9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2022 - Kulturpolitik

Für den Tagesspiegel hat sich Christiane Peitz das Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte näher angeschaut, dass die Gesinnung der Großspender des Humboldt Forums überprüfen sollte (Unsere Resümees). Im Bezug auf Ehrhardt Bödecker, einen der Großspender, ist "'von deutlichen antisemitischen Klischees einerseits und der Konterkarierung antisemitischer Ressentiments andererseits' die Rede. Die Stiftung Humboldt Forum zieht daraus den Schluss, der Förderverein habe nicht gegen die Spendenrichtlinien verstoßen. Laut Gutachten sei Bödecker 'weder rechtsextremistisch noch in einem rechtsradikalen Sinne antisemitisch gewesen'. Eine höchst fragwürdige Formulierung. Judenfeindlichkeit ist Judenfeindlichkeit: Wäre ein nicht rechtsradikaler Antisemitismus - was immer den Unterschied ausmachen soll - weniger bedenklich? Was die übrigen Großspenden betrifft, bleibt es weitgehend bei Intransparenz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2022 - Kulturpolitik

Die Spender für den Wiederaufbau der Berliner Stadtschlossreplik werden mit einer Tafel im Foyer geehrt. Der Architekt und Autor Philipp Oswalt hatte kritisiert, dass da einige doch eher rechtsextreme Gestalten dabei sein könnten (unser Resümee und mehr hier). Aber jetzt gibt die Anwaltskanzlei Raue, die mit einer Überprüfung beauftragt wurde, Entwarnung, berichtet Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Dabei kommt die Kanzlei Raue zu dem Schluss, dass bis auf die Spender des Deutschen Stifterverbandes und einen anonymen Spender aus der Schweiz alle Spender dem Förderverein namentlich bekannt sind. Von diesen 113 Spendern werden im Humboldt-Forum 106 auf den Tafeln im Portal II geehrt. Die übrigen wollen ausdrücklich anonym bleiben, aber auch bei diesen, so heißt es in einer Pressemitteilung der SFH, habe die Kanzlei Raue keinen Hinweis auf rechtsradikale oder gar extremistische Aktivitäten gefunden. Der Verdacht, der Förderverein habe von rechtsextremen Personen oder Institutionen Großspenden angenommen, habe sich nicht erhärtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 - Kulturpolitik

Internationale Vereinbarungen zum Schutz der Umwelt sind ja was gutes, aber sie können auch völlig bizarre Folgen haben, wie die Transportregeln für Musikinstrumente und die Schutzregeln der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) für Hölzer zeigen, berichtet Michael Stallknecht in der SZ: "So stehen seit 2017 alle Palisanderarten auf der Liste, darunter zum Beispiel Grenadillholz, aus dem gern Oboen und Klarinetten gebaut werden. Gehen solche Instrumente auf Reisen über Landesgrenzen, müssen Ausnahmegenehmigungen eingeholt werden, was ein mehrstufiges Verfahren über die diversen Naturschutzämter erfordert. Reisende Orchester gelten dabei als Wanderausstellungen: 'Die Wanderausstellungsbescheinigung kann als Einfuhrgenehmigung, Ausfuhrgenehmigung oder Wiederausfuhrbescheinigung verwendet werden', heißt es im Hinweisblatt des Bundesamts für Naturschutz. Gleichzeitig unterliegen ältere, besonders wertvolle Instrumente, wie sie vor allem Streicher spielen, dem Kulturgutschutz, für den es weitere Ausnahmegenehmigungen braucht." Man kann sich vorstellen, welch bürokratischer Alptraum eine Tournee heutzutage sein muss.
Stichwörter: Naturschutz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2022 - Kulturpolitik

Die Unesco feierte ihren Fünfzigsten in Delphi, aber im Grunde war es ein "Krisengeburtstag", schreibt Till Briegleb in der SZ. Die afrikanischen Länder sind nach wie vor unterrepräsentiert, viele Weltkulturstätten gefährdet, nicht zuletzt durch "Klimawandel und Umweltzerstörung. Negative Auswirkungen ließen sich bereits bei 34 Prozent aller Monumente dokumentieren, bei den Stätten in Küstennähe sind es 70 Prozent. Und im Jahr 2100, so das diesmal glaubwürdige Unesco-Orakel, werden alle Korallenriffe, die den Titel Weltnaturerbe trügen, verschwunden sein. Unter den Mitgliedsstaaten der Unesco sind alle, die dafür die Hauptverantwortung tragen. Es gibt eigentlich nichts zu feiern in Delphi."

Die ersten Teile der Replik des altindischen Sanchi-Tores sind vor dem Humboldt-Forum errichtet worden, anwesend war auch der indische Botschafter S.E. Harish Parvathaneni, der sich freute, dass  mit dem Sanchi-Tor im Osten ein "Pendant zum Brandenburger Tor im Westen" und damit ein "schönes Symbol der Verbindung von Ost und West überhaupt" geschaffen worden sei, berichtet in der Berliner Zeitung Maritta Adam-Tkalec, die allerdings deutlich weniger erfreut ist: "Träger einer völkervereinenden Friedensbotschaft, Weltkulturerbe, Maskottchen und Publikumswerbung - das ist recht viel verlangt von den mit Geschichten vom 'unsichtbaren Buddha' versehenen Steinen. Und tatsächlich stellt sich beim Betrachten der ersten Elemente an Ort und Stelle Mitleid ein: Da duckt sich ein am angestammten Platz sicherlich mächtig erscheinendes, kunst- und würdevolles, respektheischendes Steintor zwischen den beiden von goldenen Christenkreuzen beherrschten Monumenten des Preußenbarock, Dom und Schlossreplik, und schrumpft zu unverdienter Zwergenhaftigkeit. Es fremdelt in der kulturfremden Umgebung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Kulturpolitik

Nach zwanzig Jahren gibt Hortensia Völckers  die Leitung der Kulturstiftung des Bundes ab (die vor vielen Jahren auch das Perlentaucher-Projekt signandsight.com unterstützte). Vor lauter Krisen der jüngsten Zeit, kommt sie kaum dazu, im Zeit-Gespräch mit Tobias Timm zu bilanzieren. Zur Documenta sagt sie: "Ich war ziemlich bedient nach diesem Sommer." Zur Debatte um das "Weltoffen"-Papier der höchsten deutschen Kulturfunktionäre, das der Volksvertretung nahelegte, von ihrem BDS-Beschluss abzurücken, sagt sie als Mitunterzeichnerin: "Es ging nicht darum, den BDS zu verteidigen. Der Sachverhalt ist komplizierter, bei dem BDS-Beschluss wurden viele Details nicht bedacht, was dessen Umsetzung betrifft. Und dann ist im Moment in diesem Land wenig Verständigung darüber erkennbar, wie die Grenzen zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu ziehen sind und wer sie bestimmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 - Kulturpolitik

Claudia Roth hat ihre Rolle als Kulturpolitikerin noch nicht gefunden, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, der Roths erstes Amtsjahr recht kritisch resümiert. Bei der Documenta sei sie vor allem mit Zurückrudern beschäftigt gewesen. Das Humboldt-Forum wolle sie in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingliedern, aber damit beschädige sie dessen Intendanten Hartmut Dorgerloh, der als einziger in dem Haus kreativ mit der postkolonialen Herausforderung umgeht, so Kilb. Und die Reform der Stiftung trete auf der Stelle, statt dessen wolle Roth nur deren Namen ändern, der doch genau beschreibt, was die Stiftung ist: "Sie bremst ein Projekt aus, bei dem es um größere Autonomie und bessere Vernetzung der Museen, um Personal- und Budgethoheit, schlankere Hierarchien und angemessene Finanzierung geht. Für dieses Vorhaben war das erste Amtsjahr von Claudia Roth ein verlorenes Jahr. Die nächste Sitzung des Stiftungsrats Anfang Dezember bietet die vorerst letzte Chance, den Reformprozess wieder in Gang zu bringen. Lässt man sie verstreichen, liefert man die größte deutsche Kulturinstitution ihren inneren Beharrungskräften aus."

Als die Corona-Pandemie noch Panik auslöste, im Jahr 2020, schlug die Stunde der Lobbyisten. Ein Rechercheteam von Dlf Kultur hat sich die Corona-Förderungen näher angesehen, die in den Kunstmarkt flossen. Die Bundesregierung, noch vertreten von Monika Grütters, verhandelte mit Kristian Jarmuschek vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und anderen Repräsentanten des kommerziellen Kulturbetriebs. Wider Erwarten liefen die Geschäfte der Galerien dann doch glänzend. Aber die Förderung bekamen die Galerien trotzdem: "Maximal 70.000 Euro Fördergeld konnten einzelne Betriebe so bekommen. Der tatsächliche Bedarf? Wird nicht überprüft. Somit bekommen selbst deutsche Spitzengalerien mit Millionenumsätzen staatliches Fördergeld, darunter große Namen wie Sprüth Magers oder König Galerie. Oder die Galerie Eigen + Art von Gerd Harry Lybke, den die Kunstwelt nur als 'Judy' kennt. Sie verzeichnete im Jahr vor der Pandemie bei einem geschätzten Umsatz von 21 Millionen Euro einen Gewinn von 2,6 Millionen Euro. Ein Jahr später, am Ende des Coronajahres 2020, liegt der Umsatz Schätzungen zufolge bei 26, der bilanzierte Gewinn bei 3,65 Millionen Euro. Dennoch erhielt Eigen + Art staatliche Fördergelder von über 80.000 Euro."

Ursula Scheer greift die Recherche des Senders in der FAZ auf und ergänzt: "Hiesige Galerien konnten als Einzelhandelsunternehmen aufsperren, als andere, auch Museen, noch dicht hatten. Eilends bauten sie Onlinepräsenzen aus und erlebten, dass die Kundschaft dort gerne zugriff."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2022 - Kulturpolitik

In Tel Aviv wollte Autorin Charlotte Wiedemann ihr Buch "Den Schmerz der Anderen begreifen" vorstellen, doch Goethe Institut und Rosa-Luxemburg-Stiftung haben die Veranstaltung abgesagt. Auf Twitter reagiert Wiedemann: 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2022 - Kulturpolitik

Im von uns gestern übersehenen Interview mit Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen insistierte Bonaventure Ndikung, designierter Chef des Hauses der Kulturen der Welt, er habe die BDS-Bewegung nie unterstützt (Unsere Resümees), um gleich darauf zu erklären, weshalb er den Brief der "Initiative GG. 5.3 Weltoffenheit" unterschrieben hatte. Auch auf die Frage, ob er im HKW mit Künstlern zusammenarbeiten werde, die den BDS unterstützen, war von Ndikung keine klare Antwort zu bekommen. Heute zerlegt Boris Pofalla in der Welt das Interview: "BDS liegt für Ndikung zwar falsch, sich gegenüber BDS eindeutig abzugrenzen, ist aber scheinbar ebenso falsch. Es ist, als versuche man den berühmten Wackelpudding an die Wand zu nageln." Deutlich wurde Ndikung indes im Mai 2021: Da hatte er "den offenen Brief 'Palästina Spricht' unterzeichnet, der unter anderem von der Bundesregierung fordert, ihre Unterstützung für Israel aufzugeben. Das ist die Positionierung eines der bald schon mächtigsten Player im kulturellen Berlin. Nichts hat sich an seiner Einstellung gegenüber Israel geändert. Ndikung gesteht nur das absolute Minimum zu, um seinen Job in der staatlichen Institution antreten zu können. Es ist eine Taktik, die einem aus Kassel bekannt vorkommt - und die schon einmal spektakulär gescheitert ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2022 - Kulturpolitik

Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt antwortet in der FAZ auf Andreas Kitschke von der "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam", der eben diesen Wiederaufbau in möglichst integraler Form verteidigt hatte (unser Resümee): "Kitschke behauptet, die Garnisonkirche sei keine Weihestätte des Militarismus gewesen. Doch genau dies war spätestens seit der Reichsgründung der Fall. General Erich Ludendorff hielt hier im November 1919 seine erste Brandrede gegen die Republik, der Dutzende von Gedenkfeiern und Zusammenkünfte reaktionärer und demokratiefeindlicher Kräfte bis 1933 folgten. Bereits seit dem 19. Jahrhundert schürten die in der Garnisonkirche gehaltenen Predigten den Hass auf andere Völker und Nichtchristen und propagierten ein völkisches Deutschtum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Kulturpolitik

Claudia Roth hat sich für die Idee ausgesprochen den umstrittenen Bibelvers am Humboldt Forum zeitweise mit einem Kunstprojekt zu überblenden, meldet Joshua Beer in der SZ: "Zu meinen, in der Inschrift stecke 'einfach nur ein unpolitisches Zeichen von Religiosität', sei 'erstaunlich und geschichtsblind', teilte Kulturstaatsministerin Roth mit. Aus der Inschrift ließe sich aus Sicht vieler Historiker eindeutig eine politische Botschaft ableiten, die den allein von Gott abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Preußenkönigs untermauere. Grundgesetz und Demokratie stünden nicht in der Traditionslinie eines repressiven Königs- und Kaisertums, das seinen Machtanspruch allein auf Gott begründete, so Roth."