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Gräbt geheime Verbindungen aus: Vladimir Tomics 'Flotel Europa' (Forum)

Von Lukas Foerster
06.02.2015. Vladimir Tomics "Flotel Europa" erzählt mit altem Videomaterial von einem Flüchtlingsschiff im Kopenhagener Hafen.


"Flotel Europa" ist ein toller Film - eine erste große Entdeckung im Forum. Einen zusätzlichen Reiz hat der Film auf der Berlinale deswegen, weil vor ihm, wie vor allen Filmen, der neue, aufgeplusterte Festivaltrailer zu sehen ist. Am Bildinhalt hat sich nicht viel geändert, der ist unpersönlich wie eh und je, irgendwas Goldenes platzt auf, anschließend regnet irgendwas Anderes glitzernd die Leinwand herunter, die Sponsoren grüßen, dazu ein paar aufdringliche Melodiebögen, das war"s (und auch, das weiß man von anderen Festivals: gibt Schlimmeres). Geändert hat sich die Textur, sowohl die visuelle als auch die auditive. Alles noch viel digitaler, mehr Glanz, mehr Glitzer, mehr Dröhnung, beziehungsweise, laut Website: "Berlinale-Partner ARRI Film & TV hat in Zusammenarbeit mit Regisseur Uli M Schueppel eine vollständige digitale Neuauflage des Berlinale-Openers erstellt. Der Trailer kann nun in einer Auflösung von bis zu 4K und einer Bildrate von bis zu 96 Bildern pro Sekunde und sogar in Stereo 3D gezeigt werden."

Kurzum: verfilmtes Geld. Auf diese zum Glück nur einminütige Selbstrepräsentation einer offensichtlich endgültig selbstbesoffenen Veranstaltung folgt dann: Ein Digitalisat alter VHS-Bänder. Die Schönheit des Kaputten, Billigen, Obsoleten. Mich hat das sofort gepackt, von der ersten Minute an: Jetzt kann das Festival losgehen.

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Am Ende des Films steht eine Texteinblendung mit dem ungefähren Wortlaut: "Nicht alle Menschen, die im Film auftauchen, haben etwas mit den Ereignissen zu tun, von denen der Erzähler spricht." Gemeint ist damit zum Beispiel: Wenn der Erzähler Melissa erwähnt, das Mädchen, in das er fast zwei Jahre lang verliebt war, und wenn gleichzeitig ein Mädchen zu sehen ist (zum Beispiel eines, das gerade einen bosnischen Volkstanz vorführt), dann bedeutet das nicht unbedingt, dass es sich bei diesem Mädchen um Melissa handelt. Denn zwar geht es sowohl im Voice Over, der vom Regisseur des Films, Vladimir Tomic, eingesprochen wird, als auch in den Bildern um Erinnerungen; und zwar beziehen sich beide Erinnerungen im großen und ganzen auf dasselbe Objekt: nämlich auf das Leben auf dem Flüchtlingsschiff "Flotel Europa", das in den frühen 1990ern im Kopenhagener Hafen geankert hatte und hunderten Menschen, die vor den Balkankriegen geflüchtet waren, ein provisorisches Zuhause bot; dennoch sind die beiden Erinnerungen, die der Film als Bildmontage und Tonspur montiert, nicht ganz identisch.

Wobei es eine - wichtige - Ausnahme gibt: Eine Szene früh im Film bringt Bild und Ton zur Deckung. Die Mutter des Regisseurs hat ihre beiden Kinder, also den Regisseur und dessen älteren Bruder, vor dem Hafenbecken aufgestellt, um eine Videobotschaft an den Vater aufzunehmen, der die bosnische Heimat nicht verlassen hat. Die Söhne sollen in ein Mikrofon über ihr neues Leben sprechen, viel fällt ihnen nicht ein. Diese Szene stellt nicht nur die beiden Hauptfiguren der Erzählung vor (den späteren Regisseur und seine Mutter, der ältere Bruder taucht im weiteren Verlauf kaum mehr auf), sondern stellt auch die eine unhintergehbare Konkretion dar, die von der Erinnerung nicht in Frage gestellt, sondern lediglich umspielt werden kann.

Ansonsten dominiert, wie gesagt, das Voice Over. Tomic war gerade einmal zehn, elf Jahre alt, als seine Familie aus Sarajevo flüchten musste. Als der Bombenalarm erklang, freute er sich vor allem darüber, dass die Schule ausfiel. Er erzählt, in bedächtiger, exakter Sprache, in Worten, die nur selten über die konkrete Erinnerung hinaus auf Allgemeineres zielen, von seiner Mutter, die er offensichtlich bewundert, von den neuen Nachbarn an Bord, zwischen denen bald Konflikte aufbrechen, von den Dänen außerhalb des Schiffes, die ihm fremd bleiben. Weiterhin erzählt er viel von Melissa und von vier jungen Männern, die er im Boot kennenlernt und die für ihn zu Vorbildern werden - weil sie sich für "Sex, Drugs & Rock"n Roll" interessieren, anstatt dafür, wer im Bürgerkrieg auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht.

Die Bilder stammen aus unterschiedlichen Quellen: Seine Mutter, aber auch einige andere Flüchtlinge kauften sich in Dänemark gebrauchte Videorekorder, mit denen sie das Leben auf, unter und neben dem "Flotel Europa" dokumentierten. Wobei "dokumentieren" schon etwas zu viel ist, weil es den Bildern ein epistemologisches Interesse unterstellt, das sie nur selten haben.Tatsächlich wirken sie weitgehend ungerichtet: Es greift schon mal jemand zur Kamera, weil gerade etwas Interessantes an Bord passiert, ein unbekannter Gast auftaucht, ein Fest gefeiert wird, oft genug filmt aber auch nur jemand aus Langeweile einen Schwan, der gerade vorbeischwimmt, oder seine Kumpels.

Aus diesen schlierigen, oftmals sonderbar verfärbten, dadurch aber erst recht rührend auratischen Bildern, aus Bildern, die fast (aber dann doch wieder nicht ganz) Zufallsbilder sind, die vor allem nie Kinobilder sein wollten, hat Tomic seinen Film montiert. Tomic ist sich bewusst, was er für einen Schatz gehoben hat - und dass es gar nicht sinnvoll ist, diesem Schatz, zumindest auf der visuellen Ebene, allzu viel hinzu zu fügen. Nur selten sind die Bilder nachträglich bearbeitet, durch Zeitlupeneffekte zum Beispiel. Zwei-, dreimal tauchen außerdem zwischengeschnitten Bilder aus einem Kriegsfilm auf, als verschobener Platzhalter für den Krieg in der alten Heimat, der im Leben der Flüchtlinge über Telefonate und Fernsehnachrichten dauerpräsent ist.

(Die Fernsehnachrichten sind auch der Ausgangspunkt einer der vielen schönen Anektdoten, die Tomic erzählt: Immer wieder reißen die vom Krieg und ihrer eigenen Hilflosigkeit verbitterten Schiffsbewohner den Fernsehapparat im Gemeinschaftsraum aus seiner Halterung und werfen ihn ins Kopenhagener Meer; die Sozialarbeiter, die das Schiff betreuen, gehen von Diebstahl aus und ersetzen die Apparate immer wieder ohne jede Nachfrage.)

Schnell zeigt sich, dass (kollektive) Bilderinnerung und (individuelle) Tonerinnerung nicht eins zu eins aufeinander abbildbar sind. Die politischen Verwerfungen innerhalb der Flüchtlingsgemeinde schlagen sich zum Beispiel in den Bildern (etwa in Aufnahmen von Demonstrationen oder von Fahnen und Plakaten, die in den allzu engen Kajüten aufgehängt sind) weitaus deutlicher nieder als im Voice Over. Anders herum gibt es für die zahlreichen Anekdoten des Regisseurs, die sich um seine erwachenden erotischen Interessen drehen, kaum visuelle Entsprechungen; einzig ein Zoom auf die Beine einer von ferne begehrten Übersetzerin zeugt von dieser Erfahrungsdimension.

Aber stimmt deshalb der Satz vom Ende des Films? “Nicht alle Menschen, die im Film auftauchen, haben etwas mit den Ereignissen zu tun, von denen der Erzähler spricht” - die Frage ist ja, was man unter "etwas zu tun haben" versteht. Nur, weil der Voice-Over-Kommentar nicht alle Menschen zu identifizieren vermag, die im Bild zu sehen sind, heißt das noch lange nicht, dass er nicht von Erfahrungen spricht, die alle "Flotel Europa"-Bewohner auf die eine oder andere Weise betreffen.

Eine besonders schöne Szene bringt das auf den Punkt: Ein Sänger, der einst in Jugoslawien ein Star war, hat einen Auftritt in Dänemark. Der Erzähler und seine älteren Freunde lassen sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Die Location ist schäbig, vorher singt eine andere Band nationalistischen Unfug, der Musiker selbst wirkt desillusioniert und vor die Hunde gekommen; aber wenn er schließlich doch zu singen beginnt, merkt man schon während der ersten Takte, dass etwas besonderes geschieht. Nur von seiner eigenen Akustikgitarre begleitet stimmt er einen Klassiker an, der eine bestimmte Art von Gemeinschaftsgefühl aufruft, die mit dem chauvinistischen Klima, mit dem die jungen Männer ansonsten konfrontiert sind, eben gerade gar nichts zu tun hat: "Es gibt geheime Verbindungen. Geheime Verbindungen, die uns alle umfassen." Und natürlich sind die Videobilder, die Tomic ausgegraben und konstelliert hat, eben genau eine dieser geheimen Verbindungen.

Vladimir Tomic: "Flotel Europa". Dänemark / Serbien 2015, 70 Minuten (Vorführtermine)

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