Im Standarderinnert Ronald Pohl an Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit", das "zur alles entscheidenden Lockerung" anstiften sollte: "Durch energisches Zuwiderhandeln soll das Regime bourgeoiser Knechtschaft, von Heuchelei und Besitzstandswahrung aus den Angeln gehoben werden. Gut Ding braucht Weile. Der Sturm auf jede neue Bastille benötigt einigen Anlauf. Warum nicht mutwillig ins Paris der 1920er-/1930er-Jahre zurücksetzen, um dort, an einer roststarrenden Theorietankstelle, Betriebsstoff anzuzapfen? Das Verblüffendste an Monots Streitschrift ist ihr missionarischer Eifer. Man hat seit geraumer Zeit keine ausgefuchstere Hasspredigt gegen die 'neuen' Mittelschichten mehr gelesen: gegen all diejenigen, die ihren relativen Wohlstand mit der Sedierung ihres Gewissens erkaufen. Die Missstände sind mannigfach. Monot unterstellt dem Bürgertum die allseitige Einrichtung in moralisch unstatthaften Wohnverhältnissen."
Die Aufweichung angeblich starrer Geschlechtsmerkmale ist viel konservativer als man denkt, meint in der NZZ die Publizistin Sara Rukaj mit Blick auf die queere Bewegung. "Geschlecht wird gerade dort essenzialisiert, wo man es durch operative Eingriffe, Selbstbezeichnungen oder als reinen Gesinnungsmarker wieder groß machen will. Obwohl die Exponenten der Queer Theory von sich behaupten, Identitätszwänge zu unterwandern, schüren sie selbst eine Fetischisierung partikularer Identitäten, die die Individuen noch rigider als die konservative Geschlechterordnung darauf beschränkt, auch körperlich mit ihrem 'gefühlten' Selbstbild identisch zu sein. ... Wirklich emanzipatorisch wäre dagegen die Fähigkeit, den Blick vom Spiegelbild ab- und den äußeren Objekten des Begehrens zuzuwenden, weshalb die Schwulenbewegung auch deutlich subversiver war, als es Teile der Queer Community heute sind. Die reine Selbstsetzung des Ich, also die auf dem subjektiven Gefühl beruhende Identität, richtet sich nicht gegen die spätkapitalistische Gesellschaft, sondern ist, wie die Philosophin Isolde Charim in ihrem Buch 'Die Qualen des Narzissmus' (2022) schreibt, vielmehr der radikalisierte Ausdruck neoliberaler Selbstoptimierung."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ beklagt Hans Ulrich Gumbrecht einen Niedergang der Geisteswissenschaften: "Unter lokal je spezifischen Bedingungen sind die Belegzahlen der Geisteswissenschaften international seit 2010 um mehr als vierzig Prozent gesunken, und keine gegenläufige Tendenz ist abzusehen." Das hat seiner Ansicht nach vor allem damit zu tun, dass es ihnen an "mitreißenden Protagonisten, Denkern, deren Vorlesungen Erlebniswert haben, deren Meinungen öffentliche Kontroversen auslösen und deren Bücher zu Bestsellern werden" fehle.
Der japanische Philosoph und "Degrowth"-Anhänger Kohei Saitoempfiehlt sich wieder mehr auf Marx zu beziehen, um den Klimawandel einzudämmen. So sollte man "die Forderung von Marx beherzigen, Arbeit wieder kreativ und 'attraktiv' zu machen, indem wir die ermüdende Arbeitsteilung abschaffen. Sie zwingt Arbeitnehmer vielerorts zu repetitiver, unmenschlicher Tätigkeit. In einer idealen Welt sollte die Zeit, die wir bei der Arbeit verbringen, befriedigend und nicht quälend sein: Man sollte die Möglichkeit haben, zwischen Aufgaben zu rotieren, auch wenn das bedeutet, dass die Produktivität sinkt. Wenn wir unsere Wirtschaft auf diese Weise entschleunigen, erreichen wir zwei Ziele gleichzeitig: Wir retten den Planeten und machen unser Leben sinnvoller."
Jean-François Lyotard, einer der Begründer der French Theory, wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden. In eine katholische Familie geboren, befasste er sich zeit seines Lebens auch mit dem Holocaust, schreibt Niklas Steinkamp in der taz: "Von ihm als sein Hauptwerk bezeichnet, fragte er in 'Der Widerstreit' (1983) nach den Prozeduren, wie die Realität durch Sprache erst als Gegenstand etabliert wird. Angestoßen wurde diese Reflexion unter anderem durch den Skandal um Robert Faurisson, der die Existenz der Gaskammern leugnete. Lyotard sah diesen Versuch, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, als Fortsetzung der Vernichtung mit anderen Mitteln. Ob eine Sache existiere oder nicht, trat für Lyotard hinter der ethisch-politischen Frage zurück, wie zuallererst die Welt in Sätzen präsentiert wurde und dort eine Wirklichkeit unterschlagen wird: 'Ich möchte Widerstreit einen Fall nennen, in dem der Kläger seiner Mittel zum Argumentieren beraubt ist und dadurch zum Opfer wird.'"
In der FRgedenkt Konstantin Johannes Sakkas Lyotards: "Auschwitz als tat-lose Tat, die Gegenwart als zeit-lose Zeit - das sind die beiden Grunddiagnosen Lyotards, mit denen er die intellektuelle Szene um 1980 erschüttert."
Julian Nida-Rümelin teilt zwar mit dem neuerdings viel befragten Politologen Philip Manow die Kritik an einer zunehmenden Verrechtlichung der Politik, aber bei Manows Idealisierung des Elektoralen gegenüber dem Judikativen will er im Gespräch mit Philipp Bovermann und Wolfgang Janisch von der SZ nicht mitmachen, "weil elektorale Demokratie letztlich bedeutet, dass es eine Art Mehrheitsdiktatur auf Zeit gibt. Im unglücklichsten Fall führt das alle vier oder acht Jahre zu einer demokratischen Revolution, die alles auf den Kopf stellt. Das ist durch das Auseinanderdriften der beiden großen Parteien gerade die Tendenz in den USA. Die politikwissenschaftliche These, wonach Systeme der Mehrheitswahl zu einem Zusammenrücken in der politischen Mitte führen, ist empirisch widerlegt. Wir brauchen deshalb Regeln, die dem Trend zu den Extremen entgegenwirken." Nida-Rümelin wendet sich in dem Gespräch auch gegen eine Antisemitismusklausel: "Eingriffe des Staates in die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit verbieten sich. Gesinnungsprüfungen gehen gar nicht. Es ist immer die Kunst selbst, die qualifiziert - und nicht, welcher politischen Meinung der eine oder die andere ist." Eine Befürchtung, dass es dann einfach bei der Freiheit der Mandarine bleibt, keine israelischen Künstler einzuladen, äußert Nida-Rümelin nicht.
Thomas Thiel macht sich in der FAZ über KI in der Bildungswelt Gedanken: "Wo die Grenze zur Unmündigkeit verläuft, ist oft schwer zu erkennen. Für das Projekt der Aufklärung, sich ohne Anleitung eines anderen des eigenen Verstandes zu bedienen, ist die Künstliche Intelligenz ein tiefer Einschnitt. Angesichts des Fortschritts der Wissenschaften wirkte Kants Formel schon immer zwiespältig. Wie soll man selbstbewusst über eine Welt urteilen, von der selbst Experten nur näherungsweise winzige Ausschnitte kennen?" Ebenfalls in der FAZ fragt Dietmar Dath, ob sich "Big Tech" von der Politik noch wird einhegen lassen.
Warum leugnen Historiker wie Omer Bartov oder A. Dirk Moses, dass der moderne islamistische Antisemitismus in direkter Kontinuität zum eliminatorischen Judenhass der Nazis steht? Matthias Küntzelgeht dieser Frage in einem Essay für den Perlentaucher nach. Gegen alle Evidenz, so Küntzel, verteidigen diese Autoren "das Dogma der Diskontinuität - also die These, dass es zwischen Hitlers Hass auf Juden und dem islamistischen Hass auf Israel keinerlei Verbindung gibt. Fehleinschätzungen dieser Art trugen und tragen erheblich dazu bei, dass der radikale Judenhass von der Muslimbruderschaft und der Hamas auf die leichte Schulter genommen und die Katastrophe des 7. Oktober ermöglicht wurde." Küntzel vermutet, dass die Erinnerung an den Holocaust bekämpft wird, "weil dieser Aspekt die Dichotomie von zionistischer Perfidie auf der einen und palästinensischer Unschuld auf der anderen Seite untergräbt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nun ist die deutsche Vergangenheitsbewältigung auch noch am aktuellen Umgang mit der AfD schuld. Politikwissenschaftler Philip Manow legt im Gespräch mit Maria Fiedler und Sebastian Fischer vom Spiegel dar, dass der starke Verfassungsschutz in Deutschland die Auseinandersetzung mit extremen Parteien wie der AfD von einer politischen auf eine rechtliche Ebene schiebt: "Wir beobachten sie, prüfen die Äußerungen ihrer Funktionäre, dann wird das in tausendseitigen Konvoluten zusammengestellt und kommt an die Gerichte. Da beugen sich Richter drüber und sagen: Ja, das ist ja wirklich alles ganz ekelig." Manow plädiert darum dafür, "Verfassungsgerichten weniger Macht zu geben. In Großbritannien hat das Parlament das letzte Wort. In solch einer Konstellation ist die Justiz weniger politisch umkämpft, weil die Justiz nicht so stark in das Politische hineinregieren kann."
Aber die Demokratie wird nicht nur von rechts sondern auch von links in Frage gestellt, zum Beispiel beim Klimaschutz, der vielen nicht schnell genug vorangetrieben wird. Dabei ist "der größte CO2-Emittent der Welt China mit einem Drittel der weltweiten Emissionen, fünfmal so viel wie die gesamte Europäische Union, dreimal so viel wie die USA", erinnert Philip Manow in der FAZ. "Zugleich sind es die liberalen Demokratien, insbesondere Europa und Nordamerika, in denen die stärksten Rückgänge des CO2-Ausstoßes zu verzeichnen sind. Über unser Klima wird in China und Indien entschieden, und durch die Antwort auf die Frage, wie der rasant wachsende Energiehunger des afrikanischen Kontinents gestillt werden wird." Gleichzeitig findet weltweit ein Ausbau der Solarenergie in unerwarteter Geschwindigkeit statt, so Manow. "Es ist angesichts dieser Dynamik nicht unwahrscheinlich, dass schon in den 2040er Jahren die Menschheit mehr als die Hälfte ihrer Primärenergie, nicht nur der Elektrizität, von der Sonne beziehen wird. ... Das ist nicht der einzige, aber ein gewichtiger unter mehreren Gründen, warum ich hoffe, dass der elektorale Responsivitäts- und Korrekturmechanismus (sprich: die demokratische Wahl)... uns weiterhin vor 'autoritärem Szientismus' (Peter Strohschneider) in der Klimadebatte schützen".
In der FAZ denkt der Schriftsteller Alexander Estis recht abstrakt über einen Formalismus nach, der jeden originellen Gedanken tötet - ganz besonders in Kunst und Literatur, die "immer öfter zu bloßen Gefäßen für ohne Weiteres extrahierbare Inhalte - und damit zu halbherzig fiktionalisierten Leitartikeln" verkommen. "Der Formalismus verabsolutiert den versteinerten Gipsabdruck eines einst lebendigen Gedankens, die Spur eines längst ausgetrockneten Inhalts. Deshalb ist er mit dem Inhaltismus hervorragend vereinbar. Mit einem Wort: Wo es auf die Sprache ankommt, herrschen die ungeformten Gedanken - und wo auf das Denken, die deformierte Sprache. In nicht wenigen Hervorbringungen des Geisteslebens finden beide zu einer befremdlichen Liaison."
Weitere Artikel: In der NZZwirft der Historiker Oliver Zimmer dem Liberalismus "Weltfremdheit" vor, weil er sich von der Lebensrealität der Bürger verabschiedet habe, indem er "Heimatlosigkeit" propagiere. Um den Liberalismus zu "retten", formuliert Zimmer ein "Manifest für einen bürgerlichen Liberalismus", das vor allem auf die Verfassung setzt.
Lange gingen "klassische Modernisierungstheorien" davon aus, dass sich Gesellschaften durch Fortschritt und Globalisierung auch in ihren Werten annähren. Der Soziologe Danila Medwedew stellte in einer Studie fest, dass sich im Gegenteil seit 1981 "die Werte und kulturellen Unterschiede in vielen Gesellschaften auseinanderentwickelt" haben, wie er im Zeit-Online-Interview mit Xifan Yang erklärt: "Wir haben große Unterschiede bei emanzipatorischen Werten zwischen westlichen Ländern und dem Rest der Welt festgestellt", sagt Medwedew, "bei Werten wie Autonomie und Selbstverwirklichung oder bei der Akzeptanz von Abtreibung und Homosexualität. Die Akzeptanz von Homosexualität in Ländern wie Australien oder Dänemark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. In vielen nicht westlichen Ländern ist sie niedrig geblieben, die Lücke ist dadurch größer geworden. Bei manchen Werten entwickeln sich die Einstellungen sogar gegensätzlich." Die genauen Ursachen müssen von Fall zu Fall untersucht werden, so der Soziologe. Es gebe aber eine Tendenz dazu, sich bewusst vom Westen abzugrenzen: "Viele muslimische Länder etwa konstruieren ihre nationale Identität in Opposition zum Westen, gerade solche, die eine koloniale Vergangenheit haben. Und es gibt Länder wie Russland, wo Regierungen mehr oder weniger offen sagen: Wir führen Krieg gegen westliche Werte."
Die Hälfte aller Wahlberechtigten in Deutschland ist über 53 Jahre alt, konstatieren der Soziologe Aladin El-Mafaalani und die Juristin Baro Vicenta Ra Gabbert in der SZ. Die Interessen von jungen Menschen würden bei so einer Machtverteilung, Stichwort Klima, automatisch herunterfallen. "Wenn es in Demokratien Gruppen gibt, die ihre Interessen allein aufgrund ihrer geringen Quantität nicht durchsetzen können, können ihnen bestimmte Mindestrechte zugebilligt werden, die auch eine demokratische Mehrheit nicht missachten darf. Da nun junge Menschen in der Minderheit sind, braucht es womöglich einen 'Minderheitenschutz' für die jüngeren Generationen? (...) Es bräuchte einen institutionalisierten Mechanismus, der nach scharfen Kriterien negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche prüft und gegebenenfalls zu Korrekturen zwingt - und zwar bei allen politischen Vorhaben und Entscheidungen. Dadurch wären die Interessen von Jüngeren nicht mehr in randständige Politikfelder ausgelagert, sondern hätten einen zentralen Stellenwert in jedem Koalitionsvertrag, in jedem Ministerium in Bund und Ländern."
Nicht was die Menschen für die Demokratie tun können - sondern was die Demokratie für die Menschen tun kann, fragt Georg Diez in einem Essay auf Zeit Online und hat dafür mit dem deutsch-polnischen Politologen Basil Kerski gesprochen. Niedrige Wahlbeteiligung und Rechtsruck zeigen, dass die Menschen das Vertrauen in die gegenwärtige Form der Demokratie verloren haben, so Diez. Ein Vorbild für eine "Erneuerung der Demokratie aus dem Geiste der Zivilgesellschaft" sieht er in Polen, wo die Rechte ihre Ziele nicht erreichen konnte: "Im Wege standen engagierte und mutige Menschen aus allen politischen Richtungen, sagt Kerski, von der atheistischen Linken bis hin zu konservativen, verfassungstreuen, tiefgläubigen Katholiken. Sie in einer Wahlliste zu vereinigen, sei unmöglich gewesen. Schließlich schaffte es ein von Donald Tusk angeführtes politisches Bündnis, eine Koalition von drei Wahllisten mit insgesamt elf Parteien, eine Art Superkoalition zur Rettung der liberalen Demokratie - und konnte nach der Parlamentswahl 2023 eine Regierungsmehrheit bilden. Hier zeigt sich eine Veränderung zu einer flexibleren Form von Demokratie, die der autoritären Fixierung einen wachen demokratischen Geist entgegensetzt - und sich vom bisherigen Lagerdenken befreit."
Buch in der Debatte Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Onur Erdur hat ein Buch über den Einfluss des Kolonialismus auf die "French Theory" geschrieben: Viele Intellektuelle, wie Jacques Derrida, Hélène Cixous oder Jacques Rancière wurden in Algerien geboren, Pierre Bourdieu gewann einige seiner wichtigsten Erkenntnisse während längerer Aufenthalte im Maghreb, schreibt er dort. Im Zeit-Online-Gespräch mit Nils Markwardt erklärt Erdur, warum der Vorwurf, die französischen Philosophen hätten der heutigen Identitätspolitik den Weg geebnet, nicht zutreffend ist: "Diese Denkerinnen und Denker wollten die Kategorie der Identität ja gerade problematisieren und sie nicht festschreiben. Man kann die postkoloniale Theorie kritisieren, aber wer das machen will, sollte die französische Theorie eher außen vor lassen. Zumal oft ja auch gar keine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Texten stattfindet. Vielmehr wird die französische Theorie oft als Pappkamerad aufgebaut", um im Kulturkampf der rechten gegen woke Identitätspolitik "Deutungshoheit zu erreichen". Andererseits gebe es durchaus Versuche, Werke etwa von Derrida umzudeuten, gibt Erdur zu und verweist als Beispiel auf die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak. "Sie entwickelte in der Folge etwa einen "strategischen Essentialismus", der besagt, dass vor dem Hintergrund kolonialer Erfahrungen bestimmte Identitäten betont werden sollten, um gemeinsame Interessen zu organisieren. Das bildet in der Tat eine erkenntnistheoretische Grundlage heutiger Identitätspolitik. Nur hat das mit dem Denken Derridas eben nicht mehr viel zu tun."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ein anderer Denker, der als "Urvater des dekolonialen Denkens" gilt, ist der Arzt und Schriftsteller Frantz Fanon, wie Felix Stephan in der SZ schreibt. Im Gespräch mit Adam Shatz, der eine vieldiskutierte Biografie über Fanon geschrieben hat (die allerdings noch nicht auf Deutsch übersetzt wurde), lernt Stephan, warum hier eine identitätspolitische Vereinnahmung naheliegend, aber nicht unbedingt korrekt ist. Denn eigentlich war dieser "ein radikal antiessenzialistischer Denker. ... Es gibt bei ihm immer diese Spannung. Einerseits beschreibt er die schwarze Existenz als eine 'Zone des Nicht-Seins', der man nie entkommen kann. Andererseits ist er aber auch ein dialektischer Denker, der am Ende von 'Schwarze Haut, weiße Masken' die Vision einer neuen Brüderlichkeit entwirft, die nicht nur Rassismus hinter sich gelassen hat, sondern die Kategorie 'Race' an sich. Sein Buch 'Die Verdammten dieser Erde' gilt als Aufruf zum gewaltsamen antikolonialen Widerstand schlechthin. Aber auch dort gibt es im letzten Kapitel plötzlich diese utopische Sehnsucht nach einem neuen humanistischen Aufbruch."
In der FAZ warnt der Wirtschaftswissenschaftler Ingolfur Blühdorn vor einem Ende grüner Nachhaltigkeitshoffnungen, konservativer Beharrungswünsche und der Demokratie als solcher. Von dem was folgen könnte, hat er nur eine vage Vorstellung: "Ist der einzige Weg vielleicht, möglichst nüchtern zu artikulieren, dass die Demokratie sich in der Spätmoderne überlebt hat, anachronistisch wird und sich auch nicht wiederherstellen lässt? Wer sich bisher als progressiv verstand und gestalten wollte, wird diesen Gedanken zutiefst reaktionär finden. Bestimmte Formen der Demokratie mögen sich überlebt haben, aber gilt das auch für die Demokratie insgesamt? Einen Rückweg zu den Glaubenssätzen, die bisher Orientierung gaben, gibt es jedenfalls nicht. Das bürgerliche Verteidigen der etablierten Demokratie gießt womöglich nur Öl ins Feuer derer, die von ihr enttäuscht sind, gegen ihre Institutionen rebellieren und damit endgültig den Weg für die Herrschaft der Stärksten frei machen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Stärkung von Verfassungsgerichten gegenüber den Parlamenten ist ein Irrweg, ruft uns der Politikwissenschaftler Philip Manow zu. So lautet auch die These (unsere Resümees) seines Buch "Unter Beobachtung - Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde". Die AfD sollte mit politischen Mitteln geschlagen werden, sagt er im Tagesspiegel-Gespräch mit Hans Monath. "Ich spreche niemandem ab, dass er aus den hehrsten Motiven und echter Sorge die AfD bekämpft. Aber man muss doch immer fragen, ob das tatsächlich die gewünschte Wirkung zeigt. Erneut: Der Blick in das europäische Ausland, etwa in die Schweiz, wo die Schweizerische Volkspartei schon lange stärkste Kraft ist, oder nach Schweden, wo die rechtspopulistischen Schwedendemokraten als zweitstärkste Kraft die Regierung der Moderaten Sammlungspartei, der Christdemokraten und Liberalen tolerieren, hilft da ja vielleicht. Diskutieren wir über die drohende faschistische Machtergreifung dort?"
In der Welt zeichnet Alan Posener anhand einiger Beispiele von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, etwa am Beispiel des Identitätsbegriffs nach, wie beliebig die Unterscheidung zwischen Rechts und Links im Grunde ist: "Entscheidend ist darum heute nicht der Gegensatz zwischen Links und Rechts, sondern zwischen liberal und illiberal, populistisch und institutionell, revolutionär und rechtsstaatlich, und ja, auch, zwischen zukunftsoffen und rückwärtsgewandt. Wer das begreift, gewinnt eine gewisse innere Freiheit gegenüber den polarisierten Gewissheiten der Blasen und Lager. Und um Freiheit geht es vor allem."