Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2022 - Film

Der Iran schikaniert seine prominentesten Filmemacher: Mohamad Rasoulof, Jafar Panahi und Mostafa Aleahmad wurden allesamt binnen kurzer Zeit verhaftet. Es ist nicht zum ersten Mal, dass das Regime derart zuschlägt, ruft Verena Lueken in der FAZ in Erinnerung: Seit Jahren werden die gegängelten und inhaftierten Filmemacher symbolisch zu Filmfestivals eingeladen, wo deren Stuhl dann meist leer bleibt. Sie "durften nicht reisen, aber ihre Filme kamen - nach Hamburg, Denver, Seattle, San Sebastian, Berlin oder Cannes, oft auf wundersamen Wegen, um die sich Legenden rankten (wurde Panahis 'This is Not a Film' 2011 wirklich als USB-Stick in einem Kuchen an die Cote d'Azur geschmuggelt?), und immer sorgten sie dafür, Iran und seine Künstler und sein Kino präsent zu halten als Land, in dem Repression, Gewalt, Korruption und Willkür die Kunst in den Untergrund zwingen. Als Land, in dem vom System verformte Menschen leben wie auch solche, die einfach versuchen, sich durchzuschlagen und solche, die sie ans Messer liefern oder als Henker ganz selbstverständlich ihrer Arbeit nachgehen. Diese Künstler zeigten in ihrem Werk vor allem, wie frei sie geblieben sind. Das macht sie gefährlich für jedes autokratische Regime."

Spätestens seit "Manuscripts Don't Burn", der die Zeit der Morde an iranischen Schriftstellern aufarbeitet, hat sich Mohamad Rasoulof bewusst in Lebensgefahr gebracht, schreibt Navid Kermani in der Zeit. Doch "er trotzte seinen wiederholten Festnahmen. ... 2020 schmuggelte er seinen Film 'Doch das Böse gibt es nicht' aus dem Land und gewann den Goldenen Bären. Indem er die Gewissensnöte, Rechtfertigungen und Alltagssorgen gewöhnlicher iranischer Henker zeigt, bringt der Film die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt und transzendiert sie zugleich. Ich war nicht nur erschrocken über den Iran, ich war erschrocken über den Menschen, hinter dessen Schein Rasoulof die kleine und traurige Wahrheit zum Vorschein bringt, die also auch meine Wahrheit ist." Was es nun angesichts der jüngsten Ereignisse braucht: "Die Solidarität der Filmwelt - Verbände, Akademien und Festivals - und ebenso den Protest der Bundesregierung wie der Europäischen Kommission, damit Rasoulofs Kunst und sein Mut weiter in unsere Herzen leuchten können."

Als hätte man den Termin danach gelegt, beginnt nun das Münchner Festival Cinema Iran, schreibt Dunja Bialas auf Artechock. An kritischen Stimmen gibt es im iranischen Film auch weiterhin keinen Mangel: Der Eröffnungsfilm "Killing the Eunuch Khan" etwa zählt zu jenen Filmen, "die durch starke Bildsprache und hohe Symbolik zu einer bestens chiffrierten, aber auch leicht dechiffrierbaren politischen Botschaft finden und das Staatssystem das Fürchten lehren, auch weil sie im Ausland hohen Anklang finden. ... Regisseur Abed Abest gehört mit seinen 35 Jahren zu einer neuen Generation von Filmemachern, die gegen die iranische Repression anfilmen und mit ihren formenstarken Werken internationale Aufmerksamkeit erregen. 'Killing the Eunuch Khan' ist eine albtraumgetränkte Science-Fiction-Fantasie, die Assoziationen zu vergangenen und aktuellen Kriegen sowie an die schwindelerregenden Gewaltspiralen des Landes weckt."

Erzählt von einer Befreiung: "Meine Stunden mit Leo"

Sophie Hydes
"Meine Stunden mit Leo" rührt an ein Thema, mit dem sich dem Kino gerne schwer tut: Das sexuelle Begehren von Frauen jenseits der Wechseljahre. Emma Thompson spielt eine Witwe, deren Ehe sexuell unbefriedigend geblieben war und nun die Dienste eines jungen Prostituierten in Anspruch nimmt. Der Entwicklung dieser beiden Figuren zuzusehen, "ist ein großer, aufregender Spaß, der mal mit zärtlichen komödiantischen Motiven unterlegt ist, dann wieder ins Bitterernste umschlägt", schreibt Axel Timo Purr auf Artechock. In den Film floss alles ein, "worunter so viele Frauen ihrer Generationen leiden, die Scham, die Schuldgefühle, das sich ewige Entschuldigen, das sich Abfinden mit einem Zustand, mit dem man sich nicht erst seit der 'sexuellen Revolution' der 68er gar nicht unbedingt hätte abfinden müssen." Und dann schließt der Film beglückend noch mit einer "Begegnung mit einem nackten Körper, wie sie schöner, aufregender, befreiender und berührender nicht sein könnte. Eine Befreiung, wie sie nur ganz selten im Kino zu sehen ist." Von einem "ebenso feinfühligen wie stellenweise überaus lustigen Kammerspiel" berichtet Arabella Wintermayr in der taz. Auf ZeitOnline nähert sich Sebastian Seidler dem Film über einen Exkurs in die Geschichte der filmischen Darstellung von Sexualität älterer Frauen.

Außerdem: Das Münchner Filmmagazin Artechock-Magazin widmet dem verstorbenen Klaus Lemke (unsere Resümees hier und dort) einen Schwerpunkt: Die jetzt allerorten zu hörenden Lobesarien seien günstig nachgereicht, seufzt Rüdiger Suchsland - zu Lebzeiten hätten Lemke und das deutsche Kino davon mehr gehabt. Einen wunderbar persönlichen Nachruf schreibt die Schauspielerin Saralisa Volm, die über Lemke zum Film gekommen ist. Auch der Filmemacher RP Kahl (hier) und der Münchner Kinomacher Bernd Brehmer (dort) verabschieden sich. Außerdem hat das Magazin ein Lemke-Gespräch von 2016 online wieder nach oben geholt.

Besprochen werden Zhang Yimous Tragikomödie "Eine Sekunde" (SZ), Joachim Lafosses Bipolar-Drama "Die Ruhelosen" (taz, Artechock), die Wiederaufführung von Fellinis "La Dolce Vita" (SZ, FR, Filmdienst, Artechock), Joscha Bongards Dokumentarfilm "Pornfluencer" über ein Paar, das sein Sexleben auf Pornoportalen auswertet (critic.de, Artechock), Joe und Anthony Russos Actionfilm "The Gray Man" mit Ryan Gosling (Tsp), Julius Bergs Einbruchsthriller "The Owners" (Standard) und die Arte-Dokumentation "Il Posto" über die Lage der Pflegekräfte in Italien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2022 - Film

Ziemlich aus der Welt gefallen findet FAZler Helmut Hartung die Forderung deutscher Filmproduzenten nach einer Erhöhung der Rundfunkgebühren, um die wegen teurer Energiepreise steigenden Produktionskosten zu kompensieren. Nun wolle man bei der für solche Fragen zuständigen Kef einen Sonderbericht herbeiführen. "Abgesehen davon, dass die Bundesländer einen solchen Sonderbericht beauftragen müssten und eine 'außerordentliche' Beitragserhöhung nicht in das gesetzliche System der Beitragsfestsetzung durch die Kef passt, ist ein solches Vorhaben mehr als ungewöhnlich. Angesichts einer Inflationsrate von nahezu acht Prozent, die sowohl die Bevölkerung als auch die gesamte Wirtschaft belastet, soll nun durch ein 'Sonderopfer' aller Bürger eine einzelne Branche alimentiert werden." Beim Blick ins Filmangebot der Mediatheken drängen sich uns im übrigen diverse Einsparpotenziale auf.

Außerdem: Fabian Tietke bündelt in der taz die Informationen zur jüngsten Repressionswelle im Iran, wo binnen kürzester Zeit die Filmemacher Mohammad Rasoulof, Mostafa Al-Ahmad und Jafar Panahi festgenommen wurden. Andreas Busche (Tsp), Philipp Bovermann (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren Harrison Ford zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die abschließende Staffel von "Better Call Saul" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2022 - Film

Vicky Krieps in "Corsage"

Kathleen Hildebrand staunt in der SZ über das Talent und die Physiognomie der Schauspielerin Vicky Krieps, die aktuell als "Sisi" in Marie Kreutzers "Corsage" zu sehen ist und seit ihrem Auftritt in Paul Thomas Andersons "Am seidenen Faden" zu den Großen des europäischen Kinos zählt. Oft wirke sie "wie ein Mädchen, das ein bisschen zu schnell erwachsen geworden ist." Und dann wirkt es oft so, "als wüsste sie nicht, wie schön sie ist. Auch als Zuschauer kann man das bei ihrer Art zu spielen fast übersehen. Das gibt es ja: Schauspieler, deren Schönheit man vergisst. Interessanterweise ist die Schönheit von Vicky Krieps aber ganz offenkundig, als sie zum Gespräch im Zoom-Fenster erscheint. Kein Make-up, die lockigen Haare zusammengebunden, eine bunt gestreifte Strickjacke über dem schwarzen Top. Vicky Krieps' Gesicht würde auch auf ein Renaissancegemälde passen. Gleichzeitig könnte man ihr aber auch auf dem Spielplatz begegnen."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass nach Mohammad Rasoulof und Mostafa Aleahmad nun auch Jafar Panahi im Iran festgenommen wurde, nachdem er sich bei der Staatsanwaltschaft nach der Lage seines Berufskollegen Rasoulof informiert hatte - in Variety vermutet Nick Vivarelli einen konservativen Backlash im Land, nachdem der Hardliner Ebhraim Raisi den etwas moderateren Regierungsführer Hassan Rouhani 2021 abgelöst hat. In der FAZ verneigt sich Axel Weidemann vor der Serie "Better Call Saul", die nun mit der fünften Staffel zuende geht. Simon Hauck schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Klaus Lemke (weitere Nachrufe hier und dort). Außerdem hat das Revolver-Magazin ein großes Gespräch mit Lemke aus dem Jahr 2014 online gestellt.

Besprochen werden die Serie "Damaged Goods" mit Sophie Passmann (taz, Welt, FR) und die Serie "The Girl from Plainville" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2022 - Film

Das Multiversum ist im Kino und im Fernsehen angekommen, schreibt Stefanie Beck in der Jungle World. Ein Vorreiter ist die Animationsserie "Rick and Morty", nun schlachtet aber auch das Blockbusterkino die wissenschaftliche Theorie aus, dass unsere Realität nur eine neben unzähligen anderen Realitäten darstellt. "Gemeinsam sind den Multiversum-Geschichten die Thematisierung von psychischer Gesundheit und Wahnsinn und die Frage nach der eigenen Identität. Alle Figuren scheinen von irgendwas überfordert zu sein; die einen von der Enge der Realität, die anderen von den schier endlosen Weiten des Multiversums." Und "nicht nur bietet das Multiversum großartige erzählerische Möglichkeiten, es ermöglicht es den Drehbuchautoren auch, frühere filmischen Inkarnationen derselben Figur sowie Charaktere aus anderen Serien und sogar aus Spin-offs, die noch gar nicht existieren, zu importieren. Marvel baut auf den Grundfesten der Viele-Welten-Theorie sein ökonomisch mächtiges Filmimperium aus." In den Comics von Marvel und DC gibt es diese Strategie freilich schon seit Jahrzehnten.

Weitere Artikel: Wenn die Autos verschwinden, verschwindet auch ein Kinomythos, hält Elmar Krekeler in der Welt fest. Auf ZeitOnline nimmt Caroline Rosales in einem sehr persönlichen Nachruf Abschied von Klaus Lemke (weitere Nachrufe hier und dort), einen weiteren Nachruf schreibt Jenni Zylka in der taz. Besprochen werden Laura Bispuris "Das Pfauenparadies" (Tsp) und die True-Crime-Serie "The Girl from Plainville" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2022 - Film

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Auf erste Nachrufe auf Klaus Lemke (und viele Mediathek-Fundstücke) hatten wir gestern schon verwiesen. Nun liefern die Feuilletons nach. "Trauerbeflaggung allenthalben wäre jetzt angezeigt", seufzt Dominik Graf auf ZeitOnline. Lemke zielte auf "ein Kino der im wahrsten Sinn Augen-Blicke und der unverwechselbaren Dialog-Sprache, der rauen deutschen Oberflächen und Orte", doch war er "dabei in den Gefühlen der Figuren zueinander (oder voneinander weg) im Grunde so zärtlich wie kaum eine:r. Auch ein Kino der labyrinthischen Erzählformen, denn es passiert schon in 'Rocker', dass mitten im Film die Hauptfigur wechselt. 'Rocker' ist Avantgarde! Und ethnologische Randgruppenforschung gleichzeitig." Überhaupt "Rocker", den das ZDF gerade in die Mediathek gestellt hat: Mit diesem Film fand Lemke nach Ausflügen in die Welt der großen Budgets seinen eigenen Stil: Es war der Film, "mit dem er seine Methode erfand, eine Stadt und ihre Menschen so unmittelbar zum Sprechen zu bringen, wie das keinem anderen Filmemacher mehr gelingen sollte", schreiben Tobias Kniebe und David Steinitz in der SZ. "Nur Lemke schaffte es, solche Momente reiner Schönheit und Wahrheit aufzuspüren und auf Film zu bannen."

Lemkes "Spiel mit der Coolness überzeugte, weil er selbst der Coolste war", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Noch am 24. Juni veranstaltete der 81-Jährige beim Münchner Filmfest eine Ein-Mann-Demonstration mit einem Pappschild 'Kunst kommt von Küssen'." Auch darin zeigt sich: Lemke war der letzte Jungfilmer, schreibt Claudius Seidl in der FAZ: "Je mehr er sich, rein altersmäßig, von der Jugend entfernte, desto stärker fühlten sich die Blicke seiner Filme von dieser Jugend hingezogen; manchmal sah es so aus, als brauchte er für seine Filme nicht viel mehr Plot als nur den Willen, den Jungen beim Jungsein zuzusehen." Er hatte einen ganz eigenen "ein Sinn für Körper, ein Gespür für Stimmen, ein starkes Bewusstsein davon, dass Schönheit beides ist: eine Gnade. Und ein Produkt, dessen Herstellungsbedingungen er sehr gut kannte." Schließlich wollte er aber "echte Menschen vor der Kamera, keine Selbstdarsteller", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Insbesondere in seinen Kretschmer/Fierek-Komödien machte Lemke das bayerische Lokalkolorit cool, schreibt Jürg Zbinden in der NZZ. Die SZ bringt eine kleine Notiz seines Wegbegleiters Wolf Wondratschek. Im Welt-Gespräch schwärmt der Filmemacher RP Kahl über Lemke.

Der zweite große Filmverlust dieser Tage: James Caan. Der Schauspieler "war der Vorschein der nächsten Moderne im alten Hollywood", schreibt Georg Seeßlen auf ZeitOnline. In den Siebzigern kam dann seine große Zeit, als Amerika an sich zu leiden begann: Das Land "wird nie mehr sein, was es einmal war, und James Caan ist genau dort, wo dieser Verlust unleugbar wird. Einen falscheren Ort auf dieser Welt gibt es nicht. Doch all diese Entfremdung spielte sich bei ihm viel tiefer ab als bei vergleichbaren Leinwandmännern seiner Zeit, Robert Redford oder Paul Newman etwa. Caan war keiner, der davon reden kann, was ihn erzürnt. Er konnte es nur mit seinem Körper ausdrücken. An seinen Bewegungen war nichts schlaksig oder elegant, er wandte sich und bot doch wieder zu viel Angriffsfläche. Er suchte den richtigen Platz für sich und wusste doch im tiefen Inneren, dass es den für ihn nicht gab. So wurde Caan der Verlorene der Achtzigerjahre." Weitere Nachrufe schreiben Maria Wiesner (FAZ) und Marion Löhndorf (NZZ).

Die Agenturen melden, dass der iranische Filmemacher und Berlinale-Gewinner Mohammad Rasoulof im Iran verhaftet wurde: Zur Last gelegt wird ihm, "die psychologische Sicherheit der Gesellschaft gestört" zu haben, weil er nach einem Einsturz eines Hochhauses in einem offenen Brief die Korruption im Land kritisiert hatte.

Außerdem: In der SZ erklärt der Regisseur Jan Bonny, warum seine für Netflix entstandene Wirecard-Satire "King of Stonks" ausgerechnet in Düsseldorf spielt: "Ich habe in meiner Heimatstadt von Geburt an so viele Idioten beobachtet, dass ich zehn Serien damit füllen könnte. Zugleich ist es die schönste Stadt der Welt." Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel eine Werkschau der japanischen Filmemacherin Kinuyo Tanaka im Berliner Kino Arsenal. Besprochen werden die Serie "Gaslit" über den Watergate-Skandal (Jungle World), Taika Waititis Marvel-Blockbuster "Thor - Love and Thunder" (NZZ) und die Apple-Serie "Black Bird" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2022 - Film

"Es war ein Vergnügen, diesen Film für Sie zu machen": Klaus Lemkes letzter Auftritt.

Bittere Nachricht vom späten Abend: Klaus Lemke ist tot. Das deutsche Gegenwartskino verliert seinen verspieltesten und freiesten Rebellen - und die Perlentaucher-Filmkritiker einen ihrer Lieblinge. Lemke starb nur einen Tag, nachdem sein nunmehr letzter Film "Champagner für die Augen - Gift für den Rest" im BR gezeigt wurde. In dem Essayfilm blickt Lemke zurück auf seine Filme der Siebziger - und unterschlägt dabei interessanterweise seinen bekanntesten Film "Rocker", in dessen Schatten seine anderen Filme zuweilen standen. Zur Festivalpremiere vor zwei Wochen gab er ein letztes Radiointerview. Im Münchner Merkur würdigt Michael Schleicher Lemke als Chronisten der Münchner Subkultur der Siebziger: "Was die Stimmung in dieser Stadt angeht, konnte ihm lange schon keiner mehr was vormachen." Er "fand seine Darsteller auf der Straße. Und es ist die Sprache der Straße, gerne auch Dialekt, die er in Filmen hören wollte. ... Er wollte rigoroser sein, unabhängiger, vor allem: näher ran ans Leben. Dabei hatte er einst selbst zum Kino-Establishment gehört. Er hat Filme gedreht, in denen er für Aufnahmen aus dem Helikopter so viel Geld ausgegeben hat, wie er später für eine gesamte Produktion brauchen sollte. Als seine Arbeiten drohten, Konfektionsware zu werden, hat Lemke mit der Filmerei aufgehört und hat als Reporter für die Quick aus der Welt berichtet." Dazu Archivhinweise: Der BR hat ein Radiofeature online, in Lemkes offiziellem Youtube-Kanal gibt es viele Ausschnitte und teils Filme in voller Länge, sein Klassiker "Amore" steht in der BR-Mediathek und bis heute vergnüglich zu lesen ist dieses legendäre SZ-Gespräch aus dem Jahr 2005. Eine Art Essay über seine Filme montierte er vor wenigen Jahren.

Als der Kapitalismus siegte: Margot Robbie und Ryan Gosling sind Barbie und Ken (Warner)

"Das Internet" schäumt über vor wahlweise Begeisterung oder Abscheu angesichts der ersten Bilder, die aus Greta Gerwigs "Barbie"-Film (mit Margot Robbie in der Haupt- und Ryan Gosling in der Ken-Rolle) veröffentlicht wurden. Das berichtet Daniel Haas in der NZZ und macht sich dabei auch gleich Gedanken nicht nur über "Barbie", sondern auch über die Frage, wie eine gestandene Autorenfilmerin nun ausgerechnet das Plastikspielpuppen-Franchise schlechthin mit Leben füllen wird. "Was für ein Leben wird das sein? Ein postmodern überspanntes aus dem Geiste von Andy Warhol und Jeff Koons? Das heißt eine Illustration der Idee, dass im Spätkapitalismus das Leben weitgehend ein künstliches Projekt geworden ist? Oder wird es ein grell-nostalgisches Spektakel sein? Die Outfits des neuen Ken und der neuen Barbie legen als erzählte Zeit jedenfalls die Neunzigerjahre nahe. Da war Amerika noch wer. Der Kapitalismus hatte gesiegt. Russland schien kaum mehr als eine Kältezone, die man wahlweise kaputtrüsten oder per Export mit Luxusartikeln bombardieren konnte. #MeToo, LGBTQ - alles in weiter Ferne." Dazu passend fragt sich im übrigen auch Isabella Caldart in einem 54books-Essay, was es rückblickend mit den Neunzigern und deren Popkultur auf sich hat.

Weitere Artikel: Auf Artechock resümiert Rüdiger Suchsland unter anderem das Filmfest München, an dem er viel zu kritisieren hat - positiv hervorheben will er allerdings doch Sophie Linnenbaums Debütfilm "The Ordinaries" (" einer der schrägsten und originellsten Filme seit langem") und Christopher Roths "Servus Papa, see you in hell!" ("eine abgründige Sehnsuchtsgeschichte, die zwingend, spannend und mit Stilbewusstsein erzählt ist"). Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von seinem Treffen mit der Schauspielerin Vicky Krieps, die aktuell in der Sisi-Interpretation "Corsage" (unser Resümee) zu sehen ist. Mit deren Regisseurin Marie Kreutzer hat Thomas Abeltshauser für epdFilm gesprochen - aktuelle Kritiken des Films gibt es im Tagesspiegel, auf critic.de und bei Filmfilter. Die einschlägigen Sommer-Blockbuster lassen die Kinokassen klingeln, berichtet Marietta Steinhart im Filmfilter. Marius Nobach resümiert im Filmdienst das Filmfest München. Im Filmdienst verneigt sich Michael Ranze vor Judy Holliday, die vor 100 Jahren geboren wurde.  Bei einem Vortrag der Historikerin Lisa Silverman erfährt tazlerin Julia Hubernagel anhand des Beispiels des Regisseurs Veit Harlan viel über das Selbstbild des gängigen Nachkriegsantisemiten. In einem Welt-Essay wünscht sich Regisseur Dietrich Brüggemann deutsche Corona-Komödien. Und: Der Schauspieler James Caan ist gestorben - Nachrufe bringen die SZ, der Guardian und der Hollywood Reporter.

Besprochen werden Woody Allens "Rifkins Festival" ("schmeckt so fade wie der vierte Aufguss eines Salbeiteebeutels", ärgert sich Elmar Krekeler in der der Welt, ZeitOnline, mehr zum Film bereits hier), Anika Deckers "Liebesdings" (Eskalierende Träume, Artechock, Tsp), Laura Bispuris "Das Pfauenparadies" (critic.de, Artechock), Emmanuel Carrères "Wie im echten Leben" (Artechock), die Netflix-Satire "King of Stonks", die bemerkenswerte Ähnlichkeiten zur Wirecard-Affäre aufweist (taz), Nabil Ben Yadirs "Animals - Wie wilde Tiere" (Atzechock), die Ausstellung "Im Tiefenrausch" des Frankfurter Filmmuseums (Filmdienst), Marcus H. Rosenmüllers Animationsfilm "Willkommen in Siegheilkirchen" über das Leben des Karikaturisten Manfred Deix (Tsp), Taika Waititis neuer Marvel-Blockbuster "Thor - Love and Thunder" (FR, critic.de), die Komödie "Man vs Bee" mit Rowan Atkinson (NZZ) und ein Band mit Gesprächen mit dem französischen Auteur Claude Sautet (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2022 - Film

Ein Bild von einer Kaiserin: Vicky Krieps als "Sisi" in "Corsage"

Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, ist im europäischen Kino keine Unbekannte. Doch die Filmemacherin Marie Kreutzer beschreitet mit "Corsage" deutlich andere Wege als der einschlägige  Schmonzettenschinken der 50er, schreiben die Kritiker. Von einer "teils schwelgerischen, teils sperrigen Collage" spricht FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dem allerlei bewusst gesetzte anachronistische Widerhaken in diesem Film aufgefallen sind. Die Handlung setzt ein, als die Kaiserin mit 41 Jahren dem pausbäckigen Sisi-Klischee längst entsprungen ist und sich immer wieder ins konkrete Korsett zwingt, während sie dem gesellschaftlichen Korsett zu entfliehen versucht: "Im Korsett findet Kreutzer den Fluch des Märchens in der Realität wieder, und doch transportiert es auch das Bild einer kompromisslos-autonomen Frau, mit einem modernen Sinn für Selbstoptimierung. ... Diese Elisabeth entweicht protokollarischen Pflichten so gut es geht, macht sich auf Reisen, experimentiert mit Drogen und begegnet früheren Liebhabern. Nur eine Nebenfigur ist ihr untreuer Ehemann Franz-Josef (Florian Teichtmeister). Selbstbestimmtheit generiert auch Selbstsucht wenn sie einer Hofdame die Zustimmung zur Heirat verweigert."

Die Regisseurin wagt "eine radikale Neuerzählung", hält tazlerin Arabella Wintermayr fest. Kreutzer sucht die nüchterne Form statt überbordenden Monarchenkitsch. "Das Besondere an Marie Kreutzers Filmen ist, dass sie sich in ihren Beobachtungen niemals mit Plattitüden, sich in ihrer feministischen Grundhaltung nie mit einfachen Phrasen zufriedengibt." Dennoch biete es sich durchaus an, den Film "als eine Kritik an bis heute fortexistierenden Rollenvorstellungen zu lesen". Eher zurückhaltend bespricht Patrick Holzapfel im Perlentaucher den nicht "sehr bemerkenswerten Film", der in seinen Augen symptomatisch für das Gegenwarts-Arthousekino ist. Vicky Krieps in der Hauptrolle findet er aber faszinierend: "Trotz dieser Überfrachtung trägt Krieps den Film, ganz einfach, weil sie nicht einmal das Gesicht verziehen muss, um zu zeigen, wie ein Korsett auf die Eingeweide drückt. Man sieht es an ihrem Gang, man hört es in ihren Worten."

Wehe, dem das siebente Siegel schlägt: "Rifkins Festival" von Woody Allen

FR
-Kritiker Daniel Kothenschulte fällt aus allen Wolken: Woody Allens noch vor der Pandemie entstandener, aber erst jetzt in den Kinos gezeigter Film "Rifkins Festival" ist in der langen Filmografie des New Yorkers sehr weit unten anzusiedeln. Wallace Shawn spielt darin unter der Sonne Spaniens einen pensionierten Filmkritiker, der die Gegenwart des Kinos zwar verteufelt, aber in seinen Träumen in dessen Geschichte schwelgt. "Rifkin durchlebt seine wehleidige Weltsicht; tatsächlich sind es besonders diese stillosen Parodien, die den Film selbst zu einem cinephilen Alptraum machen. Gern würde man in dieser Revision des filmhistorischen Kanons einen selbstkritischen Verweis auf den konservativen Geschmack alternder Filmfans sehen. Aber Allen setzt sich schon lange nicht mehr mit dem eigenen Selbstbild auseinander."

Allen spiegelt mal wieder sich selbst, schreibt Jenni Zylka in der taz: "Ein alternder Mann, dessen Lebenskraft einerseits durch die Aufmerksamkeit einer jüngeren, attraktiven Frau, andererseits durch die Auseinandersetzung mit seinem künstlerischen Selbst angefacht wird, hadert mit sich selbst." Doch "fragt man sich, ob den Regisseur nicht auch mal andere Dilemmas, andere Probleme beschäftigen könnten als das Altern und der dadurch entstehende egomanische Selbstzweifel." Von einer "Schwundstufe" spricht Andreas Busche im Tagesspiegel, einen "müden Abklatsch" früherer Filme sah auch SZ-Kritiker David Steinitz, auch wenn es "ein paar lustige Szenen gibt." Und "die Lässigkeit, mit der Allen ein weiteres Mal von Liebelei, Betrug und den Leiden alternder Männer erzählt, hat etwas zunehmend Weltloses und Verzweifeltes", muss FAZ-Kritiker Andreas Kilb ernüchtert feststellen.

Außerdem: In der Welt erklärt Peter Praschl, was es damit auf sich hat, dass insbesondere in Großbritannien junge Männer im Anzug die Kinovorstellungen des neuen Minion-Animationsfilms stürmen und dabei im Saal eine große Gaudi veranstalten, um das Ergebnis auf TikTok zu präsentieren. Besprochen werden die auf Netflix gezeigte Wirecard-Satireserie "King of Stonks" mit Matthias Brandt (FAZ, Welt, ZeitOnline), Marcus H. Rosenmüllers Animationsfilm "Willkommen in Siegheilkirchen" nach den Karikaturen von Manfred Deix (Freitag), die DVD-Ausgabe von Catherine Corsinis 2021 im Cannes-Wettbewerb gezeigter Tragikomödie "In den besten Händen" (taz), Taika Waitis Marvel-Blockbuster "Thor - Love and Thunder" mit Natalie Portman (FAZ, SZ, ZeitOnline), Ferdinand von Schirachs Serie "Strafe" (NZZ), Anika Deckers feministische Liebeskomödie "Liebesdings" mit Elyas M'Barek (SZ) und die Ausstellung "Im Tiefenrausch" des Frankfurter Filmmuseums (FAZ). Außerdem erklärt uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2022 - Film

"Star Wars" 2022: ein verwässertes Franchise. Oder doch versandet? (Disney)

Benedict Wells hatte sich fest vorgenommen, die neue "Star Wars"-Serie "Obi-Wan Kenobi" zu lieben, gesteht er in der NZZ. Doch leider haben ihm die Disney-Produzenten mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht: Zu beobachten ist in den letzten Jahren eine "Verwässerung, ja Egalwerdung der Saga. ... So möchte man den ja doch vielen großartigen Kreativen bei Disney zurufen: Habt mehr Mut und traut euch das Neue, Aufregende! Ein 'Star Wars'-Film war einst ein Ereignis, ein knappes, kostbares Gut, ein Zittern beim Anschauen. 'Obi-Wan Kenobi' dagegen wirkte mit seinen wöchentlichen Episodenhäppchen wie die Serie zum Nachmittagstee."

Außerdem: Der Tagesspiegel meldet, dass die Berlinale-Forumsleiterin Cristina Nord nach dem Festivaljahrgang 2023 wieder zurück zum Goethe-Institut wechselt.

Besprochen werden die Ausstellung "No Master Territories. Feminist Worldmaking and the Moving Image" über Filmemacherinnen im Haus der Kulturen in Berlin (SZ), Marcus H. Rosenmüllers Animationsfilm "Willkommen in Siegheilkirchen" nach den Karikaturen von Manfred Deix (Welt) und Taika Waititis Marvel-Blockbuster "Love and Thunder" mit Natalie Portman (Tsp, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2022 - Film

Für die NZZ besucht Marion Löhndorf das neue Filmmuseum in Los Angeles, das sich mit einem Prestigebau von Renzo Piano in die Museumsmeile der Stadt einreiht und dabei möglichst politisch korrekt erscheinen möchte: "Die eigene Vergangenheit wird gefeiert, aber nicht kritiklos. Zwei Räume präsentieren die Oscars: In einem davon werden die spektakulärsten Momente der Zeremonien in Videoclips gezeigt. Darunter die Academy-Award-Verweigerung von Marlon Brando, der 1973 an seiner statt eine apachische Schauspielerin in traditioneller Stammeskleidung aufs Podium schickte. In einem spektakulären Auftritt übermittelte sie dem Publikum Brandos Protestbotschaft gegen den Umgang mit der indigenen Bevölkerung durch die amerikanische Filmindustrie."

Besprochen werden die Filmbetriebsklamotte "Der beste Film aller Zeiten" mit Penélope Cruz und Antonio Banderas (den Philipp Stadelmeier in der SZ als gewichtslos, pappig und falsch" abtut) und das Programm des Filmfest München (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2022 - Film

Im Interview mit dem Standard spricht die Schauspielerin Vicky Krieps über ihre Rolle als rebellische Sisi in Marie Kreutzers Film "Corsage". Gerade an das Korsett hat sie keine guten Erinnerungen: "Ich hasse dieses Teil so sehr! Es hat mich vor allem eingeschränkt. Beispielsweise meine Gefühle im Solarplexus: Ich wurde sofort traurig, wenn ich das Korsett anhatte. Und wenn ich es abends auszog, habe ich angefangen zu lachen. Das ist keine Übertreibung, ich konnte es selbst kaum glauben. Das Korsett hat natürlich geholfen, einen Ausdruck zu formen: diesen stummen Schrei, diese innere Verzweiflung. Es ist wie in der ersten Einstellung des Films: Es gibt ein langes Einatmen, auf das kein Ausatmen folgt. Und so war der ganze Dreh: Die Tränen, die Wut konnten nicht aus mir heraus."

Weiteres: In der taz empfiehlt Jens Müller heute abend auf Arte Vittorio de Sicas Filmklassiker "Der Garten der Finzi Contini" und gleich danach die Doku "Auf der Suche nach den Gärten der Finzi-Contini". Claus Löser wirbt in der Berliner Zeitung für den Roland-Klick-Abend heute im Berliner Lichtblick: "Warum sich das deutsche Kino immer wieder den Verschleiß solcher Ausnahmetalente leistet, weiß allein die Sphinx des Fördersystems." Katrin Hillgruber resümiert im Tagesspiegel das Münchner Filmfest. Matthias Kalle schreibt auf Zeit online zum Sechzigsten von Tom Cruise, in der FR schreibt Marc Hairapetian. Besprochen wird Thorsten Kleins Biopic über den Mathematiker Stanislaw Ulam (SZ)