So bitter es ist, der Sieg der Rechten in Italien ist das Ergebnis freier Wahlen, schreibt der Dirigent Giovanni Antonini, der im VAN-Magazin die Ursachen dafür auch in der Vernachlässigung der kulturellen Bildung sieht: "Die Kultur im Land ist traditionell mit der italienischen Linken verbunden, davon hat die klassische Musik in den letzten Jahren jedoch nicht profitieren können. Das Problem ist kein politisches, sondern ein kulturelles: Im 'Land der Kunst' standen die Kunst- und insbesondere die Musikerziehung nie im Mittelpunkt des Interesses von Parteien und Institutionen, deren Vertreter:innen, gleich welcher politischen Couleur, zumeist musikalische Analphabeten waren und sind. Die interessanten musikalischen Projekte der letzten Jahrzehnte waren allzu oft das Ergebnis persönlicher Initiativen, eines Individualismus, für den Italien durchaus bekannt ist, und sicherlich nicht das Ergebnis einer auf Nachhaltigkeit angelegten Kulturpolitik."
Andreas Kitschke von der "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam" verteidigt in der FAZ das Projekt des Wiederaufbaus der Kirche, das von "einer Gruppe von Aktivisten um den Architekturhistoriker Philipp Oswalt" als rechtsextrems Projekt in Verruf gebracht worden sei. Morgen entscheidet sich, ob das Kirchenschiff wiederaufgebaut werden kann. Es gehe um die Wiederherstellung des "charakteristischen Potsdamer Drei-Kirchen-Blicks", so Kitschke. Das ganze Projekt wolle "Glanz und Elend der preußisch-deutschen Geschichte" widerspiegeln. Auch mit dem umstrittenen Gebäudeschmuck verhalte es sich ganz harmlos: "Die Wetterfahne mit dem zur Sonne (einem alten Christussymbol) auffliegenden preußischen Adler symbolisiert die Unterordnung des Herrschers unter den Willen Gottes. Die Gegner dieses Gebäudeschmucks stören sich dagegen nicht an offensichtlichen architektonischen Drohgebärden wie nach Westen fliegenden Kampfflugzeugen und einer zugehörigen Radarstation am Mosaikband des von ihnen gepriesenen Rechenzentrums, das die Ideologie des SED-Staates widerspiegelt." Und übrigens sei der "Tag von Potsdam" der Stadt schon seinerzeit peinlich gewesen.
Auch der großen Kinonation Frankreich läuft das Publikum weg: Die Zahlen sinken dramatisch - nur noch Superhelden-Blockbuster ziehen an der Kasse, die allermeisten eigenen Produktionen hingegen gehen unter wie Senkblei, schreibt Niklas Bender in der FAZ. Nun diskutiert das Land: Sind die Tickets zu teuer, die Filme zu langweilig, das Wetter zu schön oder die Zahl der Kinostarts zu hoch? In den Achtzigern konnte die Filmförderung die von Homevideo verursachte Kinokrise in Frankreich lösen: "Maßnahmen von einst werden von der Filmwelt als Blaupause bevorzugt. Dominique Boutonnat (von der Nationalen Filmförderung CNC) hatte im Mai gefordert, dass die Streaming-Plattformen einen Obolus zu seinem CNC beitragen sollten; die Forderung wird nun abermals aufgegriffen. Er und andere wollen zudem die Kinobetreiber dazu verpflichten, eine Vielfalt von Filmen - sprich: Autorenfilme - zu zeigen. 'Diversité' ist ein Schlagwort, das die französische Filmwelt momentan gern im Munde führt. Die geforderten Maßnahmen mögen aus deutscher Perspektive dirigistisch erscheinen. Ähnliche Modelle haben in Frankreich jedoch dafür gesorgt, dass die heimische Produktion im Bereich der Popmusik eine kritische Größe bewahren und im Bereich der Druckpresse ihre Wirtschaftlichkeit durch Gewinnabschöpfung bei Internetplattformen behaupten konnte."
Es ist in Italien offenbar kein Problem, als Anhänger der Postfaschisten einen hohen Posten bei der RAI zu besetzen. Karen Krüger porträtiert für die FAZ den Journalisten Gennaro Sangiuliano, einen engen Freund Giorgia Melonis, der jetzt von der neuen italienischen Premierministerin ins Amt des Kulturministers berufen wurde. Sangiuliano hat zuvor in der RAI den Infosender Tg2 geleitet, wo er eine sehr Putin-freundliche Linie gefahren hat. Neben seiner Leitungsfunktion schaffte er es, zahllose Bücher zu schreiben: "Auch wie er zu Deutschland steht, zeigte der neue Kulturminister als Sachbuchautor. Zusammen mit dem Journalisten Vittorio Feltri veröffentlichte er 2015 bei Mondadori, dem größten Verlag des Landes, der zum Berlusconi-Imperium gehört, ein Buch mit dem vielsagenden Titel 'Das Vierte Reich - Wie Deutschland Europa unterworfen hat'. Es beschwört mit bildungsbürgerlichem Gehabe die Kellergeister der Geschichte herauf und versucht glaubhaft zu machen, Deutschland strebe weiterhin nach Vorherrschaft und versuche sie mittels einer aggressiven Finanz- und Wirtschaftspolitik zu erreichen."
Wie der Klimakrise begegnen, das fragt sich auch die Stadt Rotterdam und will mehr Natur, samt Igeltreppen und zirkulärem Wassersystem in die Stadt bringen will, erzählt Laura Weißmüller in der SZ. "Die Stadtverwaltung hat 'naturinklusive'-Planung zum Credo für ihre Entwicklung gemacht. 'Stärker durch 7 Projekte' heißt der 364 Millionen Euro teure Plan, der die Hafenstadt in den nächsten Jahren grüner, kühler und gesünder machen soll. Das ambitionierte Programm ergänzt die Pläne Rotterdams, sich - wie viele Metropolen weltweit - zu einer sogenannten Schwammstadt umzubauen. Zu den sieben Plätzen, Straßenzügen und Parks in Rotterdam gehört auch der 'Hofbogenpark', den van Peijpe und sein Team zusammen mit DS Landschapsarchitecten und De Dakdokters entwickelt haben und dessen Bau 2023 beginnen soll. Es ist Rotterdams Antwort auf die High Line in New York, jene zum Park umfunktionierte ehemalige Hochbahntrasse, die das Versprechen nach Natur in der Stadt mit ihrer Eröffnung 2009 scheinbar so spektakulär eingelöst hat."
In Paris blickt FAZ-Kritiker Niklas Maak auf ein ähnliches Projekt: die "Ferme du Rail" im 19. Arrondissement, die an den stillgelegten Gleisen liegt, die einst als Stadtbahn die Pariser Bezirke verbunden hat. Entstanden ist hier "ein innerstädtischer Bauernhof mit Gewächshaus, Permakulturgarten, Pilzzucht und einem öffentlichen Restaurant, in dem unter anderem die Ernte aus dem Garten serviert wird. Vor Ort wird kompostiert, die Kreislaufwirtschaft soll Ressourcenverbrauch und Energieaufwand auf ein Minimum reduzieren: Der Innenstadtbauernhof lässt organische Abfälle aus dem ganzen Viertel abholen. Zur 'Ferme du Rail' gehört ein Haus mit 15 Sozialwohnungen und fünf Wohnungen für Studenten, in denen vor allem Menschen untergebracht werden, die unter psychischen Problemen wie Depressionen litten und darüber Arbeit und Wohnung verloren haben." Ein schönes Projekt, aber Maak stellt sich doch die Frage, ob das in Zeiten der Wohnungsnot wirklich die Zukunft des Bauens sein kann.
"Wir sind in Mali, Bamako, Baco Djocoroni", leitet Jonathan Fischer sein Welt-Interview mit Abdel Kader Haidara ein, dem Mann, der die Manuskripte von Timbuktu außer Landes schmuggelte, als die Islamisten dort einfielen. Einen großen Teil kann man jetzt im Original und englischsprachiger Kurzzusammenfassung jetzt im Internet einsehen (immerhin 40.000 Seiten). Das Geld für die Konservierung dieser Manuskripte ist richtig angelegt, betont er, auch wenn Mali eins der ärmsten Länder der Welt ist: "Wir können bis heute viel aus diesen alten Schriften lernen. Sie sind - weil sie bisher in Familienbesitz waren und weder Universitäten noch Bibliotheken zur Verfügung standen - eine noch nicht erschlossene Fundgrube für die Wissenschaft. Und dann korrigieren sie auch ein Weltbild: Lange glaubte man im Westen, dass das präkoloniale Afrika ein unzivilisierter Flecken auf der Landkarte war. Nun wird klar: Wir besitzen eine reiche Schriftkultur, Afrikaner haben schon seit einem Jahrtausend ihre Geschichte und Wissenschaft in Büchern festgehalten." Eines der eindruckvollsten Manuskripte, erzählt er, sei ein "medizinisches Buch aus dem 15. Jahrhundert: Es handelt von der Kunst des Operierens, speziell Operationen der Geschlechtsorgane. Das hatte ich nicht erwartet. Die Beschreibungen gehen bis hin zu Analysen der Gewebezellen und der Blutwerte..."
In der SZ beklagt Jörg Häntzschel, dass Kulturinstitutionen nicht zur "kritischen Infrastruktur" gezählt werden, wenn das Gas so knapp wird, dass es rationiert werden muss.
In der Welt kann sich Carl von Siemens nicht mit dem Berliner Stadtschloss anfreunden. Für ihn ist es eine Missgeburt: Ausdruck eines preußischen Antidemokratismus, der mit der Bezeichnung Humboldt-Forum und den ethnologischen Sammlungen übertüncht werden soll. Vielleicht hätte man sich an diesem Ort mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen sollen, statt fremde Kulturen herbeizukarren: "Die Geschichte, die der Neubau des Stadtschlosses symbolisiert, ist die Geschichte zweier verlorener Gebäude, des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik. Es ist die Geschichte eines Orts, an dem deutsche Staatsgebilde einander mit der Abrissbirne begegnet sind. Es ist eine Geschichte von Preußensehnsucht, Preußenhass und Preußenangst. Es ist eine Geschichte von Narrativen, die nicht miteinander vereinbar sind - und gerade deswegen wäre es reizvoll gewesen, diese Narrative gegeneinander antreten zu lassen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, zu recherchieren, welche möglichen Gegenstände einer solchen Ausstellung heute noch vorhanden sind, welche verloren gegangen sind und welche in Lagern vor sich hin dämmern. Die preußischen Kronjuwelen etwa und der Balkon, von dem Karl Liebknecht die Republik ausgerufen hat. Der 'runde Tisch' und der Saal, in dem die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zum Grundgesetz beschloss. Lithographien von Burgen, Schlössern und Adelssitzen aus der Werkstatt von Alexander Duncker , gerettetes Interieur - natürlich beleuchtet von den berühmten Lampen des Palasts der Republik. DDR-Bürgerrechtler im Preußenschloss, das hätte mir gefallen!"
Wie können die Länder am südlichen Rand Europas mehr Anerkennung erwarten, wenn sie mit ihrem eigenen kulturellen Erbe so nachlässig umgehen? In einem kummervollen Text klagt der serbische SchriftstellerBora Cosic in der NZZ, dass in Mostar gerade das Geburtshaus des Gelehrten Predrag Matvejevic abgerissen wurde: "Es scheint im Übrigen gar kein Krieg notwendig zu sein, um das Leben der Menschen zu ruinieren, es reicht, dass ein übler Bursche mit viel Geld mitten im Frieden ein Auge auf ein bestimmtes Stück Land wirft, aber dass dort etwas aus der Geschichte desselben Landes steht, interessiert ihn nicht! Ich höre jetzt, dass sich diese Stadt Mostar, die größte in der Herzegowina und vielleicht die schönste, um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt bewirbt. Diese Nachricht zeigt an sich schon, dass hier jemand ziemlich viel Courage hat. Wovon kann eine Stadt Hauptstadt sein, die zuerst in einem wahnsinnigen Krieg ihr emblematisches Wahrzeichen zerstört und dann, was noch verrückter ist, in der Stille des Friedens das Geburtshaus ihres Dichters beseitigt hat?"
Als das Humboldt-Forum vor zwanzig Jahren konzipiert wurde, sollten die Schätze des Ethnologischen und des Asiatischen Museums die Weltoffenheit der neuen Institution mitten in der restaurierten Mitte Berlins unterstreichen, erinnert Andreas Kilb in der FAZ. Und resümiert in drei Sätzen, was danach kam: "Inzwischen hat sich die Beweislast zuungunsten der Museen umgekehrt. Jetzt hängt ihre Zukunftsfähigkeit an ihrer Bereitschaft, ihre Stücke zurückzugeben oder von Kuratoren aus den Herkunftsländern neu deuten zu lassen. Das Humboldt-Forum ist, wie es Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei der Vorstellung der neuen Museumssäle im Ostflügel ausdrückte, vom Ausstellungs- zum Aushandlungsraum geworden." Aber die Fokussierung auf Afrika drängt auch andere Höhepunkte der Schau in den Hintergrund, versichert Kilb und rät zum Besuch.
In der Welt streift Matthias Busse an leeren Vitrinen vorbei und notiert, was fehlt. Neben einigen eingeplanten Objekten vor allem im Benin-Saal auch Informationen: "Der Saal soll angeblich ein in Nigeria herrschendes Museumsverständnis vermitteln. Auf Zetteln werden lediglich technische Daten zum Objekt geliefert: zum verwendeten Material und dem Sammler. Dürftige, über die Objekte gepinnte Erklärungen bleiben weit dahinter zurück, was Stand der 120 Jahre andauernden Benin-Forschung ist. Es stellt sich daher die Frage, welche neuen Erkenntnisse die zehnjährige Zusammenarbeit des Museums innerhalb der Benin-Dialoggruppe mit nigerianischen Wissenschaftlern und Vertretern des Hofes brachten?" Versöhnlicher klingt Nicola Kuhn bei Tagesspiegel+: "Der Geschichte Benins wird sichtbar Respekt gezollt, und auch die kümmerlichen Reaktionen des Berliner Völkerkundemuseums auf die ersten Restitutionsersuchen in den 1930er Jahren werden ungeschönt dargestellt."
Maritta Adam-Tkalec hat für die Berliner Zeitung unter anderem mit Wynema Morris, die dem indianischen Volk der Ohamagesprochen, die viele Ohama-Werke erstmals in Berlin sah. "'Der Wunsch, das kulturelle Erbe wieder zu erobern, ist erwacht', berichtet Wynema Morris von den Omaha, 'aber es tut sich ein Schlachtfeld auf.' Die amerikanische Regierung habe zwar die Möglichkeit eröffnet, Objekte zurückzufordern - jedenfalls von den großen, föderalen Museen wie dem Smithsonian oder dem in Berkeley, die über entsprechende Sammlungen verfügen: 'Das Gesetz ist auf Seiten der Indianer, die spannen die Muskeln. Doch die Museen kooperieren nicht.' Noch komplizierter liegt die Frage der sogenannten Repatriierung im Falle privater Museen."