9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2023 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Ökonom Amos Michael Friedländer an das Ende des Korea-Krieges 1953. Beiden Supermächten, der UdSSR und der USA, war klar, dass sie den Krieg nicht würden gewinnen können. Präsident Eisenhower entließ sogar seinen Außenminister, weil dieser Pjöngjangs Unterstützer Peking drohte, den Krieg auf Chinas Staatsgebiet auszudehnen - Nuklearwaffen nicht ausgeschlossen. Das Ergebnis ist der 38. Breitengrad, der die Grenze der beiden Koreas heute, trotz aller Spannungen, immer noch markiert. Friedländer sieht hier viele Parallelen zur heutigen Situation im Ukraine-Krieg. "Bekanntlich ist es im Ukraine-Krieg Russland, das immer wieder mit dem Einsatz von Nuklearwaffen droht. China hingegen ist heute der Mächtigere im Bündnis der beiden Länder und strikt gegen einen solchen Einsatz. In den USA hat man die Lehren aus dem Korea-Krieg nicht vergessen. So gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Waffenstillstand noch immer halte und dass die Beendigung des Ukraine-Krieges durch einen ebensolchen realistischer sei als ein wie auch immer gearteter Friede. Auch könnten heute die USA theoretisch die Nachschublieferungen an Kiew einstellen, um die Zustimmung der Ukraine zu einem künftigen Waffenstillstand zu erzwingen, so wie Stalins Nachfolger es gegenüber China taten. Doch wahrscheinlich ist dies nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2023 - Geschichte

Auf dem Schild der monumentalen "Mutter Heimat"-Statue in Kiew wurde das sowjetische Staatswappen mit Hammer und Sichel entfernt und durch den ukrainischen Dreizack ersetzt, meldet Ulrich M. Schmid, der in der NZZ die Geschichte der sowjetischen "Mutter Heimat"-Statuen erzählt. Zwar stellte die Kategorie Heimat "aus marxistischer Sicht eine bourgeoise Kategorie dar, die von der ausbeutenden Herrscherklasse zur Rechtfertigung ihrer Eroberungskriege eingesetzt wurde", erinnert er, aber: "Stalin mochte sich bei der Mobilisierung der sowjetischen Bevölkerung nicht mehr allein auf die Klassenidentität seiner Bürger verlassen, sondern appellierte an ihre nationalen Gefühle." In der späten Sowjetzeit konnte sich dann der neue russische Patriotismus hinter dem rehabilitierten Heimatbegriff verstecken, fährt Schmid fort. "Heute verkörpern die 'Mutter Heimat'-Statuen ganz unterschiedliche postsowjetische Geschichtspolitiken. In Wolgograd bestaunen herangekarrte Provinzler aus Donezk und Luhansk die imperiale Größe Russlands. In Kiew verwandelt sich die sowjetische Siegesgöttin in eine Nemesis für die Aggressoren, die nicht mehr aus Deutschland, sondern aus Russland kommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2023 - Geschichte

Osteuropa mit seiner Vielzahl an Kulturen und Religionen, geht langsam unter, meint der Historiker Jacob Mikanowski, der auch ein Buch, "Adieu, Osteuropa", zu dem Thema geschrieben hat, im Interview mit Zeit online. Der eine Teil integriert sich in den Westen, der andere bleibt im Einflussbereich Russlands und kämpft mit den Gespenstern der Vergangenheit. Glorifizieren möchte Mikanowski das alte Osteuropa nicht: Die Kultivierung unterschiedlicher Ethnien, Religionen und Sprachen diente den Herrschern in der Regel dazu, eine gemeinsame Opposition zu verhindern. Man lebte nebeneinander in "gegenseitiger Ignoranz... Die ältere Form der Segmentierung, in der Juden, Christen und Muslime Nachbarn sein konnten, ohne etwas über die Religion und Sprache des anderen zu wissen, verschwand nach 1945 im Zuge der Stalinisierung. Aber es stimmt: Die zwischenstaatliche Diversität blieb in Osteuropa bestehen. Jugoslawien versuchte beispielsweise seine sechs Landesteile so weit wie möglich anzugleichen, schaffte dies es aber nicht. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Slowenien und Mazedonien waren beim Zerfall Jugoslawiens beispielsweise größer als zu seiner Gründung. Der Kommunismus erzeugte in vielen osteuropäischen Ländern gewisse visuelle Ähnlichkeiten, etwa durch Repräsentativbauten, aber die Unterschiede zwischen Deutschland und Rumänien, zwischen der Tschechoslowakei und Bulgarien blieben nichtsdestotrotz riesig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2023 - Geschichte

Die Autorin und ehemalige Rowohlt-Lektorin Ingke Brodersen, stellte irgendwann fest, dass sie in einem ehemaligen "Judenhaus" lebt. In solchen Häusern drängten die Nazis Juden zusammen, bevor sie sie deportierten. Für ihr Buch "Lebewohl Martha" hat Brodersen die Geschichten der Menschen recherchiert, die von ihrem Haus im Bayerischen Viertel in Berlin aus deportiert wurden. Die universale Dimension eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit lässt sich am besten am Einzelschicksal verbildlichen, zeigt sich hier wieder. Brodersen erzählt im Interview mit David Baldysiak von der FAS, warum einige so lange in Berlin blieben, und warum sie sich trennten: "Die Ehemänner haben sich lange gesträubt zu gehen, wohl auch, weil sie Angst vor dem Statusverlust hatten. Als Niemand irgendwo von vorn anfangen zu müssen, gedemütigt zu werden. Dass die Frauen den Männern den Vortritt bei der Flucht ließen, hat auch mit Rollenbildern zu tun. Wahrscheinlich hofften beide, sie könnte nachkommen, wenn er erst einmal Fuß gefasst hatte. Ein Trugschluss. Simon Siegmund Sternson flüchtete nach Schanghai und ließ seine Frau Bertha in Berlin zurück. Heymann Herzfeld floh nach Buenos Aires, seine Frau Else blieb zurück. Beide Frauen wurden in Auschwitz ermordet." Der Perlentaucher hatte Brodersens Buch in seinen Bücherbrief von Juni aufgenommen.

Moriamé Saie, Le racisme divise. Le racisme fait diversion. Le racisme tue, 1973, Musée national de l'histoire de l'immigration. © EPPPD-MNHI
Hubert Spiegel besucht für die FAZ das "Musée de l'histoire de l'immigration" in Paris, das nach dreijähriger Schließung die Geschichte der Einwanderung in Frankreich neu erzählt. Gegenüber Le Monde hat die neue Direktorin Constance Rivière "ausdrücklich auch Flüchtlinge und Asylsuchende als Adressaten der neuen Ausstellung genannt, sie wolle die schwierigen, die heftig umstrittenen und die 'schmerzhaften' Aspekte des Themas nicht aussparen. Angst vor Komplexität, so Rivière, dürfe nicht aufkommen. Den Publikumszuspruch, der zuletzt bei etwa 100.000 Besuchern im Jahr lag, möchte sie verdoppeln." Die neue Dauerausstellung "definiert Einwanderung als essenziellen Bestandteil der französischen Geschichte und legt den Schwerpunkt auf die Hervorhebung von Entwicklungslinien, fallweise illustriert von exemplarischen Einzelschicksalen. Man verstehe sich als 'Museum einer gemeinsamen Geschichte'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2023 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ronald D. Gerste an die Präsidentschaft und den Tod von Warren G. Harding, der mit dem Wahlspruch "Zurück zur Normalität" 1920 in Amerika ins Amt gelangt war. Unaufgeklärt bleibt der Fall des im Jahre 1980 ermordeten Rabbiners Shlomo Lewin und seiner Partnerin, dessen Ermordung durch einen Rechtsextremen der Wehrsportgruppe Hoffmann die Behörden scheinbar bis heute nicht verfolgen wollen, schreiben Martina Renner, Linken Abgeordnete im Bundestag, und Sebastian Wehrhahn in der Zeit und fordern einen Untersuchungsausschuss. In der FAZ bespricht Hannes Hintermeier die Ausstellung "Displaced - Heimatlos nach 1945" im Münchner Stadtmuseum.
Stichwörter: Normalität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2023 - Geschichte

Yuval Noah Harari schrieb kürzlich in Haaretz, der Fanatismus der aktuellen Regierung sei schon im Zionismus angelegt, überhaupt findet man in Haaretz derzeit Überschriften wie "Zionismus ist Rassismus", berichtet Zelda Biller, die in der NZZ den jüdischen Antizionismus analysiert: "Der interessanteste und wichtigste jüdisch-antizionistische Fehlschluss beruht auf einem Bedeutungswandel des Wortes 'Zionismus'. Warum ist dieser Begriff nach der Gründung des Staates Israel 1948, also nachdem die historische zionistische Bewegung ihr Ziel erreicht hatte, nicht einfach in den Ruhestand gegangen? Weil er, spätestens seit dem Sechstagekrieg, also seit Israel das Westjordanland besetzt und besiedelt, von den sogenannten religiösen Zionisten, den Wortführern der Siedlerbewegung, vereinnahmt und zu ihrem Kampfbegriff gemacht wurde. In der Logik dieser ideologischen Strömung, die das Zuhause von Faschisten wie Meir Kahane und Itamar Ben-Gvir und mittlerweile eine dominierende politische Kraft in Israel ist, ist das zionistische Projekt nämlich noch lange nicht abgeschlossen. (…) Seit dem Sechstagekrieg von 1967 gehört zu diesem messianischen Prozess für sie auch die Eroberung des Westjordanlandes, die sie durch ihren egoistischen und am Ende für das ganze Land zerstörerischen Siedlungsbau unermüdlich vorantreiben und damit den Palästinensern die letzte Hoffnung auf einen eigenen Staat nehmen." Biller rät, Theodor Herzls "Altneuland" zu lesen, um "sich wieder an Herzls universalistische Vision zu erinnern".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2023 - Geschichte

Foto: Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv 

Hubert Spiegel bespricht für die FAZ die Ausstellung "Hände weg vom Ruhrgebiet! Die Ruhrbesetzung 1923 bis 1925" im Ruhr Museum Essen und erzählt, wie die extreme Rechte in der Weimarer Republik angesichts der Bestzung des Ruhrgebiets durch französische und beigische Soldaten ihr Instrumentarium schärfte. Es war eine Propagandaschlacht: "Während Franzosen und Belgier ihr Vorgehen als gerecht, angemessen und dem Versailler Vertrag entsprechend darstellen wollen, schlägt die deutsche Seite oft unverhohlen nationalistische und auch rassistische Töne an: Dass seit Kriegsende auch etwa 25.000 sogenannte 'Kolonialsoldaten' aus Nordafrika, Madagaskar, dem Senegal und Vietnam im Rheinland stationiert waren, wurde als 'Schwarze Schmach' gebrandmarkt. Auf zahlreichen Plakaten wurden rassistische Zerrbilder schwarzer Soldaten gezeigt, die meist spärlich bekleidete oder nackte deutsche Frauen bedrohen, rauben, fesseln, schänden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2023 - Geschichte

Bismarck war weder der "Superstar der Reichsgründung", wie ihn einige Konservative sehen, noch der "Superschurke, der Deutschland auf die schiefe Ebene setzte", wie einige Linke meinen, schreibt in der NZZ der Historiker Christoph Nonn. Vielmehr war er im "langwierigen Prozess der Bildung dieses Nationalstaats nur ein Akteur unter vielen", so Nonn: "Anders als er es selbst in seinen Memoiren darstellte, steuerte Bismarck nach 1866 keineswegs zielstrebig auf die Gründung eines deutschen Nationalstaats unter Einbeziehung Süddeutschlands hin. Noch 1869 erklärte er, die deutsche Einheit sei 'keine reife Frucht'. Reif wurde die Frucht bekanntlich erst infolge des Krieges mit Frankreich 1870/71. Nach einer immer noch populären Deutung hat Bismarck diesen Krieg durch die berühmte 'Emser Depesche' provoziert. Die zeitgenössischen Quellen sagen freilich, wie Eberhard Kolb schon vor fast fünfzig Jahren herausgearbeitet hat, etwas ganz anderes. Im Vorfeld der 'Julikrise' von 1870 nahm Bismarck an, dass Frankreich aus innerem Prestigebedürfnis der Regierung Napoleons III. wahrscheinlich einen Krieg provozieren würde. Er selbst wollte diesen aber wenn möglich vermeiden. Als Frankreichs Anspruch auf Luxemburg 1867 eine Welle nationalistischer Empörung in den deutschen Staaten hervorrief, hat er als preußischer Ministerpräsident diese sogar noch zu dämpfen versucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2023 - Geschichte

"Auf den Straßen lagen Berge schwarz verkohlter Leiber, durch die Hitze zum Teil auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Leichen mit ledriger Haut und erstarrten Gliedern. 'Bombenbrandschrumpfleichen' wurden sie später offiziell genannt", schreibt  Julian Staib in der FAS: Vor achtzig Jahren wurde Hamburg bombardiert. Es gab mehr Opfer als in Dresden: "Tausende starben an Vergiftungen in den Kellern. In jener Bombennacht starben in Hamburg mindestens 34.000 Menschen, etwa 900.000 verloren ihr Zuhause. Ganze Stadtteile brannten aus. In Hammerbrook etwa, im Osten der Innenstadt gelegen, hatten vor den Angriffen 44.756 Menschen gelebt. Danach waren es noch 66." In Hamburg wird des Ereignisses nur sehr diskret gedacht, so Staib. Ein Opfermythos habe sich in Hamburg, anders als in Dresden, wo er von der SED betrieben worden sei, nicht entwickelt. Wenn man heute Überlebende frage, sagt der Psychologe Ulrich Lamparter im Artikel, "bleiben sie in der Unauflösbarkeit stehen, dass beides nicht gut war: die Monstrosität des Verbrechens der Nazis ebenso wenig wie die Monstrosität der Angriffe".

Auch Jan Feddersen und Kaija Kutter begehen für die taz die ausgelöschten und wiederaufgebauten Stadtteile Hamburgs, sprechen mit Überlebenden und stellen die ungemütliche Frage nach den Rechtfertigungen für die Bombardierung der Zivilbevölkerung: "Strittig ist historisch, ob die britischen Bomber in diesem Areal bei für sie perfekten Wetterbedingungen auch rüstungszuliefernde Kleinbetriebe auslöschen wollten. Oder mit ihrer 'Operation Gomorrha', wie sie ihre Kriegsaktionen nannten, einzig biblisch anmutende Rache nehmen, Vergeltung üben wollten für die Luftkriege des nationalsozialistischen Deutschlands auf London und Coventry - mit einem demoralisierenden Bombardement der dort noch lebenden Bewohner, alte Männer, Frauen, Kinder. Wahr bleibt, dass bei den letzten halbwegs legalen Reichstagswahlen im März 1933 ausgerechnet in dieser Gegend die NSDAP vergleichsweise geringen Zuspruch erhielt, KPD und SPD dafür umso mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2023 - Geschichte

In gerade mal zwei Eisenbahnwaggons - Güterwagen, wie sie einst zu Deportationen dienten - gedenkt Moldau zur Zeit seiner Geschichte unter dem Stalinismus. Die Ausstellung ist auf ein großes Interesse gestoßen, berichtet Daniela Calmis für die taz: "Der Zweite Weltkrieg hatte für Moldau katastrophale Folgen. Nach Kriegsende erlebte das sowjetisch besetzte Land eine große Zahl von Deportationen nach Sibirien und Mittelasien. Allein in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1949 verbannte das Regime in Moskau 35.796 Menschen, darunter rund 12.000 Kinder, in Arbeitslager. Sie verließen in Viehwaggons das Land. Es war eine von insgesamt drei Deportationswellen zwischen 1940 und 1951, beginnend kurz nach der Annexion Moldaus durch den Kreml im Juni 1940..." Nur die Russen sind nicht zufrieden mit der temporären Ausstellung: "Der russische Botschafter in Moldau, Oleg Wasnezow, erklärte, die beiden Waggons vor dem Regierungsgebäude seien Belege für Russophobie und eine bewusste Anstiftung zum 'Hass auf Russland und alles Russische'."

Ebenfalls in der taz schreibt Claus Leggewie aus Anlass des Films (mehr hier) über die Aktualität des Falls Oppenheimer.

Der Band "Geschichte der Welt 600-1350 Geteilte Welten", herausgeben von dem Konstanzer Religionshistoriker Daniel G. König und Teil der sechsbändigen "Geschichte der Welt" bei C.H. Beck, erzählt die Geschichte einer frühen, vor allem von der Expansion des Christentums und des Islams getriebenen Globalisierung. Rückschläge wie die Pest stärkten diese Tendenz am Ende sogar, sagt der Historiker im Gespräch mit Michael Hesse von der FR: "Die Pestwellen des 14. Jahrhunderts haben vor allem China, den islamisch geprägten Mittelmeerraum und Europa getroffen, weniger den Indischen Subkontinent und das subsaharische Afrika. In der Pest manifestiert sich, was der amerikanische Historiker William McNeill als 'mikrobielle Vereinigung der Alten Welt' bezeichnet hat. Diese immunologische 'Stärkung' zeichnet wohl dafür verantwortlich, dass es nach 1492 in den Amerikas zu einem krankheitsbedingten Massensterben der Indigenen, nicht aber der Europäer kam."