Bücherbrief

Alles ungeheuerlich

06.06.2015. Laszlo Krasnahorkais Satzkaskaden, Ricardo Piglias Selbstgespräch über Literatur, Merle Krögers Dokufictionthrilleressayroman, Indiens Krise und der Aufstieg des Islamischen Staats - dies alles und mehr in den besten Büchern des Juni.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Frühjahr 2015, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2015, den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag" und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Laszlo Krasznahorkai
Die Welt voran
Erzählung/en
S. Fischer Verlag 2015, 416 Seiten, 21,99 Euro

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Andreas Breitenstein schrieb sich in der NZZ geradezu in Ekstase über diesen Erzählband des gerade mit dem Man Booker International ausgezeichneten ungarischen Autors: "Satzkaskaden schieben den Punkt über Seiten vor sich her. In der Dunkelheit des zerredeten Augenblicks zerfließen die Gegensätze von Rationalität und Paranoia..." Nicole Henneberg sieht in der FAZ Jorge Luis Borges als Schutzheiligen über den Erzählungen von László Krasznahorkai schweben. Nichts ist sicher hier, findet sie beim Lesen der Texte, aber alles ungeheuerlich. Andreas Isenschmid ist in der Zeit ein bisschen skeptischer über Krasznahorkais Stilmittel, die leere Seiten einschließen (auch wenn sie durch Fußnoten erklärt werden). Aber ein Abenteuer scheint der Band allemal zu sein: Hier eine Leseprobe.

Davide Longo
Der Fall Bramard
Roman
Rowohlt Verlag 2015, 320 Seiten, 19,95 Euro

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Hm, ist das Kunst? Oder doch nur Kunsthandwerk? Schreiben kann Longo, findet Thekla Dannenberg in ihrer Krimikolumne beim Perlentaucher. Aber wie das manchmal so ist: Manche Schriftsteller schreiben zu gut, um wahr zu sein. Und zitiert: "Du bist zärtlich wie ein Küken", sagt die Hure zum Kommissar, "wie ein schlafendes Kind, wie der Hefeteig, der aufgeht." So verschmockt darf kein Krimi klingen. Das Buch leidet nach Dannenberg auch an der Künstlichkeit seiner Konstruktion und seines Settings. Weniger Krimi-gestählte Literaturkritiker haben das Buch allerdings ganz weithin gefeiert, und zwar als die verdächtige Sorte Krimi, die sich nicht nur für Krimileser eigne. Knapp und dicht sei dieser Roman und strukturell zwar an den Krimi angelehnt, in Wahrheit auf ein Gesellschaftsporträt Italiens zielend, erläutert etwa Maike Albath in der Welt. Nikolaus Bender lobt in der FAZ gar die lakonisch-lyrischen Naturbeobachtungen des Autors.

Ricardo Piglia
Munk
Roman
Klaus Wagenbach Verlag 2015, 256 Seiten, 22,90 Euro

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Und noch ein literarischer Krimi. Er sucht sich seinen Halt allerdings im realen Fall des Unabombers, der kaum fiktionlisiert wird, wie Sylvia Staude in der FR anmerkt - sie meint das allerdings als Kritik. Alle Rezensenten betonen, dass die Krimikonstruktion nur ein Aspekt des Romans ist - und vielleicht nicht unbedingt der wichtigste. Der Roman ist auch ein Campus-Novel, und vor allem, so betont Leopold Federmair in der NZZ, sei er ein Selbstgespräch über Literatur, das sich mindestens genauso spannend lese wie der Plot. Auch Welt-Literaturchef Richard Kämmerlings staunt in einem Plädoyer für neuere lateinamerikanische Literatur über die mühelose Verbindung von psychologischem Realismus, Genreplot und metafiktionalen Elementen bei Piglia.

Merle Kröger
Havarie
Roman
Ariadne Verlag, Hamburg 2015, 256 Seiten, 15 Euro

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Merle Kröger erzählt in ihrem vielgelobten Roman "Havarie" von einer Beinahe-Katastrophe im Mittelmeer. Ein europäisches Kreuzfahrtschiff und ein algerisches Flüchtlingsboot treffen aufeinander, in ihrer Nähe kreuzen ein ukrainischer Handelsfrachter und die spanische Seenotrettung. Aus unzähligen Perspektiven beleuchtet Kröger das Geschehen und entfaltet dabei ein ungeheuer komplexes Geflecht europäischer Misstände. Als "großartige, dokumentarartige Fiktion über das reale Grauen dieser Welt" feiert Thomas Wörtche im Dradio Kultur den Roman, in der Welt rühmt Elmar Krekeler ihn für seine gekonnte Hybridität als Dokufictionthrilleressayroman. Im Freitag verfolgte Thekla Dannenberg atemlos, wie Kröger Aufbruch und Schiffbruch inzeniert und die Spirit of Europe Leck schlagen lässt. Der Roman ist prompt auf Platz eins der KrimiZeit-Bestenliste gelandet.

Lafcadio Hearn
Chita
Roman
Jung und Jung Verlag 2015, 136 Seiten, 17,90 Euro

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Lafcadio Hearns Lebensgeschichte wäre selbst einen Roman wert: Er wurde 1850 in Griechenland geboren, wuchs in Frankreich und England auf, wanderte in die USA aus und arbeitete als Journalist. 1890 wurde er als Korrespondent nach Japan entsandt. Er heiratete eine Japanerin, nahm die japanische Staatsbürgerschaft an und arbeitete zunächst als Lehrer, später als Professor für englische Literatur in Tokio, wo er auch starb, so die Autorenbio im Klappentext. Nicht schlecht! Hearns " wiederentdeckter Roman "Chita" stieß bei den bisherigen Rezensenten auf höchste Begeisterung. Dichter als Melville und lyrischer als Conrad sei er, meint Katharina Teutsch in der FAZ frech und atemlos. Es ist die Geschichte eines Findelkinds vor dem Hintergrund eines historisch verbürgten Tsunamis vor der Küsten von New Orleans im 19. Jahrhundert. Thomas Hermann staunt in der NZZ darüber, wie der Autor Meer, Himmel und Sturm zu Protagonisten seiner Erzählung macht und sie aus wechselnden Perspektiven betrachtet, aber auch über Hearns" Gespür für Sprachen, Kultur und Soziales, das sich im Buch zum Beispiel in der Wiedergabe des französisch-kreolischen Dialekts niederschlägt, wie der Rezensent erklärt. Dankbar nimmt Hermann die Sorgfalt der Ausgabe zur Kenntnis und bemüht mit Gewinn den Anmerkungsapparat.


Sachbuch

Christoph Reuter
Die schwarze Macht
Der "Islamische Staat" und die Strategen des Terrors
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) 2015, 352 Seiten, 19,99 Euro

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Sehr plausibel findet Guido Schulenberg bei Radio Bremen Christoph Reuters Darlegungen zum unwiderstehlichen Aufstieg der Mordbubentruppe. "Im Grunde sagt er: Der IS konnte nur aufsteigen, weil es überall im arabischen Raum zusammenfallende staatliche Strukturen gab und gibt. Gehen wir das mal durch: Am stabilsten erscheint uns Tunesien, aber dann? Libyen? Ägypten? Libanon? Syrien? Irak? Und dann der alte Nahost-Konflikt, die vielen innerarabischen Konflikte." Sehr positiv auch Christoph Ehrhardts. Rezension in der FAZ: Der IS habe von alten Kadern der Sicherheitskräfte des Saddam-Hussein-Regimes Geheimdienststrukturen übernommen und verbinde erstaunlich effizient den "Furor der Fußvolks" mit dem äußerst planvollen Vorgehen von Sicherheitstechnokraten, erfährt Ehrhardt. Allerdings seien die Dschihadisten wohl eher Virtuosen der Eroberung - ob sie ihre Macht werden konsolidieren können, hält Ehrhardt mit Reuter für zweifelhaft. Hier eine Leseprobe.

Cord Aschenbrenner
Das evangelische Pfarrhaus
300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte
Siedler Verlag 2015, 368 Seiten, 24,99 Euro

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Das ist mal eine Themensetzung, die ins Herz unserer Gesellschaft zielt, zumindest der besseren. Welche maßgebliche Figur der Bundesrepublik, die sich nicht mit Wehmut ihrer Messdienerzeit erinnert, ist denn nicht als evangelisches Pfarrerskind geboren? Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Nietzsche, Gottfried Benn, Albert Schweitzer, Gudrun Ensslin, Klaus Harpprecht oder Angela Merkel zitiert allein der Klappentext. Friedrich Wilhelm Graf, die höchste Autorität in evangelischen Dingen in Deutschland, war in der NZZ hellauf begeistert von der Lektüre. Dass der Autor dafür Quellen aus drei Jahrhunderten auswertet, Interviews führt, theologische Fakultäten und Pastorate vorstellt und Vikare begleitet, bewundert der Rezensent ebenso wie die dichte und einfühlsame Darstellung. Und Johann Hinrich Claussen resümiert nach der Lektüre in der SZ: Das evangelische Pfarrhaus ist der "große Beitrag des Protestantismus zur Bau- und Sozialgeschichte des Christentums". Hier eine Leseprobe.

Adam Tooze
Sintflut
Die Neuordnung der Welt 1916-1931
Siedler Verlag, München 2015, 720 Seiten, 34 Euro

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Die Rezensenten sparen nicht mit Leseempfehlungen für dieses Buch des amerikanischen Historikers Adam Tooze. Offenbar zäumt Tooze das Pferd wieder von vorn auf und erzählt die Geschichte der weltweiten Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg nicht als eine Geschichte des Scheiterns, die im Nationalsozialismus mündete, sondern als Beginn der liberalen Wirtschaftsordnung unter amerikanischer Führung. "Unbedingt lesenswert", meint Dirk Pilz in der FR, der hier vor allem die Dialektik von Neuordnung und Aufbegehren beschrieben sieht. In der FAZ vergibt Ignaz Miller das Prädikat "wertvoll", auch wenn er einige Einwände erhebt. In der SZ schwärmt Martin H. Geyer von der meisterhaften Erzählung, den subtilen Interpretationen und vor allem dem virtuosen Porträt Woodrow Wilsons.

Jean Dreze, Amartya Sen
Indien
Ein Land und seine Widersprüche
C. H. Beck Verlag 2014, 376 Seiten, 29,95 Euro

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Sehr häufig gibt es solche Bücher gar nicht, die ein so komplexes Land einer interessierten leserschaft gut fasslich erklären. Im Dezember 2014 erschienen, hat es Monat für Monat einen weiteren Rezensenten für sich gewinnen können. Karin Steinberger empfiehlt es in der SZ all denen, die wirklich Information und Erkenntnis über Indien suchen. Denn was die beiden Ökonomen Amartya Sen und Jean Drèze hier zusammentragen ist schwere Kost. Sehr genau beschreiben sie Gründe und Ursachen für Indiens Armut und Unterentwicklung, das Elend der Mehrheit, mangelnde Bildung, fehlende Gesundheit, Machtlosigkeit und Gewalt gegen Frauen. Auch Friederike Böge liest es in der FAZ mit Gewinn, selbst wenn sie an die Lösungsvorschläge der Autoren nicht recht glauben mag - zu zäh seien Ineffizienz und Korruption in Indien. Martin Kämpchen, der seit Jahren für das FAZ-Feuilleton über Indien schreibt rät dringen zur Lektüre: Dass die Autoren nämlich das Leben und die Bedürfnisse der Unterprivilegierten ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen, scheint ihm einzigartig und notwendig. Hier eine Leseprobe.

Frank Schirrmacher
Ungeheuerliche Neuigkeiten
Texte aus den Jahren 1990 bis 2014
Karl Blessing Verlag 2015, 336 Seiten, 16,99 Euro

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Fast ein Jahr ist Frank Schirrmacher tot. In Artikeln über den früheren FAZ-Herausgeber herrscht immer noch eine Art Frömmigkeit, die nichts mit dem zu tun hat, was Schirrmachers Kollegen in der Realität über ihn dachten. Aber eines ist klar: Schirrmacher wurde aus dem gleichen Grund gehasst wie bewundert: Er war der einzige Charismatiker unter den Journalisten seiner Generation. Wenn er eine Sau durchs Dorf jagte, mussten die anderem ihm - wenn auch oft widerstrebend - folgen. Einige dieser Säue werden hier ausgerechnet vom Superlinken Jakob Augstein versammelt. Andreas Zielcke bekundet darüber in der SZ seine große Freude. Die Herausgeberschaft Augsteins sieht er als ein zu begrüßendes Symptom der "Auflösung des Links-rechts Schemas". Und von tiefer Humanität sei Schirrmachers Technikkritik getragen. Glauben Sie kein Wort. Aber lesen Sie nach.