Die
Wikipedia ist das einzige soziale Medium, das nachhaltig beweist, dass ein soziales Medium nicht zwangsläufig Hass produziert und für die Öffentlichkeit dennoch
überaus relevant sein kann - aber viele Artikel zum zwanzigsten Geburtstag der Enzyklopädie würdigen diese Leistung nicht, weil es ihnen zu wichtig ist
zu mäkeln.
So auch heute Denis Gießler in der
taz: "Neuankömmlinge, die anfangs motiviert sind sich einzubringen, haben es wegen des komplexen Regelwerks zunehmend schwer. Die über Jahre entwickelten Relevanzkriterien, also ob Personen, Ereignisse oder Themen zeitüberdauernd von Bedeutung sind oder nicht, und das neutrale Schreiben über einen Sachverhalt sind anspruchsvoll, und Stunden an Arbeit können manchmal
kommentarlos gelöscht werden. Wissenschaftler:innen betrachten in einer Studie das raue Klima innerhalb der Wikipedia-Gemeinschaft zudem als einen Grund dafür, dass sich auch
immer weniger Frauen einbringen."
FAZ-Autor Kai Spanke benennt en passant immerhin einen Vorteil, den die Wikipedia
gegenüber allen Pressetiteln hat: "Bei bedeutenden
tagesaktuellen Ereignissen - etwa der Katastrophe von Fukushima oder dem Sturm auf das Kapitol in Washington - lässt die Wikipedia ihren Status als Enzyklopädie schnell hinter sich. Stattdessen fungiert sie dann als Ort, an dem man
minutengenau sehen kann, was wir über ein Geschehen wissen."
Bei Markus Beckedahl in
Netzpolitik klingt immerhin noch etwas von der Begeisterung, die dieses Projekt auslösen kann, durch. Er veröffentlicht ein Podcast mit Leonhard Dobusch über die Wikipedia. In der Einleitung schreibt er: "Die Nullerjahre hindurch wurde die Wikipedia-Community für ihre Mission und ihr Engagement noch häufig von denen
ausgelacht, die noch darauf hofften, dass das mit der Digitalisierung bald wieder verschwinden würde. Gemeinsam Wissen teilen, ehrenamtlich Artikel zu den nischigsten Themen schreiben, die man sich vorstellen kann - das könne doch nicht funktionieren. Wer komme denn auf so eine dämliche Idee und vor allem: Wer glaubt denn an eine solche verrückte Utopie? Aber da war schon klar, dass das Modell
zukunftsweisender war als das jährliche Drucken enzyklopädischen Wissens in lange Bücherreihen, die dann schon nicht mehr aktuell waren, wenn sie als Deko im Regal verstaubten."
Wieviel ist von dem Ideal der Wikipedia, ein "
freier,
demokratischer, allen zugänglicher und in
offener Debatte geformter Raum" zu sein, noch übrig,
fragt sich Nina Breher im
Tagesspiegel. PR-Firmen säubern Einträge, auch Akteure nehmen selbst verdeckt Einfluss darauf, "wie über sie geschrieben wird. Der Beitrag zu
Taiwan etwa: Das Land, auf das China Anspruch erhebt, wird immer wieder von einem 'Inselstaat in Asien' zu einer 'chinesischen Provinz' gemacht. Die
BBC fand weitere Änderungen dieser Art in Bezug auf
China, etwa im Artikel zu Tibet. In China selbst ist
Wikipedia gesperrt, auch in der
Türkei war die Seite zweieinhalb Jahre nicht erreichbar. Der türkische Verfassungsgerichtshof verfügte Ende 2019, Wikipedia wieder freizuschalten. Längst ist das Schwarmwissen also nicht mehr für alle da. Auch das trübt die Vision des klassen- und grenzenlosen Brockhaus für alle."
Für
heise.de interviewt Torsten Kleinz den Wikipedia-Gründer
Jimmy Wales.