Chris Schinke hat für eine Filmdienst-Reportage die israelischeFilmcommunitybesucht, die vom 7. Oktober sichtlich gezeichnet ist. "Unter den momentanen Bedingungen ist es schwer vorstellbar, wie die israelische Filmcommunity jemals wieder zu einem 'Normalzustand' zurückkehren soll. Viele junge Filmschaffende befinden sich aktuell im Kriegseinsatz oder sind Reservisten, die auf ihren Einsatzbefehl warten. Darunter auch Ben Peled, der Kameramann des Films 'The Boy', sowie der Hauptdarsteller Nimrod Peleg. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, zu welcher Art von Bildern das Kino nach dem 7. Oktober finden kann und wie mit den Aufnahmen der Gräueltaten umgegangen werden kann. Wegsperren lassen sie sich ja kaum. Leichtfertig zu fordern, jeder müsse sie sich ansehen, um das Geschehene zu bezeugen, ist auch kein Weg. Die grauenhaften Terrorbilder besitzen durchaus das Potenzial, ihre Betrachter seelisch und körperlich krank zu machen. Am grauenhaftesten ist dabei das Lachen der Mörder während ihrer Taten. Allein schon deshalb, um sie nicht triumphieren zu lassen, sind andere Wege des Erinnerns nötig."
Außerdem: Im NZZ-Gespräch anlässlich seines neuen (auf Zeit Onlinebesprochenen) Films "Das Beste kommt noch" weist TilSchweiger Vorwürfe zurück, er habe sich bei Dreharbeiten am Set grob daneben benommen: "Ich habe noch nie meine Macht missbraucht." Die Agenturen melden, dass der Schauspieler Ryan O'Neal gestorben ist. Claudius Seidl gratuliert in der FAZJohnMalkovich zum 70. Geburtstag. Und John Waterskürt und kommentiert in Vulture seine besten Filme des Jahres.
Besprochen werden RyūsukeHamaguchis beim Berliner Filmfestival "Around the World in 14 Films" gezeigtes Drama "Evil Does not Exist" (Perlentaucher), BradleyCoopers "Maestro" (Jungle World, unsere Kritik), RodrigoSorogoyens "Wie wilde Tiere" (SZ, unsere Kritik), PaulKings "Wonka" mit TimothéeChalamet (Welt) und die auf Amazon gezeigte Dokuserie "Jan Ullrich: Der Gejagte" (FD).
Szene aus "The First Slam Dunk" von Takehiko Inoue
Takehiko Inoues "The First Slam Dunk" ist einer der erfolgreichsten japanischen Animationsfilme und handelt von - Basketball, genau wie die ebenfalls von Inoue stammende Manga-Vorlage, die in den Neunzigern ihrerseits alle Rekorde brach. Und der Film haut auch wirklich um, wie Valerie Dirk im Standardnur bekräftigen kann: "Herausragend ist das Zusammenspiel aus innovativerAnimationsarbeit, zackiger Montage und dem zwischen packenden Rock- und japanischen Popsongs changierenden Musikscore. Dafür gab es denn auch ein Millionenpublikum und zahlreiche Preise, unter anderen den japanischen Oscar für den besten Animationsfilm. Und das in dem Jahr, in dem Anime-Giganten wie Makoto Shinkai ('Suzume') und Hayao Miyazaki ('Der Junge und der Reiher') ihre neuen Filme vorstellten. Ein Volltreffer!" Einen "aufregenden Anime" sah auch Axel Timo Purr von Artechock: "Es ist die Seele des Sports, die spürbar, die sichtbar wird und das, was Sport am Ende auch immer sein kann - eine Kulturtechnik, die kranke Seelen zu gesunden Menschen formt, die sich damit nicht nicht mehr nur individuell, sondern auch als Mannschaft artikulieren können."
Weitere Artikel: Carolin Ströbele wünscht sich auf ZeitOnline, dass der Hype um Hollywood am verträumtesten dreinblickendenden Wuschelkopf TimothéeChalamet endlich mal aufhört. Anna Bitter schreibt auf Artechock über die Filme von PiaFrankenberg, die derzeit mit einer Kinotour und einer DVD-Box wiederentdeckt werden. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom InternationalenFilmfestivalMannheim-Heidelberg. Für Artechockresümiert Jakob Gerstmayer das 42. FilmschoolfestMünchen. Elke Eckert legt den Münchner Artechock-Lesern eine Gina-Lollobrigida-Hommage im Circolo Cento Fiori ans Herz. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath KimBasinger zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden MollyManningWalkers "How to Have Sex" (Tsp, Artechock, mehr dazu hier), RodrigoSorogoyens "Wie wilde Tiere" (Welt, Artechock, unsere Kritik), BradleyCoopers "Maestro" über LeonardBernstein (Artechock, unsere Kritik), HansJürgenSyberbergs "Demminer Gesänge" (Artechock), Matt Johnsons "BlackBerry" (Artechock), die Serie "Boom Boom Bruno" (taz, FAZ, Zeit Online) und Til Schweigers "Das Beste kommt noch" (Welt).
Jenseits der Psychedelik: "How to Have Sex" "Besser hat man im Kino länger nicht gesehen, was es heißt, in einer vorgeblich freizügigen Gesellschaft jung zu sein", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über Molly Manning Walkers "How to Have Sex" über drei junge Frauen, die es bei einem Urlaub auf Kreta insbesondere auch sexuell krachen lassen wollen - wobei es Walker nicht um eine weibliche "Eis am Stiel"-Variante geht, sondern um eine Erkundung des Unschärfebereichs von Einvernehmen und sexueller Selbstbestimmung. "Walker stürzt sich mit ihren großartigen Darstellerinnen mitten hinein, bleibt dabei aber zugleich souveräne Beobachterin. Sie ist hier, um in einen Bereich zu gehen, der jenseits der Psychedelik liegt, im Innersten eines Erlebens, von dem sich manchmal erst im Nachhinein begreifen lässt, was da eigentlich gerade passiert ist. Sie macht in einem wichtigen Moment einen Schnitt, der eindeutig wirkt, den sie danach aber sukzessive in Ambivalenz auflöst. 'How to Have Sex' gehört eher in eine Linie mit neuerem Nachdenken, in dem das anscheinend Einvernehmliche an Sexualakten genauer in Augenschein genommen wird."
"Besonders" findet Susan Vahabzadeh in der SZ den Film, weil dieser mal "nicht unter reflektierten jungen Frauen mit feministischer Vorbildung spielt, sondern unter Mädchen, die noch nie über geschlechtsspezifischesRollenverhalten nachgedacht zu haben scheinen." Wobei die Hilflosigkeit, mit der eine der Drei durch den Film taumelt, in Vahabzadeh dann doch ein "Unbehagen" auslöst, "das über 'How to Have Sex' als einzelnen Film hinausweist": Denn in letzter Zeit häufen sich junge Frauen, die in sexuellen Dingen fast naiv überrumpelt werden. "Das Kino könnte doch auch mal erzählen, warum Mädchen meinen, sie wären prüde und verklemmt, wenn sie nicht permanent sexy und cool sein wollen. .... Vielleicht ist das so, weil es von Haus aus auf Figuren fixiert ist, die eben sexy und cool sind. Und weil es ihm nur selten in den Sinn kommt, Geschichten von Frauen und Mädchen zu erzählen, die sich den Anforderungen an ihren Körpern verweigern. Eine Häufung von sprachlosen Frauenfiguren wäre allerdings ein neues Stereotyp. Gelegentlich dürfte mal eine von ihnen 'Nein' sagen. Vielleicht sogar mit Erfolg." Für den Freitag hat Thomas Abeltshauser mit der Regisseurin gesprochen. Weitere Besprechungen auf critic.de und in der FR.
Außerdem: Für die Zeit spricht Christine Lemke-Matwey mit der Dirigentin JoannaMallwitz über BradleyCoopers (in der Weltbesprochenes) Bernstein-Biopic "Maestro" (mehr dazu bereits hier). Michael Hanfeld (FAZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt) plaudern mit TilSchweiger über dessen neuen Film "Das Beste kommt noch".
Besprochen werden Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Perlentaucher, online nachgereicht von der FAS), TakehikoInoues japanischer Animationsfilm "The First Slam Dunk" nach seinem in Japan immens erfolgreichen Basketball-Manga (FD), MattJohnsons "Blackberry" (taz), AylinTezels "Falling Into Place" (online nachgereicht von der FAS), der Fantasyfilm "Wonka" mit TimothéeChalamet (FR), und die DVD-Ausgabe von Michal Viniks "Valeria is Getting Married" (taz).
Wenig trinken, keine kurzen Röcke: "How to Have Sex" "How To Have Sex", ihren Film über Geschlechterrollen bei Jugendlichen, gingen manchmal erschütternde Recherchen voraus, erzählt die Regisseurin MollyManningWalker im taz-Interview mit Patrick Heidmann. Zwar basiert der Film zum Teil auf eigenen Jugenderfahrungen doch" es war mir wichtig, auch die Perspektive heutiger Teenager in die Geschichte einfließen zu lassen, schließlich bin ich selbst inzwischen 30 Jahre alt. Wir haben diverse Workshops mit 16- bis 19-jährigen veranstaltet und mit ihnen über Sex und Einverständnis gesprochen. Ich war ein wenig erstaunt, wie wenig sich verändert hat. Es waren immer noch vor allem die jungen Mädchen, die gesagt haben, es sei vor allem wichtig, nicht zu kurze Röcke zu tragen und zu viel zu trinken. Und unter Jungs werden nach wie vor die, die am meisten Sex haben, als echte Kerle und Legenden gefeiert."
Außerdem: Michael Ranze unterhält sich für den Filmdienst mit der Schauspielerin AylinTezel, die mit dem auf der schottischen Isle of Skye spielenden Drama "Falling Into Place" ihr Langfilmdebüt als Regisseurin in die Kinos bringt. Stefan Brändle wirft in der FR einen Blick auf die Turbulenzen, die RidleyScotts "Napoleon" in Frankreich ausgelöst hat. Andreas Hartmann stellt in der taz Highlights aus dem Berliner Festival "Around the World in 14 Films" vor. Der Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres geht an Julia Lorenz für ihre auf Zeit Onlineveröffentlichte Besprechung von "Black Panther 2", meldet der Filmdienst. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Schauspieler TomHulce zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Bradley Coopers Biopic "Maestro" über Leonard Bernstein (taz, Standard, mehr dazu bereits hier), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Tsp), Maximilian Erlenweins Unterwasserthriller "The Dive" (online nachgereicht von der FAS) und TakashiYamazakis "Godzilla Minus One" (Standard).
In den Schwarzweiß-Passagen lebendiger Screwball: "Maestro"
Solange BradleyCoopers Biopic "Maestro" über LeonardBernstein (mit Cooper selbst in der Hauptrolle) eine anarchische Screwball-Comedy in Schwarzweiß ist, hat Perlentaucher Karsten Munt noch viel Freude an diesem Film. Doch irgendwann kommt eine streberhafte Anstrengung in den Film, die ihm den Spaß verleidet: "So richtig gelebt fühlt sich das nicht an. Am Piano leuchten die Augen, später fließen Tränen und in der Kathedrale von Ely, der großen Klimax der Dirigierkunst, kanalisiert Cooper die Jahre der Method-Rollenvorbereitung in eine überexpressiveZappelei, die das Innere des Maestros nach außen stülpt. Alles ist Performance. Vom rauchigen Aroma in der Stimme, dem die Zeit allmählich etwas Nasales unterhebt, bis zur immer im Mundwinkel hängenden Zigarette: Cooper hat Bernstein drauf, hat keine Angst davor, immer noch lauter zu drehen, bis alles derart exaltiert wirkt, dass es eigentlich Spaß machen müsste, aber dann doch immer so angestrengt ist, sich so krampfhaft auf Technik stützt, dass es mir schwer fällt, etwas anderes zu sehen als die Anstrengung, die Bradley Cooper empfindet, wenn er die Last die Genialität schultert oder vom Narzissmus des alten Bernstein durch den Film gejagt wird."
Grandios hingegen findetFR-Kritiker Daniel Kothenschulte, wie Cooper hier Bernstein gibt: "Er wird sofort lebendig, und nichts ist ansteckender als die Ansteckung". Doch vor allem ist dies "ein sinnlicher Musikfilm. In einer radikalen Entscheidung sind Bernsteins eigene Kompositionen zu hören, die eine eigens komponierte Filmmusik ersetzen. Sie sind so in ihrer immensen stilistischen Bandbreite und vor allem ihrer hemmungslosen Emotionalität zu erleben. Wer etwas gegen das Filetieren klassischer Musikaufnahmen in Spielfilm-Soundtracks hat, wird diesem Film eher skeptisch begegnen. Die kunstvolle Tonmontage allerdings ist oscar-würdig."
Der deutsche Fictionboom ist auch schon wieder vorbei, schreibt Lisa Priller-Gebhardt auf der Medienseite der SZ: Reihenweise Projekte werden eingestellt, manche Streamer stellen ihre deutsche Produktion gar völlig ein. "Aktuell werden die Budgets der Produktionen seitens der Auftraggeber massivgesenkt", sagt ihr gegenüber BjörnBöhning, Geschätsführer der "Allianz Deutscher Produzenten" und führt weiter aus: "Das zeigt sich besonders im Kinofilm, wo die Produktionsbudgets im Vergleich zum Vorpandemieniveau um ein Viertel zurückgingen. Gleichzeitig sind für die Produzenten die Kosten deutlich angestiegen, und zwar um fünfzehn Prozent über die letzten drei Jahre. Unterdessen ziehen sich die Sender auch noch sehr stark aus den Kino-Koproduktionen zurück. ... Es gibt damit deutlich weniger Filme, in denen deutsche Geschichten erzählt werden. Das Erzählformat Kinofilm, das frei und unformatiert immer wieder Neues und Überraschendes wagt, ist akutgefährdet."
Besprochen werden ChrisKrikellis' "Souls of a River" über Europas südostliche Grenze am Fluss Evros (Standard) sowie die Serien "Die verlorenen Blumen der Alice Hart" mit Sigourney Weaver (Jungle World) und "The Curse" (Zeit).
Die Kultur vereinnahmt die Kunst, lautet Patrick Holzapfels Befund in seinem Filmdienst-Essay: Während Film gerade in der hohen Kunst der Perspektiv-Auffaltung zu sich kommt, verlangt die Kultur die eindeutige Aussage, das eindeutige Bekenntnis. "Gerade wenn Bildproduktion mit Beweisführung verwechselt wird und der mediale Diskurs sich erhitzt, könnten Filmbilder auf die Komplexität der Dinge verweisen. Ihre ständige Botschaft müsste lauten: So einfach ist es nicht, schaut hin. ... In ihren stärksten Ausprägungen vermögen Kinobilder auch heute noch der widersprüchlichen Vielsprachigkeit jeder Gesellschaft zu entrinnen. Sie produzieren eine andere Vielsprachigkeit, eine, die eigenen Gesetzen folgen könnte. Vielleicht würde es helfen, den Fokus zu ändern. Man müsste sich für diejenigen interessieren, die Filme sehen, und nicht für diejenigen, die sie machen. Zumindest ein bisschen. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir uns darüber kaputtreden sollen, wie wer warum ins Kino geht. Nein, es soll hier um diesen Zwischenraum gehen, der Film und Zusehende verbindet. Dieser Raum öffnet etwas, in ihm wird Ambivalenz zum Verstoß gegen das Bestehende und Sichergeglaubte." Aber "einzufordern, dass ein Film, dass irgendeine Kunst eine eindeutige Haltung zu politischen, gesellschaftlichen oder ideologischen Themen einnimmt, zeugt von einer Gesellschaft, die der Kunst keinen Eigenwert mehr beimisst."
Außerdem: Im Lichte heutiger Debatten wirkt der RomCom-Klassiker "Tatsächlich Liebe" ziemlich müffelig, muss Heide Rampetzreiter in der Presse feststellen. Besprochen werden die fünfte Staffel von "Fargo" (FAZ) und der ARD-Sechsteiler "Die Saat" (FAZ). Und ein Mediathek-Tipp: Der SWRbietet derzeit Egon Kochs schönes O-Ton-Feature "Die Bilderwerfer" über kleineKinos und die Menschen, die sie betreiben, an.
Warme und verträumte Bilder: "Mein Falke" von Dominik Graf Von den Feuilletons nach unserem Überblick bislang eher unbemerkt, hat ein neuer Film von DominikGrafüber die Arte-Mediathek seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. "Mein Falke" erzählt von der Biologin Inga (Anne Ratte-Polle), die in einem komplexen Verhältnis zu Ehemann und Vater steht und darüber hinaus mit diversen Herausforderungen konfrontiert ist. "Ähnlich wie schon in 'Hanne' (2018) erzählt Graf von einer Frau, die sich selbst als Zumutung empfindet", schreibt Luca Schepers auf critic.de. "'Mein Falke' hätte eine metaphorisch überfrachtete Geschichte werden können, verwandelt sich bei Graf aber vor allem in warme und verträumte Bilder." Zugleich "ist 'Mein Falke' mit Wolfsburg an einem sehr spezifisch deutschen Ort angesiedelt", der 1938 von den Nazis gegründet wurde. "Ein Ort unscheinbarer Langeweile, unter dessen Boden sich die Geschichte eines nie endenden Grauens finden lässt, wenn Inga die Gebeine von 13 Zwangsarbeiter*innen ausbuddelt und anschließend die Überreste einer Person an dessen niederländischen Verwandte übergibt. Inga erkennt in diesem Moment, wie sehr sie sich vor dem Vergessenwerden fürchtet, während der Film parallel von einer im Boden versunkenen, aber nie verschwundenen deutschenBrutalität erzählt."
Außerdem: Thomas Ribi wirft für die NZZ einen Blick auf die Turbulenzen, die RidleyScotts "Napoleon" (unsere Kritik) in Frankreich aufgewirbelt hat: Der Kritiker Romain Marsily etwa schrieb von einer "Schändung", während die Historiker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts dessen, wie freimütig Scott mit der Historie umgeht, und das normale Publikum sich darüber ärgert, als was für ein "weinerliches, verklemmtesMuttersöhnchen" der große Feldherr dargestellt wird. Dunja Bialas verzweifelt auf Artechock über die Spaltungen, Vorwürfe und Zerwürfnisse, die sich im Zuge des Hamas-AngriffsaufIsrael auch in der Filmszene beobachten lassen. Jenny Hoch spricht für die Welt mit BrigitteHobmeier über die ARD-Mysteryserie "Schnee", in der die Schauspielerin die Hauptrolle spielt. Die Weltplaudert mit den Belton-Zwillingen, denen mit Anfang Zwanzig mit der Impro-Serie "Die Discounter" auf Anhieb ein Hit geglückt ist. Im Tagesspiegelempfiehlt Andreas Busche das Berliner Festival "Around the World in 14 Films", das einen Querschnitt aus den Programmen der großen Festivals dieses Jahres bietet. Fabian Tietke sitzt derweil für den Tagesspiegel in den Vorführungen der Filmreihe "Wir sind unsere Erinnerung" mit armenischemKino, zu sehen im Berliner Sinema Transtopia.
Besprochen werden Denis Imberts "Auf dem Weg" (FAZ), RubénAbruñas Dokumentarfilm "Holy Shit", der sich an einer Ehrenrettung der Scheiße versucht (ZeitOnline), ConstantinHatz' Dokumentarfilm "Störung" (taz) und eine Austellung im Musée Lumière in Lyon über die Anfänge des Kinos (FAZ). Und ein Mediatheken-Tipp: Arte hat derzeit Thomas von Steinaeckers Porträtfilm "Werner Herzog - Radikaler Träumer" im Online-Angebot.
Verbände der deutschen Drehbuchautoren und Regisseure fordern in einem Manifest bessere Rahmenbedingungen für ihre Arbeit bei den Öffentlich-Rechtlichen. Von Frust sprechen die Drehbuchautorin Dorothee Schön und der Regisseur Jobst Oetzmann im SZ-Gespräch. Die Sender "stehen vor der größten Transformation in ihrer Geschichte, aber alle reden über Technik, niemand redet über Inhalte. Das ist die Wand, vor der wir stehen", sagt Letzterer. Schön ärgert sich über übertriebene Einsparungen: "Nach Angaben der KEF, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, haben ARD und ZDF in den Jahren 2017 bis 2020 fast eine Dreiviertelmilliarde Euro, die ihnen eigentlich fürs Programm gegeben worden ist, gar nicht dafür ausgegeben. Und wenn man Programm billiger haben will, was macht man dann? Dann fangen die Sender an zu normieren. Dann ist da zum Beispiel eine zentrale Institution wie die privatwirtschaftliche ARD-Filmtochter Degeto, die den größten Programmetat im Ersten verwaltet, dafür zuständig, dass am Donnerstagabend immer Auslandskrimis nach Schema F laufen. Das teurere 'Fernsehspiel', wo verschiedene Themen und verschiedene Looks von verschiedenen Machern beauftragt waren, wird langsam abgeschafft, zugunsten von einem, ich sag jetzt mal: glatt gebügelten, am Fließband fabrizierten Programm."
Mit der neuen KI-Software Pika soll es möglich sein, auf Zuruf ganze Animationsclips zu generieren und zwar "in brillanter Qualität und 3-D-Ästhetik", schreibt Andrian Kreye in der SZ. Für Disney, Pixar und Co. könnte das eine Erleichterung sein, doch "für die Filmbranche werden die Erschütterungen an anderer Stelle gewaltig sein. Gerade, weil die Werbung mit KI-Anwendungen viel Geld und Personal einspart. ... Nun ist der Weg zum filmischen Meisterwerk ohne oder mit nur wenig menschlicher Hilfe noch sehr weit. Was die Filmbranche bedrängen wird, ist der rein marktwirtschaftliche Mechanismus, dass etwa ein Autohaus in, sagen wir, München-Trudering für wenig Geld einen Werbespot in Pixar-Qualität herstellen und sich damit die paar Tausend Euro sparen kann, die das bei einer örtlichen Werbeagentur gekostet hätte, bei der sich angehende Filmkunstschaffende ihr Geld mit Handwerksarbeiten verdienen."
Weitere Artikel: Frankreich ärgert sich über RidleyScotts "Napoleon" (unsere Kritik), berichtet Wolf Lepenies in der Welt. Valerie Dirk empfiehlt im Standard das Wiener Filmfestival "This Human World". In der SZ blickt David Steinitz auf 100 Jahre Disney zurück. Für Dlf Kulturtun dies Markus Metz und Georg Seeßlen mit einer "Langen Nacht". Andreas Kilb (FAZ) und Tobias Kniebe (SZ) gratulieren TerrenceMalick zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden die vom ZDFonline gestellte Reportage "Hamas-Angriff aufs Festival" (ZeitOnline), KevinGreuterts Horrorfilm "Saw X" (Perlentaucher), SepidehFarsis Trickfilm "Die Sirene" über eine Jugend im Iran (FD, SZ, mehr dazu hier), der neue Disney-Trickfilm "Wish" (FR, Presse, FD), Rubén Abruñas Dokumentarfilm "Holy Shit" über die Vorzüge der dunklen Masse aus dem Süden des Körpers (Tsp, FD), EvaSpreitzhofers Komödie "Wie kommen wir da wieder raus" (Standard), DavidFinchersNetflix-Thriller "Der Killer" (FR), die im Ersten gezeigte Mysterieserie "Schnee" (FAZ) und die Serie "Eine Billion Dollar" nach dem gleichnamigen Roman von AndreasEschbach (TA). Außerdem hier alle Filmstarts auf einen Blick beim Filmdienst.
Sepideh Farsis "Die Sirene" (Bac Films) SepidehFarsis Animationsfilm "Die Sirene" erzählt von der Zeit unmittelbar nach dem Iran-Irak-Krieg. Tazlerin Barbara Schweizerhof verortet den Film in einer jüngeren Tradition von Zeichentrickfilmen, die sich an ein erwachsenes Arthouse-Publikum richten: "Animation als Medium des Erinnerns, des Nacherlebens und Bezeugens: All das spielt auch bei Sepideh Farsi in 'Die Sirene' eine Rolle. Hinzu kommt eine weitere Facette, die es auch in 'Persepolis' und 'Waltz with Bashir' schon gab: ein Moment der Nostalgie nach den Orten der Kindheit und Jugend, die durch Krieg oder Revolution unwiederbringlich verloren gingen. ... In impressionistisch-kleinen, aber gleichzeitig einprägsam-emotionalen Details schildert der Film, wie es ist, wenn der Krieg in die Stadt kommt: Auf dem Fahrrad kurvt Omid durch einen zum Stillstand gekommenen Autoverkehr, überall stehen Menschen und weisen zum Himmel oder zur brennenden Raffinerie, als könnten sie es noch nicht fassen, während anderswo noch Geschäfte geöffnet und aufgeräumt werden. Vor der Moschee aber fährt bereits der erste Lkw mit bewaffneten jungen Männern los." Dlf Kultur hat mir der Regisseurin gesprochen.
Joachim Huber ärgert sich im Tagesspiegel über die Nehmerqualitäten der hiesigen Filmproduzenten, die sich sehr auf Subventionen aus Steuermitteln verlassen, um Serien zu produzieren, die im Anschluss nicht immer auf Anhieb ihr Publikum finden. "Deutschland ist ein Gemeinwesen, das von allen nimmt, um allen geben zu können. Die Gewohnheit ist akzeptiert, jede Diskussion, ob die Serie als Wirtschafts- oder als Kulturgut zu fördern ist, hat sich damit erledigt. Gefördert wird, was gefordert wird: Serielles made in Germany, egal ob Bockwurst oder Fiktion. ... Sender wollen Quote und Werbegeld, Streamer wollen Abos. Von beidem verstehen sie eine Menge, vom Quotenfang und vom Geldverdienen. Warum nur fällt es ihnen so schwer, diese Kompetenz zu nutzen? Mal nicht nach tausendundeinerSubvention zu schreien, sondern derart zu produzieren, dass Staatsgeld nur noch ein feines Surplus ist. Fällt natürlich schwer, wenn man sich an die süßeDroge gewöhnt hat."
Im Welt-Gespräch mit Christian Meier hält ChristophSchneider, Chef der deutschen Sparte von Amazon Prime Video, Clauda Roths Plan, Streamingdienste künftig mit einer am Vorjahresnettoumsatz gemessenen Beteiligung zur Investition in Deutschland zu verpflichten, für einen "politischenIrrweg", der dem deutschemFilmstandort nicht nützen werde. "Eine Investitionsverpflichtung wird im Gegensatz zu einer Anreizregulierung über Steuervorteile keinen einzigen weiteren Euro nach Deutschland bringen. Ich kann als Produzent auch mit einer Investitionsverpflichtung überall in Europa arbeiten und einen deutschsprachigen Titel produzieren. Zum Beispiel in Ländern, die attraktiveProduktionsanreizsysteme bieten, wie etwa Österreich das vorbildhaft macht. Schon nach einem knappen Jahr zeigt sich dort der massive Erfolg mit einer Verdreifachung des Produktionsvolumens."
Außerdem: Reinhard Kleber wirft für den Filmdienst einen Blick auf die Lage der FilmfestivalsnachderCoronapandemie. Lukas Foerster und Tilman Schumacher resümieren für critic.de das Nürnberger Actionfilmfestival "Karacho". Besprochen werden Noam Pinchas', Yossi Blochs und Duki Drors heute Abend auf Arte gezeigte Reportage "Hamas-Angriff aufs Festival - Die Überlebenden des Wüsten-Raves" (TA, FAZ), KenLoachs "The Old Oak" (Jungle World, mehr dazu hier), TakashiYamazakis japanischer Monsterfilm "Godzilla Minus One" (Filmdienst, FAZ), der neue Disney-Animationsfilm "Wish" (Standard) und die Wiederaufführung von ErichLangjahrs Dokumentarfilm "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" (NZZ).