9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2023 - Kulturpolitik

Marcel Leppers Verhalten habe zu einem "tiefgreifenden, irreparablen Zerwürfnis mit dem "weit überwiegenden Teil des Stiftungspersonals" geführt, heißt es in der Pressemitteilung, die die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am Montag herausgab (Unsere Resümees) und aus der Jörg Häntzschel in der SZ zitiert: "Warum sich die Stiftung zusätzlich von zwei weiteren Mitarbeiterinnen getrennt hat, wird nicht erwähnt. (…) Unterdessen legt ein Schreiben der Stiftung andere Gründe für die Trennung von Lepper nahe. Es handelt sich um den Entwurf einer Pressemitteilung, den De Gasperi im Februar offenbar aufgesetzt hatte, um die Medien von Leppers Ausscheiden aus der Stiftung zu informieren. In dem Schreiben, das der SZ vorliegt, werden als Grund für die Kündigung' grundlegend unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige wissenschaftliche und strategische Ausrichtung' der Stiftung genannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2023 - Kulturpolitik

Hubertus Knabe recherchiert in seinem Blog zu einer sehr heißen Kartoffel, dem Museum Berlin-Karlshorst, ehemals "Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945", das seit dem Mauerfall zumindest offiziell von Deutschland, Russland, Belarus und der Ukraine betrieben wird. Die Ukraine hat der Institution seit der Invasion auf der Krim 2014 allerdings den Rücken gekehrt. Die Gremien sind nach wie vor international besetzt, findet Knabe heraus. Zum zweiköpfigen Vorstand des Museums, der ein Weisungsrecht gegenüber dem Direktor hat, gehört nach wie vor Wladimir Lukin. "Zu DDR-Zeiten hatte Lukin selber das Karlshorster Museum geleitet. Seine Wiederwahl ist deshalb delikat, weil er ein erklärter Anhänger Putins und Befürworter des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist. Schon kurz nach Beginn der Invasion ließ sein Museum Moskauer Kinder 5.000 Unterstützungsbriefe an russische Soldaten schreiben, die 'ihre Pflicht in der Ukraine erfüllen'. In einer feierlichen Veranstaltung wurden die Briefe anschließend dem Verteidigungsministerium zur Weiterleitung übergeben." Laut Knabe sind sich Auswärtiges Amt und Staatsministerin Claudia Roth der Problematik bewusst, schieben das Problem aber vor sich her.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2023 - Kulturpolitik

Gestern stellte die Expertenkommission, die auf Geheiß Frank-Walter Steinmeiers mit der Neukonzeption der Paulskirche befasst ist, ein Konzeptpapier vor. Zwei Aspekte an dem Ereignis scheinen Andreas Kilb in der FAZ bemerkenswert: Herfried Münkler, der die Kirche radikal umgestalten wollte (unsere Resümees), fehlte in der renovierten Kommission. Zweitens: Der eigentliche Gestaltungswille tobt sich jetzt im "Haus der Demokratie" aus, das der Kirche an die Seite gestellt werden und wo die Demokratie staatlicherseits intensiv gefeiert werden soll: "'Signature Architecture' ist hier gefragt, mit viertausend Quadratmeter Nutzfläche und einer Mannschaft von dreißig Festangestellten in Diensten einer Stiftung, in der der Bund als Hauptgeldgeber natürlich das Sagen hat. In diesem Vorschlag steckt der eigentliche Sprengsatz des Papiers. Davon abgesehen, dass er den Paulskirchenplatz als städtischen Erholungsraum mit einem Federstrich opfert, ist seine Symbolik eine entschieden antiföderalistische."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2023 - Kulturpolitik

In der Welt resümiert Marcus Woeller nochmal das Debakel um die Sanierung des Pergamonmuseums (Unsere Resümees), die aber leider dringend notwendig ist und bekanntermaßen viel früher, nämlich in den 1990ern hätte durchgeführt werden müssen: "Die Fassaden sind in schlechtem Zustand, ebenso die Glasdächer, allein das über dem Südflügel hat eine Fläche von 4300 Quadratmetern. Seit Jahrzehnten dringt Wasser in das Haus ein. Es steigt die Furcht vor der großen Havarie. Der Direktor des Islamischen Museums Stefan Weber rechnet die Wasserschäden schon mit seinen Dienstjahren auf. Wenn die Durchfeuchtung der tragenden Außenwände nicht gestoppt wird, könne ein teilweiser Verlust der historischen Bausubstanz nicht ausgeschlossen werden, so urteilt das BBR. Wenn also die Tragfähigkeit und damit die Sicherheit für Besucher wie für Artefakte nicht gewährleistet werden kann, ist die Schließung wohl gerechtfertigt."

Um seine Projekte für das Museum für Islamische Kunst in Berlin zu finanzieren, hat sich Stefan Weber, Direktor des Museums, Gelder von Alwaleed Philanthropies, einer private Stiftung in Saudi-Arabien besorgt. In einem von eben jener Stiftung unterstützten NZZ-Artikel stellt Werner Bloch deren Gründer Prinz Walid bin Talal Al Saud vor, der durch Risikogeschäfte zum reichsten Araber wurde und mit seiner Stiftung auch ein weltweites Netzwerk von Eliteuniversitäten wie Harvard, Oxford oder Cambridge unterstützt. Bloch stellt ihn uns als "verkappten Dissidenten", als "Stachel im Fleisch des saudischen Establishments" vor: "Ein hartnäckiger Kritiker des Königshauses, zu dem er selbst gehört. Bereits sein Vater, der sogenannte rote Prinz, musste wegen seiner unkonventionellen Ansichten das Land verlassen." Und doch fragt er: "Sollen demokratische Institutionen Geld aus einem Land annehmen, das ständig wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2023 - Kulturpolitik

In der SZ hätte Jörg Häntzschel von der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung gern gewusst, weshalb die Bedingungen der gütlichen Einigung mit Marcel Lepper nicht eingehalten wurden (Unsere Resümees) - eine Antwort erhielt er nicht: "Die Stiftung, die derzeit von ihrer kaufmännischen Leiterin kommissarisch geführt wird, teilt indes weiter gegen Lepper aus. Dessen Vermutung, die Stiftung habe ihm gekündigt, weil man die von ihm angestoßene Auseinandersetzung mit der Stiftungs- Vergangenheit verhindern wollte, konterte deren Sprecher gegenüber dem Bayerischen Rundfunk mit der Behauptung, es sei gerade Lepper gewesen, der die Aufarbeitung 'verzögert' habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2023 - Kulturpolitik

Coup de théâtre. Marcel Lepper äußert sich. Zur Erinnerung: Der Literaturwissenschaftler war als Chef der stinkreichen Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, die leider ein paar Probleme mit der rechtsextremen Vergangenheit ihrer Ex-Chefs hatte, gefeuert worden, und es hieß, er habe eine Schweigevereinbarung unterzeichnet. Nun ist Lepper davon freigestellt, berichtet Knut Cordsen mit unklarer Begründung auf der Webseite des Bayerischen Rundfunks, und man kann nicht sagen, dass er ein Blatt vor den Mund nimmt. Lepper insistiert im Gespräch mit Cordsen, dass er die Aufarbeitung der rechtsextremen Geschichte betrieb: "Mir ging es ja in meiner Stiftungszeit, mir geht es auch als Wissenschaftshistoriker nie um das Fehlverhalten einer einzelnen Person, in diesem Falle des ersten Geschäftsführers der Stiftung, Armin Mohler. Über den entstehen eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten parallel. Mir ging es eher um die Strukturen, und bei den Strukturen wurde es dann schnell sensibel. Diese Strukturen ragen weit in die Gegenwart, diese Strukturen betreffen lebende Personen, die im Umfeld der Stiftung noch unterwegs sind, diese Strukturen betreffen eben auch Einschätzungen, Neigungen und nicht zuletzt liebgewonnene, geschützte Mechanismen dieser Stiftung, und da sprangen sofort die auch Abwehrreaktionen an, zunächst einmal einbremsend, verzögernd, dann aber auch deutlich aggressiver."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2023 - Kulturpolitik

Hans-Jürgen Hafner schreibt für die taz ein eher skeptisches Porträt des neuen Berliner Kultursenators Joe Chialo. Er wird wie alle Berliner Kulturpolitiker damit zurechtkommen müssen, "dass es in der Berliner Kulturpolitik einerseits um populäre Themen, um Ateliernot, Clubsterben, kreative Freiräume und drohende Verdrängung geht. Andererseits überlappen hier gerne mal Zuständigkeiten des Bundes mit solchen des Landes (und der Stadt). Da geht es um Administration, viel Geld, aber auch um programmatische Weitsicht und historische Verantwortung. Die seit Jahren diskutierte, durch die SPK-Führung verschleppte Reform der Preußenstiftung gehört hier ebenso dazu wie das von Beginn an verkorkste Mehrzweck-Humboldt Forum oder - andere Ecke - das Elend deutscher Filmförderung."

Außerdem: Sonja Zekri berichtet in der SZ, dass an der Viadrina ein Ukraine-Zentrum entstehen soll, das akademische Kompetenz für die Ukraine entwickeln und bündeln soll. Zugleich wird in Berlin mit Hilfe des Goethe-Instituts ein erstes ausländisches Kulturinstitut der Ukraine gegründet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Kulturpolitik

Überraschung: Nach über vierzig Jahren Dauerbetrieb ist auch die Berliner Staatsbibliothek sanierungsbedürftig, schreibt Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. 2025 soll mit den Baumaßnahmen begonnen werden, die Schließung soll mehrere Jahre dauern: "Wenn jetzt ein Haus schließt, bleibt es lange und meist auch länger als geplant geschlossen. Man erinnere sich nur an die Staatsoper Unter den Linden. Man fragt sich bang, wann die Komische Oper wieder öffnen wird, die Ende dieser Spielzeit schließt, und wie es mit dem Sanierungsbedarf anderer Berliner Gebäude aussieht. Was ist mit der Neuen Philharmonie gegenüber der Stabi, ebenfalls von Hans Scharoun entworfen und noch vor der Stabi erbaut?"

Tatsächlich überraschend ist, was Hubert Filser auf den Wissensseiten der SZ berichtet: Anhand chemischer Signaturen im Metall hat der Bochumer Geochemiker Tobias Skowronek nachgewiesen, dass der Rohstoff Messing, aus dem die Benin-Bronzen gegossen wurden, "aus Europa stammt und sehr wahrscheinlich die zentrale, vielleicht sogar einzige Rohstoffquelle für die westafrikanische Gießereiindustrie war. (…) Überraschend war der Befund auch deshalb, weil die Gießer am Königshaus in Benin offenbar ausschließlich das rheinische Metall haben wollten, sagt Skowronek."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2023 - Kulturpolitik

Andreas Kilb schreibt für die FAZ ein kleines Porträt des kommenden Berliner Kultursenators Joe Chialo, der einst bei den Grünen austrat, weil sie sich über den Kosovo-Einsatz zerstritten hatten, und nun für die CDU im Rennen ist. Seine Meriten im Feld der Kultur hat er als Labelmanager in der Musikindustrie erworben: "Vielleicht liegt das Besondere an Chialos Berufung nicht darin, dass er der erste schwarze Berliner Kultursenator ist, sondern in der Tatsache, dass er als erster zuvor mit Kultur sein Geld verdient hat. Hinter der 'freien Szene', die der Berliner Senat jedes Jahr mit vielen Millionen Euro subventioniert, steht ja die ganz freie, die auf eigenes Risiko arbeitet. Die Frage ist, wie sich diese Freiheitserfahrung in politisches Handeln umsetzen lässt." (Chialo ist nicht der erste Berliner Kultursenator, der mit Kultur sein Geld verdient hat, das tat auch Tim Renner, der 2014-16 Staatssekretär für Kultur war.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2023 - Kulturpolitik

Auf Zeit online erhellt Nikolaus Bernau den Hintergrund des unfassbaren Skandals um die Sanierung des Pergamonmuseums in Berlin. Seit 2013 wird saniert, eventuell fertig will man 2037 sein. Mindestens dreieinhalb Jahre soll das komplette Museum geschlossen werden. Im Jahr 2000 war das Gesamtprojekt noch auf 240 Millionen Euro veranschlagt worden, für eine ungefähre Bauzeit von zehn Jahren. Bis 2037 werden die Kosten nun, bei einer Bauzeit von mindestens 24 Jahren, mindestens 1,5 Milliarden Euro betragen. Und für den Betrag ist nicht eine einzige Wärmepumpe geplant. Das Museum wird am Ende auch noch ein klimatechnisches Fossil sein, so Bernau. Der Hauptgrund für die irre Kosten- und Zeitexplosion ist der Umbauplan des inzwischen verstorbenen Architekten Oswald Mathias Unger, für den sich die SPK und der Bund entschieden hatten, weil man unbedingt einen "Haupt"- oder "Schnellrundgang" durch die Hauptgeschosssäle des Pergamonmuseums haben wollte und dafür auch tiefe Eingriffe in die Statik in Kauf nahm. "Ursache für alles ist letztlich, dass ein Konzept regelrecht gegen das bestehende Gebäude durchgesetzt wurde. Gezwungenermaßen mussten Riesenumbauten und damit Kosten folgen. Die SPK setzte eine von Beginn an teure und zeitintensive Planung durch, die nicht nur bei der künftigen Energie- und Klimabilanz des Pergamonmuseums desaströs sein musste. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellte offenbar auch in der Hoffnung auf den ganz großen Auftritt die Interessen des Publikums systematisch zurück." Und das "ist die eigentliche Katastrophe", findet Bernau: "Der Öffentlichkeit werden über einen schier unglaublichen Zeitraum unvergleichliche Kulturschätze vorenthalten. Und was einen vielleicht am meisten wundern kann bei allem: Von den Verantwortlichen hat man bislang kein Wort der Entschuldigung vernommen, kein Schuldeingeständnis." Geschweige denn, die Verantwortung für das Desaster übernommen.

Außerdem: In der FR denkt Robert Kaltenbrunner über die Bedeutung von Bibliotheken in der heutigen Zeit nach.