Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2024 - Film

Im taz-Gespräch prangert die Regisseurin und Drehbuchautorin Katharina Mückstein die Dominanz von Männern in der Filmproduktion an: "Bestimmte Erfahrungen sind an einen Körper gebunden und in die Erfahrungsgeschichte eines Menschen eingeschrieben. Daraus entsteht eine Perspektive, die eine andere Person nicht haben kann. Perspektiven, die nicht jenen weißer, oftmals wohlhabender Hetero-Männer entsprechen, sind in unserer Kulturgeschichte marginalisiert. ... Das Problem beginnt bei der Ausbildung und bei Chancengleichheit in der Gesellschaft: Wer kann es sich leisten, einen künstlerischen Beruf auszuüben? Schon von Anfang an findet ein klassistischer Ausschluss statt. Dann die Frage: Wer unterrichtet Film? Wie sieht der Kanon im Unterricht aus? ... Es bräuchte eine Veränderung der Arbeitsstrukturen. Elternschaft und Filmberuf dürfen einander nicht ausschließen. Es braucht gute Arbeitszeiten, faire Bezahlung und Gewaltschutz."

Jacob Elordi in "Saltburn"


"Was ist es nur, was diese Männer haben, die alle paar Jahre neu die Bildschirme und Leinwände überstrahlen - als Epiphanie für alles, was gerade begehrenswert ist?", fragt sich Magdalena Pulz in der SZ. "Gerade war es noch Timothée Chalamet, davor kamen Tom Holland und Robert Pattinson. Die illustre Ahnenreihe ist lang, sie reicht zurück über Leonardo DiCaprio und Brad Pitt bis hin zu Paul Newman und James Dean. Der neueste Anwärter auf den Thron des ultimativen IT-Boys ist ein Australier, der bisher all seine Karten richtig spielt: Jacob Elordi. ... Im kleinen Videofenster geht unter, was für eine ungewöhnliche Erscheinung er ist: fast zwei Meter groß, braune, melancholische Schneewittchen-Augen unter ernsten geraden Brauen. Präsenter ist seine Stimme: tief, warm, mit einem kleinen Vibrato, ungewöhnlich für einen so jungen Mann. Die Grundlagen, um Fans jeglichen Geschlechts den Schlaf zu rauben, bringt Elordi zweifellos mit. Aber das ist natürlich nicht alles", versichert sie und plaudert mit dem Schauspieler über seine Rolle in der (in der taz besprochenen) Amazon-Produktion "Saltburn".

Weitere Artikel: Für den Standard porträtiert Michael Wurmitzer den Schauspieler, der derzeit auch als Elvis in Sofia Coppolas "Priscilla" zu sehen ist. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Regisseur Éric Toledano über dessen (von Susan Vahabzadeh in der SZ besprochene) Komödie "Black Friday for Future".

Besprochen werden Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (Standard), Hayao Miyazakis "Der Junge und der Reiher" (Zeit, mehr dazu bereits hier), Sofia Coppolas "Priscilla" (Welt, unsere Kritik), die Paramount-Serie "The Curse", die nach Ansicht von Freitag-Kritikerin Barbara Schweizerhof das Genre der Cringe-Comedy aus der Taufe hebt, und Roger Lewis' Buch "Erotic Vagrancy" über die Beziehung zwischen Richard Burton und Elizabeth Taylor (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.01.2024 - Film

Sucht nach tiefgreifender Bedeutung: "Der Junge und der Reiher"

Mit dem Animationsfilm "Der Junge und der Reiher" über einen Jungen, der aus dem ausgebombten Tokio in die japanische Provinz gebracht wird und dort von einem Reiher in eine traumhafte Wunderwelt geführt wird, aus der vielleicht sogar seine tote Mutter in die Welt der Lebenden gebracht werden könnte, mit diesem Film also legt Hayao Miyazaki, der morgen seinen 83. Geburtstag feiert, wohl endgültig sein Abschiedswerk vor. Oder vielleicht auch nicht? "So wie hier Motive und formale Methoden Miyazakis gebündelt, reaktiviert und fortgesetzt, autobiografische Details erkennbar werden, ist man versucht, 'Der Junge und der Reiher' als ein abschließendes, finales Statement zu lesen, die Summe eines lebenslangen Schaffens", konzediert Kamil Moll im Perlentaucher. "Vielleicht ist aber auch das nur eine weitere, weiterhin nicht abreißende Kontinuität im Werk eines Regisseurs, dessen zahlreiche Abschiede vom Filmemachen geradezu sprichwörtlich geworden sind. Auf Social Media berichten Mitarbeiter des Studio Ghibli, dass Hayao Miyazaki jeden Morgen in seinem Büro erscheint, um an einem neuen Projekt zu arbeiten."

An Miyazakis große Klassiker reicht dieses Spätwerk im direkten Vergleich zwar nicht ran, stellt Robert Wagner auf critic.de fest. Doch ein Lamento wäre hier wirklich nur Jammern auf allerhöchstem Niveau: "Seine Qualitäten finden sich nur eben bei seinen ganz spezifischen Eigenschaften und nicht bei den bekannten Charakteristika Miyazakis." Der Film ist "als Gleichnis viel offener und ambivalenter als vorherige Filme", doch "was den Film am meisten bestimmt, ist die Anlehnung an den Symbolismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wenn Mahito in der Welt innerhalb des Turms angelangt, dann findet er sich recht schnell auf einer Insel wieder, die verdächtig Arnold Böcklins 'Die Toteninsel' ähnelt. Die Welten, durch die er in der Folge wandert, entsprechen durchaus dem in Heidelberg verliebten Steampunk, der so oft bei Miyazaki zu finden ist, aber mehr als sonst wirken die Bilder und Orte symbolisch überladen. Sie streben nach tiefgreifender Bedeutung, nach Schönheit, nach erhabener Fremdheit." Einfach nur hingerissen ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, Artechock-Kritiker Axel Timo Purr hingegen hat stellenweise seine Probleme mit dem Film. Weitere Besprechungen im Standard, in der Welt und in der Zeit.

Erneut eine Eingesperrte: Sofia Coppolas "Priscilla"

Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" erzählt davon wie Elvis Presley Priscilla zur Frau nahm und in einem Leben aus Prunk und Wohlstand einsperrte. Diese hat den auf ihren Memoiren basierenden Film auch selbst produziert. Dieser Film gesellt sich zu einer "ganzen Reihe jüngerer Filme, die Geschichten von Frauen in goldenen Käfigen erzählen", hält Perlentaucher Jochen Werner fest. "Entweder geht es dabei, wie in Pablo Larraíns eine Klasse besserer 'Spencer', um den Ausbruch aus den Gefängnissen von Klasse und Tradition, oder, wie in den beiden sehr ähnlichen jüngeren Sisi-Filme 'Corsage' und 'Sisi & ich', um das Zugrundegehen daran. Das lässt sich natürlich als das Lebensthema Sofia Coppolas, dieser großen Melancholikerin des Kinos lesen, und immer wieder ist es ihr gelungen, ihm große, traurige Kinomomente abzuringen. Wenn der Funke jedoch nicht überspringt, wandelt sie auf einem schmalen Grat und ihre Filme laufen Gefahr, so redundant zu wirken wie die leeren Leben ihrer Protagonist*innen. 'Priscilla' hat ein paar Spurenelemente solcher Augenblicke, die aus der grünlichen Digitalmatschtristesse hinaus auf etwas Größeres verweisen, schlägt aber viel zu selten wirklich Funken." Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte muss hier und da enttäuscht seufzen: "Trotz der akkuraten Ausstattung hat der ganze Film die schmucklose Form mancher Reality-TV-Formate, die ihren psychologischen Realismus dem Rhythmus plätschernder Fernsehunterhaltung unterordnen."

Das Artechock-Team spendiert dem Film gleich drei Kritiken auf einmal. Coppola "inszeniert meisterlich die Leere, die sich im Leben der Elvis-Braut auftut", lobt etwa Dunja Bialas. "Anders als in 'Marie Antoinette', einer anderen Eingesperrten in ihrer Filmographie, verzichtet sie hier auf das Exaltierte, auf die Übertreibungen, auf die großen Gesten, wenn sie vom Leben Priscillas erzählt. Die ist von Nicht- und allenfalls Softfarben umgeben. Man sieht, wie sie ins menschleere Wohnzimmer starrt oder gelangweilt aus dem Fenster. Das ist nicht sehr aufregend. Aber auch nicht klaustrophobisch. Man schaut als Zuschauer einfach der Gelangweilten zu. Dafür entschädigen visuell die zahlreichen Close-ups auf Finger- und Zehennägel, falsche Wimpern, hellblaue Lack-Pumps. Sie stilisieren die Frau - unter dem Male Gaze von Elvis - zum Objekt, und erheben ihn insgesamt zum Fetisch und filmischen Hochglanz." Valerie Dirk hat sich für den Standard mit der Regisseurin unterhalten. Sofia Glasl konturiert in einem Filmdienst-Essay Sofia Coppolas spezifisch weiblichen Blick auf die Popkultur.

Von Graceland zur Berliner Republik: Claudia Roths Gesetzesentwurf zur Reform der Filmförderung werde demnächst vorliegen, versichert die Kulturministerin auf Anfrage von SZ-Filmkritiker David Steinitz, nachdem eine Allianz von Interessensvertretern der Filmbranche sich in einem "Brandbrief" mit Forderungen an Roth gewandt haben (unser Resümee) - und inhaltlich werde man den Forderungen wohl sogar sehr entgegenkommen. Steinitz sieht jedoch noch ein weiteres Problem am Horizont auftauchen: Es "starten schon seit Jahren viel zu viele Filme im Kino", nämlich etwa  zehn pro Woche. Doch werden im Schnitt pro Einwohner und Jahr nur 0,93 Tickets verkauft. "Dass allein mehr Geld (und dadurch eventuell noch mehr Filme) auch nicht der Filmförderung letzte Weisheit sein können, zeigen diese Zahlen doch sehr deutlich."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Claudius Seidl der Schauspielerin Judy Winter zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (taz), Ayşe Polats "Im toten Winkel" (FD, Artechock), Thomas Vincents "Role Play" (Artechock, FD), Stefan Westerwelles auf DVD erschienene Adaption von Martin Musers Jugendroman "Kannawoniwasein" (taz), Juan Antonio Bayonas auf Netflix gezeigtes Survivaldrama "Die Schneegesellschaft" (Welt) und die von der ARD online gestellte Serie "Powerplay" (Tsp). Außerdem hier der Überblick vom Filmdienst über alle diese Woche anlaufenden Filme.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2024 - Film

Bis Ende 2023 wollte Claudia Roth die seit langem von vielen eingeforderte Reform der Filmförderung auf den Weg bringen, getan hat sich aber wenig, schreibt Helmut Hartung in der FAZ. Die deutschen Produzenten sehen derweil mit 2024 aufgrund einer einbrechenden Produktioslage einem Annus horribilis entgegen. Zahlreiche Interessensverteter der Branche haben sich daher nun mit einem "Brandbrief" mit Forderungen an Roth gewandt: Filmkunst und kommerzieller Film sollen demnach unterschiedlich gehandhabt werden. Die Förderung solle "künftig aus zwei Quellen bestehen: der jury-gestützten Förderung, die bei der Filmförderungsanstalt FFA angesiedelt sein soll, und einer automatischen Alimentierung durch Investitionsabgaben und Branchenmittel im Rahmen der FFA-Förderung. Zusätzliche Unterstützung sollen 'Tax Incentives' bieten."

Außerdem: Nach 95 Jahren immer wieder verlängerten Urheberrechtsschutzes ist die allererste Version der Micky Maus, wie sie in den ersten entsprechenden Disney-Cartoons zu sehen war, ist seit dem 1. Januar gemeinfrei, informiert David Steinitz in der SZ. Warum es mit Blick auf die komplizierten Verästelungen des Urheberrechts dennoch nicht zwingend ratsam wäre, beherzt zuzugreifen, erklärt Daniel Herbig bei Heise. Hier "Steamboat Willie", der zwar nicht erste produzierte, aber erste veröffentlichte Micky-Maus-Cartoon aus dem Jahr 1928:



Lawrence Lessig, der große Vorkämpfer einer Liberalisierung eines von den Verwerterindustrien beherrschten Urheberrechts, feiert auf seiner Seite in Medium, dass dem Disneykonzern nicht eine weitere Verlängerung gelungen ist. Und präsentiert auch gleich einen lustigen, bis vor kurzem nicht erlaubten Remix:


Besprochen werden Hayao Miyazakis Animationsfilm "Der Junge und der Reiher" (taz, FAZ, mehr dazu bereits hier), Sofia Coppolas "Priscilla" (Presse), Ayşe Polats "Im toten Winkel" (taz, Tsp) und die ARD-Serie "Haus aus Glas" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2024 - Film

Niklas Bender zeichnet in der FAZ die Debatte um Gérard Depardieu nach, dem #MeToo-Vorwürfe gemacht werden. Prominente hatten einen Aufruf pro Depardieu unterschreiben, der auf der Unschuldsvermutung beharrt. Nun stellt sich heraus, dass der Verfasser des Aufrufs, der bislang wenig bekannte Schauspieler Yannis Ezziadi, offenbar dem Rechtsextremismus nahe steht: "Ezziadi vertritt eine bestimmte Idee abendländischer Männlichkeit. Nicht allen Unterzeichnern war das klar - Attal und Bouquet haben sich rasch distanziert. Freitag erschien auf Mediapart eine Gegentribüne, die in zwei Tagen 8.000 Unterschriften erhielt; sie will das Schweigen gegenüber Gewalttätern beenden."

Außerdem: In der taz spricht die Filmhistorikerin Erika Wottrich über die Filme von Peter Weir, die das Hamburger Metropoliskino derzeit zeigt. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst das Kinojahr 2023. Bert Rebhandl schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schauspieler Tom Wilkinson.

Besprochen werden Josef Schnelles Buch "Der unsichtbare Dritte. Hitchcock und der deutsche Film" (FD, auf Grundlage derselben Gespräche hat der Autor auch diese "Lange Nacht" für Dlf Kultur produziert), Emmanuel Marres und Julie Lecoustres auf Mubi gezeigte Kapitalismuskritik "Zero Fucks Given" (Tsp), Niklas Maaks und Leanne Shaptons Buch "Eine Frau und ein Mann" über Strecken, die Filmpaare gemeinsam gefahren sind (Tsp), das neue, auf Netflix gezeigte Comedy-Special von Ricky Gervais (Standard), die Serie "The Winter King" über die Artus-Sage (FAZ) und die von der ARD online gestellte Serie "Powerplay - Smart Girls Go For President" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2023 - Film

Greta Gerwig vor zehn Jahren noch in Schwarzweiß in "Frances Ha"

2023 war das Kinojahr von Greta Gerwig, die in den letzten rund 15 Jahren eine ziemlich beachtliche Karriere hingelegt hat, wie Julia Lorenz auf Zeit Online erzählt: Als Schauspielerin begann sie in Lowest-Budget-Indie-Filmen, deren Zusammenhang man rasch Mumblecore nannte, fand dann rasch in größeren Indie-Produktionen wie "Frances Ha" (unsere Kritik) ihren Platz, als Regisseurin wurde sie 2023 mit "Barbie" (unsere Kritik) die kommerziell erfolgreichste Filmemacherin Hollywoods - und prägte in dieser Zeit ganz nebenbei zahlreiche Millennials und gab der Gegenwartsgeschichte des Feminismus ein Gesicht: "Sehr vieles an 'Barbie' zeigt, wie sich die Bildsprache des Mainstreamfeminismus im Jahrzehnt seit 'Frances Ha' verändert hat, was schiefgelaufen ist und was beinahe richtig: Frauen dürfen nun auch in Hochglanzproduktionen am Leben im Patriarchat verzweifeln, nur sind solche Darstellungen heute eher Teil des Verkaufsspektakels als Rebellion. ... 'Barbie' steht nun da als Monolith in der Welt, das Film gewordene Dilemma des längst gut durchkritisierten Anything-goes-Feminismus der Zehnerjahre, der von der Frauensportgruppe bis zur Botoxbehandlung alles als feministisch begreift, was den weiblichen Leidensdruck auch nur für kurze Zeit lindert. Wer ein wenig politische Sozialisation durchlaufen hat und genau in sich hineinhört, dürfte hier und da schon noch auseinander bekommen, was wirklich lebenserhaltend ist und was eine legitime, aber bequeme Kapitulation vor dem berühmten male gaze. Doch wer will das schon, wenn man so schick darüber grübeln kann?"

Außerdem: Marc Hairapetian plaudert für die FR mit Sofia Coppola über deren "Priscilla"-Biopic. Für die FAS spricht Mariam Schaghaghi mit Willem Dafoe über dessen Rolle in Yorgos Lanthimos' neuem Film "Poor Things". Patrick Holzapfel schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den georgischen Autorenfilmer Otar Iosseliani. Das Team der Presse nennt seine Highlights des Kinojahres 2023.

Besprochen werden Andrew Legges Zeitreise-Film "L.O.L.A." (Standard, mehr dazu hier), Olivier Nakaches und Éric Toledanos "Black Friday for Future" (online nachgereicht von der FAZ), Zack Snyders "Rebel Moon" (Presse, vom TA für die SZ online nachgereicht, unsere Kritik), die im Ersten gezeigte Serie "Power Play" (FAZ, FR) und die von Arte online gestellte Serie "Haus aus Glas" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2023 - Film

Kindlicher Blick auf die Welt: "Der Junge und der Reiher"

Nächste Woche startet Hayao Miyazakis "Der Junge und der Reiher", mit dem der 82-jährige Animationsfilmmeister sein Comeback aus dem Ruhestand hinlegt - sehr zur Begeisterung von Filmdienst-Kritiker Michael Kienzl: Der Film handelt von einem Jungen, der aus dem ausgebombten Tokio in die Provinz kommt, und ist damit "an der Schwelle zwischen einem hartnäckigen Trauma und einer ungewissen Zukunft angesiedelt, die zugleich Herausforderung und Chance ist". Miyazaki "erforscht die Umgebung mit einem sinnlichen Realismus, der gekonnt zwischen Lebensnähe und Stilisierung balanciert. Die Animationen sind handgezeichnet und wurden für einen besseren räumlichen Eindruck mit 3D-Computergrafiken erweitert. Besonders werden sie durch ihre Unvollkommenheit. Die Gräser und Büsche, die in saftigem Grün sprießen, sind nicht bis ins kleinste Detail durchgezeichnet, sondern bleiben impressionistisch verwischt. ... Die Ästhetik des Films ist häufig von einem kindlich staunenden Blick geprägt, der das, was er sieht, nie ganz greifen kann. Das traditionelle japanische Holzhaus wirkt mit seinen langen Gängen und knarzenden Dielen geradezu gespenstisch. Die Neugier und Behutsamkeit, mit der Mahito den Schauplatz erforscht, findet ihre Entsprechung im schönen Soundtrack von Joe Hisaishi. Zart, fließend und melancholisch tastet der sich mit einfachen Klaviermelodien vor."

Dazu passend erzählt Tim Kanning in der FAZ von seinem Besuch bei Miyazakis Studio Ghibli in Tokio. Dort ist man zwar stolz auf den riesigen Erfolg von "Der Junge und der Reiher" in Japan und in den USA. In eine ungewisse Zukunft blickt man dennoch, wie Produzent Toshio Suzuki einräumt: "'Das Studio, wie es war, hat sich komplett um Hayao Miyazakis kreativen Geist gedreht - ob das nun gut ist oder schlecht. Um es davon zu befreien, bräuchten wir hier eine neue talentierte junge Person, die eine ähnliche kreative Kraft entfalten kann', sagt Suzuki. ... Derzeit sehe er ein solches Talent nicht, sagt Suzuki, weder im Studio Ghibli noch irgendwo sonst in Japan. Ein Grund dafür sei natürlich, dass die Zeichner, die zu Ghibli kamen, in Miyazaki immer das große Genie gesehen hätten. 'Wenn sie eigene Ideen in die Arbeit einbringen wollten, mussten sie immer sehr dafür kämpfen.' Härter drückt diese Übermacht Miyazakis dessen Sohn Goro aus, der ebenfalls an diesem Tag für ein Gespräch in das Studio gekommen ist. 'Junge Talente hat er immer als Rivalen gesehen und schnell vergrault'."

Außerdem: Es ist kompliziert, sagt Maria Wollburg auf ZeitOnline zum Vorwurf, die Gen-Z (zu der auch Wollburg gehört) sei prüde, was Sexszenen betrifft. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive Carlos Saura im Filmarchiv Wien. Dunja Bialas resümiert für Artechock die Tops und Flops des Kinojahres 2023. Marius Nobach blickt für den Filmdienst auf die Todesfälle aus dem Filmbetrieb im Jahr 2023 zurück.

Besprochen werden Andrew Legges Low-Budget-SF-Film "L.O.L.A." (FD, Artechock, critic.de, Tsp, Welt, mehr dazu hier), Sofia Coppolas nächste Woche startendes Biopic "Priscilla" über Priscilla Presley (FD, NZZ), Karen O'Connors, Miri Navaskys und Maeve O'Boyles Doku "Joan Baez - I Am Noise" (FD, Artechock, critic.de, SZ via TA, unsere Kritik), Olivier Nakaches und Éric Toledanos "Black Friday for Future" (Artechock, FD), Sébastien Tulards "Sterne zum Dessert" (FD, Artechock), Frant Gwos "Die wandernde Erde 2" (Artechock), Zack Snyders Netflix-SF-Epos "Rebel Moon, Teil 1" (FR, Standard, unsere Kritik), die ARD-Dokuserie "Being Michael Schumacher" (TA) sowie ein Spielfilm und eine Doku über den Milli-Vanilli-Skandal (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2023 - Film

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war: "L.O.L.A."

Andrew Legges britischer, "durchweg faszinierender" Low-Budget-Science-Fiction-Film "L.O.L.A." ist eine echte Entdeckung, schwärmt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte: Mit seiner Geschichte über zwei junge Frauen, die sich im Jahr 1941 mittels eines Zeit-Teleskops Filme und Musik aus den Sechzigern und Siebzigern reinziehen, gelingt dem Regisseur "ein ebenso mitreißendes wie zusehends düsteres Pastiche. Dabei bewegt sich der Film auf kürzestem Weg von Wells zu Orwell in einer denkbar grimmigen Vision einer alternativen Vergangenheit. ... Jedenfalls dauert es nicht lange, bis man das Trampeln deutscher Knobelbecher zu englischsprachigen Nazi-Liedern durch ihr Zutun auf Londons Straßen hört. David Bowie ist plötzlich aus der Zukunft ausradiert, während hartkantiger Technobeats faschistische Propaganda transportieren. ... Beatles-Fans werden sich auch des ominösen Found-Footage-Films 'All this and World War Two' von Susan Winslow erinnern, in dem 1976 Lennon/McCartney-Songs einen Zusammenschnitt von Weltkriegs-Wochenschauen untermalten. Genau diese anachronistische Faszination kehrt hier zurück, makabre Untertöne inklusive." SZ-Kritikerin Sofia Glasl findet den Film ganz im Gegensatz etwa zu Christopher Nolans Kino-Gedankenexperimente zu Zeit und Raum "angenehm verspielt" und hat viel Freude an der "Haptik all der Apparate und Medien", die dieser selbst im Found-Footage-Stil auf 16mm anmutender Film präsentiert.

Was es bedeuten könnte, zu sterben: "Die unendliche Erinnerung"

In "Die unendliche Erinnerung" beobachtet die chilenische Filmemacherin Maite Alberdi die letzten gemeinsamen Jahre des Ehepaars Paulina Urrutia und Augusto Góngora. Letzterer war Teil der chilenischen Opposition gegen Pinochet und litt vor seinem Tod an Alzheimer. Perlentaucher Patrick Holzapfel erfährt dabei eine Ahnung, "was es bedeuten könnte, zu sterben". Der Film "ist - mit Ausnahme der zuckerigen Musik - ein angenehm zurückhaltendes Dokument des tragischen aber doch erfolgreichen Kampfes einer Liebe gegen das Vergessen." Die Kamera "hält die richtige Distanz, zeigt was nötig ist, aber nichts darüber hinaus. ... Die Erinnerung, heißt es im Film einmal, wäre die Identität. Paradoxerweise beweist der Film, dass ebendiese Identität auch und vielleicht vordergründig im Vergessen zu finden ist. So tauchen die verdrängten, unverdauten Bilder als Wahnvorstellungen wieder auf, wenn Augusto mit unsichtbaren Menschen streitet. Das Sich-Wieder-Verlieben im plötzlichen Erkennen hängt mehr am vorherigen Vergessen als an der Gewohnheit des Zusammenlebens. Die Liebe richtet sich bedingungslos auch auf den Menschen, der nicht mehr das ist, was er war." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz bezeugt "stille Bilder von behutsamer Schönheit. ... Welche Bedeutung der Film für Chile hat, zeigt sich schon daran, dass 'La memoria infinita' in der Startwoche "Barbie" von der Spitze der Charts verdrängte. 50 Jahre ist es jetzt her, dass Pinochet sich an die Macht putschte. Das Drama von Augusto und Paulina ist auch das Drama ihres Landes."

Außerdem: Frankreich diskutiert über die Haltung zu den jüngsten Vergewaltigungsvorwürfen gegen Gérard Depardieu, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. Und das Filmkritik-Team der SZ kürt seine "Magic Moments" 2023. Besprochen werden Susanna Fanzuns Dokumentarfilm "Die Giacomettis" (Perlentaucher), die beiden Horrorfilme "The Queen Mary" von Gary Shore und "Baghead" von Alberto Corredor (FAZ), eine Berliner Ausstellung über Filmplakate (taz), Christos Nikous auf Apple gezeigte Liebeskomödie "Fingernails" (FAZ) und Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" ("ein merkwürdig laues, zahnloses Drama", findet Gunda Bartels im Tsp). Außerdem informiert uns die SZ hier, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen und welche nicht, und dort verschafft der Filmdienst einen Überblick über alle Filmstarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2023 - Film

Habemus neues Franchise: "Barbie" knackt alle Rekorde

2023 könnte als das Jahr in die Filmgeschichte eingehen, das das Ende der Superhelden-Hegemonie im Mainstreamkino einläutete, schreibt David Steinitz in der SZ: Jedenfalls erwiesen sich einschlägige Produktionen an den Kinokassen zuletzt meist als Senkblei - anders als "Barbie" (unsere Kritik): "Kulturpessimistisch betrachtet löst auf den ersten Blick also einfach ein Großkonzern den anderen ab: von Marvel zu Mattel. Andererseits hat 'Barbie' durchaus das Potenzial, der Filmbranche nicht nur eine neue Franchise-Welle zu bescheren, sondern tatsächlich andere Filme. Denn trotz aller Beteuerungen war Hollywood auch in den letzten Jahren vor allem ein Ort, an dem Männer Filme für Männer gemacht haben." Doch "dass ein Film, in den mehr Frauen gehen als Männer, es an die Spitze der Jahrescharts schafft, und zwar weltweit, könnte in Hollywood vielleicht doch mal das Bewusstsein verstärken, dass es eine relativ große Zuschauerschaft jenseits von 15-jährigen Superhelden-Nerds gibt."

Degeto was not here: "Deutsches Haus"

Georg Seeßlen kann sich in der Jungle World Matthias Dells Kritik an der Disney-Serie "Deutsches Haus" über den ersten Auschwitzprozess nicht anschließen, greift aber dessen Fazit (unser Resümee) als Angebot zu Diskussion auf. Eine Diskurswirkung wie einst bei "Holocaust" oder "Schindler Liste" mag sich hier zwar nicht einstellen, "vielleicht sogar paradoxerweise deswegen, weil die Serie nach den Möglichkeiten des Formats zu gut ist. ... Degeto was not here, glücklicherweise - nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn eine oder mehrere Redaktionen der ARD ins Konzept hineingeredet hätten. So konnte 'Deutsches Haus' als Glücksfall entstehen, eine Art Autorenserie, die das Format der dekonstruktiven Serie für eine Erinnerungsarbeit nutzt, die genau zur rechten Zeit erscheint - wenn sie denn ein Publikum erreichen würde, das noch empfänglich für ein Um- und Neudenken wäre. Dann erst würde es sich wohl lohnen, die Debatte über die Darstellung des Nichtdarstellbaren wieder aufzunehmen."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit Regisseur J. A. Bayona über dessen "Die Schneegesellschaft", über den bereits zuvor verfilmten Flugzeugabsturz 1972 in den Anden, dessen Überlebende sich nur mit Kannibalismus retten konnten. Außerdem küren die SZ-Kritiker ihre Lieblingsserien 2023.

Besprochen werden Emerald Fennells "Saltburn" (Tsp, mehr dazu bereits hier), die von ARD online gestellte Serie "Davos 1917" (Welt), Andrew Legges "Lola" (SZ) und Nicolas Philiberts Berlinalegewinner "Auf der Adamant", der in Deutschland bereits im September startete (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2023 - Film

Puppenartig: Emma Stone in "Poor Things"

Valerie Dirk resümiert im Standard das Kinojahr 2023 mit Blick auf die kommende Oscarverleihung. "Es war das Jahr der Puppen", schreibt sie unter dem Eindruck von Publikumserfolgen wie "Barbie", "Super Mario Bros" und den Horrorfilm "M3gan". Aber auch im Oscarfavoriten "Poor Things" (der in Deutschland im Januar startet) von Yorgos Lanthimos "geht es um ein puppenartiges Frankenstein-Wesen. Emma Stone spielt Bella, ein Kind im Frauenkörper, das sehr langsam sprechen und laufen lernt und sehr schnell seine Sexualität entdeckt. Bellas Libido ist der Antrieb für ihre emanzipatorischen Ausflüge in Lanthimos' steampunkig-bunte Filmwelt."

Außerdem: Gregor Dotzauer (Tsp), Andreas Kilb (FAZ) und Willi Winkler (SZ) gratulieren der Schauspielerin Hanna Schygulla zum 80. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass Ingrid Steeger im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" (taz), Zack Snyders "Rebel Moon" (Welt, mehr dazu hier) und James Wans "Aquaman and the Lost Kingdom" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2023 - Film

Ziemlich wildes Ding: Emerald Fennells "Saltburn"

Emerald Fennells zweiter Film (nach dem oscarprämierten MeToo-Film "Promising Young Woman") "Saltburn" ist den Kritiken nach zu urteilen ein ziemlich wildes Ding. Ein junger Student nistet sich hier in höheren Kreisen ein, die ihm der Reihe nach verfallen - doch das Salz steuert eher die originell ins Bild gesetzte Kreatürlichkeit der Suppe bei, schreibt Marie Luise Goldmann in der Welt: Gemeinsam nach dem Sex Menstruationsblut schlürfen, ist da fast noch herkömmlich, "doch wenn er nackt auf dem Grab eines Verstorbenen liegt, erst herzerschütternd weint und dann die aufgeschüttete Erde penetriert, oder wenn er gierig die letzten Tropfen in der Badewanne ausschlürft, in die sein Schwarm zuvor ejakuliert hat, dann muss man diesen Einfällen schon eine gewisse Originalität zugestehen. ... Charles Dickens und Patricia Highsmith zitierend, wird die opulente Klassensatire, die zwar mit überraschenden Twists und einem pompösen Finale aufwartet, ihren Vorbildern kaum gerecht. ... Am Ende bleibt der Eindruck, einen ungelenken Erstlingsversuch eines Filmstudenten gesehen zu haben, der zufällig die begabtesten Schauspieler seiner Zeit kennt und es trotzdem nicht geschafft hat, etwas anderes aus ihnen herauszuholen als gelangweiltes Seufzen und erotisches Stöhnen." SZ-Kritiker Tobias Kniebe spürt in diesem Film "ein abgründiges, zynisches Wissen das man so wohl nur auf Englands teuerster Privatschule sammeln kann, wenn man wirklich öfter mal bei Old Money zu Gast war".

Nach zuletzt immer mehr Vergewaltigungsvorwürfen wirkt Gérard Depardieu mittlerweile auch in seiner französischen Heimat, wo man ihm über die Jahre noch jeden kleinen und großen Skandal geduldig nachgesehen hat, angeschlagen: "Frankreich hat zu lange weggesehen, die Filmkritik in Chronistenpflicht die Vorwürfe brav notiert", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel, und dieses alles "ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Und damit ein 'Monster' gezüchtet, das am Ende außer Kontrolle geriet." Jan Küveler findet es in der Welt hingegen gut, dass sich Macron in der Kontroverse um Depardieu auf die Seite des Schauspielers gestellt hat. "Das Machtwort war fällig. Es gibt wenig hinzuzufügen. Selbstverständlich muss, wie es einem Rechtsstaat gebührt, das Ergebnis der Ermittlungen abgewartet werden. Dann kommt es eventuell zu einem Prozess. Vorverurteilungen sind schmählich und weder der Grande Nation noch eines anderen westlichen Landes würdig."

Weiteres: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Alice Rohrwacher über deren neuen Film "La Chimera". Josef Schnelle berichtet auf Artechock vom "Black Night Filmfestival" in Tallinn. Im Tagesanzeiger-Gespräch befürchtet die Schauspielerin Ella Rump ein Ende des Serienbooms in absehbarer Zeit. Rüdiger Suchsland verteidigt sich auf Artechock gegen seine Kritiker, denen wieder seine Kritik an der neuen Berlinale-Leiterin (unser Resümee) nicht passt. Das critic-Team blickt auf die schönsten Kinomomente des Jahres zurück: "Das Kino, das ist der Wind in Til Schweigers Haar", schwärmt etwa Lukas Foerster.

Besprochen werden Wim Wenders' "Perfect Days" (Artechock, online nachgereicht von der FAS, mehr dazu bereits hier), die Wiederaufführung von Morris Engels, Ruth Orkins und Ray Ashleys "Little Fugitive" aus dem Jahr 1953 (Artechock), Sean Durkins "The Iron Claw" (Artechock), J.A. Bayonas "Die Schneegesellschaft" (Artechock), die Weihnachtskomödie "Monsieur Blake zu Diensten" mit John Malkovich (Standard) und James Wans "Aquaman and the Lost Kingdom" (Standard).