9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2216 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2024 - Ideen

Das Thema Klimawandel sollte weder in der Literatur noch anderswo alarmistisch vorgebracht werden, meint der Literaturwissenschaftler Martin Puchner im Tagesspiegel-Gespräch mit Oliver Geyer. "Der Alarmismus apokalyptischer Erzählung, die suggerieren, der Weltuntergang stehe kurz bevor, führt nur zu Resignation. Dann kann man in den letzten fünf Minuten auch weiterkonsumieren und noch so gut es geht das Leben genießen. Aber so alarmierend die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind - sie geben gar nicht her, dass ein zivilisatorischer Totalzusammenbruch kurz bevorsteht. Das Leben wird weitergehen, und wir müssen es neu gestalten. Apokalyptische Denkmuster lähmen uns da nur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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Wir sollten mehr Meinungspluralität zulassen, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online Gespräch, der sich nach längerer Zeit des Schweigens mit der Streitschrift "Lasst uns offen reden" zu Wort meldet. Nachdem sich Schreiber wegen seiner Kritik am Islam vermehrt Hass-Botschaften ausgesetzt sah und schließlich bei einem Vortrag mit einer Torte beworfen wurde, zog er sich zurück (unser Resümee). In seinem neuen Band plädiert er dafür, sich mit unliebsamen Positionen offener auseinanderzusetzen, selbst wenn es dabei beispielsweise um die AfD geht: "Es gibt immer wieder diesen Aberglauben, ein Gedanke entstünde erst dann, wenn er öffentlich ausgesprochen wird. Ob Björn Höcke nun im Fernsehen auftritt oder nicht - sein Gedankengut teilen da ja aber bereits viele Menschen. Unter anderem auch, weil die etablierten Medien heutzutage keine Gatekeeper mehr sind. Umgekehrt werden Gedanken nicht unbedingt dadurch aufgewertet oder verführerischer, wenn sie im Fernsehen ausgesprochen werden: Ganz im Gegenteil glaube ich, dass viele Auftritte eher für Entsetzen und Aufklärung sorgen. Wir müssen da offener und mutiger werden."


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In der Welt porträtiert Mladen Gladic den Philosophen und Autor Wolfram Eilenberger, dessen neues Buch "Geister der Gegenwart" gerade erschienen ist. Dieser erklärt, warum er es nicht bereut, die Universität hinter sich gelassen zu haben, warum er einen Fußball-Trainerschein hat, und natürlich geht es auch um sein neues Buch, das von den 'letzten Jahren der Philosophie' handelt "und einen Bogen von 1948 bis 1984 spannt. Es stimme natürlich nicht, dass seither nicht mehr philosophiert würde, erklärt er. Vielmehr sei für sein Vierergespann 'eine gewisse Konstellation des Denkens, nämlich das moderne Denken, so wie es akademisch aufgefasst wird, zu einem Ende gekommen.' Aber weder Adorno noch Feyerabend, Sontag oder Foucault hätten den Auftrag der Moderne fallen lassen wollen. Und wie auch heute also selbstredend noch philosophiert werden kann, kann man noch Philosophiegeschichte schreiben. Eine, die das Denken weder biografischer Reduktion unterwirft noch reine Problemgeschichte ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2024 - Ideen

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ fasst sich Johannes Becke, Inhaber des Ben-Gurion-Lehrstuhls für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, an den Kopf: Deutschland hat es schlicht verschlafen, die Universitätslandschaft auf die Debatten zu Israel und Palästina vorzubereiten, es gibt "keine einzige (!) reguläre Professur für Israel-Studien an einer staatlichen Universität in Deutschland". Das liegt auch an der "Tendenz zur Entprofessionalisierung", so Becke: "Im tendenziell Israel-kritischen Flügel der deutschen Antisemitismus-Studien kann niemand ausreichend Arabisch, um die hasserfüllten Graffiti der Humboldt-Besatzer zu entziffern. ... Wer nur ausreichend globalgeschichtliche Schablonen zur Hand hat, der braucht offenbar keine Hebräischkenntnisse mehr - ganz zu schweigen von einem tieferen Verständnis der jüdischen und israelischen Geschichte."

Mehr als 6.000 WissenschaftlerInnen sollen Russland seit Kriegsbeginn verlassen haben, nun schließt auch die Europäische Universität in Sankt Petersburg ihre Politologie-Fakultät, meldet Inna Hartwich in der taz: "Immer mehr sind die russischen Universitäten dem Druck ausgesetzt, mehr den Krieg in der Ukraine zu normalisieren, ja ihn zu legitimieren, als wirklich zu lehren. 'Universitäten werden längst zur Unterstützung der Kriegskampagne genötigt. Sie heroisieren die Kämpfer der ,Spezialoperation'. Loyalität zur Führung ist demnach wichtiger als die Qualität der Lehre. Man betreibt nun eine sogenannte, national orientierte Wissenschaft und nennt sie 'echt'', sagt der Historiker Dmitri Dubrowski, den die russische Justiz seit April 2022 als 'ausländischen Agenten' brandmarkt. Mittlerweile lehrt der 54-Jährige an der Karls-Universität in Prag. Dubrowski nennt diese Transformation der russischen Hochschullandschaft 'Weaponization': In Jura sollen die Student*innen erklären, dass Russland bei seiner Zerstörung der Ukraine im Rahmen internationaler Verträge handele, in Politologie stelle sich die Unis an die Spitze des Antikolonialismus, in Linguistik kümmern sie sich um die Verkehrung der Sprache, die das Regime seit dem Angriff im Februar 2022 betreibe. 'Die meisten Professoren fügen sich da ein', so der Wissenschaftler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 - Ideen

Sahra Wagenknecht hat vieles mit der ägyptischen Königin Nofretete gemein, bemerkt Florian Illies auf Zeit Online. "Und die ostdeutsche CDU wäre gut beraten, sich kurz vor Beginn der Koalitionsverhandlungen auch mit der Nofretete selbst zu beschäftigen." So habe Nofretete ihren Mitregenten Pharao Amenophis IV. nach und nach zu einer "Art Frühstücksdirektor" degradiert, "während sie alle Fäden in der Hand hatte. Nofretete hatte große Fähigkeiten in der Kriegsführung, dem Niederschlagen von Feinden und dem, was man heute Konfliktsteuerung nennt. Ist es nicht eigentlich das Zeichen einer wahren Königin, dass Sahra Wagenknecht es in ihrer von ganz rechts nach ganz links reichenden politischen Agenda vermag, aus einem vertikalen Klassenkonflikt einen horizontalen Klassennationalismus zu machen, wie es Oliver Nachtwey jüngst erkannt hat?"

In der FAZ erkennt der Rechtsphilosoph Dietmar von der Pfordten in Benennung des BSW nach der Führungsperson einen Verstoß gegen den "Geist der Demokratie, nach dem politische Macht durch wiederkehrende Wahlen und auf begrenzte Zeit legitimiert wird": "In Demokratien muss nicht nur die politische Willensbildung in staatlichen Organisationen und Prozessen demokratisch erfolgen, sodass Ämter nur auf Zeit vergeben werden dürfen und jede Person zumindest durch Nichtwiederwahl abwählbar sein muss. Auch die Parteien müssen in ihrer inneren Struktur derart demokratisch verfasst sein. Artikel 21 Absatz 1 Satz 2 des Grundgesetzes fordert von allen Parteien: 'Ihre innere Ordnung muss demokratischen Grundsätzen entsprechen.' Das heißt, dass es keine nichtgewählten Parteiführer geben darf. Alle Führungspersonen müssen sich periodischen Wahlen stellen. Sie müssen folglich auch zumindest durch Nichtwiederwahl abwählbar sein. Und sie müssen sogar aus der Partei ausgeschlossen werden können."

Björn Höckes Ankündigung, er wolle gar nicht regieren, versucht Christian Geyer ebenfalls in der FAZ mit Leo Strauss, der die Unterscheidung politischen Sprechens in esoterische und exoterische Aussagen traf, zu erläutern: "Exoterisch, für die breite Öffentlichkeit bestimmt, wäre demnach Höckes Bekenntnis zur Regierungsverantwortung mit einem beziehungsreichen Offenlassen der Personalfrage. Esoterisch, für einen engeren Kreis von Eingeweihten, stünde Höckes nun in der Tat zentrales politisches Motiv des 'Widerstands', eines Widerstands gegen ein, wie er es seit Jahren nennt, 'kartellartig organisiertes Establishment', womit nichts anderes als das liberale demokratische 'System' gemeint ist. (…) Höcke und Wagenknecht - zwei im Übrigen kaum analogisierbare Varianten eines Rechtspopulismus - zeigen doch ein analytisches Desiderat nach der Wahl: Ein neues Framing, eine neue Rahmung politischer Widerstandsbewegungen braucht das Land."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2024 - Ideen

Den ständigen Hiobs-Botschaften von der Spaltung der Gesellschaft möchte der Philosoph Otfried Höffe (NZZ), der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat, nicht folgen und spricht vom starken Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft, der sich aus ihren Werten, der Marktwirtschaft und dem Rechtsstaat ergibt. "Die Bilanz, die sich nach diesem Überblick aufdrängt, widerspricht der verbreiteten Diagnose, angesichts der Polykrise drohe die Gesellschaft auseinanderzufallen." Natürlich können Gesellschaften bei Krisen auch auseinanderbrechen. "Aufgrund der skizzierten Faktoren tun sie das aber, namentlich dank der demokratischen und rechtsstaatlichen Grundstruktur unserer Gesellschaften sowie der sozial und ökologisch qualifizierten Marktwirtschaft" nicht. "Infolgedessen verfügen moderne Gesellschaften über ein bemerkenswert großes Potenzial, die stets neuen Herausforderungen zwar nicht immer optimal, am Ende aber doch hinreichend gut zu bewältigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2024 - Ideen

Das Verhältnis der EU zum afrikanischen Kontinent muss sich ändern, fordert in der NZZ der Philosoph Leander Scholz, totale Abschottung ist nicht die Lösung: "Im Unterschied zu anderen Großräumen oder Imperien ist die EU eine genuin geschichtliche Macht, die ihre Identität vorrangig aus der Vergangenheit bezieht, zu der auch die Kolonialgeschichte gehört. Ihr Gedächtnis wird immer durch das Römische Reich bestimmt bleiben, das seit seinem Untergang zahllose Umbesetzungen und Aneignungen erfahren hat. Allerdings ist der europäische Kolonialismus auch dem neuen Europa tiefer eingeschrieben, als das die offizielle Geschichtsschreibung wahrhaben will. Erst wenn die EU hier mit sich im Reinen ist, wird sie in der Herausforderung durch die Migration die Chance zur eigenen Weiterentwicklung erkennen können. Auf Druck der italienischen Regierung hat die Kommissionspräsidentin jüngst einen neuen Kommissar für das Mittelmeer in Aussicht gestellt. Denn die Zukunft des postkolonialen Europa kann nicht in einer den Kontinent überfordernden Einwanderung bestehen, sondern nur in einem echten Angebot an Afrika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2024 - Ideen

Seit den Initiativen und Vorschlägen der Verfassungsblogs wird in Deutschland weithin darüber diskutiert, ob sich Bund und Länder durch härtere prozedurale Regelungen gegen extremistische Parteien abschotten können. Der Politologe Philip Manow bekämpft diese These in seinem Buch "Unter Beobachtung". Auch seine KollegInnen Florian Grotz und Sabine Kropp klingen auf der Gegenwart-Seite der FAZ skeptisch: Eine Schwachstelle der aktuellen Debatte "ist deren zeitlich unmittelbarer Anwendungsbezug. Die meisten Reformvorschläge zielen mehr oder weniger direkt darauf ab, eine Bedrohung der Demokratie durch die wählerstarke AfD abzuwenden. Verfassungsänderungen, die sich gegen eine bestimmte Partei richten, gefährden jedoch den normativen Anspruch der Überparteilichkeit. So werden sie zu einer Steilvorlage für das populistische Narrativ der AfD, demzufolge die 'Altparteien' versuchen, sich mit juristischen Mitteln eines Gegners zu entledigen, der politisch nicht mehr eingehegt werden kann."

Ebenfalls in der FAZ denkt der Philosoph Heinrich Bosse nochmal über die Aktualität von Kants Imperativ "Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen" nach.
Stichwörter: AfD, Manow, Philip

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2024 - Ideen

Ein solches Tunnelsystem wie das der Hamas im Gazastreifen, finanziert von westlichen und arabischen Hilfsgeldern, hat es noch nie gegeben. Caroline Fetscher fragt in der taz, für was für eine Psychologie eine solche "antisoziale Megaskulptur" eigentlich steht: "Gaza ist doppelt vorhanden, oberirdisch und unterirdisch, sichtbar und unsichtbar. Und auf konkretistische Weise bilden die beiden Ebenen ab, wie stark Bewusstsein und Unbewusstes voneinander abgespalten sein sollen. So führt das Tunnelsystem den Tunnelblick derer vor, die sich freiwillig in die Lichtlosigkeit begeben haben, ins Jenseits der Aufklärung. Ohne es zu wollen zeigen die Tunnel, wie sehr ihre Erbauer in ihre Phantasmen abgetaucht sind, wie massiv sie sich abschotten von Ratio und den Räumen des Diskursiven."
Stichwörter: Gazastreifen, Hamas, Psychologie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2024 - Ideen

Der Soziologe Armin Nassehi denkt im Blog seines Kursbuchs über Transformationen in Demokratien nach, die im Positiven wie im Negativen eher schleichend und nicht als Disruption kämen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet er auch die wachsende Polarisierung der Debatten, für die  er die üblichen Verdächtigen - die sozialen Medien - verantwortlich macht: "Man kann hier den Wandel von Kritik, auch scharfer Kritik hin zu einem Generalzweifel an allem Etablierten geradezu in täglicher Eskalation mitverfolgen - und das nicht von irgendwelchen durchgeknallten Leuten, sondern von (ehemaligen) Intellektuellen, von Redakteuren von sogenannten Qualitätszeitungen, von Leuten aus einer 'alternativen' Presse (entstanden als Geschäftsmodell während der Pandemie), die die demokratische Form der Kritik mit immer neuen Schritten in eine Generalabrechnung mit allen Standards verschiebt. Es sind manchmal Leute, die noch vor kurzem interessante Gesprächspartner waren, Kollegen, Journalisten, Politiker - nicht weil ich mit ihnen einer Auffassung gewesen wäre, aber es war immer ein Gewinn, sich über Fragen zu streiten." Schade, dass er nicht ein paar Namen nennt!

Die Orte, wo sich früher Menschen aller Gesellschaftsschichten begegnet sind, werden immer weniger: Kaufhäuser, Schwimmbäder, Märkte, Jugendclubs, Vereine. Dabei sind gerade diese Orte wichtig für die Demokratie, lässt sich Lenz Jacobsen für Zeit online von dem Soziologen Rainald Manthe erklären. Der nennt als Beispiel die Wahrnehmung der anderen an der S-Bahntür: "Weichen sie aus oder ich? Jede Begegnung, und sei es nur die wortlose in der S-Bahn-Tür, ist eine kleine Verhandlung darüber, wie wir miteinander umgehen wollen. Man kann das für eine soziologische Binse halten. Oder für das eigentliche Fundament unseres Gemeinwesens." Wie kann man Begegnungen wieder fördern? Bitte nicht mit noch einer "Demokratiewerkstatt", da kommen eh nur immer dieselben Leute hin, meint Manthe. Vielleicht sollte man "die Menschen öfter selbst machen lassen ... Manthe möchte nicht lange den alten Begegnungsorten nachtrauern, sondern wirbt für neue: zum Beispiel für Workshops im Baumarkt, wie man Solarzellen auf die so beliebten Campingbusse baut."

Im Gespräch mit Sophie Albers Ben Chamo von der Jüdischen Allgemeinen entschlüsselt die Soziologin Karin Stögner die Denkfiguren postkolonialer Ideologen, für die die Israelis ja nicht nur "weiß", sondern der Inbegriff eines westlichen Kolonialismus sind. "Juden und Jüdinnen werden schlichtweg nicht als eine diskriminierte und verfolgte Minderheit gesehen. Und das hat sehr viel mit Antisemitismus zu tun, mit einem Wahrnehmungsabwehr-Antisemitismus, einem sekundären Antisemitismus. Wenn man die Opfergruppe wegleugnet, dann gibt es gegen sie auch keinen Antisemitismus und hat es auch nie gegeben. Das ist der einfachste Weg, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit Schluss zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2024 - Ideen

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Jens Balzer erkennt in seinem neuen Essay "After Woke" zwar ganz richtig, wie der politische Islam von der postkolonialen Linken "immunisiert" wird, schreibt Frederik Schindler in der Welt. Aber leider sieht der Essayist die Probleme nur beim "aktivistischen Milieu" und nicht auch in der akademischen Sphäre, meint Schindler. "Mit dieser Behauptung, dass die problematischen Auswüchse allein im Aktivismus lägen, macht es Balzer sich zu einfach. Erstens vermischen sich Wissenschaft und Politik in diesen Feldern ohnehin stark. Vor allem aber sind es bereits prägende Ausrichtungen der Theorie, die Israel und den Westen allgemein als Feindbild markieren. (...) Viele postkoloniale Theorien übersehen außerdem, dass der Zionismus selbst eine Form von Antikolonialismus war, da er die britische Kolonialmacht verdrängt hat."

In der SZ bespricht Felix Stephan Balzers Essay. Mit Balzer beobachtet Stephan, wie der Postkolonialismus zur Ideologie erstarrt. Statt völkischen Ideologien "einen Begriff von Identität entgegenzustellen, der ephemer und performativ ist, habe er nur neue Identitätsdogmen betoniert. Dieser Niedergang ist langsam, aber kontinuierlich vorangeschritten, bis es ansonsten hochgradig sprachsensiblen Vertretern des Postkolonialismus auf einmal möglich war, der antisemitischen Mordlust islamistischer Todesschwadronen auch etwas Positives abzugewinnen."

Lothar Gorris und Tobias Rapp haben für einen Spiegel-Titel über "Die heimlichen Hitler" eine Menge Intellektueller zur Frage ob "der Faschismus zurückkehrt" befragt. Ein klares Ergebnis ist angesichts der vielen Stimmen von Timothy Snyder über Robert Kagan und Jason Stanley bis zu Ivan Krastev nicht zu erzielen. Viele verteidigen den Begriff des "Faschismus", nicht so der Politologe Thomas Biebricher: "Der Konservatismus habe sich in mehrere Spaltprodukte geteilt: in Pessimisten, Pragmatiker und jene Radikale, die im Kern nicht mehr konservativ seien, weil sie den Habitus der Mäßigung aufgegeben hätten. 'Wer die Radikalen nun unbedingt Faschisten nennen möchte', sagt Biebricher, 'der soll das tun. Der Begriff zielt vor allem auf die Vergangenheit und bildet das genuin Neue nicht ab. Er soll vor allem Distanz erzeugen.'"
  Stephan