9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1404 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 141

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2023 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut steht vor dem größten Umbau seit seiner Gründung im Jahr 1951, das Budget wurde gekürzt, neun Standorte sollen geschlossen werden, meldet unter anderem Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Die Institute in Bordeaux, Genua, Lille, Osaka, Rotterdam, Triest, Turin, Washington, Curitiba (Brasilien) sowie das Verbindungsbüro Straßburg werden geschlossen. Betroffen von diesen Schließungen sind 110 Stellen der im Ausland angestellten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mehr noch: Die europäische Regionalstruktur steht zur Debatte." Dafür soll das Institut "künftig in Mittel- und Osteuropa, im Kaukasus, im Südpazifik sowie in der Fläche in den USA stärker präsent sein", schreibt Paul-Anton Krüger in der SZ: "In Polen solle eine weitere Zweigstelle neben Warschau und Krakau aufgebaut werden, ebenso in Texas und an einem weiteren Standort im Mittleren Westen neben Chicago. An den meisten neuen Standorten sind aber keine voll ausgestatteten Institute geplant. In Ländern, aus denen Deutschland Fachkräfte für die Einwanderung anwerben will, soll das Angebot an Sprachkursen ausgebaut werden, so in Brasilien, Indien, Indonesien oder Mexiko."

Auf ZeitOnline kommentiert Thomas E. Schmidt: "Auf die Programmarbeit der Goethe-Institute wird sich das vermutlich langfristig auswirken. 'Wer seid ihr?', 'Was wollt ihr?' und 'Wieso sollen wir mit euch zusammenarbeiten?' sind die Fragen, die künftig an die Bundesrepublik gerichtet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2023 - Kulturpolitik

Auf Wunsch einer lokalen Organisation in Birmingham, die sich für "Diversity" einsetzt, hat der Künstler Luke Perry die Skulptur "The Strength of the Hijab" entworfen, eine fünf Meter hohe Frauenstatue mit Kopftuch und Sichel in der Hand. Gegen das Aufstellen der Skulptur regen sich nun Proteste, berichtet Lucien Scherrer in der NZZ: "'Die Enthüllung dieser Statue ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die gegen Hijab-Gebote aufbegehren', schreibt Megan Manson, Kampagnenleiterin bei der britischen National Secular Society. Dies umso mehr, als das Monument der Öffentlichkeit wenige Tage nach dem ersten Jahrestag der Anti-Hijab-Proteste in Iran präsentiert worden sei. Die Statue werde wohl auch britische Musliminnen einschüchtern und den Druck der Fundamentalisten verstärken."
Stichwörter: Perry, Luke, Hijab, Kopftuch, Diversity

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2023 - Kulturpolitik

In der Welt (und in seinem Blog) ist Thomas Schmid jetzt schon bedient von den Plänen für das "Deutsch-Polnische Haus", das im Tiergarten entstehen soll. Die Planer haben sich nämlich für ein Informations- und Bildungszentrum entschieden, von einem Denkmal ist kaum noch die Rede: "Wie unwichtig das 'Erinnerungszeichen' ist, lässt sich schon daran erkennen, dass ihm in Roths Eckpunktepapier gerade einmal neun karge Zeilen gewidmet sind. Fast als ginge es darum, ein neu eröffnetes Einkaufszentrum ein wenig künstlerisch aufzuhübschen, heißt es in schlampiger Sprache, das Erinnerungszeichen solle 'ein markantes künstlerisches Element (!) in Verbindung mit dem Gebäude oder in der landschaftlichen Gestaltung des Umfeldes des Deutsch-Polnischen Hauses sein'. (…) Man entwertet eine Gedenkstätte, wenn man sie zum Appendix einer großen Belehrungsaktion macht. Die Verantwortlichen des 'Deutsch-Polnischen Hauses' haben das Pferd vom falschen Ende her aufgezäumt. Sie bewiesen Größe, wenn sie noch einmal gründlich neu nachdächten."
Stichwörter: Deutsch-Polnisches Haus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2023 - Kulturpolitik

Noch lösen Entlassungen missliebiger Theaterdirektorinnen oder die Schmähkampagnen gegen die Filmregisseurin Agnieszka Holland in Polen Proteste und Solidarisierungen aus, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Auch Gerichte entscheiden oft noch zugunsten der Geschassten. Dennoch gehen die Gleichschaltungen unter der Regierung der rechtspopulistischen Pis-Partei immer weiter. Die entlassenen Museumsdirektorinnen lassen sich kaum noch zählen: "Auf Hanna Wróblenska von der renommierten Nationalen Kunstgalerie Zacheta und auf Malgorzata Ludwisiak vom Warschauer Zentrum für Zeitgenössische Kunst, folgte Anfang September Joanna Wasilewska, langjährige Direktorin des Asien-Pazifik-Museums in Warschau. Die Begründung für ihre überraschende Absetzung: wieder 'finanzielle Unregelmäßigkeiten'."
Stichwörter: Polen, Holland, Agnieszka, Pazifik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2023 - Kulturpolitik

Die Hagia Sophia hält seit ihrer Umwidmung zur Moschee durch Tayyip Erdogan vor drei Jahren den Besuchermassen kaum stand, das Gebäude ist in Gefahr, berichtet Susanne Güsten im Tagesspiegel und verweist auf Warnungen des Historikers Ilber Ortayli. Drei Millionen Menschen gehen nun jährlich zum Beten in das Gebäude, hinzukommen die Touristen, die freien Zugang haben. Durch die Umwidmung "ging das byzantinische Bauwerk aus der Obhut des Kulturministeriums in die Verantwortung des staatlichen Religionsamtes der Türkei über; der Wissenschaftliche Beirat wurde aufgelöst. Die UN-Kulturorganisation Unesco, auf deren Liste des Weltkulturerbes die Hagia Sophia geführt wird, meldete seither Bedenken über den Denkmalschutz an." In Gefahr ist auch die Hagia Irene: "Die im Jahr 337 errichtete Vorläuferin der Hagia Sophia, in der im Jahr 381 das erste Ökumenische Konzil von Konstantinopel tagte, wird von den türkischen Behörden seit einigen Jahren für Konzerte und Veranstaltungen vermietet." Soviel zum Respekt zwischen Religionen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2023 - Kulturpolitik

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier hat neulich in einer aufsehenerregenden Intervention gefordert, dass aus der "Beratenden Kommission NS-Raubgut" eine Kommission mit sehr viel mehr Befugnissen werden müsse, denn sie hat in zwanzig Jahren gerade mal bei der Restitution von 23 Werken aus jüdischem Besitz helfen können (unser Resümee). Doch nach Claudia Roth soll es kein Restitutions-Gesetz geben, schreibt der Historiker Julien Reitzenstein in der Welt. Stattdessen soll die Beratende Kommission auch einseitig anrufbar sein und "eigene Provenienzforschung" betreiben können. "Das ist nicht hinreichend. (...). Denn der zentrale Punkt darf nicht übersehen werden: Das Grundrecht auf Eigentum ist das einzige Menschenrecht, das vererblich ist. Es ist daher eine Blamage für den Rechtsstaat, dass die rechtmäßigen Eigentümer so oft als Bittsteller auftreten müssen, wie auch Roth beklagt. Umso unverständlicher ist es, dass die Kulturstaatsministerin, deren moralischer Impetus seit Jahrzehnten Wertedebatten in Deutschland prägt, sich mit derartiger Verzagtheit auf die Opfer rechter Gewalt und nationalsozialistischer Verbrechen zubewegt."

Ein aktueller Fall zur Restitutionsthematik: In der SZ berichtet Kia Vahland über das Gemälde "Die Bergpredigt" von Frans Francken, das NS-Raubkunst ist. Darauf wurden die heutigen Besitzer, Nachkommen eines NS-Kasernenwartes, hingewiesen, sie wollen es zurückgeben: Aber es finden sich keine Nachkommen der einstigen jüdischen Besitzer. Und auch Museen wollen "das Stück mit so unklarer Geschichte" nicht aufnehmen. Was nun mit dem Gemälde passiert, bleibt offen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2023 - Kulturpolitik

Der ehemalige Verfasungsrichter Hans-Jürgen Papier will die "Beratende Kommission zur Restitution von NS-Raubkunst" in eine "entscheidende Kommission" verwandeln. Sein Vorwurf an die Museen ist, dass sie nach Kräften boykottieren, bisher seien überhaupt nur 23 Werke restitutiert worden (unser Resümee). Aber Patrick Bahners will sich von der kleinen Zahl nicht blenden lassen und attackiert Papier in einem etwas aufgeregt klingenden Leitartikel auf Seite 1 der FAZ: "Unter freihändiger Verwendung von Bekundungen des Abscheus verbreitet der Vorsitzende der Kommission die Botschaft, dass er und seine Kollegen mit einer restitutionsfeindlichen Stimmung zu kämpfen hätten. Alle sachlichen Schwierigkeiten des Unternehmens verschwinden in der einfachen Erklärung, dass es an gutem Willen fehle. Die Museen ganz allgemein werden mit diesem schlimmen Verdacht belegt, weswegen ihnen die Provenienzforschung entzogen werden soll." Im Feuilleton der FAZ informiert Hubertus Butin über den Stand in der Restiitutionsdebatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2023 - Kulturpolitik

In der NS-Zeit wurden wahrscheinlich an die 600.000 Kunstwerke aus jüdischen Haushalten gestohlen, heute befindet sich ein Großteil immer noch in deutschen Museen. Um dieses Unrecht zu beseitigen, wurde 2003 die "Beratende Kommission zur Restitution von NS-Raubkunst" gegründet, erinnert Jörg Häntzschel in der SZ. Bisher erfolgreich bearbeitete Fälle: 23. Das liegt auch an der Machtlosigkeit der Kommission: "Sie wird nur aktiv, wenn beide Seiten der Behandlung des Falls zustimmen. Und sie ist kein Gericht, sondern spricht nur 'Empfehlungen' aus. Es ist, zugespitzt gesagt, als könne ein Bestohlener den Diebstahl seines Eigentums nur feststellen lassen, wenn der Dieb dem Verfahren zustimmt. Und selbst wenn die Schuld des Diebs festgestellt wird, kann niemand diesen zwingen, den gestohlenen Gegenstand zurückzugeben." Die Kommission fordert daher: "Rechtlich verbindliche Vorgaben, also ein Restitutionsgesetz".

In Italien amtiert seit einem Jahr eine neo-faschistische Regierung, und zwar überraschend stabil und mit hohen Beliebtheitswerten. Giorgia Meloni nutzt den Rückenwind, um die RAI und Kulturinstitutionen gleichzuschalten, berichtet Marc Beise in der SZ. Das hätten zwar auch andere Regierungen getan und "natürlich wünscht sich jede politische Mehrheit gleich gesinnte Begleiter. Der große Unterschied zu früher ist nur, und das wäre der wirkliche Paradigmenwechsel, dass liberale Geister mit Widerspruch leben können, ihn manchmal sogar suchen - Meloni und ihren Verbündeten aber jede Gelassenheit fehlt."

Außerdem: Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten will die Bildergalerie im Schloss Sanssouci schließen, wo immerhin ein Caravaggio hängt. Es ist ein Coup, um bei Bund und Ländern die Rücknahme von Budgetkürzuungen zu erzwingen, ärgert sich Andreas Kilb in der FAZ. Die Stiftung müsse sich fragen lassen, "ob sie eigentlich noch bei Trost ist, wenn sie eines ihrer wichtigsten Objekte als Bilderkarte im Haushaltspoker benutzt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2023 - Kulturpolitik

Die Debatte um die Rückgabe von Benin-Bronzen scheint nun zu einem Machtkampf in Nigeria zu führen, schreibt die Journalistin Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. So erklärte Godwin Obaseki, der Gouverneurs des Edo-Bundesstaates, in dem die ehemalige Oba-Königsfamilie lebt, jüngst in Berlin, dass man nicht alle Bronzen zurückfordern würde, während das Dekret des ehemaligen nigerianischen Präsidenten Mohammedu Buhari die Bronzen "ausdrücklich dem Oba überlassen" hatte. Und von dieser rückt auch dessen Nachfolger Bola Tinubu nicht ab. Das wird durch die Obaseki nun in Frage gestellt: "Durch seine in Berlin getätigten Äußerungen wird klar, dass Obaseki es noch nicht für beschlossene Sache hält, dass der Oba von Benin Eigentümer der Bronzen ist, ob sie sich bereits in Nigeria befinden oder noch in europäischen Museen. 'Wir brauchen eine Beziehung des Vertrauens, mit welchem Eigentümer der Objekte auch immer', sagte er. 'Die Diskussion darüber, ob die Regierung oder der Palast zuständig ist, braucht Zeit. Das wird nicht über Nacht gelöst.'"
Stichwörter: Benin-Bronzen, Nigeria, Benin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2023 - Kulturpolitik

Kurz vor ihrem 20. Geburtstag hat die Limbach-Kommission überraschend ein "Restitutionsgesetz und damit eine klare Übernahme der Verantwortung als Rechtsnachfolgerin des NS-Staats" gefordert, um die Rückgabe von NS-Raubkunst zu beschleunigen, berichtet Stefan Trinks in der FAZ. Deutsche Museen haben bislang oft die Neigung, Rückgabeforderungen nur sehr schleppend zu untersuchen. Aber von einem Restitutionsgesetz wären auch private Eigentümer betroffen. Dies wäre "ein gewaltiger Schritt", meint Klaus Hillenbrand in der taz. "Zehntausende Kunstgegenstände vom Porzellanteller bis zum Ölgemälde, vom Buch bis zum silbernen Kerzenhalter, die zwischen 1933 und 1945 insbesondere Jüdinnen und Juden gestohlen wurden, dürften sich heute noch im Privatbesitz befinden. Jedermann konnte solche Gegenstände, aber auch Stühle, Betten und jedweden Hausrat ab 1941 bei öffentlichen Versteigerungen von 'Judenhaushalten' im Deutschen Reich erwerben. Die enteigneten Besitzer wurden in den Tod deportiert, der Erlös der Versteigerungen floss in die Taschen des zuständigen Oberfinanzpräsidenten und damit des Nazi-Staats."