9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2024 - Geschichte

Im März hatte das russische Außenministerium die Bundesregierung aufgefordert, die Belagerung Leningrads als Genozid anzuerkennen - ein neuer Schachzug in Putins geschichtspolitischem Kampf, schreiben die Osteuropa-Historiker Felix Ackermann und Gundula Pohl in der FAZ: "Diese geschichtspolitische Wahnidee teilt Putin mit seinem belarussischen Diktatorenkollegen Alexandr Lukaschenko. Beide bemühen sich um eine Verschiebung der Bedeutung des 27. Januars, der als Tag der Beendigung der Blockade Leningrads begangen wird, um sich von einer gesamteuropäischen Erinnerung an den Nationalsozialismus zu distanzieren. Weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit weihten sie 2024 an diesem Datum gemeinsam eine Gedenkstätte für die Opfer des nationalsozialistischen Genozids während des Großen Vaterländischen Krieges ein. ... Lukaschenko nutzte die Großveranstaltung zum ideologischen Schulterschluss innerhalb des russisch-belarussischen Unionsstaats. In seiner Rede machte er deutlich, dass sich die staatliche Genozid-Erinnerung auch gegen Protestierende in Belarus richtet, denen er die Kollaboration mit dem imaginierten Kollektiven Westen vorwirft."
Stichwörter: Belarus, Ackermann, Felix

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2024 - Geschichte

Die Türkei war eigentlich immer ein guter Verbündeter Israels und der Juden, erinnert in der NZZ der Historiker Rasim Marz. Das habe sich erst in den letzten Jahren geändert. Zuvor hätten in der arabischen Welt vor allem Christen einen militanten Judenhass gepflegt: "1927 zählte die türkische Republik noch 81.000 jüdische Staatsbürger. Trotz vereinzelten antisemitischen Pogromen wie 1934 in Thrakien wurde die Türkei während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland zu einem wichtigen Exil verfolgter europäischer Juden. Erst staatliche Repressalien ab 1942 und die Gründung Israels 1948 forcierten eine Auswanderung, so dass bis heute nur noch 14.500 Juden im Land verblieben sind. 2011 verfügte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Erlass die Rückgabe konfiszierter Immobilien und Sakralbauten, die in den vierziger Jahren beschlagnahmt worden waren. Der arabische Antisemitismus wurde erst sehr spät in der Türkei durch linke oder islamistische Kräfte adaptiert."

Tobias Rapp führt im Spiegel mit dem Historiker Michael Brenner ein sehr instruktives Gespräch über die Geschichte des Zionismus. Es gibt Elemente des Kolonialismus in der Geschichte Israels, sagt er, aber insgesamt ist der Vorwurf alles andere als zutreffend: "Es gäbe mehr gute Argumente dafür, New York den Native Americans zurückzugeben, als Israel den Arabern. Selbstverständlich waren die frühen Zionisten Kinder ihrer Zeit - das war die Ära der Kolonien. Sie glaubten, dass Europa überlegen sei. Aber sie waren natürlich keine Kolonialisten, wenn man sie mit den britischen, den französischen oder den deutschen Kolonialherren vergleicht. Es wäre ahistorisch zu behaupten, dass sie keine Beziehung zum Land gehabt hätten. Es gibt seit Jahrtausenden kontinuierlich jüdische Gemeinschaften in diesem Land. Das ist ein viel engerer Bezug als ihn die Leute hatten, die auf der 'Mayflower' nach Amerika auswanderten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2024 - Geschichte

Bülent Mumay hatte in seiner FAZ-Kolumne diese Woche darauf hingewiesen, dass Erdogans Handelsbeziehungen zu Israel die Wahlniederlage mitverursacht haben könnten (Unser Resümee). Dabei hassen Erdogan und Netanyahu einander, meint der Historiker Rasim Marz, der heute in der NZZ unter anderem erläutert, wie sich erst unter dem 1909 gestürzten islamischen Herrscher Abdülhamid II. der Antisemitismus in der Türkei manifestierte: "Abdülhamid II. wird bis heute in islamistischen wie nationalistischen Kreisen in der Türkei und der arabischen Welt als ein Vorkämpfer gegen den Zionismus gesehen, der einer jüdischen Verschwörung zum Opfer fiel. Wie die Historiker Bernard Lewis, Feroz Ahmad und Elie Kedourie darlegen, waren es vorrangig britische Diplomaten, die rund um den Fall Sultan Abdülhamid II. nach 1909 antisemitische Verschwörungstheorien in islamisch-konservativen Kreisen streuten. Im Zentrum stand der Botschafter Sir Gerard Lowther. Er betrachtete Abdülhamids Absetzung als jüdisch-zionistische Verschwörung, die vom jüdisch geprägten Saloniki aus vorbereitet und gesteuert wurde. Das jungtürkische Komitee für Einheit und Fortschritt und sein innerer Zirkel, dem auch Juden angehörten, operierten von Saloniki aus. Staatsbeamte, Offiziere und untere Ränge der Armee waren Mitglied dieser Geheimorganisation, die sich gegen das absolutistische Regime des Sultans wendete. Lowther sah Verbindungen zwischen den Jungtürken und Herzls Zionistenbewegung, wo es keine gab."

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Kürzlich hatte die Historikerin Katja Hoyer in der Berliner Zeitung behauptet, sie hätte ihr Buch "Diesseits der Mauer" nur in Großbritannien schreiben können, in Deutschland hätte man vermutlich Druck auf sie ausgeübt (Unser Resümee). Dem widerspricht der Historiker Rainer Eckert, bis 2017  Leiter des Zeitgeschichtliches Forums in Leipzig, heute ebenda: "Dass Historiker Deutschland verlassen haben, um ungezwungen forschen und publizieren zu können, ist höchstens vereinzelt der Fall und äußerst ungewöhnlich. Etwas anderes sind die Wissenschaftler, die als Folge der Neustrukturierung von Forschung und Wissenschaft nach Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung ihre Anstellung an Universitäten und Forschungseinrichtungen in Ostdeutschland verloren. In der Regel waren sie Mitglieder der Staatspartei SED gewesen oder hatten für die Staatssicherheit gearbeitet. Fast alle der dadurch frei werdenden Stellen besetzten Westdeutsche und daran hat sich bis heute wenig geändert."

Zur von Hoyer aufgestellten Behauptung, man könne in Deutschland nicht vorurteilsfrei zur DDR forschen, will Dirk Oschmann, Autor von "Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung", nichts sagen, wie er ebenfalls in der Berliner Zeitung schreibt. Wohl aber sei die Beschäftigung mit DDR-Literatur in Deutschland ein "Karrierekiller", meint er: Das "zeigt sich daran, dass in Deutschland bis heute im Fach Neuere deutsche Literatur fast niemand auf eine Professur kommen konnte, der oder die Forschung zur DDR-Literatur betreibt, wozu übrigens der sich an Christa Wolf entzündende Literaturstreit Anfang der 90er Jahre das Seine beigetragen hat. Sich mit DDR in irgendeiner Weise zu beschäftigen, scheint ein Karrierekiller zu sein. Das wird mir übrigens von Kollegen und Kolleginnen aus anderen Fächern wie der Geschichte und der Soziologie ebenfalls berichtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2024 - Geschichte

Vor dreißig Jahren begann der Genozid in Ruanda. Andrea Böhm erinnert in der Zeit an das "Totalversagen der internationalen Gemeinschaft", die aufgrund von Fehleinschätzungen oder Feigheit nicht einschritt. Während allerdings Länder wie Frankreich und die USA ihre verhängnisvolle Rolle aufgearbeitet haben, hat Deutschland das bisher versäumt, so Böhm. Nicht nur, dass die Vorstellung der Überlegenheit bestimmter "Rassen" maßgeblich durch die deutschen Kolonialherren eingeführt wurde, wie Böhm anmerkt. Auch während des Konflikts agierte Deutschland verantwortungslos - beziehungsweise gar nicht: "Nicht dass damals irgendjemand eine federführende politische Intervention des gerade wiedervereinigten Deutschland erwartet oder gefordert hätte. Aber die Vehemenz, mit der alle Warnzeichen verdrängt oder ignoriert wurden, überrascht dann doch. Die Hasspropaganda ruandischer Medien gegen 'Tutsi-Kakerlaken' wurde in den Berichten der deutschen Botschaft entweder nicht erwähnt oder heruntergespielt. Der damalige Botschafter Dieter Hölscher meldete vielmehr eine 'zunehmend belebte Presselandschaft' an das Auswärtige Amt. Das wiederum weigerte sich noch im Sommer 1993, eine 'staatliche Verfolgung bestimmter Personengruppen' zu bestätigen. Da lagen längst Berichte über systematische Vergewaltigungen von Tutsi-Frauen durch Hutu-Soldaten und Erschießungen von Tutsi vor. Entwicklungshelfer hatten gewarnt, Bundeswehroffiziere über Struktur, Stützpunkte und Pläne der Hutu-Miliz der Interahamwe berichtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2024 - Geschichte

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Katja Hoyer hat letztes Jahr mit ihrem Buch "Diesseits der Mauer" eine große Debatte ausgelöst. Manche Milieus im westlichen Ausland hatten schon in der Mauerzeit die These gern gehört, dass die DDR das "bessere Deutschland" sei. Hoyer stieß mit ihrer Verteidigung der gar nicht so schlechten Lebenswelt der DDR zuerst in Großbritannien, dann auch hierzulande auf große Begeisterung, nur in der Kritik nicht. Das schmerzt sie immer noch, wie sie im Gespräch mit Wiebke Hollersen und Anja Reich von der Berliner Zeitung darlegt. Für sie gibt es sogar so etwas wie eine "Cancel Culture": "Ich habe mehrere Kollegen kennengelernt, Deutsche, die zur DDR forschen, aber dafür bewusst nach England oder in die USA gegangen sind. Ihnen wurde an Universitäten in Deutschland geraten, dass sie in einem weniger politisch aufgeladenen Umfeld freier arbeiten können. Da hängen keine Erwartungen an den Forschungsmöglichkeiten. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2024 - Geschichte

Berliner Topographie des Terrors zeigt eine Ausstellung zu Gewalt in der Weimarer Republik, die Klaus Hillenbrand für die taz bespricht: "Der Hamburger Aufstand von 1923, die Ruhrkämpfe im März 1920, der Aufstand in Mitteldeutschland - zweifellos setzte auch die kommunistische Linke auf Gewalt, wenn es ihr nützlich erschien. Da wurden nicht nur Fabrikanten-Villen niedergebrannt, sondern auch Menschen umgebracht. Die Ausstellung macht freilich deutlich, dass es die Rechtsradikalen waren, die bei ihren Versuchen, die Republik zu liquidieren, eine viel breitere Blutspur durch das Land zogen - mit den Mordattentaten wie gegen Karl Gareis, Matthias Erzberger, Philipp Scheidemann und Walter Rathenau, mit Fememorden und Putschversuchen."

Für Andreas Kilb in der FAZ war das Verhängnis universeller: "Der Hass auf den jungen Staat, der sich den Reparationsforderungen der Alliierten hatte beugen müssen und zugleich die militärischen Kräfte der Reaktion zur Selbstverteidigung einsetzte, war allgemein. Nur die Zersplitterung der Rechten, die sich nicht auf eine Besetzung für die Rolle des Diktators einigen konnte, und die Revolutionsmüdigkeit der Arbeiterschaft verhinderten den frühen Untergang der ersten deutschen Demokratie."

Politik besteht nicht nur aus Argumenten und Deklarationen, man muss auch Gefühl zeigen, meint der Historiker Gerd Krumeich im Interview mit Spon: "Kanzler Olaf Scholz  macht aus dem Regieren eine Technik, eine rein vernunftgetriebene, seelenlose Bürokratie. Es fehlt an Charisma ebenso wie an der großen gemeinsamen Idee. Das ist gefährlich, wie man in der Geschichte sehen kann." Dann springt nämlich jemand in diese Lücke, warnt Krumeich mit Blick auf die AfD: "Historisch gibt es nur rechte Bewegungen, die dieses Instrumentarium beherrschen. Warum? Weil sie selbst aus Wut und Hass geboren sind, ohne diese gar keine Existenzgrundlage besitzen. Bleibt die Frage, inwieweit sich diese negativen Gefühle mit einer neuen Weltsicht und politischen Doktrin verbinden lassen. Mit einer genauen Idee, wie das vermeintliche Übel abgeworfen und besiegt werden könnte. Hat die AfD das? Die Nazis hatten das - leider."

Blaster Al Ackerman, Meine Unterhose zur Kunst machen, 1978. Aus der Ausstellung "Revolutionary Romances?" im Dresdner Albertinum


Schade, dass das Haus der Kulturen der Welt in seiner Ausstellung "Echos der Bruderländer" den Begriff der Solidarität "als religiöser Glaubenskern einer ansonsten säkularen Völkergemeinschaft" in der DDR nicht mal gründlich auseinandergenommen hat, meint Peter Richter in der SZ: "Gerade unter marxistischem Blickwinkel wären hier Details zu Außenhandelsverträgen, Rohstoffen und Waffenlieferungen vielsagend, um die Idealisierung von Solidargemeinschaften im Osten kritisch als Ausdruck ökonomischen Mangels zu dekonstruieren. Aber das Haus der Kulturen der Welt gibt sich neuerdings strikt antiintellektualistisch und badet lieber selbst in der warmen Brühe der Begriffe. 'Was ist der Preis der Erinnerung, und wie hoch sind die Kosten der Amnesie?', ruft der neue Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung wie ein von sich selbst berauschter Fernsehprediger wieder und wieder in seinen eigenen Katalogtext hinein." Viel interessanter findet Richter die Ausstellung "Revolutionary Romances?" im Dresdner Albertinum, "wo zum Teil ähnliche Arbeiten gezeigt werden, zum Teil auch von den gleichen Leuten, und wo noch deutlicher wird, wie sehr unter den Bedingungen des Staatssozialismus die Beschwörung der 'Solidarität' offensichtlich das ist, was woanders 'heiliger Geist' heißt. Die entsprechenden Wandbilder ähneln der Kunstgestaltung in Nachkriegskirchen nicht zufällig auffallend."

Außerdem: Tomasz Kurianowicz besucht für die Berliner Zeitung im Pilecki-Institut in Berlin die "phantastische" Ausstellung "Doppelt frei": "Die Schau thematisiert den Freiheitskampf polnischer Frauen und ihren doppelten Kampf um die Unabhängigkeit Polens und um die Erringung des Frauenwahlrechts. Dabei muss gesagt und unterstrichen werden, dass Polen eines der ersten Nationen in Europa war, in dem Frauen wählen durften." In der FR erinnert Arno Widmann daran, dass heute vor 220 Jahren Napoleon der Welt seinen Code Civil vorstellte, das bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2024 - Geschichte

"War die DDR ein Apartheidsstaat", fragt sich Boris Pofalla (Welt) nach der Ausstellung "Echos der Bruderländer" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die sich mit dem Einwanderungsland DDR auseinandersetzt und das offenbar nahelegt. Gastarbeiter kamen vor allem ab 1978 aus außereuropäischen Ländern, bleiben sollten sie nicht. Und auch eine "zu enge und dauerhafte Verbrüderung der Sozialistinnen und Sozialisten untereinander" war nie vorgesehen. "Mit einer an den südafrikanischen Intimfeind der Linken gemahnenden Apartheid-Strategie hielt man die eigenen Leute von denen aus dem Rest der Welt separiert. Vertragsarbeiter lebten in eigenen Unterkünften in der Nähe ihrer Arbeitsstelle, Kontakte zu den Einheimischen waren genehmigungspflichtig. Wer sich als Vertragsarbeiter in eine Bürgerin der DDR verliebte und heiraten wollte, musste zurück, erzählen diejenigen, die es erlebt haben: nach einer Schwangerschaft oder der zweiten Abtreibung war Schluss. Von Einwanderung auf Dauer in die DDR konnte also keine Rede sein, schon gar nicht ungesteuert."

Russland verlangt von Deutschland, die Leningrad Blockade als Genozid anzuerkennen. Die Hungerpolitik der Nazis gegen die Sowjetbürger sei insgesamt genozidal gewesen, einen gezielten Völkermord an der Einwohnerschaft Leningrads gab es aber nicht, widerspricht der Osteuropahistoriker Robert Kindler im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Stattdessen "knüpfe die Forderung an bestehende Erzählungen von den Russen als Hauptleidtragenden und Siegern im Großen Vaterländischen Krieg an. 'Die Leningrader Blockade ist dabei ein ganz zentraler Punkt im Mythos um den Krieg, denn sie steht wie kaum ein anderes Ereignis für Durchhaltewillen und schlussendlichen Triumph', sagt Kindler, 'zudem passt die Forderung gut in die Zeit, die von einer von der russischen Seite verschärften Agitation gegen Deutschland geprägt ist.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2024 - Geschichte

Der Historiker Jaromír Dittmann-Balcar erzählt im Gespräch mit Petra Schellen en détail, wie die Hamburger Juden spätestens seit der Reichspogromnacht von den Nazis systematisch ausgeplündert wurden. Dabei wurde ein bürokratischer Aufwand betrieben, der zugleich weite Teile der Bevölkerung als Mittäter einbezog, von Beamten der Finanzverwaltung bis zu Bankangestellten. "Teils versuchten jüdische Gewerbetreibende, 'arische' Kompagnons aufzunehmen oder das Geschäft formal auf einen Kompagnon zu übertragen. Das hat die Beraubung aber nur aufgeschoben." Gescheitert sei das "am dichten Verfolgungsnetzwerk aus Finanzbehörde, Gestapo und Preisüberwachungsstellen. Auch die Bankhäuser haben der Devisenstelle eilfertig mitgeteilt, welcher jüdische Kunde ein Devisenkonto hat. Da konnte man nichts verstecken." Kunstwerke durften emigrierende Juden übrigens generell nicht mitnehmen.

Die Europäer nehmen die Ukraine als randständig wahr und interessierten sich historisch gesehen nur für ihre Bodenschätze. Dabei hat Europa dort seinen Ursprung, resümiert Elisabeth Bauer in der FAZ Thesen Timothy Snyders, der in Berlin einen Vortrag zum Thema gehalten hat: "Die europäische Kulturgeschichte wurzelt wesentlich auf dem Gebiet der heutigen südöstlichen Ukraine am Schwarzen Meer, lautet die These des in Yale lehrenden Geschichtsforschers. Sie ist archäologisch belegt: In der Umgebung des Örtchens Nebeliwka, inmitten der ukrainischen Steppenlandschaft, legten Archäologen eine der ältesten bekannten Siedlungen der Menschheit frei. Die Denkmäler der Trypillia-Kulturen wurden im 5. bis 3. vorchristlichen Jahrtausend errichtet und sind damit älter als die ersten mesopotamischen Städte, die man lange als die größten, frühesten menschlichen Siedlungsformen ansah."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2024 - Geschichte

Kerstin Schweighöfer berichtet in der FAZ über die Eröffnung des Holocaust-Museums in Amsterdam (die Gäste mussten sich den Weg durch ein Spalier propalästinensischer Demonstranten bahnen, die sich an der Anwesenheit des israelischen Staatspräsidenten störten): "Anders als viele andere Holocaustmuseen wurde das Amsterdamer Institut bewusst hell und lichtdurchflutet gestaltet. 'Die Farbe des Holocaust ist weiß', sagt (Mitbegründer Emile) Schrijver. 'Es war nicht dunkel, es geschah am helllichten Tag.' Auch in den Niederlanden schauten viele Menschen weg. Ein zweiter Unterschied zu ähnlichen Museen besteht darin, dass sich das Amsterdamer Institut an einem historischen Ort befindet. Es musste nichts inszeniert werden. Die Schouwburg war der Ort, an dem Denunzianten ihr Kopfgeld abholen konnten. Sieben Gulden fünfzig für jeden aufgespürten Juden."
Stichwörter: Holocaust-Museum, Amsterdam

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2024 - Geschichte

Der Autor Matthias Jügler erzählt iin "Bilder und Zeiten" (FAZ) die alptraumhafte Geschichte der Karin S. aus Sachsen-Anhalt, die überzeugt ist, dass die DDR ihr ihr neugeborenes Baby weggenommen und für tot erklärt hat. Wahrscheinlich ist das Kind woanders unter anderem Namen aufgewachsen. Offenbar ist diese besondere Perfidie von den Behörden der DDR häufiger ausgeübt worden: "Vermutlich haben die allermeisten schon von Zwangsadoptionen in der DDR gehört: Damit aus Kindern von 'Staatsfeinden' systemtreue DDR-Bürger wurden, hat man sie zwangsadoptiert. Kinder aber für tot zu erklären, obwohl sie es nicht sind - dass es diese Praxis in der DDR gab, davon wissen vermutlich nur die wenigsten. Im Zuge meiner Recherchen habe ich viel mit Andreas Laake gesprochen. Er ist der Gründer der 'Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR'. Mehr als zweitausend Mütter, so sagt er, haben sich bei ihm in den letzten Jahren gemeldet, darunter auch Karin, und alle äußerten den begründeten Verdacht, dass ihr Kind in der DDR zwar für tot erklärt wurde, heute aber noch lebt."