilmkinos. "Von Beginn an waren viele Frauen im Kino Herrinnen ihrer selbst und ihrer eigenen Gags", schreibt dazu Valerie Dirk im Standard. Zu den Wiederentdeckungen der Reihe zählt Mabel Normand: "Die US-Amerikanerin wurde 1911 als 'Vitagraph Betty' der komische Star des gleichnamigen Filmstudios. Ihre größten Erfolge fuhr sie in dem 1912 von ihr mitbegründeten Studio Keystone ein, wo sie mit Charlie Chaplin und Fatty Arbuckle zur Slapstick-Queen wurde und bis 1914 bei etwa zehn Filmen selbst Regie führte. Damit hat sich Normand allerdings nicht ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben. Vielmehr ist sie eine jener tragischen Figuren, die dem frühen Hollywood den Ruf des Sündenpfuhls eingebracht hat: Drogen, Exzesse und Mordprozesse inklusive. 'The Extra Girl' läutete 1923 schon das Ende ihrer Karriere ein. ... Teenager, Nachtgestalten, Verwechslungsrollen: Die Figuren, die die lustigen Filmdivas oft mit exaltierter Komik mimten, entziehen sich gesellschaftlichen Vorstellungen vom Frausein. Sie sind grenzüberschreitend und damit, obwohl an die hundert Jahre alt, ungebrochen modern und inspirierend." Dieser Youtube-Kanal bringt zahlreiche Filme von und mit Normand, wenn auch zum großen Teil in wenig erfreulicher Qualität.

Außerdem: Jean-Martin Büttner wirft für den Tages-Anzeiger einen Blick auf die Streitereien um die Besetzung von Denzel Washington in einer geplanten Netflix-Serie über Hannibal: Dieser sei schwarz gewesen, behauptet der Streamingdienst, während die Tunesier darauf beharren, dass der Feldherr als Phönizier weiß gewesen sei. Die Welt (hier) und der Filmdienst (dort) küren die besten Serien des Jahres.

Besprochen werden Tobi Baumanns "791 KM" mit Iris Berben (Standard), Henrik Martin Dahlsbakkens Künstlerbiopic "Munch" (Standard), Jan Georg Schüttes und Sebastian Schultz' im Ersten gezeigte Improserie "Das Fest der Liebe" (FAZ) und das Finale von "The Crown" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2023 - Film

Für Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland reiht sich die Berlinale-Personalie Tricia Tuttle (unser Resümee) nahtlos ein in die jüngere Berliner Tradition, Leute aus London an die Spree zu holen, um angeschlagene Kultur-Kähne in ruhigere Gewässer zu bringen. Tuttle "wird jedenfalls deswegen gewollt, weil sie etwas fürs Publikum getan hat: Schwellen gesenkt, gestreamt, Filme kostenlos nachgespielt. Auf Deutsch: Sie hat die Qualität des Spielorts Kino beschädigt." Im Betrieb ist sie bislang kaum bekannt. "Vielleicht wollte man eine 'schwache' Person, eine, die gegen das BKM nicht gegenhalten kann, eine, die 'formbar' ist, die Anweisungen folgt, für die dieser Job die Chance ihres Lebens ist. Andere mögliche Kandidaten wären keineswegs schwach gewesen. Die Frage ist, ob es ein Pluspunkt ist, dass sie von außen kommt, denn sie spielt nicht auf Augenhöhe mit den Barberas und den Frémaux und den ganzen anderen. Das gefällt zwar manchen, aber auf die kommt es nicht an, und selbst sie werden sofort anders denken, wenn sie selbst unter dem weiteren Sinkflug der Berlinale leiden."

In der NZZ hat Leonie C. Wagner große Freude an der viral gegangen und ziemlich bösen Satire der israelischen Sendung "Eretz Nehederet", die die Verlogenheit der Hamas-Führer aufs Korn nimmt: "In nur zweieinhalb Minuten gelingt es den israelischen Satirikern, den Zynismus der Hamas darzustellen. Deren Anführer werden tatsächlich in Doha vermutet und sind nach Schätzungen des israelischen Außenministeriums Milliardäre."



Besprochen werden Takeshi Kitanos japanisches Historiendrama "Kubi" (taz), Meron Mendels ZDF-Reportage "Rückkehr nach Israel" (FAZ), William Oldroyds gleichnamige Verfilmung von Ottessa Moshfeghs Roman "Eileen" (Tsp), Jeanne Herrys "All eure Gesichter" (Welt, SZ, unsere Kritik hier), John Woos "Silent Night" (Artechock, critic.de, mehr dazu hier), die Stephen-King-Verfilmung "Kinder des Zorns" (Welt), Molly Manning Walkers "How To Have Sex" (Intellectures) und die letzten Folgen der Netflix-Serie "The Crown" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2023 - Film

Hat sich gut im Griff: "All Eure Gesichter"

Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" reiht sich gut ein in die Tradition des französischen Stuhlkreisfilms, schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. Der Film handelt vom Sprechen und vom Sprachhandeln. "Die Kombination von bester Absicht und prominentem Cast ist in den meisten Fällen keine gute Nachricht. Der Cast in 'All eure Gesichter' ist exzeptionell. (Allein drei Mitglieder der Comédie Française; die Allzweck-Stars Jean-Pierre Darroussin und Gilles Lellouche; Élodie Bouchez und Miou-Miou als zwei Aktricen mit komplizierten Filmografien; die unübersehbare Nebendarstellerin Anne Benoît …) Und er hat sich erstaunlich gut im Griff in einer Partitur der Halbnahen, Nahen und Detailaufnahmen, in der langsam geschnitten und lange gesprochen wird, manchmal auch längere Zeit geschwiegen und fast nie zu viel veranstaltet. Wer das puristische Kino liebt, wird immer noch manches auszusetzen finden (die Filmmusik, ein etwas redundantes Ende, ein paar überflüssige Rückblenden). Aber das ändert nichts daran, dass es sich um einen klugen, sehr schönen Film handelt, der zudem nach 'Passages' (R: Ira Sachs, 2022) und 'Les cinq diables' (R: Léa Mysius, 2023) Adèle Exarchopoulos endgültig als eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation etabliert."

Wie aus den Achtzigern: "Silent Night"

Hongkong-Actionmeister John Woo meldet sich erstmals seit den frühen Nullern wieder mit einer US-Produktion im Kino zurück - und das mit einem Gimmick: Sein Selbstjustizthriller "Silent Night" bietet bis auf ein paar Textnachrichten keine Dialoge. Tazler Michael Meyns winkt jedoch ab: "Ja, es gibt zwei, drei schöne Actionmomente, auch eine minutenlange Kamerafahrt, mit der Woo seinen vielen Epigonen noch einmal zeigt, wer der Meister ist, aber was soll man über einen Film sagen, der sich anfühlt, als wäre er von 1988? Der jeden Latino als schwerst tätowierten Gangster zeigt, die Polizei als komplett unfähig, einen Jedermann, der in Kürze zum beinharten Superkiller wird. Im Teenageralter konnte man so etwas goutieren, um 1990, als die Welt noch in klare Gut-Böse-Muster eingeteilt war, zumindest scheinbar." Stimmt schon, meint auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, doch "bei alternden Rockstars werden späte Beweise von Virtuosentum meist frenetisch gefeiert."

Auch Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek wirkt matt nach dem Film: "Man erkennt die Handschrift, man spürt die Energie, aber alles wirkt formelhaft und bemüht, die Choreografie der Schießereien raubt einem nicht mehr den Atem. Der Michelangelo der Action packt ein letztes Mal seine alten Tricks aus, doch die sind inzwischen nichts Besonderes mehr. Sie sind Allgemeingut geworden." Perlentaucher Nicolai Bühnemann hat immerhin Freude an der "Souveränität des alten Action-Meisters. ... Auch wenn es ihm nicht gelingt, an den Irrwitz der Heroic-Bloodshed-Meisterwerke seiner Hongkongfilme der späten 1980er und frühen 1990er anzuknöpfen, ist John Woo hier merklich in seinem Element."

Außerdem: In der FR begrüßt Daniel Kothenschulte die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle im "ewigen Berlinale-Dilemma" zwischen Filmkunst, Filmstars und Popularität (mehr zu dieser Personalie bereits hier). Maria Wiesner verbeugt sich in der FAZ vor Sandra Hüller, die gerade mit einem Preisregen und einem großen Porträt im New Yorker einen sagenhaften Lauf auf dem internationalen Parkett hat. Bernhard Heckler berichtet in der SZ (online gestellt vom Tages-Anzeiger) von der Comic-Con in Tokio, wo sich die Hollywoodstars die Klinke in die Hand geben. Patrick Heidmann porträtiert für den Tagesspiegel die nach Eigenauskunft "queer-feministische Filmemacher*in" Julia Fuhr Mann. Für die SZ plaudert David Steinitz mit Matthias Schweighöfer. Denise Bucher besucht für die NZZ die Dreharbeiten der Schweizer Prestigeserie "Davos 1917".

Besprochen werden William Oldroyds gleichnamige Verfilmung des Romans "Eileen" von Ottessa Moshfegh (taz, FAZ), Dominik Grafs auf Arte gezeigter Film "Mein Falke" (FAZ, mehr dazu bereits hier), Henrik Martin Dahlsbakkens "Munch" (FR), Bradley Coopers "Maestro" (NZZ, unsere Kritik) und die zweite Staffel der Actionserie "Reacher" nach einem Roman von Lee Child (ZeitOnline). Und hier der Überblick beim Filmdienst über alle Filmstarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2023 - Film


Diese Überraschung sitzt: Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle wird ab April 2024 die Berlinale leiten. "Eine gute Wahl", findet die versammelte Filmredaktion der SZ. Kulturstaatsministerin Claudia Roth sei "ein Coup gelungen", staunen Christiane Peitz und Andreas Busche im Tagesspiegel, "zumal einer von internationaler Ausstrahlung", denn "Tuttle ist die erste Generalintendantin an der Spitze eines der großen A-Festivals". In London war Tuttle zuletzt für das London Film Festival verantwortlich, auf dem Zettel für die Berlinale hatte sie niemand. Ihre beim BFI eingereichte Liste mit ihren Lieblingsfilmen weist sie als eine am Kanon orientierte Cinephile mit sanftem Hang zum Eklektizismus aus. London wurde unter ihrer Leitung zu einem der "international wichtigsten Publikumsfestivals", erklären Peitz und Busche weiter. "Das dürfte nicht zuletzt zur Entscheidung für Tricia Tuttle beigetragen haben", allerdings "übernimmt Tuttle ein gerupftes Festival" - die bisherige Leitung musste zuletzt erhebtlich einsparen.

Schon wieder jemand, der kein Deutsch spricht, seufzt Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek, dem sich in dieser Personalie auch ein "spezielles Problem der deutschen Filmszene" zeigt: "Dass es dort weit und breit keinen Kandidaten gibt, der den Anforderungen eines Chefpostens in Berlin gewachsen wäre." Bezüglich ihrer Pläne blieb Tuttle bei der Pressekonferenz vage: "Interessant in Tuttles Londoner Amtszeit ist die Ausweitung des digitalen Angebots, was zunächst ein erzwungener Effekt während der Pandemie war, sich aber danach bei 80 Prozent Präsenz- und 20 Prozent digitalen Vorstellungen einpendelte; bei der Berlinale ist bisher gar nichts digital zu sehen. Tuttle betonte allerdings, ihre absolute Priorität sei, die Menschen ins Kino zurückzubekommen." Katja Nicodemus blickt auf Zeit Online nochmal kritisch auf die Chatrian-Jahre des Festivals zurück, die unter turbulenten Rahmenbedingungen stattfinden mussten. Finanziell könnte es für Tuttle nun entspannter zugehen: Bund und Land haben eine Aufstockung der Mittel in Aussicht gestellt."

Bei Andreas Kilb von der FAZ verfängt die bei der Pressekonferenz verbreitete gute Stimmung nicht. Dass die zugesagte Finanzspritze aus Bundesmitteln "gerade ausreicht, den Anstieg der laufenden Festivalkosten auszugleichen, erwähnte Roth nicht. ... Das Intendanzmodell, mit dem die Politik zur Leitungsstruktur der Jahre vor 2019 zurückkehrt, soll jetzt die Wende auf dem Weg in die zweite Liga der Filmfestivals bringen. Aber selbst wenn Tricia Tuttle eine glückliche Hand bei der Filmauswahl hat, kann sie die strukturellen Malaisen der Berlinale nicht allein kurieren. Der Festivaltermin im Februar erweist sich immer deutlicher als Hemmschuh. Der Mietvertrag im Musical-Palast läuft übernächstes Jahr aus. Und die Zahl der Kinos in Berlin-Mitte nimmt weiter ab. Die Berlinale braucht neue Spielstätten, eine neue Residenz und einen neuen Termin."

Themenwechsel: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, muss Marlen Hobrack auf Zeit Online beim Blick darauf feststellen, wie etwa Disney sich in den letzten Jahren an der "strong female lead"-Figur abarbeitet - also dem Typus einer Heldinnenfigur, die in einem Nu all das ausgleicht, was patriachalere Vorstellungen von Kino Frauenfiguren bis dahin selten zugetraut haben. Die Kehrseite: Die neuen Heldinnenfiguren können einfach alles, während männlichen Figuren auch im Typus des Antihelden ein viel breiteres Spektrum zugestanden wird. "Warum gelingt es Hollywood, neue männliche Helden zu schreiben, die auch außerhalb des Superhelden- und Actiongenres als interessante Charaktere funktionieren, während es so krachend an der Heldin scheitert, die nur eine präpotente Pappkameradin ist? Weil die Regisseure und Regisseurinnen unter einer vulgär feministischen Fehlinterpretation von Weiblichkeit leiden. ... Die Heldin soll dem männlichen Counterpart zwar jederzeit den Mangel an vermeintlich weiblichen Tugenden vorwerfen können, sie selbst jedoch nicht besitzen - denn dann wäre sie ja angeblich schwach." Da war Hollywood übrigens schon mal viel weiter, fügt Hobrack hinzu - und nennt Heldinnenfiguren wie Katniss Everdeen ("Hunger Games") und Sarah Connor ("Terminator").

Außerdem: "Ziemlich absurd" findet es Presse-Kritiker Andrey Arnold, dass die Golden Globes künftig auch die besten Kassenerfolge auszeichnen wollen. Karsten Munt verneigt sich im Filmdienst vor dem japanischen Schauspieler Tatsuya Nakadai, den man vor allem aus den Filmen von Akira Kurosawa kennt.

Besprochen werden Behrang Samsamis Buch "Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless" (FD), Dominik Grafs auf Arte gezeigtes Drama "Mein Falke" (SZ, mehr dazu bereits hier), Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" (Zeit Online),  Sam Esmails Netflix-Thriller "Leave the World Behind" (NZZ) und Henrik Martin Dahlsbakkens Künstlerbiografie "Munch" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2023 - Film

Im Zeit-Online-Gespräch mit Nils Markwardt gibt die Kulturwissenschaftlerin Andrea Geier Einblick in ihre Forschungsarbeiten zum Weihnachtsfilm. Der nicht nur in Deutschland zu dieser Jahreszeit äußerst beliebte Klassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (Mediathek) darf da nicht fehlen. Der Interpretation, dass der in der DDR und in der Tschechoslowakei entstandene Film mit seiner "widerständigen Komponente" auch kritische Spitzen gegen das damals herrschende sozialistische System austeilt, kann sie sich nicht anschließen: "Ich würde in dem Film eher einen allgemeinen Umgang mit einem Genre erkennen. Das Wiedererzählen von Märchen und bekannten Geschichten lebt immer vom Ausbalancieren von Wiederholung und Variation. Und gerade die Variation von Geschlechterrollen gibt es sehr regelmäßig. Zumal das Interessante hier auch gar nicht so sehr darin besteht, dass die Frauenfigur emanzipativ erscheint, sondern vielmehr, dass die Prinzenrolle neu ausgestaltet worden ist. ... Die ist sehr viel tiefer ausgeprägt, als es in der Tradition der Cinderella- und Aschenputtel-Motive meistens der Fall ist. Denn dieser Prinz muss sich bewähren. Er muss zeigen, dass er tatsächlich prinzenfähig ist, um Aschenbrödel gewinnen zu können, und er lernt sogar: Es versteht sich nicht von selbst, dass sie ja sagt. Und dabei kommt dann etwas ins Spiel, worin man vielleicht tatsächlich einen sozialistischen Kontext erkennen könnte: Aschenbrödel wird nach dem Tod des Vaters wie eine Bedienstete behandelt, und es ist gewissermaßen das Volk, das die sich anbahnende Heirat absegnet."

Außerdem: Heute um 12 Uhr stellt Claudia Roth die neue Berlinale-Leitung vor, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Die SZ bringt die Nominierten für die Golden Globes - auch Sandra Hüller, eben mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, kann sich Hoffnungen machen.

Besprochen werden Bradley Coopers Leonard-Bernstein-Biopic "Maesto" (online nachgereicht von der SZ, unsere Kritik), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Jungle World, unsere Kritik hier), Sam Esmails Netflix-Thriller "Leave the World Behind" (Standard, Presse, Tsp) und Til Schweigers "Das Beste kommt noch!" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2023 - Film

Am Samstag wurden die Europäischen Filmpreise verliehen. Mit insgesamt fünf Preisen in fast ausschließlich den wichtigsten Kategorien war Justine Triets bereits in Cannes ausgezeichneter Film "Anatomie eines Falls" der Abräumer des Abends - unter anderem wurde Sandra Hüller als beste Schauspielerin ausgezeichnet, die in dieser Kategorie auch gegen sich selbst antrat, da sie auch für Jonathan Glazers' "The Zone of Interest" nominiert war. Dieser Nominierungssegen wundert tazlerin Jenni Zylka nicht, denn "Hüller kann alles, und das mit Grandezza und Selbsttreue. Dennoch hätte man Jonathan Glazers überragendem, mehrfach nominiertem Film, der das Leben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss an der Mauer zum KZ beschreibt, mehr als den verdienten Preis für den besten Sound gewünscht. Denn in der fiktional-filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust gab es bislang kein Werk, das so konsequent die Opfer schützt und dabei so sehr berührt. Glazers Entscheidung, die Pein der Leidtragenden allein über die Tonebene zu erzählen, ist fast eindringlicher als Bilder von (fiktionalisierten) Opfern - Ton wirkt unmittelbarer als Bild."

Hüller nahm ihre Auszeichnung zum Anlass für eine Schweigeminute für den Frieden (hier ab 10:09). Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche war es einer der "herausragendsten Momente" der Verleihung, der "einiges verrät über die Preisträgerin, die ihren großen Moment auf der Bühne nutzt, um noch einmal herauszustellen, dass dieser Preis viel größer ist als sie selbst." Die Auszeichnung selbst ist nur folgerichtig, denn Hüllers "Name überstrahlt in diesem Jahr das europäische Kino, er fiel in allen Dankesreden für Triets Film. Sandra Hüller ist, so besagt es auch der Titel ihres Preises, wahrlich die 'Europäische Schauspielerin' des Jahres. ...  Sieht man die Schauspielerin und ihre Regisseurin auf der Bühne, hört ihre gegenseitigen Dankesbekundungen, kann man davon ausgehen, dass es nicht ihre letzte gemeinsame Arbeit ist. Da haben sich zwei gesucht und gefunden." Marius Nobach vom Filmdienst quälte sich eher durch den zähen Abend statt Glitz, Glamour und Vielfalt des europäischen Kinos genießen zu können.

Eine Kinotour samt DVD-Box ruft das leider überschaubar gebliebene filmische Werk von Pia Frankenberg in Erinnerung, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel: Heute ist Frankenberg als Schriftstellerin tätig, aber ihre in den Achtzigern in der Bundesrepublik entstandenen Komödien standen "so einsam in dieser traurigen Dekade herum, dass sie nach der Wende fast vergessen waren." Für ihren Berlinfilm "Nie wieder schlafen" von 1992 fand sie "in Lisa Kreuzer, Gabi Herz und Christiane Carstens drei wunderbar unverstellte Darstellerinnen, die die rastlose Energie der Regisseurin mit ihren sehr unterschiedlichen Temperamenten tragen. Dreißig Jahre später ist das Quasi-Roadmovie vor allem als filmisches Dokument des Wende-Berlins in Erinnerung geblieben, deren Brachen und offene Wunden die drei Freundinnen zu Fuß erkunden. ... Einen so unkitschigen, neugierigen und dabei leichthändigen Film über eine Frauenfreundschaft wie 'Nie wieder schlafen' hat es im deutschen Kino seitdem nicht mehr gegeben." Der Trailer vermittelt einen kleinen Eindruck:



Außerdem: Die junge Generation zaudert mit Sexszenen im Film, verrät die Psychiaterin Dagmar Pauli Alexandra Kedves im Tagesanzeiger-Gespräch. In der Welt erinnert Hannes Stein an den an die Blaxploitation-Reißer der Siebziger angelehnten Film "Hebrew Hammer" von 2003. Daniel Kothenschulte (FR) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Ryan O'Neal. Besprochen wird eine edel aufgemachte BluRay-Box mit fünf Filmen des koreanischen Auteurs Hong Sang-soo (Intellectures).