Im
New Yorker berichtet die in Tel Aviv lebende Journalistin Ruth Margalit von den Protesten in Israel, nachdem sechs von der Hamas ermordete Geiseln gefunden wurden. Margalit ist wütend: "Fast während der gesamten Dauer des Krieges haben Vermittler unter der Führung der Vereinigten Staaten versucht, ein
Abkommen über die Freilassung von Geiseln und einen Waffenstillstand auszuhandeln. Die letzte Gesprächsrunde endete Ende August, und ein Vorschlag wurde Netanyahus Schreibtisch zur Genehmigung vorgelegt und von der Hamas geprüft. Aber in einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am vergangenen Donnerstag hat Netanyahu das Ganze effektiv zunichte gemacht, indem er die Minister seines Kabinetts dazu veranlasste, für die Aufrechterhaltung einer militärischen Präsenz im Philadelphi-Korridor, dem Grenzstreifen zwischen Ägypten und Gaza, zu stimmen. Netanjahu hat in letzter Zeit damit begonnen, auf diesem Punkt zu beharren, obwohl die Chefs der
israelischen Sicherheitsdienste argumentiert haben, dass der Geiselbefreiung und dem
Waffenstillstand Vorrang eingeräumt werden sollte. Viele seiner Kritiker argumentieren, dass sein wahres Motiv bei der Aufrechterhaltung des Konflikts darin bestehe, den Verlust seines Amtes als Premierminister zu vermeiden - was Netanjahu, der mit mehreren Strafanzeigen konfrontiert ist, anfälliger für eine Strafverfolgung machen würde. Auf die Frage von Reportern am Montag, ob Präsident Biden seiner Meinung nach genug tue, um eine Einigung zu erzielen, antwortete Präsident Biden knapp: 'Nein.'"
"Die radikale Zukunft birgt Überraschungen, die radikale Vergangenheit nicht. Sie birgt auch keine Hoffnung", schreibt der
Soziologe Natan Sznaider, der an den
Demonstrationen in Israel teilnahm, in der
SZ. Er schildert, wie sich in all die Verzweiflung ein Funken Hoffnung auf den Neubeginn mischte. Die Jugendlichen "waren fröhlich auf dieser Demonstration, normalerweise werden die Demonstrationen von älteren Menschen wie mir selbst getragen. Und plötzlich machte sich auch unter uns älteren Menschen
Hoffnung breit: Kann es sein, dass diese Wirklichkeit des Leids, der Gewalt doch irgendwie besiegt werden kann? Wird dieses auf der Demonstration gefühlte Sentiment der Schlüssel für eine Politik der Hoffnung, eine wahre Weltoffenheit, die über die Vergangenheit hinausgeht und
zu etwas Neuem hinführt, das nicht von der Vergangenheit bestimmt und auch von der Gegenwart nicht vorgesehen wird?"
Der Historiker
Amir Teicher wohnt dem Begräbnis der getöteten
Carmel Gat bei, die schon im November hätte frei kommen sollen, wäre der Deal mit der Hamas nicht einen Tag früher geplatzt. Teicher glaubt nicht daran, dass die Proteste irgendetwas ändern werden, bei der Regierung stoßen sie "auf taube Ohren", wie er ebenfalls in der
SZ schreibt: "Bei der Masse der Trauergäste mischt sich Sehnsucht mit Wut und Frustration, der Wunsch zu schluchzen mit dem Drang zu schreien: Carmel war vor drei Tagen noch am Leben und könnte es noch immer sein. Natürlich hatten wir wenig Erwartungen an die Hamas-Terroristen. Wir haben ja bereits gesehen, wozu sie fähig sind - sie haben Carmels Mutter an jenem schrecklichen Samstag, dem 7. Oktober, kaltblütig ermordet und ihre Schwägerin Yarden zusammen mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Mädchen entführt, ganz zu schweigen von all den weiteren Schrecken dieses Tages. Unsere Wut richtet sich weniger gegen sie, sondern
gegen unsere eigene Regierung, die wir dafür verantwortlich machen, dass sie uns damals nicht beschützt hat und sie Carmel und alle anderen, die sich seitdem in Gefangenschaft befinden, nicht zurückbringen konnte."
Michael Hesse
resümiert in der
FR ein von
Deborah Feldman moderiertes Gespräch mit dem Pulitzer-Preisträger
Nathan Thrall, dessen neuen Buches
"Ein Tag im Leben von Abed Salama" gerade auf Deutsch erschienen ist. Für Thrall ist relativ klar, "welchen Weg der Nahostkonflikt nehmen werde. Israel habe die heftigsten Angriffe auf die Westbank seit der zweiten Intifada gestartet. Es sei klar, dass Israel das Westjordanland vollständig besetzen wolle."