9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1404 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 141

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2023 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel skizziert der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich die seiner Meinung nach irreversible Spaltung im Kulturbetrieb. Vor allem fürchtet er eine Instrumentalisierung von Interessen, denn Förderzusagen für Institutionen würden zunehmend davon abhängig gemacht, "wen sie ein- und wen sie ausladen und welchen Themen sie sich widmen. …Je nach Interesse kann man für eine Beurteilung Zusammenhänge ausblenden oder beliebig erweitern, doch vor allem kann man jene guten Gründe für ganz andere, ihrerseits keineswegs gute Ziele instrumentalisieren. … So überrascht schon, wer sich auf einmal alles über palästinensischen Antisemitismus empört und erkennbar daran interessiert ist, möglichst viele Akteure des hiesigen Kulturbetriebs in den Verdacht zu bringen, davon geprägt zu sein oder damit zumindest zu sympathisieren. ... Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass unter denen, die sich hier besonders engagieren, etliche ein Problem mit der gesamten Ausrichtung des Kulturbetriebs haben. Verhohlen oder unverhohlen stören sie sich schon länger daran, dass dieser sich so viel um Schwache und um Minderheiten kümmert, sind genervt von Frauenquoten und mehr Aufmerksamkeit für Schwarze oder Queere, haben etwas gegen die Rückgabe von Benin-Bronzen oder eine kritische Revision des Kanons. Aber während sie bisher nur beleidigt oder rückständig erschienen, wenn sie ihren Unmut äußerten, haben sie nun ein fantastisches Mittel zur Hand, um die Kulturinstitutionen aus einer Position moralischer Hoheit anzugreifen."

Derweil kursiert im Internet eine von einer anonymen, aber offenbar BDS-nahen Gruppe lancierte Liste, die die "Haltung von Kulturinstitutionen und -kollektiven gegenüber der aktuellen palästinensischen Befreiungsbewegung" überwachen will, berichtet Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung: Bei dem Dokument handele es sich "um eine Art 'schwarze Liste', auf der Kulturinstitutionen und Clubs auf der ganzen Welt sortiert werden. Bis Donnerstagnachmittag sind es 902, die dort eingeteilt werden in Kategorien wie 'Support', 'Silent' oder 'Pro-Zionist' - also den palästinensischen Kampf unterstützend, zum Konflikt schweigend oder eben gleich 'Pro-Zionist'. Letzteres knallrot hinterlegt bedeutet zum Beispiel, dass man nach dem Terrorangriff der Hamas ein 'Stand With Israel' gepostet hat oder sich schlicht gegen Antisemitismus äußert wie der Berliner Club About Blank. In einem weiteren Fenster werden dann mal mehr mal weniger ausführlich die Vergehen der Institutionen notiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2023 - Kulturpolitik

Unter dem Titel "We Still Need to Talk" sollte im Berliner Futurium eine von der in Südafrika geborenen Künstlerin Candice Breitz und dem amerikanischen Holocaust-Forscher Michael Rothberg organisierte Konferenz zu den Themen deutsche Erinnerungskultur, Antisemitismus, Islamophobie und Rassismus stattfinden, die Bundeszentrale für politische Bildung hätte das Budget bereitgestellt - und sagte nun mit der Begründung, die Debatte könne aktuell nicht konstruktiv geführt werden, ab, berichten Peter Neumann und Uwe Timm in der Zeit: "Michael Rothberg glaubt nicht, dass die Absage mit dem Zeitpunkt der Tagung zusammenhängt. Er sieht die tieferen Gründe in der Art, wie die Deutschen mit ihrer Geschichte umgehen: 'Aus einer selbstkritischen Erinnerungskultur ist inzwischen eine selbstgerechte geworden, in der eine parteiische Definition von Antisemitismus dafür missbraucht wird, eine kritische Diskussion über Israel zu unterbinden und sogenannte muslimische Einwanderer als an sich antisemitisch zu bezeichnen.' Das gute Deutschland, so sieht es Rothberg, versuche sich von seiner eigenen Schuld zu entlasten, indem es mit dem Finger auf den Antisemitismus von Muslimen zeige."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2023 - Kulturpolitik

Von allzu vielen Israel-Fahnen vor deutschen Kulturinstitutionen oder zumindest Veranstaltungen, in denen sich der Schock über die Hamas-Pogrome artikuliert, berichtet eine Autorengruppe im Spiegel nicht. Stattdessen beobachtet sie "eine eigentümliche Kopflosigkeit in den Kulturinstitutionen" und gar "Unsicherheit, Angst, etwas falsch zu machen". Bisher, so die Reportage, folgten die Intendanten eher den Parolen aus dem "Weltoffen"-Aufruf, angeblich nicht weil man BDS war, aber auch nicht aus der im Aufruf behaupteten "Weltoffenheit", so der Spiegel: "'Globaler Süden', 'Postkolonialismus' und 'Intersektionalität' waren die Modewörter, mit denen die Institutionen hofften, konkurrenzfähig zu bleiben. Dass sie an amerikanischen und britischen Universitäten und in der dortigen Kunstwelt häufig mit Israelfeindlichkeit verbunden waren, schienen sie in Kauf zu nehmen." So kam man also auch an Geld und Posten. Ändert sich das jetzt? Wer sich "in Berlin unter Kulturpolitikern umhört, kann jetzt ganz andere Töne vernehmen als noch in den vergangenen Jahren. Die Selbstverständlichkeit dürfte vorbei sein, mit der Projekte bewilligt wurden, die sich unkritisch mit dem Globalen Süden beschäftigen."

Pompidou verewigte sich mit einem Kulturzentrum, Mitterrand mit einer Bibliothek und der Glaspyramide im Louvre, Emmanuel Macron tritt bescheidener auf, berichtet Martina Meister, die für die Welt die in einem alten Jagdschloss entstandene "Cité internationale de la langue francaise" im kleinen Villers-Cotterêts besucht hat: "Man darf sich darunter eine moderne Begegnungsstätte in alter Kulisse vorstellen, in der etwas so Immaterielles wie eine Sprache mit den Möglichkeiten jüngster Techniken durchleuchtet wird. (…) Das Projekt sei wichtig, so Macron, 'weil die französische Sprache für den Zusammenhalt der Nation sorgt, weil die französische Sprache eine der Freiheit und des Universalismus ist." Und: "Noch am selben Abend hat der Senat in Paris einen Gesetzesantrag mehrheitlich verabschiedet, mit dem das oberste Haus die französische Sprache vor den 'Auswüchsen einer inklusiven Schreibweise' schützen und Gendern in Gesetzestexten, aber auch Gebrauchsanweisungen, Verträgen oder Alltagsdokumenten verbieten will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2023 - Kulturpolitik

Stefan Laurin von den Ruhrbaronen hat Unterzeichner des "Weltoffen"-Aufrufs von 2020 gefragt, wie sie heute zu BDS stehen und ob sie den Aufruf heute noch so unterzeichnen würden. Der Aufruf machte sich bekanntlich dafür stark, dass Künstler in ihren Institutionen BDS-Positionen verfechten können. BDS hat sich in einer Erklärung nicht nur nicht von den Hamas-Pogromen distanziert, sondern sie als "machtvolle bewaffnete Reaktion der unterdrückten Palästinenser im Gaza-Streifen" gefeiert. Die meisten Intendanten antworten in fast gleichlautenden Statements, dass sie zu dem Papier stehen. Das Papier sei gar nicht als Unterstützung von BDS gemeint gewesen: "Vielmehr ging und geht es darum, nicht jede oder jeden, die sich mit einzelnen Zielen und Statements aus dem BDS-Umfeld identifizieren, prinzipiell aus dem öffentlichen Diskurs heraus zu drängen. Es gilt also zu differenzieren. Diese Haltung ist auch und gerade nach den grauenhaften und durch nichts zu rechtfertigenden Terrortaten der Hamas ab 7. Oktober 2023 richtig und nötig. Sprechräume für friedlichen Austausch und Debatte sind wichtiger denn je."

Zwei Intendanten sehen es freilich anders. Barbara Mundel von den Münchner Kammerspielen schreibt: "Aus heutiger Sicht verstehe ich das Plädoyer GG 5.3 als Teil einer Entwicklung, die israelbezogenen Antisemitismus normalisiert hat. Das teilweise vorhandene Zögern, den grauenvollen Anschlag der Hamas auf Israel zu verurteilen, hat auch mit der Virulenz dieser Form des Antisemitismus zu tun." Und Michael Grosse, der Generalintendant und Geschäftsführer des Theaters Krefeld und Mönchengladbach, konstatiert: "Insbesondere durch das Fehlen einer aktuell tatsächlich angemessen solidarischen Positionierung - ohne jedwede Relativierung - für die existentiellen Belange Israels durch die Initiative Weltoffenheit, ist die Unterzeichnung aus dem Jahre 2020 so nicht mehr haltbar und muss zurückgezogen werden. Jedweder - noch so kleine - Interpretationsverdacht, der in der jetzigen Situation die Solidarität mit Israel in Frage stellen könnte, muss ausgeschlossen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2023 - Kulturpolitik

Warum wird das Pergamonmuseum nach einem Entwurf von Oswald Mathias Ungers aus dem Jahr 1999 umgebaut, fragt Nikolaus Bernau verzweifelt im Tagesspiegel. Ungers habe sich "nie wirklich für den neuklassizistischen Monumentalbau seiner Vorgänger Alfred Messel und Ludwig Hoffmann interessiert". Was mit der Umsetzung seiner Pläne droht, kann man doch jetzt schon sehen, meint Bernau: "Bereits weitgehend fertig ist der neue Eingangsbau zum Ostflügel. Er zeigt uns, was mit diesem Vierten Flügel droht: Eine doktrinäre Architektur, die unbedingt mit den zweifellos gewaltigen Fassaden Messels und Hoffmanns konkurrieren will, statt sich ihnen einzufügen, gar unterzuordnen. Um 1999 mag das als ehrende Abrundung des Lebenswerks von Ungers noch akzeptabel gewesen sein, sogar noch um 2010 - aber 2040 wird sie schlichtweg unverständlich und vertrocknet erscheinen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2023 - Kulturpolitik

Slogans wie "Decolonize Israel" wie sie von VertreterInnen aus der Kulturszene geliket oder geteilt wurden und werden, "liefern die verbale Steilvorlage für die hemmungslos ausagierte Gewalt palästinensischer Attentäter", schreibt Chris Schinke in der taz: "Dessen sollten sich eigentlich auch die Funktionäre großer Kultureinrichtungen und -institutionen bewusst sein, die 2020 im Rahmen der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit einen pathosreichen Bühnenauftritt hinlegten, der ihr allzu hilfloses Ringen mit der Israel-Boykottbewegung BDS samt dazugehörigem Bundestagsbeschluss offenbarte." Dabei heiße es hinter vorgehaltener Hand aus dieser Szene oft: "Positionierungen … seien schlichtweg nicht möglich, da sonst der Kreis aus Mitstreiter:innen, Friends und Allies abtrünnig werde und man sich im schlimmsten Fall Boykotte einhandle, zuvorderst von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Globalen Süden. Sorry, aber das ist einfach Humbug. Und auf weirde, patriarchale Weise auch eine Bevormundung der so Assoziierten."

Außerdem: In einer "Friedensbotschaft" der SZ erklärt Daniel Barenboim, warum er mit seinem Diwan-Orchester jetzt erst recht weitermachen will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2023 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut war immer ein Faktor in der weichen deutschen Außenpolitilk, der es vor allem um die Flankierung der deutschen Wirtschaftserfolge ging. Das Institut solle nun ein Zehntel seiner Kosten einsparen, Opfer sind Repräsentanzen in Frankreich, aber auch Italien, berichten Birgit Holzer und Andrea Dernbach im Tagesspiegel: "Mit dem Aus für Genua, Turin und dem Schlusspunkt unter dem schon seit Jahren unbesetzten Institut in Triest ist es wohl nicht getan. Auch das Goethe-Institut in Neapel, das in der Liste der geschlossenen Institute nicht erscheint, dürfte ab nächstem Jahr nur noch dem Namen nach existieren."
Stichwörter: Goethe Institut

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2023 - Kulturpolitik

Claudia Roth verfolgt unter dem Titel "Green Culture" das Ziel, "Kultur und Nachhhaltigkeit zusammenzudenken, auch Konferenzen zum Thema haben bereits stattgefunden. In der Welt (und in seinem Blog) ärgert sich Thomas Schmid: "Warum, fragt man sich, 'Green Culture'? Das wirkt schon deswegen deplatziert, weil es sich eigentlich nicht gehört, dass eine Partei mit ihrem Namen gleich einen ganzen Kulturzweig für sich zu vereinnahmen versucht." Und: "Was bringt 'Green Culture' für die Kultur? Schnell merkt man, dass es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern mindestens ebenso um Politik, um Einflussnahme geht. Die Kultur soll vor den Wagen der ökologischen Transformation gespannt werden. Die Frage, was dieser Staatsinterventionismus der Kultur nützen könne, wird nicht einmal gestellt. (...) Es wäre ein Unding, die Kultur in den Dienst einer wie auch immer berechtigten politischen Vision zu stellen. Kultur reimt sich nicht auf gesellschaftliche Verantwortung."

Außerdem: Hierzulande war es nicht mehr als eine Meldung, in der französischen Presse und Politik war indes das Entsetzen groß: Das Goethe-Institut will neun Standorte schließen, darunter Bordeaux und Lille, schreibt Nils Minkmar, der das in der SZ ebenfalls für eine "kulturpolitische Katastrophe" hält.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2023 - Kulturpolitik

In Deutschland hat der Präsident der "Beratenden Kommission NS-Raubgut" Hans-Jürgen Papier mehr Rechte für seine Kommission eingefordert, die nach zwanzig Jahren gerade mal 23 Werke aus jüdischem Besitz zurück an ihre Besitzer bringen konnte (unsere Resümees). Aus den Fehlern der deutschen Kommission muss die Schweiz lernen, fordert der Historiker Julien Reitzenstein in der NZZ. Ein Kompetenzzentrum, vom Bund und den Kantonen finanziert, sei "wünschenswert". "Dort kann nach klar definierten Kriterien Aus- und Weiterbildung nebst Evaluation stattfinden. Sollte die Schweiz einer deutschen Diskussion zur Herauslösung der Provenienzforschung aus den Museen folgen, würde in einer weiteren Abteilung die eigenständige Untersuchung der relevanten Museumsbestände und Klärung der Provenienzen stattfinden. Bei Raubkunstverdacht würde dann fallbezogen durch spezialisiert zusammengestellte Expertenteams ermittelt. Eine solche neutrale Forschungsstelle mit Auskunftsrecht gegenüber den Museen würde auch die Kosten von Auseinandersetzungen um mögliche Raubkunst für die Beraubten senken."

Die stinkreiche Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung ist im letzten Jahr ins Gerede gekommen, weil sie ihren Chef Marcel Lepper feuerte, der wiederum ihre sehr sehr sehr rechte Geschichte aufarbeiten wollte (unsere Resümees). Nun gibt es eine neue Chefin, meldet Jörg Häntzschel in der SZ, die Juristin Isabel Pfeiffer-Poensgen, ehemals Ministerin für Kultur und Wissenschaft in NRW.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2023 - Kulturpolitik

Den Kampf gegen die alte Ordnung in der Türkei hat die AKP auf nahezu allen Gebieten gewonnen: In Politik, Justiz, Wirtschaft und Medien. Aber weil der Versuch, eine regierungsnahe Kulturszene aufzubauen, scheiterte, setzt Erdogan auf Repression, berichtet Rainer Hermann auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ. Aber die Künstler lassen sich nicht unterkriegen: "Es gibt nicht ein einziges staatliches Museum für Gegenwartskunst. Die findet überwiegend in privaten Galerien statt. Die dort ausgestellten Objekte reflektieren die Wirklichkeit der Türkei, sie reiben sich an ihr und werden so zu einem Akt des Widerstands. 'Im Vordergrund stehen Genderfragen und queere Kunst', sagt Ferhat Yeter von der Galerie Anna Laudel. Es gibt in der Türkei weit mehr queere Kunst als queere Künstler. Weil aber die Regierung Queeres unterdrücke und bekämpfe, forderten überproportional viele Kunstschaffende sie gerade auf diesem Feld heraus, sagt Ferhat Yeter. Etwa wenn der 1991 geborene türkisch-amerikanische Künstler Sarp Kerem Yavuz traditionelle Motive der türkischen Keramik auf nackte männliche Körper projiziert. Ein anderes Thema sind Verarmung und der Hunger, den die Türken so bisher nicht gekannt haben."