9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2216 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2024 - Ideen

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Schlicht "Kaputt" heißt das neue Buch des Philosophen Alexander Garcia Düttmann, in dem es um verschiedenste Formen der Gewalt geht. Wir wollen nicht wahrhaben, wie kaputt unsere Welt ist, sagt er im Welt-Gespräch mit Jakob Hayner: "Alle tun so, als wäre es selbstverständlich, an einer kaputten Welt konstruktiv mitzuarbeiten. Wir sind alle Trümmerfrauen beim Wiederaufbau der Kultur, während die Welt weiterhin kaputt geschlagen wird. Und dafür bezahlen wir einen Preis. (…) Wir wünschen uns im Großen und im Kleinen die 'Safe Spaces' in unserer diversen Gemeinschaft. Wir beanspruchen, dass wir in einer gewaltfreien Zone leben. Jede Gewalt gilt als etwas Unerträgliches und Schlechtes. Sobald man jedoch anfängt, diese Denk- und Verhaltensschemata infrage zu stellen, erfährt man die Gewalt der vermeintlich Gewaltfreien - von Ausschluss und Nichtbeachtung über passiv-aggressives Ausgrenzen bis zur juridischen Verfolgung. Das ist die 'Cancel Culture': Man wartet mit dem aufgeblähten Verhaltensregelwerk eigentlich nur auf den Regelverstoß, mit dem man die eigene Gegengewalt rechtfertigen kann, die sich jeder Reflexion entzieht."

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In ihrem aktuellen Buch "Vulnerable Minds - The Neuropolitics of Divided Societies" verfolgt die Politikwissenschaftlerin und Philosophin Liya Yu die These, der Zusammenbruch des "liberalen, demokratischen Gesellschaftsvertrages" in Europa und den USA habe auch damit zu tun, dass unseren Gehirnen liberale Werten wie Toleranz, Kooperation mit Andersdenkenden oder Antidiskriminierung schwer fallen, sagt sie im Tagesspiegel-Gespräch: "Tendenziell teilen wir unsere soziale Welt in sogenannte Ingroups und Outgroups ein. Das fusiforme Gesichtsareal im Gehirn kann innerhalb von Millisekunden erkennen, dass jemand eine andere Hautfarbe hat als wir. Unsere Gehirne sind von dieser Spaltung in verschiedene Gruppen geprägt.(…) Evolutionär waren wir daran gewöhnt, in Kleingruppen zu leben. Und in dieser Kleingruppe, unserer Ingroup, da mussten wir sehr schnell herausfinden, ob jemand unser Feind oder unser Freund ist - insbesondere, wenn es um knappe Ressourcen geht. Stereotypisiertes Denken ist eine Art Shortcut für unser Gehirn." Demokratische Parteien müssen daher eine neue Strategie entwickeln, meint sie: "Sie müssen den Menschen klarmachen, was sie zu verlieren haben, wenn es auf einmal keine demokratische Umverteilung oder keinen Rechtsschutz mehr gäbe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Ideen

"Kunstfreiheit" ist eine deutsche Spezialität. Anders als im Grundgesetz wird künstlerische Freiheit etwa in den USA von der Meinungsfreiheit mit abgedeckt. Eva Murašov resümiert im Tagesspiegel einen Vortrag des Rechtsprofessors Christoph Möllers an der FU, der die deutsche Tradition eher ironisiert: "In der Rechtspraxis habe sich jedenfalls, wenn etwa vor Gericht wegen persönliche Beleidigung durch ein Kunstwerk gestritten wird, eine sogenannte 'benevolente Hermeneutik' etabliert, erklärte Möllers. Die Richter müssten immer die Frage prüfen: 'Kann man diese Äußerung auch nicht beleidigend deuten?' Das sei eine 'sehr seltsame Regel', weil sie viele Ausflüchte biete. Ob es sich um ein Kunstwerk handelt oder nicht, sei dabei im Grunde egal." Es handelte sich übrigens um den Festvortrag am Peter-Szondi-Institut. Und Möllers hat ausgerechnet in Peter Szondi einen Vorreiter dieser "benevolenten Hermeneutik" benannt. Szondi hatte 1967 ein freundliches Gutachten zu einem satirischen Papier von Rainer Langhans und Fritz Teufel verfasst, das einen Brüsseler Kaufhausbrand feierte. Die Fortsetzung der Geschichte muss nicht erzählt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2024 - Ideen

Im SZ-Interview mit Sebastian Jutisz teilt Olivier Mannoni, Übersetzer von "Mein Kampf" ins Französische, seine Erkenntnisse aus der intensiven Auseinandersetzung mit Hitlers Sprache. "'Mein Kampf' ist voll von ungültigen Syllogismen, Paralogismen, verqueren Argumenten. Der Leser wird mit so vielen falschen Fakten und Fehlschlüssen zugeschüttet, dass er paralysiert ist." Diese Technik scheint heute wieder an Beliebtheit zu gewinnen. "Trump bedient sich beispielsweise ähnlicher sprachlicher Mittel wie Hitler in 'Mein Kampf'. Er verliert sich in unverständlichen und inkohärenten Monologen, bombardiert seine Zuhörer mit Falschaussagen. Auch bei vielen Verschwörungstheoretikern findet man ähnliche Muster wie bei Hitler, der Nietzsche oder Spengler zitiert, ohne ihre Gedanken verstanden zu haben. Verschwörungstheoretiker bedienen sich oft ebenfalls falscher Zitate und betreiben Namedropping, um Seriosität zu suggerieren. Dabei sind ihre Theorien meist völlig inkohärent."

Dass Rhetorik eine Gewalttechnik sein kann, analysiert auf Twitter der Nutzer "Pedro" von einem Dresdner Demokratieforum sehr schön am Beispiel Sahra Wagenknechts. Er analysiert dafür, wie Wagenknecht in einer schlecht moderierten Talkshow das Wort an sich reißt und durch ständige Unterbrechungen der Gesprächspartner den Diskurs dominiert.

In Anlehnung an den Begriff des "Doux Commerce", des "süßen, milden Handelns", erklärt der Ökonom und Politologe Philipp Lepenies in der FAZ, was es mit der "Douce Consommation" auf sich hat und warum diese endlich in Frage gestellt werden sollte: "Mit dem Fall der Mauer und der Globalisierung begann das Zeitalter des weltweiten Individualkonsumenten, der seine Persönlichkeitsentwicklung hauptsächlich über den Konsum definierte." Die "Douce Consommation", so Lepennies "ist eine Konstruktion, eine Erfindung. Sie ist keine Wahrheit, auch wenn von Neoliberalen immer so getan wurde, als wäre sie eine. Es wäre ein guter erster Schritt, Debatten über notwendige Nachhaltigkeitstransformationen, die auch Konsumeinschränkungen bedeuten können, zuzulassen und nicht sofort als vermeintlich ideologisierte Freiheitsberaubung abzuschmettern oder auf einer teilweise doch recht kleinkindlichen 'Ich will, ich darf und mir kann keiner'-Haltung zu bestehen."

Außerdem: In der Zeit skizziert der politische Philosoph Rainer Forst das Konzept einer neuen "Politik der Gerechtigkeit". Der Liberalismus und sein Freiheitsbegriff sind gescheitert, ruft uns der Historiker Konstantin Sakkas in der NZZ zu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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In der FR plädiert der Politikprofessor Emanuel Richter, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, für eine Rückbesinnung auf die "grundlegenden Merkmale der Politik". In Gesellschaft und auch bei Politikern selbst, herrsche große Unklarheit darüber, was Politik eigentlich leisten sollte: "Studien zur politischen Bildung zeigen, dass die politischen Erfahrungswelten und Erlebnishorizonte vieler Menschen, keineswegs nur der Jugendlichen, oft sehr kleinteilig, grobschlächtig und ichbezogen ausfallen. Solche Befunde veranschaulichen die groben Missverständnisse der Politik. Was sich beobachten lässt, ist eine politisch wirksam werdende 'Vereinzelung': Die Wahrnehmung des politischen Geschehens erschöpft sich in der Taxierung, was dieses für die persönliche Lebensgestaltung bedeutet. An die Stelle eines ausgeprägten Bewusstseins über die gemeinsamen Belange tritt der selbsteingenommene Rückschluss von den Auswirkungen politischer Regulierung auf den Erhalt und die Pflege des eigenen Wohlbefindens. Die Experten beschreiben diese Verkümmerung als 'Hyperpolitik' - es herrscht ein durchaus reges Interesse am politischen Geschehen, aber nur noch als akute Abschätzung dessen, was sich daraus für einen selbst an Zumutungen, Einschränkungen und Entbehrungen ableitet."
Stichwörter: Richter, Emanuel, Pflege

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2024 - Ideen

Im SZ-Interview mit Marvin Zubrod spricht sich der Politologe Christian Stecker für eine Reform des Bundesrats und die Möglichkeit einer Minderheitsregierung aus, um nötige Mehrheiten abseits von Koalitionen zu organisieren. Außerdem möchte er ein neues Wahlsystem erproben: ranked choice. "Hierbei geben die Wählerinnen und Wähler nicht nur eine Stimme ab, sondern bringen die Kandidaten beziehungsweise Parteien in eine Reihenfolge. (...) In der ersten Runde werden nur die ersten Präferenzen gezählt. Erreicht dabei niemand eine absolute Mehrheit, wird die Person mit den wenigsten Stimmen, zum Beispiel die Kandidatin der Linkspartei, gestrichen. Dann folgt eine zweite Auszählungsrunde." Bis ein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht. "Die blauen Karten der Wahlkreisgewinner, die wir im Osten bei den Landtagswahlen sehen und sehen werden, würden der Vergangenheit angehören. Bei ranked choice hätte die AfD meist keine Chance, da sie eben meist keine absoluten Mehrheiten hinter sich vereinen kann. In Thüringen und Sachsen würde am Ende wohl häufig die CDU die Wahlkreise holen, weil linke Wähler am Ende doch lieber einen Kandidaten der CDU sähen. Ranked choice interessiert sich eben für die gesamte Präferenzstruktur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2024 - Ideen

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In der taz macht der neue Superstar der politischen Philosophie Lea Ypi im Gespräch mit Tobias Bachmann Hoffnung auf einen "moralischen" Sozialismus. Allen die Sehnsucht nach innerweltlicher Transzendenz haben, gibt sie schon mal folgende Hoffnung machende Diagnose mit: "In Albanien und den postkommunistischen Ländern ging die Unterdrückung vom Staat und der Partei aus. Das war eine vertikale Art von Unfreiheit. Die wurde in den 1990er Jahren durch eine horizontale Unfreiheit ersetzt, denn im Neoliberalismus ist das Leben der Menschen strukturell stark eingeschränkt." Was sie dann aber etwa zum Thema Migration sagt, klingt doch arg sozialpädagogisch: "Wenn Menschen Migration für ein Problem halten, dann müssen wir sie überzeugen, dass nicht jemand, der ihren Job bekommt, das Problem ist, sondern dass unser gesellschaftliches System nicht zulässt, dass sie und die anderen gleichzeitig gut leben können. Und dass es deshalb einen Systemwandel braucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2024 - Ideen

Bernd Rheinberg beschreibt bei den Salonkolumnisten die Strategien des linken Antisemitismus, der über Instrumente wie die "Jerusalemer Erklärung" oder die Initiative Weltoffenheit GG 5.3 immer weiter legitimiert und sozusagen als unbedenklich zertifiziert wurde. Eine davon ist "die Attributierung, mit dem man den Antisemitismus vorgeblich differenzierend erklärt, aber eigentlich relativiert. Da gibt es dann die Unterscheidung in einen 'ontologischen' und einen 'kontextuellen' Antisemitismus. Den ontologischen schreibt man allein den Rechtsextremen zu, den kontextuellen den Linken, die das Leid der palästinensischen Bevölkerung nicht ertragen." (Mehr dazu hier.)

Die SZ druckt die Rede des Historikers Dieter Langewiesche zur Verleihung des Lion-Feuchtwanger-Preises der Akademie der Künste ab, in der sich Langewiesche mit der Frage auseinandersetzt, ob Wissenschaft oder Dichtung die bessere Art der Geschichtsvermittlung sei. "Historische Prosa - ist sie wissenschaftlich oder literarisch? Das sind strenge Alternativen. Ich spitze sie scharf zu: Wissenschaft, Forschung ist darauf angelegt, überholt zu werden, Literatur nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2024 - Ideen

Falko Schmieder ist Mitherausgeber des neuen Lexikons "Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts" (einige Artikel stehen hier online), einem Nachfolger des berühmten Bandes von Reinhart Kosellek. Im Welt-Interview erklärt Schmieder, wie sich Begriffe, deren Bedeutungsentwicklung Kosselek und die Historiker um ihn für abgeschlossen hielten, weiter verändert haben. So zum Beispiel der Begriff "Trauma": "Die Geschichte des Traumabegriffs ist eine Art Kulturgeschichte der Gewalt im 20. Jahrhundert. Sie ist vielfach frakturiert, von Brüchen durchzogen - so wie das katastrophale Jahrhundert insgesamt. Ursprünglich stand Trauma für Wunde, später bezeichnete man damit seelische Verletzungen, die mit psychischen Erschütterungen einhergehen. Historisch war der Traumabegriff mit verschiedenen Ausdrücken verbunden, wie etwa Schreckneurose, Kriegszitterer, bomb-shell-syndrome, KZ-Syndrom oder PTBS. Diese verweisen auf jeweils spezifische Formen der Gewalt. Auffällig ist, dass die Begriffsbildung sich oft erst nachträglich ergibt, nach einer längeren Auseinandersetzung mit den Schrecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2024 - Ideen

Im Gespräch mit Philipp Bovermann und Felix Stephan (SZ) verweist der Politikwissenschaftler Philip Manow auf die wachsende und immer wichtigere regulierende Rolle der Verfassungsgerichte seit 1980. Eine solche Kompetenzverlagerung auf die Judikative mache die Demokratie auch angreifbarer, so Manow, der das besondere Interesse von Populisten an der Einflussnahme auf Verfassungsorgane betont: "Ich glaube, wir kommen nicht weiter, wenn wir immer fragen, ob es der Demokratie schlecht geht. Es wäre besser zu verstehen, woher unsere Krisen rühren, und das nicht auf die schlichte Diagnose zulaufen zu lassen, es gebe halt immer mehr Gegner der liberalen Demokratie. Denn das verstellt den Blick dafür, dass eine Demokratie, die vieles nicht mehr über Mehrheiten und Wahlen regelt, sondern über Gerichtsentscheidungen, also eine liberale Demokratie, aus sich selbst heraus Krisentendenzen zeitigt."

Alan Posener verfolgt in der Welt die Geschichte des Postkolonialismus bis in die Zeit des Leninismus zurück - denn in der Tat, dort hat er seine Wurzeln - und schildert die kognitiven Dissonanzen, die "Linke" bis heute auszuhalten haben: "Der Nationalismus ist pfui, außer im 'Globalen Süden'. Religion ist Quatsch, der Islam aber okay. Frauen sollen sexuell emanzipiert sein, aber in Palästina Kopftuch tragen und Kinder für den Kampf gegen Israel großziehen. Denn der Antisemitismus ist zwar nicht so toll, außer wenn er als Ansinnen daherkommt, die Juden aus dem Nahen Osten zu vertreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2024 - Ideen

In der SZ gibt sich Sonja Zekri angesichts der populistischen Bedrohung optimistisch, dass diese letztlich abgewendet wird und die parlamentarische Ordnung eine weitere Chance bekommt. Dabei bezieht sie sich auf den Philosphen Ivan Krastev, mit dem sie einen Videoanruf geführt hat. "Es gehört zur typischen Krastev'schen Dialektik, dass er die strukturelle Schwäche der Rechtspopulisten gerade nicht als Rettung der Demokratie betrachtet, sondern als neues Problem. In Zeiten sozialer Netzwerke sind die Kosten für neue politische Bewegungen erschwinglich geworden, die politische Polarisierung ist weniger riskant als die Fragmentierung, das parlamentarische Zerbröseln. (...) 'Viele Amerikaner wissen, dass Trump ein Problem ist, aber sie wollen sich nicht damit abfinden, dass das System bleibt, wie es ist.' Dass sich die skandinavischen Demokratien in den Europawahlen so gut geschlagen haben, wundert ihn nicht: 'Wichtig sind Parteien, die andere Perspektiven auf das politische System erlauben - so wie einst die Grünen in Deutschland', sagt Krastev.'"
Stichwörter: Krastev, Ivan, Polarisierung