9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2022 - Kulturpolitik

Dass die Infragestellung des Existenzrechts Israels auch von links antisemitisch ist, hat die Documenta jetzt amtlich (mehr in efeu). Aber die Documenta-Leitung ist nicht allein verantwortlich für den neuen Dammbruch. "Ist der Satz 'Man hat uns versprochen, dass es keinen Antisemitismus geben werde' das neue 'Wir haben es nicht gewusst'?", fragt Claudia Schwartz in der NZZ mit Blick auf Kulturministerin Claudia Roth und Bundeskanzler Olaf Scholz: "Im Kanzleramt nutzte in diesen Documenta-fifteen-Zeiten gleich auch noch Mahmud Abbas die ihm gebotene Bühne: Statt für das Olympia-Attentat in München vor 50 Jahren um Verzeihung zu bitten, bezichtigte der Palästinenser-Chef Israel der '50 Holocausts' an 50 palästinensischen Orten. Daneben stand wortlos der deutsche Bundeskanzler. Später sagte dieser dann doch noch etwas, nämlich: Er sei überrumpelt worden. Hat Herr Scholz so etwas von Sabine Schormann und Claudia Roth gelernt? Oder hat ihm Abbas vielleicht versprochen, es werde bei dem Treffen keine antisemitischen Bemerkungen geben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2022 - Kulturpolitik

Der Orientalist Stefan Weidner hatte gestern in der FAZ die geplante Schließung des vom Auswärtigen Amt finanzierten, dem "Dialog der Kulturen" verpflichtete Magazin qantara.de kritisiert, wie auch Kürzungen beim Goethe-Institut, dessen Budget um 10 Prozent gestutzt werden soll (unser Resümee). Heute antwortet in der taz Andreas Fanizadeh auf Weidner: "Wie so manch anderes verschweigt der paternalistische Herr Weidner, dass dem gesamten Haushalt des Auswärtigen Amts 2023 eine Budgetkürzung um 10 Prozent droht. Also eine keineswegs nur dem Goethe-Institut und anderen vom Auswärtigen Amt geförderten Kulturprojekten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2022 - Kulturpolitik

Die Gelder für die Goethe-Institute sollen gut zehn Prozent gekürzt werden. Auch dem DAAD, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und dem Institut für Auslandsbeziehungen drohen kräftige Streichungen. In der FAZ versucht Paul Ingendaay mit Matthias Lilienthal zu erklären, welche Bedeutung auswärtige Kultur- und Bildungspolitik hat: "Der Dramaturg Matthias Lilienthal, der seit dreißig Jahren mit dem Goethe-Institut kooperiert, sagte der FAZ, an manchen Orten bestehe die Leistung der Institute vor allem darin, die intellektuelle Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten. In Myanmar zum Beispiel. Oder in Jekaterinburg. Überall sieht die Aufgabe anders aus. Eben deshalb muss man persönlich an Ort und Stelle sein. 'Das Goethe-Institut', sagt Lilienthal, 'ist das Zentrum des freien Denkens, in vielen Fällen der 'safe space' einer ganzen Stadt. Das sind genau die Freiheitsräume, die wir in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen brauchen.'" Und dann hat Ingendaay noch einen Gegenvorschlag: "Wie wäre es, wenn der Bundestag, der über die Kürzungen demnächst zu beschließen hat, mit dem Schlankwerden bei sich selbst anfinge?"

In Spanien haben die Rückgabe zweier Gemälde an die Familie eines Opfers der Franco-Diktatur und ein Buch des Madrider Universitätsprofessor Arturo Colorado, "Arte, botín de guerra" ("Kunst, Kriegsbeute"), eine Restitutionsdebatte ausgelöst, berichtet in der NZZ Ute Müller. "Colorado hat in seinem Werk den Werdegang von rund 15 000 Kunstwerken untersucht, die nicht nur aus Museen, sondern auch aus privaten Gemäldesammlungen stammten. Er kam zu dem Schluss, dass seit dem Bürgerkrieg fast 5500 Gemälde nicht an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden waren. Viele hängen bis heute in Kirchen, Ministerien oder anderen staatlichen Einrichtungen... Raubkunst ist auch in 37 Museen ausgestellt. Laut Colorado hat sogar das Prado-Museum rund zwei Dutzend Kunstwerke, die während der Franco-Zeit geraubt wurden. Im Museum wollte man sich dazu nicht äußern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2022 - Kulturpolitik

Die Zeit erscheint heute mit einer Museumsbeilage (mehr in Efeu). Den Auftakt macht Ijoma Mangold, der in einem Text, den die Zeit mit zehn Minuten Lesezeit angibt, noch einmal die ganze Debatte um die Benin-Bronzen (Unsere Resümees), die ab dem 17. September im Humboldt-Forum zu sehen sein werden, nachzeichnet. Der Krieg in der Ukraine war offenbar ein "unfreiwilliger Beschleuniger" für die Rückgabe, meint er: "Plötzlich wird Nigeria furchtbar interessant wegen seiner Öl- und Gasvorkommen." Mangold resümiert: "Das postkoloniale Denken ist offenbar immer dort fruchtbar und befreiend, wo es Komplexität erhöht. In der Praxis erweist es sich leider viel zu oft als auftrumpfender, erkenntnisblinder Moralismus, für den nur und ausschließlich Weiße als Täter gelten. Dafür musste vieles ausgeblendet werden, was für die historische Rekonstruktion unerlässlich ist: vor allem die vielfachen Kooperations- und Komplizenverhältnisse oder der schon bestehende Sklavenhandel Westafrikas, auf den der transatlantische dann so bequem aufsetzen konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2022 - Kulturpolitik

"Kolonialismus und Holocaust sind unvergleichlich. Das macht es aber nicht unmöglich, sie in Bezug zu setzen, um sie in ihrer Unvergleichlichkeit besser zu verstehen", sagt Generalintendant Hartmut Dorgerloh im Gespräch mit Nicola Kuhn (Tagesspiegel+), in dem er auch kritisiert, dass der Förderverein des Stadtschlosses bis heute über die Herkunft der Spenden schweigt. Und er erklärt noch einmal, weshalb er die Initiative GG5.3 Weltoffenheit unterzeichnet hat: "Wir müssen diese Räume verteidigen, in den Medien, Kultureinrichtungen und der Wissenschaft. Ansonsten öffnen wir populistischen, autoritären Strukturen Tor und Tür. Deshalb finde ich den kuratorischen Ansatz der Documenta auch prinzipiell richtig, nicht länger nur den Meistererzählungen zu folgen. Kollektive sind eine Alternative. Ähnlich verstehen wir uns als Humboldt Forum, wenn wir Gäste einladen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2022 - Kulturpolitik

Eine Diskussion über Antisemitismus mit den Documenta-Verantwortlichen? Unmöglich, stellen in der SZ Julia Alfandari und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main fest, die auf der Documenta das indonesische Lumbung-Konzept ausprobiert haben: "Vom Lumbung-Party-Spirit blieb bei uns angesichts all der Anschuldigungen und kruden Behauptungen nicht viel übrig, er war längst in Galgenhumor umgekippt. ... Wir wollten mit den Künstlern auf der Documenta zusammenstehen, und doch fühlten wir, dass man uns mit Misstrauen begegnet. Wir sagen, wir wollen mitkochen, werden aber wie unzufriedene Gäste im Restaurant behandelt. Ist es eine zurückgewiesene Liebe, haben wir uns gefragt? Und ist das der Grund, warum es uns so trifft? Haben wir uns nur eingebildet, dass wir mit links-progressiven Künstlern aus dem globalen Süden viel mehr gemeinsam haben als mit den konservativen Herren des Zentralrats der Juden?"

In der SZ beklagt Paul Munzinger die Kürzung der Mittel für die auswärtige Kulturpolitik - "Der Kulturetat sinkt, während es der Welt schlecht geht - Ukraine-Krieg, Klima-Krise, Konfrontationen der Großmächte" - ohne klar zu machen, was ausgerechnet Kulturpolitik daran ändern könnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Kulturpolitik

Einen wunden Punkt trifft die New Yorker Anwältin Deadria Farmer-Paellmann mit einem Brief, der deutsche Museen auffordert, die Benin-Bronzen zurückzuhalten, bis Nigeria die Nachfahren der Sklaven, mit denen es handelte, entschädigt hat (mehr dazu hier), meint Andreas Kilb in der FAZ. "Im postkolonialen Weltbild haben die Benin-Bronzen den Rang von Kronjuwelen: Sie sind das Zeichen der Stärke Afrikas, seiner kulturellen Gleichwertigkeit, seiner glorreichen Vergangenheit. Dass diese Glorie, wie jede Form imperialer Kultur, eine barbarische Kehrseite hat, hören die Aktivisten aus Nigeria oder Senegal weniger gern. Aber der Prozess der historischen Gerechtigkeit lässt sich nicht an einer beliebigen Stelle anhalten. Wer die Rückgabe der Bronzen als Wiedergutmachung für koloniales Unrecht fordert, kann den Unrechtszusammenhang nicht ausblenden, aus dem die Skulpturen einst hervorgingen. Insofern wirft der Brief der amerikanischen Anwältin ein Schlaglicht auf einen Vielvölkerstaat, der seine Vergangenheit noch längst nicht bewältigt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2022 - Kulturpolitik

Peter Richter braucht in der SZ fünf Absätze, um zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: dass die Kulturinstitutionen bald nicht nur die Heizungen runtergefahren müssen, sondern ihren ganzen Betrieb, der in der Regel vom Staat abhängig ist: "Und bei einem dermaßen dramatischen Verlauf der Dinge, wie oft prognostiziert, ist leider absehbar, dass dieser Staat irgendwann vor einer Situation stehen wird, die man dann gewissermaßen als Triage der Mittelzuwendungen bezeichnen muss. Wenn wirklich massenhaft Haushalte ihre Heiz- und Stromkosten nicht mehr bezahlen können, Schulkinder zittern müssen, die Wirtschaft einfriert und Krankenhäuser an den Rand des Kollapses kommen, werden diejenigen nicht zu beneiden sein, die dann noch die Kulturetats verteidigen wollen."

Vielleicht hilft der Vorschlag von Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie Berlin: "Er hoffe, dass im kommenden Winter 'ganz viele Leute einfach in den Museen überwintern'", erzählt Peter Laudenbach in der SZ. "Die Museen zu Wärmestuben zu machen, dürfte schon aus Sicherheitsgründen schwierig werden. Aber Biesenbach scheint zu ahnen, dass der Energieverbrauch zum Problem für die Kultur-Paläste werden könnte, und das nicht nur, weil ihre Stromrechnung steigen wird. Der Betrieb von Museen, Opernhäuser, Theatern, viele von ihnen in historischen Bauten, ist energieintensiv. Unter Gesichtspunkten der Wärme-Isolation ist zum Beispiel die Neue Nationalgalerie, Mies van der Rohes cooler Tempel der Moderne mit Komplett-Glasfassade, der helle Wahnsinn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2022 - Kulturpolitik

Nach dem Rückgabevertrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit dem Staat Nigeria geht der Streit um die Benin-Bronzen in eine neue Runde, berichtet Matthias Busse in der Welt, diesmal in Nigeria, wo darüber gestritten wird, wer die Bronzen bekommen soll: "Anlass war die öffentliche Vorstellung der Pläne für einen Museumspavillon, der erste Abschnitt des geplanten Edo Museum of West African Art (EMOWAA). Nach Ankündigung des ehemaligen deutschen Außenministers, Heiko Maas, sollte dieser Bau die deutschen Restitutionen beherbergen. Aber genau gegen ein solches unabhängiges Museum einer nigerianischen Stiftung geht eine mit dem Königshaus verbündete Gruppe an. Osazee Amas-Edobor, Sprecher einer "Coalition of Benin Socio-Cultural Organizations", verlangt stattdessen ein königliches Museum unter der Ägide des Palastes zu errichten." Und aus den USA melden sich Afroamerikaner, die daran erinnern, dass Benin einst mit Sklaven handelte und dafür auch mit den Metallen bezahlt wurde, aus denen die Bronzen gegossen wurden. Die Juristin Deadria Farmer-Paellmann hat darum bereits "das Miteigentum der Sklavennachfahren daran in einigen amerikanischen Museen angemeldet" und forderte Deutschland auf, die Bronzen nicht zurückzugeben, mit dem bemerkenswerten Satz: "Solange die Bronzen sich auf westlichem Boden befinden, haben wir immer noch eine Aussicht auf Gerechtigkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat  sich mit Nigeria auf eine Rückgabe der Benin-Bronzen geeinigt. Zwei Drittel der 500 Artefakte gehen gleich zurück nach Nigeria, ein Drittel darf vorerst als Leihgabe bleiben. Andreas Kilb nimmt das alles in der FAZ zur Kenntnis, notiert aber auch, was der Vertrag "nicht annähernd klärt", nämlich "die Frage, welchen Einfluss die nigerianischen 'Partner', deren Kooperationsfreude zu betonen man nicht müde wird, künftig auf die Darstellung der Benin-Artefakte nehmen sollen." Hier höre man bisher nur Flötentöne. Bei der Präsentation der Bronzen seien aber auch folgende Fragen zu stellen: "Ist denn die Aufklärung geschichtlicher Tatsachen auch nur ein Narrativ - oder hat sie einen höheren Rang als die Mythen der Nationen? War das Königreich Benin am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt oder nicht? Hat es mit den dabei erlösten Profiten seine Kunstproduktion angekurbelt und Feuerwaffen gekauft, mit denen es seine Nachbarvölker unterjochte, oder ist das nur eine eurozentristische Zuspitzung?"

In der taz schreibt Susanne Memarnia, dass die ersten Bronzen noch in diesem Jahr zurückgehen werden, welche, entscheidet Nigeria, das auch entscheidet, welche als Leihgabe erst mal hierbleiben dürfen. Allerdings werde  es im ersten von zwei Benin-Räumen in Berlin nur eine Bronze geben: "den Gedenkkopf einer Königinmutter, oder: Iyoba. Im zweiten Raum werden rund dreißig der historischen Objekte gezeigt, dazu aktuelle Kunst aus Nigeria." Im Tagesspiegel freut sich Birgit Rieger: "Berlin setzt damit international Maßstäbe. Deutschland ist eines der ersten Länder, das Benin-Kunst an Nigeria zurückgibt. Bisher haben nur die USA und zwei britische Universitätsmuseen Raubkunst aus dem ehemaligen Königreich Benin restituiert. ... Das British Museum in London, das ebenfalls ein riesiges Konvolut an Benin-Bronzen besitzt, weigerte sich bis dato, eine Restitution der Werke in Betracht zu ziehen."