9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2020 - Internet

Internetwerbung ist die Quelle des Reichtums für Google und Facebook, aber die Sache ist komplex. Bestimmte Werbeplätze (auch im Perlentaucher) werden durch eine Art Auktion verkauft, aber Google stellt hier oft zugleich die Infrastruktur zur Verfügung und ist Wettbewerber. Im Kartellverfahren gegen Google, das jetzt in Amerika angestrengt wird, spielt das eine wichtige Rolle, berichtet Daniel AJ Sokolov bei heise.de: "Bei 'Header Bidding' eröffnet nicht ein Werbeserver sondern ein JavaScript im Browser des Users mehreren Werbebörsen die Möglichkeit, für die Werbeflächen zu bieten. Der Werbeserver des Webseitenbetreibers (in der Regel der Google Ad Manager) hat dann Nachrang. Für die Webseitenbetreiber war das lukrativ, doch Google habe seine Felle davonschwimmen sehen. Seither soll Google mit hohem Aufwand und Erfolg gegen Header Bidding ankämpfen. Zunächst gestattete es den Einsatz mehrerer Werbebörsen - soll aber insgeheim seine eigene Börse gewinnen haben lassen, selbst wenn ein fremdes Gebot höher war."

Außerdem: In der FAZ schreibt Niklas Maak ein euphorisches Porträt über den Internetkritiker Evgeny Morozov, der gerade eine monumentalen Kultur- und Ideologiegeschichte des Internets schreibt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2020 - Internet

Revolutionär nennen Alexander Fanta und Thomas Rudl bei Netzpolitik die EU-Vorschläge für die Einschränkung der Macht der großen Internetplattformen: "Plattformen mit mehr als 45 Millionen Nutzenden in der EU sollen eigenen Regeln folgen. Sie erhalten Auflagen für neue Maßnahmen gegen die Verbreitung illegaler Inhalte, sie müssen die Wirkungsweise ihrer Algorithmen offenlegen und eine unabhängige Prüfung der gefassten Maßnahmen erlauben. Wenn sich die Konzerne den Auflagen widersetzen, drohen Strafen von bis zu sechs Prozent ihres globalen Jahresumsatzes." Es soll eine Transparenzpflicht für Algorithmen geben. Selbst die Zerschlagung von Google oder Facebook soll mit diesem Gesetz möglich werden, so die Autoren. Serafin Dinges fasst erste Reaktionen zusammen.

"Eine Sache aber ändert das Gesetz wohl nicht", warnt Ulrich Machold in einem lesenswerten, sich nicht nur aufs Meckern beschränkenden Artikel auf Zeit online. "Es behandelt die Digitalgiganten weiter vor allem als Unternehmen, deren wirtschaftliche Macht kontrolliert werden muss. Das sind sie aber längst nicht mehr. Google, Twitter, YouTube und Co. greifen schon jetzt so tief in Fragen von Macht, Wahrnehmung und persönlicher Freiheit ein, dass sie mitbestimmen können, wie sich Gesellschaften konstituieren und wie Menschen ihr Leben leben." Machold greift deshalb einen Vorschlag von Sinan Aral auf, Professor am Institute for Data des MIT, der die Techregulierung unabhängigen Experten überlassen will (ähnlich, wie die Zentralbank die Geldpolitik reguliert). "'Wir müssen uns entscheiden, ob wir kleckern oder klotzen wollen', sagt Soziologe [Ulrich] Dolata. 'Klotzen würde bedeuten: die Konzerne womöglich zu entflechten, sie aber vor allem rigide zu beaufsichtigen - zum Beispiel durch eine europäische Regulierungsbehörde, die demokratisch legitimiert, parlamentarisch angebunden und mit Experten besetzt ist, die auch Zugang zu den internen Aktivitäten haben.' Es müsse auch möglich sein, Algorithmen zu überprüfen und Grundstandards wie politische Neutralität festzulegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 - Internet

Alexander Fanta führt für Netzpolitik ein faszinierendes Gespräch mit der Wettbewerbsforcherin Dina Srinivasan, die Googles Stellung auf dem Online-Anzeigenmarkt untersucht hat. Ihre Beobachtung ist, dass der Anzeigenmarkt heute funktioniert wie der Finanzmarkt: Anzeigen werden nicht mehr direkt in Medien geschaltet, sondern über Google als Makler oder Broker. "Wenn die Leute über Google nachdenken, sagen sie zunächst, Google macht eine Suchmaschine. Wenn man dann versteht, dass Google fast all sein Geld über Anzeigen macht, kommt die nächste Vermutung und man sagt, 'oh, das liegt daran, dass Google eine Menge Anzeigen auf Youtube und in der Suche verkauft'. Und das stimmt ja auch. Aber dann muss man verstehen, dass Google nicht nur auf seinen eigenen Seiten Anzeigen verkauft, sondern auch auf Millionen anderen Seiten in der ganzen Welt." Dabei entsteht aber ein Interessenskonflikt, so Srinivasan, denn Google ist zugleich Broker und Marktplatz - und schiebt sich selbst einen immer größeren Teil der Einnahmen zu: "Auf den Finanzmärkten haben wir proaktive Firewall-Anforderungen. Makler können nicht mit Börsenmitarbeitern sprechen. Sie müssen sich in verschiedenen Gebäuden befinden. Sie müssen sicherstellen, dass sie nicht gegen Interessenkonflikte verstoßen."

Der Internetrecherchedienst Bellingcat hat zusammen mit internationalen Medien wie CNN und Spiegel herausgefunden, dass eine Gruppe von FSB-Agenten hinter dem Mordversuch an Alexej Nawalny steckt. In einem eigenen Artikel erklären die Rechercheure, wie sie auf die Spur kamen: Sie verfolgten Telefon-Metadaten von Mitarbeitern von Chemiewaffenlaboren und FSB-Agenten. Offenbar sind sie erstaunlich leicht an die Daten gekommen und belegen nebenbei, wie wichtig Datenschutz ist: "Die meisten der Informationen, die wir für unsere Recherchen nutzten, hätte man in den meisten westlichen Ländern nie bekommen, aber in Russland sind sie entweder gratis oder gegen eine geringe Gebühr leicht erhältlich. Hinzukommt, dass russische E-Mail-Provider wie Mail.ru und Rambler und soziale Netzwerke wie Vkontakte wesentlich weniger sicher und auf Privatsphäre fokussiert sind als ihre westlichen Äquivalente, was zu häufigen Datenleaks und robusten Suchmöglichkeiten führt."

Viel wird derzeit geforscht, wie man trotz Distanz bei Videochats Nähe herstellen kann, erzählt ein zoommüder Michael Moorstedt in der SZ. Zum Beispiel mit der App Together: "Sie ist darauf ausgelegt, dass isolierte Großeltern mit ihren Enkelkindern Kontakt halten können und kombiniert deshalb eine Vorlese- und Spielefunktion mit einem Videochat. ... Eine der vielversprechendsten Lösungen nennt sich Proximity Chat. Vereinfacht gesagt hat man hier Chaträume, in denen man sich zwischen den Konversationen hin und herbewegen können soll wie auf einer Party. Jeder Nutzer wird von einem Avatar repräsentiert, der frei durch einen virtuellen Raum gesteuert werden kann. Genau wie im echten Leben kann man dann nur die Teilnehmer sehen und hören, deren Icons sich in der Nähe des eigenen befinden. Genauso kann man nicht hören, was andere bereden, deren Avatare sich auf der anderen Seite des Raums befinden. Erst wenn man sich nähert, werden ihre Stimmen lauter und ein Videokästchen erscheint auf dem Bildschirm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2020 - Internet

Online nachgereicht: Georg Blumes und Ann-Kathrin Neziks Porträt des EU-Beamten und studierten Physikers Prabhat Agarwal in der Zeit. Agarwals Job ist es, die Macht von Google, Amazon, Facebook und Apple zu beschränken: "Laut einem Entwurf aus dem September könnten die so aussehen: Gatekeepern - also den großen Plattformen - wollen sie demnach verbieten, eigene Angebote zu bevorzugen oder sich an Daten von Wettbewerbern zu bereichern. Das wäre ein Frontalangriff auf die großen vier, ein tiefer Eingriff in ihre Geschäftsmodelle. Google dürfte seine Nutzer dann vielleicht nicht mehr so einfach von der Suchmaschine auf YouTube oder Google Maps lenken, die auch zum Konzern gehören. Apple müsste zulassen, dass der Streamingdienst Spotify und andere Rivalen sein Bezahlsystem umgehen."
Stichwörter: Streamingdienste, Spotify

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 - Internet

Facebook hat sich eine Art Rundfunkrat geschaffen, der strittige Fälle über Streichungen von Äußerungen oder Gruppen klären soll. Der Rat wird allgemein für seine Zahnlosigkeit kritisiert, schreibt David Gilbert bei Vice.com. Sechs Fälle sollen jetzt verhandelt werden, unter anderem "ein Fall, in dem ein Nutzer Screenshots von Tweets des ehemaligen malaysischen Premierministers Mahathir Mohamad gepostet hat, in denen dieser erklärte, dass 'Muslime das Recht haben, wütend zu sein und Millionen von Franzosen für die Massaker der Vergangenheit zu töten'. Der Nutzer sagte, der Beitrag sei nur dazu gedacht, das Bewusstsein für die 'schrecklichen Worte' des ehemaligen Premierministers zu schärfen." Neben dem Oversight Board hat sich noch ein "Real Facebook Oversight Board (RFOB)" aus externen Facebook-Kritikern gebildet, die unter anderem die Verbannung Steve Bannons von Facebook fordern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2020 - Internet

Fridtjof Küchemann spricht in der FAZ mit der Informatikerin Sina Zarrieß über die Software GPT-3, die die Erstellung erstaunlich perfekter Texte ermöglicht und die KI im Feld der Sprache einen Schritt weiter vorantreibt. Auf die Frage, welche Manipulationen damit möglich werden, antwortet sie: "Ich würde eher sagen, dass es die offensichtlichen und die diffusen Gefahren gibt. Klar ist, dass man mit diesen Sprachmodellen schädliche Bots und Apps bauen kann, die zum Beispiel fake news verbreiten oder Anrufe fingieren, also ganz direkter Missbrauch dieser Technologie. Schwerer zu fassen ist die Gefahr, die von ganz normalen Apps und Tools ausgeht, die unsere sprachlichen Daten auswerten und unser normales Leben beeinflussen und ganz nebenbei vielleicht noch Rückschlüsse auf unsere Persönlichkeitsmerkmale ziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Internet

Screenshot aus dem New-York-Times-Artikel.

Es war selten faszinierender, einen Artikel herunterzuscrollen, als bei diesem New-York-Times-Artikel von Kashmir Hill and Jeremy White über Gesichter, die nicht existieren, obwohl sie so echt zu sein scheinen, und über ihre Funktion in der Werbewirtschaft: "Es gibt jetzt Unternehmen, die gefälschte Menschen verkaufen. Auf der Website Generated.Photos können Sie eine 'einzigartige, völlig probemlose' gefälschte Person für 2,99 Dollar oder tausend Personen für 1.000 Dollar kaufen. Wenn Sie nur ein paar gefälschte Personen benötigen - für Charaktere in einem Videospiel oder um Ihre Firmenwebsite diverser zu gestalten - können Sie deren Fotos kostenlos auf ThisPersonDoesNotExist.com erhalten." Die Autorinnen erklären auch, woran man erkennen kann, ob das Foto eines Gesichts gefälscht ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Internet

Adrian Lobe gehört zu jenen Internetkritikern, die die großen Plattformen seit Jahren alles Böse zutrauen, so auch heute in der Welt, nur in eine seltsamen Umkehrung der üblichen Vorwürfe. Wird den Plattformen sonst angekreidet, sie schärften durch ihre Algorithmen die Hassrede noch und seien für alle Übel in der Gesellschaft Treiber und Auslöser, stoßen Lobe nun etwa Aufforderungen bei Twitter auf, einen Artikel zu lesen, bevor man ihn teilt. Das ist nun auch wieder recht: "Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Konzerne gegen Desinformationen oder Cyber-Mobbing auf ihren Plattformen vorgehen. Hass ist das alles zersetzende Gift der Öffentlichkeit. Doch kann ein Nutzer nicht selbst entscheiden, ob er einen ungelesenen Artikel teilt oder andere Nutzer beleidigt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Internet

Die sozialen Medien müssen dringend stärker reguliert werden, fordern die Rechtsprofessoren Jürgen Kühling und Rolf Schwartmann in der FAZ: "Dass es in einem weiteren Schritt eines der ausgestaltungsbedürftigen Rundfunkordnung vergleichbaren staatlichen Regulierungsrahmens jenseits des bereits im jüngst novellierten Medienstaatsvertrag aufgenommenen Diskriminierungsverbots bedarf, sagt die Datenethikkommission. Damit ist man bei der 'härtesten Nuss' angelangt. Das ist die Pluralismussicherung im Zeitalter personalisierter und algorithmengetriebener Informationen." Na, wenn die Herren ausreichend Forschungsmittel und Personal bekommen, wird das schon klappen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Internet

Friedhelm Greis beobachtet bei golem.de eine Abmilderung der Diskurse von EU-Digitalkommissar Thierry Breton gegenüber den großen Plattformen, besonders Google, denen er mit Zerschlagung drohte. Diese Drohung werde im kommenden Digitale-Dienste-Gesetz wohl nur eine unwahrscheinliche Ultima Ratio sein, so Greis: "Eine Diskussion wie in den USA, wo schon die Abspaltung des Browsers Chrome von Google ins Spiel gebracht wurde, will die Kommission aber derzeit wohl nicht führen."

Man sollte keine Fotos mehr von sich im Internet posten, meint im Interview mit der SZ die KI-Expertin Nina Schick, die beobachtet hat, wie einfach es heute ist "Deepfakes" zu erstellen. Das sind Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, die mittels KI verfälscht wurden. So kann man beispielsweise Fotos bekleideter Personen mittels KI in Nacktbilder verwandeln oder das Gesicht einer Person auf den Körper einer anderen - zum Beispiel eines Pornodarstellers - projizieren. Solche Manipulationen, sagt sie, "werden häufig als Waffe gegen die Frauen benutzt". Sie plädiert deshalb dafür, "eine Verifizierungsebene für das Internet einzurichten, die wie ein Virenscanner funktioniert und automatisch bei algorithmisch veränderten Medien Alarm schlägt. Wenn meine Tochter sieben oder acht Jahre alt ist, reden wir hoffentlich über ein anderes Informationsökosystem, eines mit Sicherheitsmaßnahmen gegen Fälschungen."