9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1586 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2023 - Geschichte

In seiner SZ-Kolumne blickt der Historiker Norbert Frei recht kritisch auf die Huldigungen zum Hundertsten des verstorbenen Kollegen Reinhart Koselleck. Vor allem dessen Kritik an der deutschen Denkmalspolitik - insbesondere am Holocaustmahnmal - findet Frei heute hinfällig. Koselleck hatte damals gewarnt, ein Denkmal ausschließlich für die ermordeten Juden würde weitere Denkmäler für andere Opfergruppen nach sich ziehen. "So entstehe eine versteinerte 'Denkmalshierarchie', bei der sich die Frage stelle, 'ob wir als Nation der Täter diese Folgelasten gutheißen können'. Tatsächlich entstanden in den folgenden Jahren außer dem Stelenfeld am Brandenburger Tor weitere Denkmäler: für die in der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Sinti und Roma, für die Homosexuellen und für die Opfer der sogenannten Euthanasie-Aktionen. Aus Kosellecks 'Nation der Täter' aber ist längst eine Gesellschaft ihrer Nachkommen geworden, und eine der Nachkommen der überlebenden Opfer. Deshalb braucht, wem es um historische Vergegenwärtigung der Verbrechen zu tun ist (und um die demokratiepolitisch konstruktive Weiterentwicklung unseres Geschichtsbewusstseins), Kosellecks Kassandrarufe aus den Neunzigern nicht." (Hier ein Spiegel-Interview mit Koselleck aus dem Jahr 1997 zur Mahnmaldebatte.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2023 - Geschichte

Hat Egon Bahr mit den reaktionärsten Betonköpfen in Moskau konspiriert, um die Bürgerbewegungen in Osteuropa und dann gar die Wiedervereinigung zu sabotieren? Gerhart Baum says so! Daniel Friedrich Sturm zitiert im Tagesspiegel ausführlich aus einem Leserbrief des ehemaligen Bundesinnenministers Baum an die FAZ, in dem er Bahr stark kritisiert. Der Leserbrief bezieht sich auf einen Artikel  Heinrich August Winklers über das zwiespältige Erbe der SPD-Ostpolitik. "Ein Hauptziel von Breschnew war die Anerkennung der bestehenden Grenzen durch den Westen, wie Winkler das auch beschreibt. Genscher war empört, dass Bahr in Helsinki der Forderung Breschnews nachgeben wollte, auch die innerdeutsche Grenze als endgültig anzuerkennen. (...) Es gab heftige Kontroversen. Die Missachtung der Freiheitsbewegungen war, vor allem im Hinblick auf Polen, auch Helmut Schmidts Position. Für uns, die wir schon längst auf Solidarność in Polen zugegangen waren, war dies ein Ärgernis. Bahr ist der sozialliberalen Koalition auch mit seiner Kritik am Nato-Doppelbeschluss in den Rücken gefallen. (...) Ins Bild passt auch, dass er nach 1989 alles versucht hat, um den Zwei-plus-vier-Vertrag zu verhindern. Er war der Vertrag zur Einheit und der eigentliche Friedensvertrag. Bahr konspirierte mit der Gorbatschow feindlich gegenüberstehenden Falin-Gruppe in Moskau. Gut, dass Bahr für den zweiten Teil der Ostpolitik, so wichtig seine Rolle am Anfang war, keine Rolle mehr gespielt hat."

Rixa Fürsen unterhält sich für die Welt mit Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin, dessen Vater zum Widerstandskreis des 20. Juli zählte. Er erzählt, wie er und sein Bruder nach dem Attentat in ein Kinderheim gesteckt wurden. Dass ihr Vater an dem Anschlag beteiligt und zu diesem Zeitpunkt schon hingerichtet worden war, wusste er nicht: "Ich habe den Tod meines Vaters geträumt, ehe ich es wusste - den ganzen Prozess im Detail bis zu seiner Kleidung. Erst später erfuhr ich, dass es diesen Prozess tatsächlich vor dem Volksgerichtshof gegeben hatte. Als ich meine Mutter nach der Entlassung aus Bad Sachsa am 8. Oktober 1944 wiedersah, erzählte sie mir von seinem Tod, aber ich wusste ja bereits alles."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2023 - Geschichte

Frauke Steffens hat für die FAZ die Gamble-Plantage in Florida besucht, und ist einigermaßen fassungslos über das Geschichtsbild, das die Daughters of the Confederacy, eine Lobbyorganisation von Soldaten-Nachfahren der Konföderierten Armee, dort verbreiten. Über Sklaverei erfährt man auf der Plantage praktisch nichts: "Die Skizze einer Hütte und eine Liste mit Namen erinnern an die Unterdrückten. Doch nach der Tour durch die Villa wissen die Besucher mehr über das Baumaterial der weißen Säulen - ein Gemisch aus Austernschalen, Muscheln, Asche und Sand, das man 'Tabby' nennt - als über das Leben der Menschen, die sie bauten." Gouverneur Ron DeSantis unterstützt diese Art der Geschichtsverfälschung: "Der sogenannte 'Stop Woke Act' und weitere Gesetze sollen die Verbreitung von Theorien verhindern, nach denen 'systemischer Rassismus, Sexismus, Unterdrückung und Privileg den Institutionen der Vereinigten Staaten inhärent' seien. Im Frühjahr blockierte DeSantis einen College-Vorbereitungskurs in afroamerikanischer Geschichte, weil darin linke 'ideologische' Theorien thematisiert würden. Fast 200 Bücher sind laut Presseberichten zeitweise aus Schulen, Schulbezirken oder Bibliotheken in Florida verbannt worden, darunter auch Toni Morrisons 'Sehr blaue Augen', das Debüt der Nobelpreisträgerin über die Frage, was es heißt, als Schwarze in einer weißen Welt der Ausgrenzung zu leben. Schulbehörden gehen dabei selbständig vor, um den neuen Regeln zu entsprechen. Kritiker sehen in dem Verbot einen Angriff auf Meinungsfreiheit, Wissenschaft und Lehre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2023 - Geschichte

Ausführlich legt Ute Frevert, Autorin des Buchs "Mächtige Gefühle", nochmal die "gefühlspolitischen" Begründungen dar, mit denen Wladimir Putin seinen Krieg gegen die Ukraine rechtfertigte. Wie viel küger war doch da seinerzeit Bismarck: "Mit der Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer handelte Bismarck nicht bloß vernünftig, nämlich verantwortungsvoll-vorausschauend. Er war auch hellsichtig genug, um zu wissen, dass Gefühle - hier das Gefühl der Demütigung und Selbstwertkränkung - ein mächtiger Treiber sozialen Handelns waren, und man sie als politischen Faktor ernst nehmen musste." Und zum Abschluss ihres Artikel stellt die bekannte Historikerin glatt noch die Frage: "Was nun haben Bismarck und Putin in puncto Gefühlspolitik gemein? Und was könnte Putin von Bismarck lernen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2023 - Geschichte

Die Hohenzollern haben ihre Klagen auf Entschädigungen für Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone nach 1945 zwar zurückgezogen, aber die Frage, nach der Bedeutung Wilhelms von Preußen für die Nazis bleibt. Damit beschäftigt sich auch Jürgen Luh, Mitarbeiter im Ressort Wissenschaft und Forschung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und Direktor am Research Center Sanssouci (RECS) in Potsdam, der mit seiner "lesenswerten" Aufsatzsammlung "Der Kronprinz und das Dritte Reich" "der Verzwergung des Exkronprinzen Wilhelm von Preußen und der Bagatellisierung seines Engagements für den Nationalsozialismus einen Riegel" vorschieben will, wie Lothar Müller in der SZ erklärt. Luh habe zu diesem Zweck auch die Presse der damaligen Zeit ausgewertet, um zu belegen, dass Wilhelm keineswegs so randständig war, wie die Hohenzollern heute behaupten. "Zwar spielte er bei den Manövern, die zur Reichskanzlerschaft Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 führten, keine nennenswerte Rolle, doch trug er als öffentliche Figur und Exponent der antirepublikanischen alten Eliten zum Aufstieg der Nationalsozialisten und zur Etablierung ihrer Macht nach dem 30. Januar 1933 nicht unerheblich bei. Zum Wirkungspotenzial dieser öffentlichen Figur, so der Befund bei Luh wie bei Malinowski, trug bei, dass sie als Repräsentant nicht nur der alten Eliten im Allgemeinen, sondern des kaiserlichen Herrscherhauses im Besonderen wahrgenommen wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2023 - Geschichte

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat eine riesige Biografie über Walter Ulbricht geschrieben, die in diesen Tagen erscheint. Im Gespräch mit Christoph Dieckmann und Anne Hähnig von der Zeit charakterisiert er ihn als kalten (aber nicht im Privaten!) und effizienten Apparatschik: "Ulbricht hat, wenn es darauf ankam, stets die aktuelle Linie der Kommunistischen Internationale verkündigt. Todfeind Hitlerfaschismus? Das war gestern, fortan geht's gegen den französischen und englischen Imperialismus. Er war ein Rädchen im kommunistischen Getriebe, an anderen Stellen aber auch Spiritus Rector. In der Nachkriegszeit wuchs Ulbricht, im Wechselspiel mit dem Kreml, zu einer eigenständigen politischen Größe heran."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2023 - Geschichte

Sehr beeindruckt berichtet Tilman Spreckelsen für die FAZ von einer Ausstellung mit Exponaten des "Ringelblum-Archivs" im NS-Dokumentationszentrum München. Kurz erzählt er die Geschichte des Archivs, das bereits im Warschauer Ghetto gegen die Vernichtung und das Vergessen angelegt wude. Die Ausstellung präsentiere eine kluge Auswahl: "Die schwierige Rolle des Judenrats wird ebenso beleuchtet wie die Maßnahmen der Deutschen zur Kontrolle der Ghettobewohner, die rege Untergrundpublizistik, die prekäre Versorgungslage und Versuche, in alldem noch so etwas wie Normalität zu erleben, indem Schulunterricht abgehalten und Theaterstücke und Konzerte aufgeführt wurden. Dass der Schrecken trotzdem immer präsent blieb, teilt sich in den Aufsätzen der Schüler mit, geschrieben etwa zu einem Thema, das andernorts ganz harmlos wäre, hier jedoch die deprimierendsten Ergebnisse produziert: 'Was wir auf der Straße sehen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2023 - Geschichte

Der Osteuropahistoriker Kai Struve erinnert in der FAZ an "Wolhynien 1943". Ukrainer begingen in der Region Massaker an Polen, die Opferzahlen gehen in die Zehntausende, sind aber umstritten, so Struve: "Nicht nur bei den Opferzahlen unterscheidet sich die Sicht auf dieses Geschehen in Polen und der Ukraine bis heute. In Polen gilt das 'wolhynische Massaker' als von Ukrainern verübter Genozid am polnischen Volk. In der Ukraine wird die 'wolhynische Tragödie', wie es dort meist heißt, als Teil eines längeren polnisch-ukrainischen Konflikts gesehen, in dem beide Seiten Verbrechen begangen haben. Diese gegensätzlichen Sichtweisen haben in den Jahren nach 2015 zu einer deutlichen Verschlechterung der Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine geführt."
Stichwörter: Wolhynien, Polen, Ukraine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2023 - Geschichte

Die taz legt neue Informationen zu Alois Brunner vor, der neben Adolf Eichmann einer der am direktesten mit dem Holocaust befassten Nazi-Täter war und für die Ermordung Zehntausender Juden direkt Verantwortung trug. Der Zeitung und dem Dienst fragdenstaat.de liegt nun die gesamte Akte des Bundesverfassungsschutzes vor, berichtet Konrad Litschko. Der hatte sich seit Jahren, besonders auch unter Hans-Georg Maaßen, gegen die Veröffentlichung gewehrt. Die Akte beweist vor allem vor allem endgültig, dass der Verfassungsschutz schon ab 1960 wusste, dass sich Brunner in Syrien befand.

"Der Inlandsgeheimdienst hat mit allen Mitteln dagegen gekämpft, dass seine frühere Kumpanei zwischen Altnazis öffentlich wird", schreibt Klaus Hillenbrand in seinem Kommentar . "Dass das Amt diesen Streit nun verloren hat, ist ein gutes Zeichen. Dass der Verfassungsschutz aber überhaupt glaubte, dieses Geheimnis hüten und vor hartnäckigen Nachforschungen bewahren zu müssen, ist ein Signal, dass die Loyalitäten unter denjenigen, die das Grundgesetz schützen sollen, nicht ganz so eindeutig sind, wie man es erwarten sollte."

Die taz geht nicht weiter auf die Rolle Brunners nach dem Krieg ein. Hierüber hatten Oliver Das Gupta und Benjamin Moscovici schon 2017 in der SZ berichtet. Zuflucht gefunden hatte er zunächst in Ägypten bei Mohammed Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem und Vorgänger Jassir Arafatsa ls Anführer der Palästinenser. Er soll auch den Kontakt zu den Assads vermittelt haben, für die Brunner dann in Syrien tätig war. Kontinuitäten überall!

Außerdem: Von der immer gleichen, immer mystifizierenden, völlig unkritischen Erinnerung an die Luftbrücke hat tazler Klaus Hillenbrand mittlerweile genug gesehen, auch die Ausstellung "Blockierte Sieger - Geteiltes Berlin. 75 Jahre Luftbrücke" auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof entlockt ihm nur noch müdes Gähnen: "Am Ende stehen einige historische Abbildungen und ein schmaler Begleittext, der bilanziert, dass Erinnerung in Berlin in dieser Angelegenheit immer noch gespalten ist. Da wären wir nicht drauf gekommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2023 - Geschichte

Erstmals ist in der Ausstellung "Wichtiger als unser Leben: Das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos" im NS-Dokuzentrum München das geheime Ringelblum-Archiv in Deutschland zu sehen, schreibt Jörg Häntzschel, der sich für die SZ die erschütternden Dokumente aus dem Ghetto angeschaut hat. "Am 22. Juli 1942 werden die schlimmsten Befürchtungen Gewissheit: Die 'Umsiedlungen' 'nach dem Osten' beginnen. Bald sickert durch, was damit gemeint ist. 'Es wurde gesagt: 'Man kann doch nicht mehrere Hunderttausend Menschen ermorden. Die Mehrzahl wollte nicht glauben, dass man das kann', schreibt Jarecka. 'Als wir das dann endlich verstanden hatten, war das Gefühl, das uns am meisten zusetzte, die Scham über die eigene Naivität.'"
Stichwörter: Ringelblum-Archiv