Der
Soziologe Armin Nassehi denkt im Blog seines
Kursbuchs über
Transformationen in Demokratien nach, die im Positiven wie im Negativen eher schleichend und nicht als Disruption kämen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet er auch die wachsende
Polarisierung der Debatten, für die er die üblichen Verdächtigen - die sozialen Medien - verantwortlich macht: "Man kann hier den Wandel von Kritik, auch scharfer Kritik hin zu einem
Generalzweifel an allem Etablierten geradezu in täglicher Eskalation mitverfolgen - und das nicht von irgendwelchen durchgeknallten Leuten, sondern von (ehemaligen) Intellektuellen, von Redakteuren von sogenannten Qualitätszeitungen, von Leuten aus einer 'alternativen' Presse (entstanden als Geschäftsmodell während der Pandemie), die die demokratische Form der Kritik
mit immer neuen Schritten in eine Generalabrechnung mit allen Standards verschiebt. Es sind manchmal Leute, die noch vor kurzem
interessante Gesprächspartner waren, Kollegen, Journalisten, Politiker - nicht weil ich mit ihnen einer Auffassung gewesen wäre, aber es war immer ein Gewinn, sich über Fragen zu streiten." Schade, dass er nicht ein paar Namen nennt!
Die Orte, wo sich früher
Menschen aller Gesellschaftsschichten begegnet sind, werden immer weniger: Kaufhäuser, Schwimmbäder, Märkte, Jugendclubs, Vereine. Dabei sind gerade diese Orte wichtig für die Demokratie, lässt sich Lenz Jacobsen für
Zeit online von dem
Soziologen Rainald Manthe erklären. Der nennt als Beispiel die Wahrnehmung der anderen an der
S-
Bahntür: "Weichen sie aus oder ich? Jede Begegnung, und sei es nur die wortlose in der S-Bahn-Tür, ist
eine kleine Verhandlung darüber, wie wir miteinander umgehen wollen. Man kann das für eine soziologische Binse halten. Oder für das eigentliche Fundament unseres Gemeinwesens." Wie kann man Begegnungen wieder fördern? Bitte nicht mit noch einer "Demokratiewerkstatt", da kommen eh nur immer dieselben Leute hin, meint Manthe. Vielleicht sollte man "die Menschen öfter selbst machen lassen ... Manthe möchte nicht lange den alten Begegnungsorten nachtrauern, sondern wirbt für neue: zum Beispiel für
Workshops im Baumarkt, wie man Solarzellen auf die so beliebten Campingbusse baut."
Im Gespräch mit Sophie Albers Ben Chamo von der
Jüdischen Allgemeinen entschlüsselt die Soziologin
Karin Stögner die Denkfiguren
postkolonialer Ideologen, für die die Israelis ja nicht nur "weiß", sondern der Inbegriff eines westlichen Kolonialismus sind. "Juden und Jüdinnen werden schlichtweg nicht als eine diskriminierte und verfolgte Minderheit gesehen. Und das hat sehr viel mit Antisemitismus zu tun, mit einem
Wahrnehmungsabwehr-Antisemitismus, einem sekundären Antisemitismus. Wenn man die Opfergruppe wegleugnet, dann gibt es gegen sie auch keinen Antisemitismus und hat es auch nie gegeben. Das ist der einfachste Weg, mit der
Aufarbeitung der Vergangenheit Schluss zu machen."