Bücherbrief

Mordsgefährliche einfache Leute

Der Newsletter zu den interessantesten Büchern des Monats
02.07.2008. Ein Kriegstagebuch, das mit den Mythen des serbischen Nationalismus abrechnet, eine drei Frauengenerationen umspannende Familiensaga, Mathematik und Sex, der Wagner-Clan, John McEnroe und Europas Weg zum Frieden - das alles und noch mehr in den besten Büchern des Monats.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- und vor allem in den "Büchern der Saison" vom Frühjahr 2008



Literatur

Laszlo Vegel
Exterritorium
Szenen vom Ende des Jahrtausends

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Laszlo Vegel gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der ungarischen Minderheit in Serbiens Vojvodina. Nun erscheint zum ersten Mal auch hierzulande ein Buch von ihm: In seinem Kriegstagebuch "Exterritorium" schildert Vegel die letzten Tage der jugoslawischen Zerfallskriege während der Bombardierung Serbiens durch die Nato im Juni 1999. Dabei rechnet er schonungslos mit dem serbischen Nationalismus und einigen lange genährten Mythen ab. Die FAZ vernimmt in "Exterritorium" einen etwas bitteren Ton, vor allem aber beklemmende Szenerien, imposante Sprachbilder und einige wichtige Klarstellungen. Es gibt kein gutes Volk bei Vegel, nur "mordsgefährliche" einfache Leute und den "Midlife-Radikalismus vormals demokratischer Intellektueller". Karl-Markus Gauß liest in der NZZ das Tagebuch als "beklemmende Chronik und bestechende Analyse zugleich", gibt aber zu bedenken, dass Laszlo Vegel zu weit geht, wenn er Serbien als ein vom Glück verwöhntes Land darstellt.


Katharina Hagena
Der Geschmack von Apfelkernen
Roman

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Seltsam. Es ließen sich gewiss Bedenken vorbringen gegen Katharina Hagenas vielleicht etwas altmodisches Romandebüt "Der Geschmack von Apfelkernen". Doch obwohl es auf Anhieb in die Bestseller-Listen gekommen ist, nahmen die Rezensenten es ihm kein bisschen übel, sondern freuten sich einfach über diese drei Frauengenerationen umspannende Familiensaga: Die taz lobt den höchsteigenen, sanft ironischen Ton der Autorin und die Intelligenz, mit der die Joyce-Expertin das Thema Erinnern und Vergessen behandelt. Die FR ließ sich von diesem melancholischen Roman ebenso gern bestricken wie bestürzen und trösten. Die SZ ist einfach hingerissen von soviel Zartheit, Genauigkeit und Sinnlichkeit.


Göran Sahlberg
Sieben wunderbare Jahre
Roman

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Der schwedische Religionspsychologe Göran Sahlberg erzählt in seinem Roman "Sieben wunderbare Jahre" von einem ungewöhnlichen 6-Jährigen, der in den 50er Jahren in einem kleinen Dorf in Schweden aufwächst und schon genau weiß, was er werden will: Prediger, wie sein Vater. Zur Übung verfasst er Begräbnisreden. Und dann sind eines Tages die Eltern verschwunden. Für die FAZ ist dieser Roman eine leicht erzählte Geschichte über Frömmigkeit, Phantasie und Einsamkeit, aber auch ein "unangestrengtes Plädoyer für das Leben". Die SZ rühmt die Kompositionsbegabung des Autors und seine Vertrautheit mit den freikirchlichen Evangelisationsbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Schweden, wie sie vor einigen Jahren schon Per Olov Enquist in "Lewis Reise" schilderte.


Thomas Pletzinger
Bestattung eines Hundes
Roman

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Taz-Rezensentin Gisa Funck fühlte sich geradezu überfahren: Stoff für drei Tragödien auf wenigen Seiten, alles ein bisschen zu dicht und plotgerecht aufgearbeitet - aber beeindruckt hat sie das meist gefeierte Debüt der letzte Monate schon. Als "nahezu perfekten" Erstling pries Richard Kämmerlings in der FAZ Pletzingers Roman. Kämmerlings goutiert auch die insiderhaften Anspielungen auf theoretische und belletristische Literatur, mit denen Pletzinger seinen Roman zusätzlich gewürzt hat. Ähnlich zwiespältig, aber fasziniert wie Gisa Funck besprach Oliver Pfohlmann den Roman in der FR. Er ahnt zwar das Reißbrett- und Literaturinstitutsabsolventenhafte hinter der Konstruktion - aber was soll's. Der Roman um einen Journalisten und ein aufgefundenes Manuskript hat ihn mitgerissen. Nur Christoph Bartmann in der SZ fühlte sich durch die allzu versierte Schreibe Pletzingers nur ernüchtert.


Atle Naess
Die Riemannsche Vermutung
Roman

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Der 43-jährige norwegische Mathedozent Terje Huuse will eine Biografie seines Vorbildes Bernhard Riemann schreiben. Bei einem Kurs für kreatives Schreiben verliebt sich der verheiratete Huuse und beginnt eine Affäre. Jedenfalls steht das so in seinem Tagebuch, das Ehefrau und Kinder lesen, nachdem Huuse verschwunden ist. Der NZZ hat dieser Zusammenprall von "Mathematik und Sex" - "Es gibt Treffen auf düsteren Provinzbahnhöfen, Petting in schaukelnden Autos, es gibt 'Teenagerfeeling'" - viel Spaß gemacht. Sehr gelungen geschildert findet auch die taz die zwischenmenschlichen Probleme. Höhere Mathematikkenntnisse setzt die Lektüre nicht voraus, versichert sie. Autor Atle Naess musste zur Abfassung dieses Romans sicher keinen Kurs für kreatives Schreiben besuchen: Er wurde für eine Galilei-Biografie mit dem höchsten norwegischen Literaturpreis, dem Brage-Preis ausgezeichnet.


Sachbuch

Jonathan Carr
Der Wagner-Clan
Geschichte einer deutschen Familie

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Als reines Lektürevergnügen loben die Feuilletons dieses von genauer Sachkenntnis geprägte Buch des jüngst verstorbenen britischen Journalisten Jonathan Carr über ein urdeutsches Phänomen. Mit nie zu billigem Witz schildere Carr die Wagners und allerlei angeheiratetes Personal - wie etwa den antisemitischen Rassentheoretiker Houston Chamberlain. Die Zeit hat sich mit Freuden vom "dichten Netz überzeitlicher Parallelen" einfangen lassen, die Carr herauszuarbeiten verstehe. Und die FAZ findet es sehr erfrischend, wie hier einer "ganz souverän von draußen hereinspaziert" und mit "mildem Spott" die erfreulichen und vor allem die unerfreulichen Seiten der Wagner-Historie ausbreitet.


Tim Adams
Being John McEnroe

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Als Instant-"Klassiker der Sportliteratur" feiert die Zeit dieses Buch, das hält, was der Titel verspricht: Einblicke in die Spielkunst, das Leben und die Psyche des großen Tennisrabauken John McEnroe. Und nicht nur das: Eine ganze vergangene Epoche (Siebziger, Achtziger, Thatcher wg. Wimbledon) werde einem da unversehens wieder gegenwärtig. Etwas zurückhaltender lobt die FAZ - und dabei vor allem die Zurückhaltung auch des Autors, der sich erfreulicherweise "wohlfeile Tennismetaphern" verkneife. Manches fehlt ihr allerdings, etwa McEnroes Doping-Geständnis und eine Aktualisierung des im Original 2004 erschienenen Buches für die deutsche Ausgabe hätte, meint sie, auch nicht geschadet.


Diedrich Diederichsen
Eigenblutdoping
Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation

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Der der Sportberichterstattung entnommene Titel beschreibt das zentrale, von Kunst- und Poptheoretiker Diederichsen beschriebene Phänomen: Wer in der jüngsten Gegenwart des Kapitalismus Erfolg haben will, muss sich, seinen Geist und seinen Körper der Gesellschaft zur Verwertung vorwerfen und deshalb vor allem die Leistung des eigenen Selbst stärken. Völlig überzeugend findet die taz den Titel und die Thesen des Buches, das aus einer Vorlesungsreihe des Autors in Hamburg hervorging. Gefallen hat dem Rezensenten insbesondere, dass Diederichsen entschieden gegen die weit verbreiteten "subtilen antimodernistischen Ressentiments" der Kulturszenerie anschreibt.


James J. Sheehan
Kontinent der Gewalt
Europas langer Weg zum Frieden

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Der amerikanische Historiker James J. Sheehan erzählt die Geschichte Europas als Geschichte eines mit viel Blut und Gewalt bezahlten Wegs zum Frieden. "Klug" und "schlüssig" findet die FR die Argumentation des Autors, der Europa als "weiche Macht" nicht auf dem Weg zur Ordnungs- und Supermacht sieht. Die taz hebt hervor, dass das Buch "in bester angelsächsischer Tradition erzählt" sei, die SZ empfindet den Ton als "präzise und nüchtern" und nur die FAZ betrachtet die These des Autors, dass die Weltkriege die Liebe zum Frieden erst möglich gemacht haben, als "subtile Rechtfertigung des nicht zu Rechtfertigenden".


Winston Churchill
Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi

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Keinen Zweifel lassen die Rezensenten daran, dass es sich hier um eine echte Trouvaille handelt. Glänzend geschrieben sei dieser Kriegsbericht des jungen Winston Churchill und durchaus erfolgreich um Fairness bemüht - wenngleich dem Rassismus seiner Zeit verhaftet. Ein "literarisch bemerkenswertes und überaus spannendes" Buch, schwärmt die Zeit, die allerdings sehr viel an der deutschen Ausgabe und ihrer mangelnden editorischen Sorgfalt auszusetzen hat. Insgesamt positiv urteilt auch die taz, die allerdings die Titel-Übersetzung - im Original hieß das Buch "The River War" - unangenehm in Richtung falscher Aktualisierung schielen sieht. Nur die NZZ findet nicht nur das Buch selbst, sondern auch die Arbeit des Herausgebers Georg Brunold "kenntnisreich und stilsicher".


Hörbuch

Margaret Mitchell
Vom Winde verweht
Ungekürzte Lesung mit Ulrich Noethen. 34 CDs, 43 Stunden Laufzeit.

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Man muss nur ein Glas Nutella löffeln, um wach zu bleiben, dann kann man Margaret Mitchells "Vom Winde verweht" innerhalb von zwei Tagen durchgelesen haben. Die hier vorliegende komplette Lesung dauert nur 43 Stunden! Ulrich Noethen liest mit vornehmer Zurückhaltung, berichtet Wilhelm Trapp in der SZ, aber so stellte sich ihm die Geschichte - trotz mangelnder politischer Korrektheit und abstoßend rassistischer Passagen - um so plastischer vor Augen. Trapp muss es zugeben: Mitchell kann erzählen. Und die vorliegende Edition scheint dieses Können perfekt transportiert zu haben.