Diese Überraschung sitzt: Die US-Amerikanerin
Tricia Tuttle wird ab April 2024 die
Berlinale leiten. "Eine gute Wahl", findet die versammelte Filmredaktion der
SZ. Kulturstaatsministerin Claudia Roth sei "ein Coup gelungen", staunen Christiane Peitz und Andreas Busche im
Tagesspiegel, "zumal einer von internationaler Ausstrahlung", denn "Tuttle ist die
erste Generalintendantin an der Spitze eines der großen A-Festivals". In London war Tuttle zuletzt für das
London Film Festival verantwortlich, auf dem Zettel für die Berlinale hatte sie niemand. Ihre beim BFI
eingereichte Liste mit ihren Lieblingsfilmen weist sie als eine am Kanon orientierte Cinephile mit sanftem Hang zum Eklektizismus aus. London wurde unter ihrer Leitung zu einem der "international wichtigsten Publikumsfestivals", erklären Peitz und Busche weiter. "Das dürfte nicht zuletzt zur Entscheidung für Tricia Tuttle beigetragen haben", allerdings "übernimmt Tuttle ein
gerupftes Festival" - die bisherige Leitung musste zuletzt erhebtlich einsparen.
Schon wieder jemand, der kein Deutsch spricht,
seufzt Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek, dem sich in dieser Personalie auch ein "
spezielles Problem der deutschen Filmszene" zeigt: "Dass es dort weit und breit keinen Kandidaten gibt, der den Anforderungen eines Chefpostens in Berlin gewachsen wäre." Bezüglich ihrer Pläne blieb Tuttle bei der Pressekonferenz vage: "Interessant in Tuttles Londoner Amtszeit ist die Ausweitung des
digitalen Angebots, was zunächst ein erzwungener Effekt während der Pandemie war, sich aber danach bei 80 Prozent Präsenz- und 20 Prozent digitalen Vorstellungen einpendelte; bei der Berlinale ist bisher gar nichts digital zu sehen. Tuttle betonte allerdings, ihre absolute Priorität sei, die Menschen
ins Kino zurückzubekommen." Katja Nicodemus
blickt auf
Zeit Online nochmal kritisch auf die Chatrian-Jahre des Festivals zurück, die unter turbulenten Rahmenbedingungen stattfinden mussten. Finanziell könnte es für Tuttle nun entspannter zugehen: Bund und Land haben eine
Aufstockung der Mittel in Aussicht gestellt."
Bei Andreas Kilb von der
FAZ verfängt die bei der Pressekonferenz verbreitete gute Stimmung nicht. Dass die zugesagte Finanzspritze aus Bundesmitteln "gerade ausreicht, den
Anstieg der laufenden Festivalkosten auszugleichen, erwähnte Roth nicht. ... Das Intendanzmodell, mit dem die Politik zur Leitungsstruktur der Jahre vor 2019 zurückkehrt, soll jetzt die Wende auf dem Weg in die
zweite Liga der Filmfestivals bringen. Aber selbst wenn Tricia Tuttle eine glückliche Hand bei der Filmauswahl hat, kann sie die
strukturellen Malaisen der Berlinale nicht allein kurieren. Der Festivaltermin im Februar erweist sich immer deutlicher als Hemmschuh. Der Mietvertrag im Musical-Palast läuft übernächstes Jahr aus. Und die Zahl der Kinos in Berlin-Mitte nimmt weiter ab. Die Berlinale braucht neue Spielstätten, eine neue Residenz und einen
neuen Termin."
Themenwechsel: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, muss Marlen Hobrack auf
Zeit Online beim Blick darauf
feststellen, wie etwa Disney sich in den letzten Jahren an der "
strong female lead"-Figur abarbeitet - also dem Typus einer Heldinnenfigur, die in einem Nu all das ausgleicht, was patriachalere Vorstellungen von Kino Frauenfiguren bis dahin selten zugetraut haben. Die Kehrseite: Die neuen Heldinnenfiguren können einfach alles, während männlichen Figuren auch im Typus des Antihelden ein viel breiteres Spektrum zugestanden wird. "Warum gelingt es Hollywood, neue männliche Helden zu schreiben, die auch außerhalb des Superhelden- und Actiongenres als interessante Charaktere funktionieren, während es so krachend an der Heldin scheitert, die nur eine
präpotente Pappkameradin ist? Weil die Regisseure und Regisseurinnen unter einer
vulgär feministischen Fehlinterpretation von Weiblichkeit leiden. ... Die Heldin soll dem männlichen Counterpart zwar jederzeit den Mangel an vermeintlich weiblichen Tugenden vorwerfen können, sie selbst jedoch nicht besitzen - denn dann wäre sie ja
angeblich schwach." Da war Hollywood übrigens schon mal viel weiter, fügt Hobrack hinzu - und nennt Heldinnenfiguren wie Katniss Everdeen ("Hunger Games") und Sarah Connor ("Terminator").
Außerdem: "Ziemlich absurd"
findet es
Presse-Kritiker Andrey Arnold, dass die
Golden Globes künftig auch die
besten Kassenerfolge auszeichnen wollen. Karsten Munt
verneigt sich im
Filmdienst vor dem japanischen Schauspieler
Tatsuya Nakadai, den man vor allem aus den Filmen von Akira Kurosawa kennt.
Besprochen werden
Behrang Samsamis Buch "Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless" (
FD)
, Dominik Grafs auf
Arte gezeigtes Drama "Mein Falke" (SZ, mehr dazu bereits
hier),
Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" (
Zeit Online),
Sam Esmails Netflix-Thriller "Leave the World Behind" (
NZZ) und
Henrik Martin Dahlsbakkens Künstlerbiografie "Munch" (
taz).