9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2017 - Geschichte

Amerikanische Museen fangen langsam an, die Sklaverei und den Rassismus in Amerika aufzuarbeiten, berichtet Marc Neumann in der NZZ. Als Beispiel nennt er eine Ausstellung in Mount Vernon über die "Gutsherrenfamilie" George Washingtons und ihrer 500 Sklaven: "Greifbar in der Ausstellung ist das Bemühen nach Balance zwischen der bald brutalen, bald banalen Lebenswelt der versklavten Menschen und Washingtons eigener Entwicklung vom jungen Mann, der ohne große Bedenken Sklaven hielt, zum Gegner der Sklaverei. 1799 besiegelte er in seinem Testament die Freilassung aller Sklaven, die sich in seinem Besitz befanden. Der Spagat gelingt. Die Ausstellung ist zuweilen geschönt und weitgehend sicher vor Schockrisiken. ... Trotzdem ist sie für die Mehrheit der Besucher nicht leicht verdaulich. So manchem der patriotischen Touristen, die aus allen Landesteilen nach Mount Vernon pilgern, ist die Bestürzung angesichts der noch nie gesehenen Zeugnisse der Sklaverei ins Gesicht geschrieben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2017 - Geschichte

In einem sehr lesenswerten taz-Interview mit Andreas Fanizadeh erzählt der Schriftsteller Eugen Ruge vom Leben in der DDR, seinem Vater Wolfgang Ruge, der fünfzehn Jahre im sowjetischen Gulag verbracht hatte und trotzdem überzeugter Kommunist blieb. Den heutigen Erfolg der AfD im Osten erklärt er sich auch mit den brutalen Brüchen, die Ostler nach der Wende erlebten: "Die Grenzen öffnen sich, der Umgang mit dem Begriff Deutsch ändert sich. Wir alle, auch diejenigen, die sich nicht mit der DDR identifiziert haben, trugen den Begriff DDR-Bürger wie ein Brandzeichen mit uns herum. Wir waren keine Deutschen, wir waren DDR-Bürger. Viele waren froh, dieses seltsame Dreibuchstabenkürzel als Identitätsbezeichnung los zu sein. Kaum sind sie es los, erfahren sie, dass deutsch zu sein etwas Schwieriges ist. Etwas was man schnell wieder vergessen soll. Das man jetzt in einer offeneren, anderen Identität aufgehen soll. Sie reagieren anders als Westdeutsche. Und es ist eine Art koloniale Überheblichkeit, wenn die Westdeutschen die Erfahrungen und Perspektiven der Ostdeutschen nicht ernst nehmen oder als primitiv betrachten."

Im Tagesspiegel sprechen Björn Rosen und Joshua Kocher mit der russischen Historikerin und Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa von Memorial über den hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Sie hatte bereits Ende der siebziger Jahre Frauen interviewt, die im Gulag interniert waren. Scherbakowa kann nur bestätigen, was Ruge von seinem Vater erzählt: "Ich habe sehr wenige Menschen erlebt, die aus dem Gulag kamen und nicht in die Partei zurückgingen. Gut, es gab praktische Gründe, man wollte wieder ins Leben. Aber manche haben sich so sehr mit der Ideologie identifiziert, andernfalls wäre ihnen das Leben sinnlos erschienen; sie hassten Stalin, doch glaubten nach wie vor an Lenin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2017 - Geschichte

Morgen vor 75 Jahren wurde die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz angeordnet. Wie bitter sich auch die Nachgeschichte des Holocaust für überlebende Sinti und Roma liest, erzählt Hamze Bytyci in der taz. Da führten etwa ehemalige "Experten" der Nazis "insbesondere in der polizeilichen Ausbildung rassistisches Denken weiter... Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde erst 1982 vom damaligen Kanzler Helmut Schmidt anerkannt. Es dauerte lange Jahre, bis die Welt erfuhr, dass Settela Steinbach eine Sinteza war, keine Jüdin. Das Wort 'Sinteza' wird von der automatischen Rechtsschreibprüfung als nicht existent unterstrichen. Das Denkmal für Sinti und Roma wurde erst 2012 fertiggestellt." Settela Steinbach ist ein Mädchen, von dem eine kurze Filmsequenz aus einem Güterwaggon überliefert wurde, die symbolisch für den Holocaust steht.

Pawel Machcewicz, von der Pis entmachteter Gründungsdirektor des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs, will nun seinerseits Klagen wegen unerlaubter Änderungen seiner Ausstellung im Weltkriegsmuseum einreichen, berichtet Florian Hassel in der SZ: "Dem Ex-Direktor zufolge 'deuten die neuen Macher auch historische Fakten so um, dass Polen immer als die Nummer eins erscheint.' Etwa bei Opferzahlen: 'Wir haben in der Ausstellung auch die Abermillionen gefallenen Soldaten der Sowjetunion und in Deutschland aufgeführt - in Polen sind dagegen vergleichsweise wenig Soldaten gestorben. Jetzt soll eine neue Darstellung her, bei der die Zivilisten betrachtet werden, aber keine absoluten Zahlen mehr genannt werden, sondern nur noch ein Prozentsatz der Bevölkerung - damit Polen an der Opferspitze steht.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2017 - Geschichte

Die Historikerin Katrin Steffen greift in der taz den Streit um ein mögliches Mahnmal für die polnischen Opfer der Nationalsozialisten auf, gegen das sich ihr Kollege Stephan Lehnstaedt mit dem Argument gewandt hatte, es gebe bereits ein solches Mahnmal, denn die Mehrheit der ermordeten Polen sei jüdisch gewesen (unser Resümee): "Es geht gerade nicht darum, das Andenken an die polnischen Juden geschichtspolitisch zugunsten eines Gedenkens an nichtjüdische Polen zu 'entsorgen', sondern darum, in Deutschland aller Opfer der Besetzung in Polen zu gedenken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass dazu auch nichtjüdische Polen gehören."

Eine ganz eigene Interpretation der Russischen Revolution liefert Bora Ćosić in der NZZ: Er sieht sie als Endpunkt einer Dekadenz und eines sozialen Verfalls: "Nur dass diese Tat keine Typen durchführen werden, die unversöhnliche Wahnsinnige, Sucher nach künstlichen Seligkeiten sind, angefangen bei Baudelaire über Joris-Karl Huysmans bis hin zu Oscar Wilde, sondern ein weit resoluteres Bataillon der Dekadenz, das des gefährlichen Umstürzlers Pjotr Stepanowitsch Werchowenski aus dem Roman von Dostojewski."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2017 - Geschichte

Arno Widmann besucht für die FR eine Ausstellung über die gegenseitigen Einflüsse von Judentum, Christentum und Isalm im Gropius-Bau und ist nur halb zufrieden: "Aber irgendwann erhebt sich der Betrachter und denkt: Das ist doch nicht die Ausstellung 'Juden, Christen, Muslime im Dialog der Wissenschaften 500 - 1500'"! Das ist eine Schau höchst sehenswerter Objekte aus Medizingeschichte und Astronomie, nirgends aber ist auch nur eine einzige Überlegung sichtbar zum Beispiel über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion in den Kulturen und Epochen." In der Süddeutschen freut sich Gustav Seibt über die vielen "glanzvoll schönen, unglaublich interessanten Bücher und Handschriften".

In der NZZ erzählt die Luzerner Philosophin Christine Abbt von Diderots Besuch im Russland Katharinas II., wo der französische Aufklärer lernen musste, dass ein zu großes Machtgefälle jede echte Diskussion verhindert: "Die Gegner der Aufklärung hatten ihn in Paris ins Gefängnis gesetzt, die Freundin der Aufklärung ließ ihn sich als Narr begreifen. Er spürte im Umgang mit Katharina II. unmittelbar, dass Einsicht, Erkenntnis und Intellekt gegen den Willen zur Macht nicht ankamen."

Außerdem: In der FAZ schreibt Karl Schlögel  über die Wahl des Obers­ten So­wjets am 12. De­zem­ber 1937 und ihren Zusammenhang zu dem im gleichen Jahr losgetretenen "Großen Terror". Klaus Hillenbrand bespricht in der taz die Ausstellung "Welcome to Jerusalem" im Jüdischen Museum in Berlin. In der FAZ schreibt Regina Mönch über die Ausstellung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2017 - Geschichte

Zur Idee, in Berlin ein Mahnmal für die von den Deutschen ermordeten Polen zu errichten (unser Resümee), wendet der Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt in der taz ein: "Dabei wird vergessen, dass für die Mehrheit der ermordeten Polen bereits ein Denkmal existiert - das Holocaust-Mahnmal: Etwa zwei Drittel aller von Deutschen getöteten Polen waren jüdischer Herkunft. Am Berliner Stelenfeld allerdings wollte Präsident Dudas Kabinettschef keinen Kranz niederlegen. Darauf beziehen sich die Befürworter eines neuen Denkmals: Es gebe keinen Ort des Gedenkens an die polnischen Opfer. Aber waren diese Juden denn keine polnischen Bürger?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2017 - Geschichte

In der Welt gibt der Historiker Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte München, Götz Alys im Perlentaucher publizierter Kritik an der Aufarbeitungspraxis des Instituts zwar praktisch in allen wesentlichen Punkten Recht, aber so war der Zeitgeist eben damals, meint er. Das sei noch lange kein Grund für Alys von "Theaterdonner" und "martialischen Überschriften" begleitete "Skandalisierungsbemühungen": "In jedem Fall ist alles dies das Gegenteil eines seriösen Umgangs mit dem Holocaust in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Kampagnen wie die von Aly inszenierte schaden am Ende allen Beteiligten und ermutigen auch die Trittbrettfahrer, die ganz andere Motive haben und nur darauf warten, den Holocaust zu relativieren." Nach diesem Argument mit dem Fallbeil fordert er "höchste Sensibilität" für den Umgang mit der Holocaust-Forschung, womit er wohl sein Institut meint.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2017 - Geschichte

In einem NZZ-Interview über die blutige Geschichte Russlands überlegt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, warum Aufarbeitung in Russland etwas anderes ist als in Deutschland: "Wir vergessen, dass sich die Aufarbeitung in Deutschland unter Aufsicht der Alliierten vollzog. Der Aufarbeitungsprozess fand nicht in einem souveränen Staat statt. Man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, was passieren kann, wenn Opfer und Täter ohne Schiedsrichter einander begegnen. Man mag sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Chruschtschow gesagt hätte: '20 Millionen Tote. Jetzt arbeiten wir das mal auf.' Die Deutschen haben ihre Gewalt vor allem ins Ausland getragen, was die Aufarbeitung leichter machte. In der Sowjetunion war die Gewalt nach innen gerichtet. Wie hätte man einer solchen Tragödie gerecht werden können - wenn nicht durch Schweigen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2017 - Geschichte

In der SZ schreibt Gustav Seibt zum 200. Geburtstag des Alter­tums­wis­sen­schaft­lers Theo­dor Momm­sen, in der FAZ Simon Strauss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2017 - Geschichte

Über die 68er lässt sich Erfreuliches und Unerfreuliches sagen: Beides steht uns demnächst mit dem 50-jährigen Jubiläum ins Haus. Was bei den Sonntagsreden aber wohl nur selten zur Sprache kommen wird, sind die unerfreulichen Zustände vor 68, denkt sich Urs Hafner, der für die NZZ die Ausstellung "1968 Schweiz" im Bernischen Historischen Museum besucht hat. "Wie bieder, wie korsetthaft eng müssen die Zeiten vor 1968 gewesen sein! Wahrscheinlich waren die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg die miefigsten überhaupt seit dem eidgenössischen Bauernkrieg von 1653. Um 1960 schockierten die 'Halbstarken' die Öffentlichkeit, indem sie Töffli fuhren und Bluejeans mit selbstgebastelten Nietengürteln trugen, auf denen sie 'Elvis' aufgemalt hatten. Viele der damaligen Forderungen und Protestformen sind aus heutiger Sicht erschreckend harmlos."