In der FAZ antwortet der Chemnitzer Historiker Alexander Gallusauf den Essay seiner Münchner Kollegin Hedwig Richter, die beklagt hatte, dass die ewigen Vergleiche mit Weimar zu politischer Hasenherzigkeit führten. Klar, plumpe Analogien bringen nicht weiter, meint auch Gallus, aber Weimar stehe ja gar nicht mehr einseitig für das Scheitern: "Die Weimarer Geschichte ist vor allem deshalb lehrreich, weil sie gerade nicht in einer überzeugenden Meistererzählung zu fassen ist, die von Richter beklagte 'populistische Angstdimension' ebenso wie die von ihr eingeforderte 'demokratische Aufbruchsdimension' umfasst. Wenn die Epoche heute noch interessant wirkt, dann liegt das an ihrem ambivalenten, schillernden und unsicheren Charakter. Wie im historischen Experimentierraum lassen sich daran, jenseits einer scheiterns- oder erfolgsgeschichtlichen Engführung, zentrale Probleme der Demokratiegestaltung in unruhigen Zeiten erörtern."
In der NZZblickt Ulrich M. Schmid auf die Geschichte des Kachowka-Staudamms, eines der megalomanischen Projekte, das im Rahmen des "Großen Stalin-Plans zur Umgestaltung der Natur" entstand: "Der Bau des Kachowka-Staudamms wies eine wichtige geopolitische Dimension auf. Zum einen wollte man das bisher leistungsfähigste Wasserkraftwerk der Welt, den amerikanischen Grand-Coulee-Damm, übertrumpfen. Zum anderen sollte das Wunder der sowjetischen Ingenieurskunst auch den globalen Einfluss des Kremls stärken."
Aufständische Arbeiter reißen an der Grenze zum amerikanischen Sektor das Sektorenschild des "demokratischen" (sowjetischen) Sektors nieder. Bild: FOTB002901, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Zum siebzigsten Jahrestag des 17. Juni scheint sich auch in der breiteren Öffentlichkeit das Bild des Tages nochmal zu ändern. Der Aufstand fand bei weitem nicht nur in Berlin statt: "In Halle gab es die größte Demo mit mehr als 100.000 Teilnehmenden", sagt der Historiker Stefan Wolle im Gespräch mit Simone Schmollack von der taz. Und eigentlich ausgegangen war er von den Bauern, die sich gegen die Kollektivierung wehrten. Nach dem 17. Juni versuchte die DDR-Führung sogar, geflüchtete Bauern aus dem Westen zurückzuholen. Auf die Frage, ob das gelang, antwortet Wolle: "Darüber gibt es keine Zahlen. Ich gehe davon aus, dass im Westen blieb, wer erst einmal dort war. Den Ausgereisten haftete zudem der Makel der 'Republikflucht' an, und die war eine Straftat. Die Folgen hatten damals vor allem Angehörige zu tragen, manche konnten kein Abitur machen, andere nicht studieren. Und sie sagten: Wir werden dafür bestraft, dass wir hier geblieben sind. Die Mehrheit der Bevölkerung war gegen die DDR und den SED-Staat. Es war aber auch klar, dass das System nicht zu stürzen ist, solange die Sowjetunion existiert."
Hubertus Knabebelegt in seinem Blog mit vielen Fotos, wie massiv die Proteste in fast allen Städten in der DDR waren: "In der Rückschau steht der 17. Juni für den wohl mutigsten Versuch in der deutschen Geschichte, unter den Bedingungen einer Diktatur freie Wahlen zu erzwingen", konstatiert er. Und dies trotz des realen Terrors, mit dem die DDR-Führung zu dieser Zeit noch agierte. Zehntausende saßen zum Zeitpunkt des Aufstands in den Gefängnissen, 20.000 Menschen warteten noch auf ihren Prozess, so Knabe: "Dass sich die Proteste trotzdem in diesem Umfang Bahn brachen, zeigt, dass die Bevölkerung reale Hoffnungen auf einen Regimewechsel hatte. Dass dies heute kaum mehr präsent ist, hat vor allem damit zu tun, dass Geschichte in der Regel von ihrem Ende her betrachtet wird. Dabei verkürzen sich historische Prozesse auf ihr Ergebnis. Im Fall des Aufstands am 17. Juni geht dadurch die ungewöhnliche Kraft verloren, mit der ein Großteil der Ostdeutschen 1953 gegen das sozialistische Regime aufbegehrte."
Gestern gedachte der Bundestag des Aufstands. Nicht alle waren gekommen.
Schon im Juni 1953 setzte im Grunde auch das Desinteresse des Westens an dem, was im Osten geschah, ein, klagt in der taz der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der sich intensiv mit dem 17. Juni befasst hat. Und dieses Desinteresse herrscht bis heute: "Die meisten künftigen Geschichtslehrer verlassen heute eine deutsche Universität, ohne sich annähernd sachgerecht mit der DDR- und Kommunismusgeschichte befasst zu haben. Es gib keinen einzigen Lehrstuhl für Kommunismusgeschichte. Dabei müsste es an jeder deutschen Universität, wo Geschichtslehrer ausgebildet werden, einen solchen geben. Es gibt auch kaum Kommunismusexperten an deutschen Hochschulen.Es ist eben kein Zufall, dass es auch keine neueren Forschungen zum 17. Juni 1953 gibt."
Weitees: In der NZZerinnert der Historiker Klaus-Rüdiger Mai. Hier ein Link zu Radioaufnahmen zum 17. Juni aus dem SWR-Archiv.
In der NZZ zeichnet der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai die Ereignisse um den Aufstand vom 17. Juni 1953 nach, der die SED blamierte, weil er "nicht von Bürgern ausging, sondern von der Arbeiterklasse, deren Avantgarde die SED doch sein wollte. Nach marxistischer Lehre hätte der Volksaufstand, der im Kern ein Arbeiteraufstand war, also gar nicht stattfinden dürfen. Wie sollte man das Unerklärliche erklären? Viele Intellektuelle und Künstler, die sich an den Feuern der Utopie die Hände wärmten, lehnten denn auch den Aufstand ab und schickten panegyrische Ergebenheitsadressen an Walter Ulbricht - unter ihnen Paul Dessau, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Friedrich Wolf, Erich Loest. In diesen Junitagen kam die Wahrheit zum Vorschein, wonach die Diktatur des Proletariats nur eine Diktatur über das Proletariat war."
"Deutschland, das seine Kolonien im Ersten Weltkrieg verloren hatte, hat nach 1945 anders als Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande keine Phase der Dekolonisierung erlebt", sagt der Historiker Jonas Kreienbaum, der im Auftrag des Humboldt Forums die Rolle Wilhelm II. in der Kolonialpolitik untersucht hat, im Tsp-Gespräch mit Christian Schröder: "Es gab keine Unabhängigkeitskriege wie in Algerien, keine großen Migrationsbewegungen aus den ehemaligen Kolonialgebieten, die einen Anlass geboten hätten, sich über die koloniale Vergangenheit Gedanken zu machen. Das führte zu einer kolonialen Amnesie in der bundesrepublikanischen Gesellschaft." Zudem kommt er zu dem Schluss, Wilhelm II. habe mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen direkten Genozidbefehl" an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika gegeben. Aber: "Er hat aber durch seine martialischen Äußerungen - wie im Falle der 'Hunnenrede' - zu einem Klima beigetragen, in dem die deutschen Militärs annehmen konnten, dass massive Gewalt von Wilhelm mindestens toleriert werde, vielleicht sogar gewollt sei."
Der Historiker Bert Pampel schildert den 17. Juni 1953 auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ aus sowjetischer Sicht: "Heinz Brandt, der Auschwitz-Überlebende und als SED-Funktionär Zeitzeuge der Ereignisse, bezeichnete den Aufstand rückblickend als Tragödie, denn die Massen 'bewirkten das Gegenteil von dem, was sie bezweckten'. Das SED-Regime unter Walter Ulbricht ging paradoxerweise gefestigt aus dem Geschehen hervor. Die sowjetische Deutschlandpolitik orientierte sich fortan an der Realität zweier deutscher Staaten. Die gesamtdeutsche Option unter der Bedingung der Neutralität, die in der sowjetischen Führung mehr Fürsprecher als nur Berija hatte, war vom Tisch."
Einer der letzten noch lebenden Résistance-Kämpfer, der 89-jährige Edmond Réveil, hat sein Schweigen gebrochen und ein Massaker an deutschen Soldaten vom Juni 1944 enthüllt, über deren Schicksal bisher nichts bekannt war, wie Jürg Altwegg in der FAZ berichtet. Sie waren bei einem Überfall in Tulle gefangengenommen worden, die Deutschen hatten gerade ihre Terrorkampagne begonnen und das Dorf Oradour ausgelöscht: "Die weniger als dreißig Partisanen waren überfordert. 'Wenn einer pinkeln wollte, wurde er von zwei Männern begleitet', erzählt Réveil: 'Wir mussten ihnen zu essen geben und sie bewachen. Wir waren ständig unterwegs, wir konnten sie nicht mehr länger mitnehmen.' Rund sechzig Kilometer waren sie zu Fuß gegangen. Sie machten in einem Stall im Weiler Le Vert halt. Der Befehl kam von oben: 'Unser Chef musste ihn umsetzen. Er war Elsässer und wurde Hannibal genannt. Er hatte in Meymac Deutsch unterrichtet und weinte wie ein Kind. Hannibal sprach zu jedem Deutschen. Es ist nicht lustig, Menschen zu töten.'"
Das Buch "Diesseits der Mauer" der Historikerin Katja Hoyer ist nach seinem Erscheinen in Großbritannien auch hierzulande ein Bestseller, von der Kritik wird ihr allerdings unter anderem vorgeworfen, sie rede die DDR schön. "DDR-Geschichtsschreibung nach 1990 ist 'Unrechtsaufarbeitung'. Das ist notwendig und verdienstvoll, es ist aber nicht alles, was mich als Historikerin interessiert", verteidigt sie sich im Tsp-Gespräch mit Kerstin Decker, die Hoyer etwa mit dem Vorwurf, sie nehme die Stalin-Note zu ernst, konfrontiert: "Auch andere Historiker nehmen Stalins Angebot einer Wiedervereinigung ernst. Das heißt ja nicht, dass ein neutrales, wiedervereinigtes Deutschland realistisch war. Stalin hatte Angst. (…) Sein Nachfolger Chruschtschow erinnerte sich, wie Stalin zitterte. Sie müssen sich das mal vorstellen: Plötzlich hätte die Sowjetunion nicht mehr nur Deutschland als Kriegsgegner, das Land, das sie ein paar Jahre zuvor nur unter großen Opfern besiegt hatte, sondern jetzt sind es potenziell Deutschland plus die früheren Verbündeten. Chruschtschow sprach von einer regelrechten 'Kriegspsychose', die Moskau erfasst habe nach der Unterzeichnung des Deutschlandvertrages zwischen der BRD und den früheren Westalliierten im Mai 1952. Man habe geglaubt, man müsse jeden Augenblick wieder in den Krieg ziehen."
Immer mehr Inder kommen zum Studium nach Deutschland. Da könnte es zum Problem werden, meint der Indologe Axel Michaels in der FAZ, dass die Regierung Modi die Schulbücher im Sinne ihres Hindu-Nationalismus umschreiben lässt: "Federführend in dieser radikalen Geschichtsklitterung ist der von der Regierung bestellte Nationale Rat für Bildungsforschung und Ausbildung (NCERT). Dabei wird in den Schulbüchern, die für die sechste bis zwölfte Klasse verpflichtend sind, alles weggelassen, was den Ruhm des Hinduismus und die Regierung des Ministerpräsidenten infrage stellen könnte. So ist die lange, prägende Mogul-Geschichte (1526 bis 1858), der Indien viele architektonische Monumente, darunter das Taj Mahal, und höchste kulturelle Leistungen in Literatur, Musik und Malerei verdankt, nahezu ausradiert. Aber auch Reform- und Protestbewegungen wie etwa der bäuerliche Widerstand gegen den Bau des Narmada-Staudamms kommen nicht mehr vor. Stattdessen wird die Geschichte monokulturell dargestellt und mythologisiert, indem Götter wie Rama zu historischen Figuren erklärt werden. Auch das Kastensystem und die Rolle Modis als damaligem Ministerpräsidenten Gujarats bei den blutigen Pogromen von 2002, bei denen über eintausend Menschen - meist Muslime - umkamen, werden ebenso verharmlost" wie der rechtsradikalen Hintergrund des Gandhi-Attentäters Nathuram Vinayak Godse.
Hubertus Knabe erinnert auf einer Seite in der FAZ an die "ungewöhnliche Kraft" des Aufstandes vom 17. Juni 1953, dessen nähere Umstände heute weitgehend vergessen seien. Er sichtet alte Fotos und zeigt, wie weit die Aufständischen vor allem in Provinzstädten vorgedrungen waren, wo sie teilweise die Rathäuser besetzten und politische Gefangene freiließen. Aber der Aufstand werde bis heute von seiner Zerschlagung her gesehen. Und "selbst Geschichtslehrer können meist keinen einzigen Aufständischen mit Namen nennen". Der siebzigste Jahrestag wird wohl der letzte sein, wo das Gedenken einigermaßen konkret wird, vermutet Knabe. Hierfür macht er auch den Einigungsvertrag verantwortlich: "Dort wurde 1990 festgelegt, den 17. Juni als Nationalfeiertag abzuschaffen und den 3. Oktober an dessen Stelle zu setzen. Eine ganze Generation ist seitdem herangewachsen, die sich niemals die Frage stellen musste, warum an diesem Tag Schulen und Geschäfte geschlossen sind. Mindestens ebenso relevant sind freilich auch die Versäumnisse von Politik, Schulen und Medien bei der Aufgabe, das historische Erbe zu pflegen. Das Beispiel der Geschwister Scholl zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, ein weit zurückliegendes Ereignis auch ohne Feiertag im kollektiven Gedächtnis zu verankern."
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