Im
Tagesspiegel skizziert der Kunsthistoriker
Wolfgang Ullrich die seiner Meinung nach irreversible Spaltung im Kulturbetrieb. Vor allem fürchtet er eine Instrumentalisierung von Interessen, denn
Förderzusagen für Institutionen würden zunehmend davon abhängig gemacht, "wen sie ein- und wen sie ausladen und welchen Themen sie sich widmen. …Je nach Interesse kann man für eine Beurteilung Zusammenhänge ausblenden oder beliebig erweitern, doch vor allem kann man jene guten Gründe für ganz andere, ihrerseits
keineswegs gute Ziele instrumentalisieren. … So überrascht schon, wer sich auf einmal alles
über palästinensischen Antisemitismus empört und erkennbar daran interessiert ist, möglichst viele Akteure des hiesigen Kulturbetriebs in den Verdacht zu bringen, davon geprägt zu sein oder damit zumindest zu sympathisieren. ... Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass unter denen, die sich hier besonders engagieren, etliche ein Problem mit der gesamten Ausrichtung des Kulturbetriebs haben. Verhohlen oder unverhohlen stören sie sich schon länger daran, dass dieser sich so viel um Schwache und um Minderheiten kümmert, sind genervt von Frauenquoten und mehr
Aufmerksamkeit für Schwarze oder Queere, haben etwas gegen die Rückgabe von Benin-Bronzen oder eine kritische Revision des Kanons. Aber während sie bisher nur beleidigt oder rückständig erschienen, wenn sie ihren Unmut äußerten, haben sie nun ein fantastisches Mittel zur Hand, um die Kulturinstitutionen aus einer
Position moralischer Hoheit anzugreifen."
Derweil kursiert im Internet eine von einer anonymen, aber offenbar BDS-nahen Gruppe
lancierte Liste, die die "Haltung von Kulturinstitutionen und -kollektiven gegenüber der aktuellen palästinensischen Befreiungsbewegung" überwachen will,
berichtet Timo Feldhaus in der
Berliner Zeitung: Bei dem Dokument handele es sich "um eine Art 'schwarze Liste', auf der
Kulturinstitutionen und Clubs auf der ganzen Welt sortiert werden. Bis Donnerstagnachmittag sind es 902, die dort eingeteilt werden in Kategorien wie 'Support', 'Silent' oder 'Pro-Zionist' - also den palästinensischen Kampf unterstützend, zum Konflikt schweigend oder eben gleich 'Pro-Zionist'. Letzteres
knallrot hinterlegt bedeutet zum Beispiel, dass man nach dem Terrorangriff der Hamas ein 'Stand With Israel' gepostet hat oder sich schlicht gegen Antisemitismus äußert wie der Berliner Club About Blank. In einem weiteren Fenster werden dann mal mehr mal weniger ausführlich die Vergehen der Institutionen notiert."