9punkt - Die Debattenrundschau

Die kleineren Blasen angreifen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2019. Im Guardian erklärt uns der Physiker Neil Johnson am Beispiel von Molekülen, wie man den Rechtsextremismus im Netz bekämpfen kann. Die Berliner Zeitung wundert sich angesichts des Phlegmas der Berliner Kulturpolitik nicht, dass Museumsdirektor Udo Kittelmann die Nationalgalerie verlässt. Taz und NZZ erinnern daran, dass China die vertraglichen Garantien für Hongkong nicht einhält. Der Tagesspiegel möchte gern wissen, warum Siemens ausgerechnet in Xinjiang investiert. Und die FAZ schlägt dem Hessischen Rundfunk vor (more or less), die Demokratieabgabe künftig nur noch von der Gruppe "35 und jünger" zu erheben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2019 finden Sie hier

Ideen

Im Interview mit dem Guardian stellt der Physiker Neil Johnson eine originelle Theorie (sie wurde gerade in Nature veröffentlicht) über die rechtsextreme Szene im Netz auf: Menschen benehmen sich im Kollektiv wie Moleküle, sagt er, oder besser: wie Blasen. Und er hat auch eine Theorie, wie man die Ansammlung von Blasen verhindern kann: "Wenn ich verhindern will, dass Wasser kocht, dann nützt es nichts zu verhindern, dass einzelne Molekülen im Dampf hochspringen, ich muss verhindern, dass sich die Blasen bilden. Wir wissen, dass sich die großen Blasen aus den kleineren bilden. Der erste Vorschlag ist, die kleineren Blasen anzugreifen. Kleinere Blasen sind schwächer, haben weniger Geld, weniger mächtige Unterstützer, können aber zu großen anwachsen. Die Beseitigung kleinerer Blasen - und das haben wir mathematisch gezeigt - lässt das ganze Ökosystem schrumpfen. So schneidet man die Versorgung ab. Zweitens: Wegen der guten Vernetzung der Rechten ist es wenig effektiv, einzelne Personen auszuschließen. Wir haben gezeigt, dass man eigentlich nur etwa zehn Prozent der Konten weltweit entfernen muss, um die Bindungskraft des ganzen Netzwerks zu schwächen."
Archiv: Ideen

Kulturpolitik

Dass Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin, jetzt Berlin verlässt, dürfte wohl an der notorischen Lahmarschigkeit, pardon, Langsamkeit der Berliner Kulturinstitutionen liegen, vermutet Harry Nutt in der Berliner Zeitung. "Zudem hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters bereits vor dem Antritt ihrer zweiten Amtszeit eine umfangreiche Evaluation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angekündigt. Wer Evaluation sagt, meint Restrukturierung, Überprüfung der Effizienz und konzeptionelle Erneuerungen, die sicher geglaubte Besitzstände und Gewohnheiten im betrieblichen Alltag zu erschüttern vermögen. Bislang ist wenig davon nach außen gedrungen, aber insgesamt erwecken die Einrichtungen des Berliner Kulturbetriebs derzeit gerade nicht den Eindruck, von großem Aufbruchsgeist durchweht zu sein." Das dürfte wohl die Untertreibung des Jahres sein.

Gesellschaft

In Mexiko-Stadt gingen letzte Woche Tausende Frauen auf die Straße, nachdem vier Polizisten eine Siebzehnjährige vergewaltigt hatten und davongekommen waren. Frauen "sind in Mexiko nirgendwo sicher", erklärt die Anwältin Julia Escalante De Haro vom Frauenrechtsnetzwerk CLADEM, im Interview mit Zeit online. "Jeden Tag werden Frauen ermordet oder verschwinden spurlos. Ich bin 42 - als ich noch Studentin war, kannten wir alle die Nachrichten der Frauenmorde aus Ciudad Juárez, doch sie schienen weit weg. Ich bin noch allein gereist, ich konnte zumindest einigermaßen sagen, welche Orte für mich sicher sein würden. Heute wäre das nicht mehr möglich. Nur ein paar Daten: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Morde an Frauen mehr als verdoppelt, heute zählt man jeden Monat 270 Femizide. Die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Mädchen unter fünf Jahren haben sich mehr als verdreifacht - und das sind nur die Anzeigen. Jedes Jahr werden mehr als 11.000 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren schwanger, nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben. Das sind Daten aus offiziellen Quellen. Wir erleben alle jeden Tag, was sie bedeuten."

Gerade dachte man, die Einschränkung des Gebrauchs von Plastiktüten sei ein zwar kleiner, aber endlich mal konkreter Schritt zu mehr Umweltschutz, das gibt's schon wieder Zweifel - und nicht nur von der Industrie, verkündet Markus Grabitz im Tagesspiegel und zitiert den Umweltverband Nabu, der "argumentiert: 'Einwegtüten aus frischen Papierfasern müssen mindestens dreimal so oft benutzt werden wie die erdölbasierte Plastiktüte, damit sich die Klimabilanz ausgleicht.' Um Papiertüten stabil zu halten, seien sehr viel Material sowie lange und chemisch behandelte Fasern nötig. Selbst der Baumwollbeutel habe erst dann eine bessere Klimabilanz als die Plastiktüte, sagen die Umweltschützer, wenn er 50 bis 150 Mal benutzt werde."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Europa

"Die Reden von Lutz Bachmann könnte ich inzwischen wahrscheinlich selbst halten, weil sich seine Textbausteine so sehr ähneln", spottet im Interview mit Zeit online der Reporter Alexander Schneider, der seit fünf Jahren für die Sächsische Zeitung aus Dresden über Pegida berichtet. Inzwischen sei die Bewegung fast eine Sekte geworden: "Anfangs hatte Pegida 19 Thesen mit Forderungen veröffentlicht, es ging dabei unter anderem um eine Verschärfung der Asylpolitik. Vieles davon ist längst in den politischen Alltag eingeflossen, auch durch die AfD. Neue Forderungen kommen von Pegida schon lange nicht mehr. Die Bewegung hat eigentlich keinen Zweck mehr. Der frühere Dresdner Polizeichef, inzwischen Landespolizeipräsident, formulierte es mal so: Er glaubt, dass das irgendwann mal rein kalendarisch zu Ende gehen wird."
Archiv: Europa
Stichwörter: Pegida, AfD

Politik

In der taz erinnert Felix Lee daran, dass die Proteste in Hongkong weitergehen. In Europa gibt es kaum Unterstützung, obwohl China sich laut Vertrag mit den Briten eigentlich 50 Jahre lang in Hongkong nicht einmischen darf. "Bundeskanzlerin Angela Merkel wird Anfang September nach Peking reisen. Das Mindeste, was man von ihr erwarten kann: dass sie von Peking explizit die Einhaltung des völkerrechtlichen Vertrags einfordert. Dass sie nicht nur vage 'alle Beteiligte zur Deeskalation' aufruft, wie sich ihr Außenminister von der SPD maximal zutraut, sondern die Adressaten in Peking auch konkret benennt. Und: Merkel sollte konkret überlegen, den Chinesen bestimmte deutsche Zukunftstechnologien aus dem Bereich 4.0. vorzuenthalten, die China für seinen weiteren Aufstieg gerne hätte. Mit China muss man hart verhandeln. Das tun die Chinesen umgekehrt auch."

Auch die Pressefreiheit, die der Vertrag den Bürgern von Hongkong zusagt, wird von der chinesischen Regierung nicht respektiert, berichtet Matthias Müller in der NZZ. Laut dem Medienwissenschaftler Fu Kingwa, so Müller, "kauft seit dem neuen Jahrtausend eine zunehmende Zahl an chinesischen Investoren Hongkongs Medienhäuser auf. Dagegen sind immer weniger finanzkräftige Hongkonger und Medienmogule aus der Region bereit, sich zu engagieren; das Geschäftsmodell rechnet sich kaum noch. Festlandchinesen schreckt dieser Umstand jedoch nicht ab." Sie haben "kein Interesse daran, China und die Kommunistische Partei kritisch zu hinterfragen. Stattdessen dienen sie sich Peking an, um dadurch ihre wirtschaftlichen Vorhaben auf dem Festland voranzutreiben."

Im Interview mit dem Tagesspiegel geißelt der Journalist und Chinaforscher Benjamin Haas europäische Unternehmen, aber ganz besonders Siemens für den Bau von Fabriken in Xinjiang, obwohl die chinesische Regierung dort mit allen Mitteln die Uiguren unterdrückt: "Siemens hat ausgedehnte Geschäftsbeziehungen nach Xinjiang, von denen die besorgniserregendste das Kooperationsabkommen mit der China Electronics Technology Group ist. Das ist ein Militärlieferant, der eine Überwachungs-App entwickelt hat, die in der Region genutzt wird. Menschen sind in Lager geschickt worden, auf der Basis von mit dieser App gesammelten Daten, sagt Human Rights Watch."

Außerdem: In der FAZ hält Frido Mann die amerikanische Demokratie für stark genug, Donald Trump zu überleben.
Archiv: Politik

Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den Hitler-Stalin-Pakt, der heute vor achtzig Jahren unterschrieben wurde. Und Birgit Holzer besucht das zum 75. Jahrestag der Befreiung von Paris eröffnete Musée de la Libération in Paris. Und noch einmal Arno Widmann, der erzählt, wie die Christen das Konzept des Gottesstaates als Ersatz für das untergegangene Rom entwickelten.
Archiv: Geschichte

Medien

In einem bissigen Kommentar auf der Seite 1 der FAZ fragt Jürgen Kaube die 59- bis 63-jährigen Programmverantwortlichen des Hessischen Rundfunks, was genau sie eigentlich damit meinen, wenn sie behaupten, sie müssten hr2 abschaffen, um jünger, digital und divers zu werden. "Hier beginnt die Verachtung der zahlenden Kundschaft, die nur möglich ist, weil sie zahlen muss. Was tut denn ihr Alter zur Sache? Die Hörerin, die heute sechzig ist, hat gute Chancen, noch zwanzig, dreißig Jahre lang das Radio einzuschalten. Oder wird die Demokratieabgabe folgerichtig bald nur noch von der Gruppe '35 und jünger' erhoben?" Aber womöglich, so Kaube, ist Jugend auch "nur eine Ausrede, um die Finanzierung der Rentenlast zu ermöglichen, die auf den Sendern liegt. Es sind dem hr die eigenen Rentner eben näher als die im Publikum."
Archiv: Medien
Stichwörter: Hr2, Hessischer Rundfunk