Bücherbrief

Vorstoß in die vierte Dimension

08.05.2015. Die Reisen des Michael Glawogger, die radikale Humanität Lydia Tschukowskajas, die Leiden eines vietnamesischen Soldaten in Friedenszeiten und die Geschichte des Völkermords an den Armeniern - dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Frühjahr 2015, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2015, den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Michael Glawogger
69 Hotelzimmer
Roman
Die Andere Bibliothek, Gebunden, 408 Seiten, 42 Euro

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Dieses Buch des viel zu früh verstorbenen österreichischen Dokumentarfilmers Michael Glawogger ist eine Besonderheit, von allen Rezensenten einhellig begeistert besprochen. Weniger ein Roman vielleicht, obwohl im Untertitel so angekündigt, als eine Sammlung von Schlaglichtern übers Reisen. Es vermag die Kraft von Glawoggers Filmen fortzusetzen, schwärmt Fritz Göttler in der SZ und verweist auf die Gabe des Autors, mit grandios unbefangenem Blick Vertrautes fremd und Fremdes vertraut erscheinen zu lassen. Und so begleitet Göttler den Reisenden bei seinen Verschnaufpausen in verschiedensten Hotelzimmern, erhält intime Einblicke in Einsamkeit und Erwartungen, Filmideen und Visionen und liest ebenso groteske wie komische Episoden, etwa die eindringliche Schilderung des Sterbens einer Kakerlake. Ebenso hingerissen Sabine Vogel in der FR und Bert Rebhandl in der FAZ.

Hilary Mantel
Von Geist und Geistern
Autobiografie
DuMont Verlag, 240 Seiten, 19,99 Euro

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Hilary Mantel dürfte sich inzwischen an die Nummer 1 der britischen Autoren geschrieben haben, mindestens auf Augenhöhe mit Ian McEwan. Sie schreibt schnell - und jedes Mal überzeugend. Wieland Freund etwa ist schwer beeindruckt von diesm autobiografischen Text. Mantel schreibt über alles, was wehtut, erzählt er in der Welt. Über Krankheit, Klosterschule, Stiefvater, Gewichtszunahme. Auch wenn dabei kein sehr langes Buch herausgekommen ist, für Freund ist es in seiner Härte exzeptionell, genauso wie in seiner Form, die auf eine Chronologie verzichtet und lieber motivisch vorgeht, wie Freund erklärt. Mantels Endometriose wurde lange nicht erkannt und dann falsch behandelt, was dauerhaft psychische wie physische Schäden verursachte, die Nonnen der Klosterschule schlugen mit Linealen zu, und der Stiefvater verbot Shakespeare. Aber für den Leser, versichert auch Barbara Klimke in der FR, ist"s ein Vergnügen.

Lydia Tschukowskaja
Untertauchen
Roman
Dörlemann Verlag 2015, 256 Seiten, 18,90 Euro

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Lydia Tschukowskaja
müssen wir uns als ungemein furchtlose Frau vorstellen, meint Claus-Ulrich Bielefeld im Kulturradio und feiert die Autorin und Übersetzerin, Freundin von Anna Achmatowa und Unterstützerin von Alexander Solschenizyn ebenso wie ihren Roman "Untertauchen", der jetzt erstmals auf Deutsch in einer Übersetzung von Swetlana Geier erscheint. Geschrieben hat Tschukowskaja den Roman bereits 1947, doch erscheinen konnte er in der Sowjetunion erst 1988. Er handelt von einer Frau, die sich auf die Spuren ihres im Gulag verschollenen Mannes begibt. Als "abgrundtief dunkles" Jahrhundertporträt bezeichnet Bielefeld den Roman, von dem jedoch das "helle Licht" einer "radikalen Humanität" ausgehe. In der NZZ schreibt Jörg Himmelreich voller Verehrung für die lyrische Eindringlichkeit, mit der Tschukowskaja vom sowjetischen Nachkriegsalltag, von Leid und Lebenswillen erzählt. In der FR empfiehlt ihn Nadja Erb wärmstens. Eine Leseprobe gibt es in unserem "Vorgeblättert".

Bao Ninh
Die Leiden des Krieges
Roman
Mitteldeutscher Verlag, 320 Seiten, 24,95 Euro

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Bao Ninhs Roman "Die Leiden des Krieges" hat 1991, als er in Vietnam erschien, die Literaturszene des Landes umgekrempelt, weiß taz- und NZZ-Rezensentin Katharina Borchardt. Zuvor war es üblich gewesen, den Krieg in Helden-Epen darzustellen, Ninhs Geschichte eines durchschnittlichen Soldaten, der erst nach dem Krieg, in der "Hölle des Friedens", eine "völlige seelische Zersetzung" erfährt, war bis dahin kaum denkbar, erklärt die Rezensentin. Sie lobt die pointierte Übersetzung des Romans. Der Text über einen durch den Vietnamkrieg schwer traumatisierten jungen Mann erschüttert die Rezensentin merklich durch seine Thematik, beglückt sie aber zugleich mit einer, wie sie schreibt, raffinierten Behandlung von Zeit- und Erinnerungsebenen.

Antonia Baum
Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren
Roman
Hoffmann und Campe Verlag 2015, 400 Seiten, 22 Euro

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Viel Lob erntet Antonia Baum für ihren Zweitlingsroman mit dem exzentrischen, einem Song der Berliner HipHop-Crew Masters of Rap entlehnten Titel "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren". "Intellekt und Gefühl" attestiert etwa der vollkommen hingerissene Literaturprofessor Moritz Baßler in der Zeit der Geschichte um drei vernachlässigte Geschwister auf der Suche nach ihrem kriminellen Vater. Auch Dana Buchzik (SZ) und Angela Leinen (taz) lassen sich von Baums erzählerischer Wucht mitreißen. Der hypotaktische, rhythmisierte Sprachduktus des Textes lässt Jurek Skrobala (Spiegel Online) gar vermuten, die Autorin habe "Rap-Fetzen in Thomas Bernhards Nachlass entdeckt". Lediglich Tilman Strasser kann dem Buch im Tagesspiegel überhaupt nichts abgewinnen: "schlicht zu schlecht geschrieben" findet er es, und auch das Spiel mit Zitaten stellt ihn nicht zufrieden: "Glücklich wird womöglich, wer Hip-Hop im Heuhaufen suchen will und keinen hohen Anspruch ans Heu stellt."

Richard McGuire
Hier
Graphic Novel
DuMont Verlag, 300 Seiten, 24,99 Euro

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Als Sensation feiern die Kritiker Richard McGuires Comic "Hier", der auf eine kurze Erzählung im legendären RAW-Magazin aus dem Jahr 1989 zurückgeht. Der Clou des Comics besteht darin, dass McGuire immer den gleichen Ort zeigt, aber zu verschiedenen Zeiten: Er durchstreift die Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrmillionen, erzählt von geologischen Umwälzungen, von seiner Familien, Benjamin Franklin und den Lenni-Lenape-Indianern. Für Moritz Piehler ist das Buch auf Spiegel Online geradezu eine "erzählerische Offenbarung". In der SZ feiert Thomas von Steinaecker das Buch als "Bild- und Textkunstwerk", das Seh- und Denkgewohnheiten revolutioniert. "Wunderschön" findet Christian Bos das Buch in der FR, eigentlich einen "Vorstoß in die vierte Dimension". Auch für den NZZ-Rezensenten Christian Gasser ist dieser radikal fragmentierte und zugleich höchst spannende Comic ein einmaliges Buch: "Avantgarde und Unterhaltung in einem."


Sachbuch

Rolf Hosfeld
Tod in der Wüste - Der Völkermord an den Armeniern
C. H. Beck Verlag 2015, 288 Seiten, 24,95 Euro

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Rolf Hosfeld, Leiter des Lepsius-Hauses in Potsdam, das sich ganz besonders auf die Erforschung des Völkermords an den Armeniern konzentriert, hat zum hundertsten Jahretags dieses Gewaltverbrechens eine kompakte Monografie vorgelegt. Ingo Arend lobt sie in der taz als umfassendes historisches Panorama, in dem anschauliche Details systematisch eingeordnet werden. Martin Kröger lobt in der FAZ nicht nur die erzählerischen Qualitäten des Bandes, sondern auch, dass Hosfeld sich auf neuestem Stand der Forschung bewegt - "mit das wichtigste" Buch zum Geschehen, meint auch Barbara Möller in der Welt. Als Ergänzung unbedingt zu empfehlen ist Jürgen Gottschlichs Band "Beihilfe zum Völkermord" (bestellen) über die zu wenig bekannte deutsche Rolle bei der Vernichtung der Armenier. Die deutschen, so stellt sich hier heraus, hätten auf ihren Kriegsverbündeten einwirken und den Völkermord verhindern können. Sehr lesenswert zum Thema auch die im Perlentaucher veröffentlichte Rede Aleida Assmanns zum Thema, die auch aus Hosfeld zitiert. Aktuelle Diskussionen zum Thema unter dem Stichwort "Völkermord an den Armeniern".

Mark Thompson
Geburtsurkunde
Die Geschichte von Danilo Kiš
Carl Hanser Verlag 2015, 512 Seiten, 29,90 Euro

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Jochen Schimmang verehrt Danilo Kiš nicht nur als großen Schriftsteller der Moderne, sondern auch als einen antiidentitären Denker, der jede Form "ethnischer Beschränktheit" ablehnte. Bereits vor zwei Jahren feierte er in der FAZ das englische Original von Mark Thompsons Kiš-Biografie "Geburtsurkunde" als "großartiges Denkmal, das an keiner Stelle hagiografisch ist". Im TLS bewunderte Adam Thirlwell die kunstvolle Komposition des Buchs, das Kiš" eigener autobiografischen Skizze folgt. In der SZ liest Helmut Böttiger nun die deutsche Übersetzung und ist ebenso begeistert: Für ihn ist die Biografie des 1989 verstorbenen Jugoslawen zugleich auch eine fulminante Kulturgeschichte und eindrucksvolle literarische Lektion, also eigentlich eine "historisch-literarische Wundertüte".

Ayaan Hirsi Ali
Reformiert Euch!
Warum der Islam sich ändern muss
Albrecht Knaus Verlag 2015, 304 Seiten, 19,99 Euro

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Ayaan Hirsi Ali hat ihre Argumentationsstrategie verändert: Die Religion ist für sie nicht mehr einfach obsolet, sie sieht sie als reformierbar an. In ihrer Argumentation ist sie darum nicht weniger stringent. Ohne Anerkennung der Dissidenz im Islam, die von ihr und in Deutschland von Autorinnen wie Necla Kelek verkörpert wird, so schreibt sie, wird sich der Islam kaum von Grund auf verändern können. Hilfreich, dass Ali ruhig argumentiert und klare Ansagen macht, meint Regina Mönch in der FAZ. Hilfreich auch insofern, als die Autorin ja die Debatte anstoßen möchte. Wer sich nicht auskennt, wird von Ali zunächst mit Fakten aus dem Leben Mohammeds und zur Scharia versorgt, meint Mönch. Mit großer Antipathie bespricht dagegen Thomas Avenarius in der SZ dieses Buch: Kritik am Islam sei im Prinzip immer billig. Alis Unterscheidung zwischen friedlichen, aber verbohrt traditionalistischen Mekka-Muslimen und kriegerischen Medina-Muslimen will er nicht nachvollziehen. Und natürlich sieht er sie als Agentin des Neokonservatismus. Qualifiziertere Auseinandersetzungen mit dem Buch gab es in amerikanischen Medien. Viele Quellen haben wir in unseren Feuilletonrundschauen verlinkt.

Raif Badawi
1000 Peitschenhiebe
Weil ich sage, was ich denke
Ullstein Verlag 2015, 64 Seiten, 4,99 Euro

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Der Fall des saudischen Bloggers Raif Badawi, der 2012 verhaftet und Anfang des Jahres wegen regierungs- und religionskritischen Aussagen zu zehn Jahren Haft und tausend Peitschenhieben verurteilt wurde, hat hohe Wellen geschlagen. Die Zeit berichtet allwöchentlich über seinen Zustand, Menschenrechtsorganisationen bemühen sich, die Aufmerksamkeit nicht abklingen zu lassen, und der Ullstein Verlag bringt eine Auswahl seiner wichtigsten Blogtexte in Buchform heraus. Was sie darin lesen, ringt den Rezensenten größte Bewunderung ab. Sabine Lenz zeigt sich in der FR von Badawis unverblümter Sprache beeindruckt, aber auch etwas bang, dass die Veröffentlichung seine Lage verschlechtern könnte - das Auswärtige Amt in Berlin hatte vor der Veröffentlichung des Buchs gewarnt. Als "ein kleines großes Buch" würdigt es in der FAZ Sascha Feuchert, der Vizepräsident des deutschen PEN-Clubs, der besonders hervorhebt, dass Badawi kein blinder Aufklärungs-Ideologe ist, sondern auch über die Krise der westlichen Moderne Bescheid weiß.