"Die Bedeutung dieses Moments lässt sich schwer in Worte fassen",
schreibt Dominic Johnson in der
taz. Aber er tut es dann doch doch: "Das
Assad-Regime, das über ein halbes Jahrhundert lang Syrien knebelte und knechtete, galt lange als
eines der stabilsten der Welt. Zugleich war es eines der brutalsten. 600.000 Tote im Krieg,
sechs Millionen Geflüchtete im Ausland, sieben Millionen innerhalb Syriens, zehntausende Folteropfer und Verschwundene - das ist Assads Bilanz." Und Johnson will weiter an das
Gute in den Rebellen glauben, sie zeigten "Verantwortung, halten ihre Kämpfer diszipliniert, achten andere Gruppen, schmieden Bündnisse". So
sieht es auch Karim El-Gawhary in einem
taz-Essay: "Bis zu diesem Zeitpunkt scheinen die Rebellen zu versuchen, einen friedlichen und
geordneten Übergang der Macht zu versuchen." Mirco Keilberth spricht in seinem Porträt des Rebellenführers gar von Ahmed al-Sharaa oder
Ahmed Sharaa, bisher unter dem Kampfnamen Abu Muhammad al-Dscholani bekannt" war (Dscholani bezieht sich auf die
Golan-Höhen). Und während alle anderen auf der Höhe der Zeit waren,
titelt Felix Wellisch in einem weiteren Artikel: "
Israel hat sich verschätzt."
Svenja Borgschulte von der deutsch-syrischen NGO "Adopt a Revolution", die "Projekte der syrischen Zivilgesellschaft unterstützt", hofft
im Interview mit Tobias Schulze nun auf den "Aufbau eines neuen Staates. Es ist total klar, dass das syrische Volk das Sagen hat. Trotzdem kann man die zivilen,
säkularen Kräfte unterstützen". Auf die Frage, ob es in Deutschland nun zu einer neuen
Abschiebedebatte kommt, antwortet sie: "Wir wissen nicht, was nach dem Diktator kommt. Deshalb können Abschiebungen jetzt
einfach kein Thema sein."
Nikolas Busse ist im Leitartikel der
FAZ sehr viel skeptischer als die
taz-Kollegen: "Wenn Islamisten erst mal an der Macht sind, dann werden sie versuchen, ihre
Weltanschauung durchzusetzen. Unabhängige staatliche Institutionen, die ihnen Widerstand leisten könnten, wird es nach der langen Diktatur nicht geben." Als positive Aspekte hebt Busse vor allem die Schwächung
Irans und Russlands hervor. Auch Thomas Avenarius macht sich in der
SZ bei aller Erleichterung über den Sturz Assads nicht viel Illusionen über die Nachfolger: Eine
freiheitliche Demokratie werden sie kaum errichten. "Die Syrer dürfte eine islamistisch eingefärbte Spielart von Herrschaft erwarten: Die den Ton angebende Rebellengruppe HTS wird geführt von einem Mann, der
bei al-
Qaida groß geworden ist. Auch wenn Abu Muhammad al-Dscholani sich politisch gewandelt haben mag, sollte man nicht zu viel von ihm erwarten. In seinem Kleinst-Emirat in Idlib wehte die Islamistenflagge am Grenzposten, waren die Frauen tief verschleiert, gab es
keinerlei Mitsprache für Andersdenkende. Das dort gesehen zu haben, schützt vor Illusionen. Was die neuen Herrscher Syriens wollen, wird sich zeigen. Ebenso, ob sie sich untereinander überhaupt einigen können: Denn 'die Rebellen' gibt es in Syrien nicht. Die Aufständischen sind ein zusammengewürfelter Haufen. Darunter sind islamistisch und dschihadistisch eingefärbte Milizen, fast immer in irgendeiner Form
unterstützt von der Türkei."
Im Augenblick gibt sich der Anführer der siegreichen islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS)
Abu Muhammad Al-
Dscholani noch freundlich, meldet die
Zeit mit mehreren Nachrichtenagenturen: "Zuletzt sprach Al-Dschaulani in Erklärungen und Interviews von einer
Dezentralisierung der Macht, in der sich Syriens Vielfalt spiegeln sollte. Religiöse Gemeinschaften und Ethnien sollten durch eigene Räte an der Macht beteiligt sein. ... Seine Kämpfer rief er dazu auf, in Damaskus keine Institutionen der Regierung anzugreifen und nicht vor Freude in die Luft zu schießen, um keine Angst unter den Bewohnern der Hauptstadt zu verbreiten.
Religiösen Minderheiten versprach er schon während des Vormarschs auf Damaskus Schutz. Damit rückte er erkennbar von seiner früheren Rhetorik ab. In einem Interview im Jahr 2014 hatte er etwa gesagt, Syrien müsse nach islamischem Recht regiert werden und habe keinen Platz für Alawiten, Schiiten, Drusen und Christen."
"So viel könnte schiefgehen. So viel könnte klappen", ruft Yassin Musharbash in der
Zeit. "Und gerade deshalb gilt es, diesen
magischen Moment einmal kurz festzuhalten: Eine fürchterliche Diktatur wurde beendet, ein Regime, das Menschen zu Zehntausenden folterte, sie verschwinden ließ, für Jahrzehnte einsperrte; ein Regime, das Familien in Geiselhaft nahm und erpresste, seine Bürgerinnen und Bürger bis aufs Letzte ausspionierte, Giftgas einsetzte."
Die Medien sind sich nicht nur unsicher über die
politischen Ideen des Rebellenführers, sondern schon darüber, wie man
seinen Namen schreibt:
"Tagesschau":
al-Dscholani Zeit:
Al-DschaulaniSZ:
al-Dschaulani Faz:
al-GolaniSpon:
al-Julanitaz:
al-JolaniAnne Applebaum hofft in
Atlantic, dass Syrien
nicht das einzige Beispiel bleibt: "Stürzende Statuen, Selfies vor dem Palast des Diktators - all das wird sich auch in
Caracas,
Teheran oder
Moskau abspielen, an dem Tag, an dem die Soldaten dieser Regimes das Vertrauen in ihre Führung verlieren und die Öffentlichkeit auch die Angst vor diesen Soldaten verliert. Die Ähnlichkeiten zwischen diesen Orten sind real, denn Russland, der Iran, Venezuela, Nordkorea und bis jetzt auch Syrien gehören alle zu einem informellen
Netzwerk von Autokratien."
Die
Deutschen haben große Verdienste beim Aufbau der
Folter- und Unterdrückungsapparaturen der Assads, erinnert Ronen Steinke in der
SZ. Gleich nach dem Krieg wirkten
flüchtige SS-Leute dabei mit, die in den Fünfzigern dann aber nach Argentinien weiterzogen: "Einer, der blieb, war
Alois Brunner, einst die rechte Hand von Adolf Eichmann. Er lebte, als Dr. Georg Fischer getarnt, im Diplomatenviertel von Damaskus, in der Rue Georges Haddat, Hausnummer 22. Auch das ist im zurückliegenden Jahr 2022 aufgeklärt worden, nachdem das Bundesamt für Verfassungsschutz endlich die Akte herausgegeben hat. Brunner, so hielt der Verfassungsschutz 1959 fest, spiele 'im syrischen Nachrichtendienst eine erhebliche Rolle'. Auch habe er neulich eine Kopie des antisemitischen Propagandafilms '
Jud Süß' aus Deutschland besorgt 'und diesen Film in Syrien an Provinztheater vermietet'." Später waren die
DDR und
Gerhard Schröder hilfreich für die Assads, so Steinke.