Magazinrundschau - Archiv

ResetDoc

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Magazinrundschau vom 26.02.2008 - ResetDoc

Im Interview mit Amara Lakhous antwortet Ernesto Ferrero, Chef der Turiner Buchmesse, auf die Boykottaufrufe, die unter anderen von Tariq Ramadan oder Dario Fo lanciert wurden, weil in diesem Jahr Israel das Gastland ist: "Wir laden doch keine Staatsschreiber ein. Ramadan argumentiert rein politisch, während wir uns für die kulturellen Aspekte interessieren. Es scheint, als wüsste er nicht, was eine Buchmesse ist. Dabei war er im letzten Jahr selbst zu Gast, obwohl er eine sehr umstrittene Figur ist. Er konnte frei sprechen und ihm wurde interessiert zugehört. Jetzt sollte er auch andere zu Wort kommen lassen." Zu den Forderungen, auch palästinensische Autoren einzuladen, sagt er: "Wir haben doch Schriftsteller wie Ibrahim Nasrallah, Suad Amiry und Sahra Khalifeh eingeladen. Aber sie haben abgelehnt, mit der Begründung, dass sie nicht die al-Nakba (die Katastrophe der Vertreibung) oder Apartheid feiern möchten. Darum haben wir aber auch nicht gebeten."

Außerdem: Daniele Castellani Perelli schildert, wie sich die Lage um den Boykottaufruf seiner Einschätzung nach darstellt. Und Mohamed Salmawy, Generalsekretär des notorischen arabischen Schriftstellerverbands (mehr hier), droht schon mit "Konsequenzen" für das nächste Jahr, wenn Ägypten dann Gastland der Buchmesse werden soll.

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - ResetDoc

Nach der Debatte um die Linke und den Islam startet resetdoc eine neue Debatte über den Demokratiebegriff von westlichen Denkern - hier äußern sich der Politologe Carlo Galli aus Bologna und sein New Yorker Kollege Andrew Arato - und dem Kairoer Philosophen Hassan Hanafi. Keiner der drei stützt einen auf dem Individuum fundierenden Begriff der Demokratie. Gallio schlägt einen Demokratiebegriff vor, der eine Koexistenz der Kulturen ermöglicht. Arato kritisiert den Missbrauch des Demokratiebegriffs zu imperialistischen Zwecken und nennt hier den Irak-Krieg als Beispiel, und ähnlich sieht es Hassan Hanafi: "Demokraten und Republikaner in den USA teilen die gleiche Ideologie der Hegemonie, der Invasion im Irak und Unterstützung für Israel. Demokratie wird hier als ein Werkzeug genutzt, im liberale Wirtschaften zu installieren und nicht als ein Wert in sich. Der Begriff ist sogar eine Tarnung, um Ausbeutung und Hegemoniestreben zu kaschieren."
Stichwörter: Bologna, Hegemonie, Irak, Ausbeutung

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - ResetDoc

Resetdoc.org organisiert eine große Debatte über die westliche Linke und den Islam. Die italienische Philosophin Nadia Urbinati wendet sich gegen einen westlichen Manichäismus und plädiert für Multikulturalismus und Dialog. Ihr Modell bezieht sie unter anderem aus der Entspannungspolitik gegenüber dem Kommunismus, eine Politik, die auch italienische Innenpolitik gegenüber dem partito comunista war: "Toleranz und Dialog waren die einzigen Strategien, die einen Wandel in der kommunstischen Ideologie herbeiführen konnten und gleichzeitig bewahrten sie die 'korrekt Denkenden' (also die Liberalen und Demokraten) davor, selbst zu Fanatikern zu werden. Die Politik des Dialogs war keineswegs nur vorsichtig. Sie war normativ und prinzipiengeleitet. Dialog und Toleranz waren nicht nur deshalb wesentlich, weil sie die Kommunisten innerhalb des Verfassungssystems hielten, sondern weil sie auch halfen, die italienische Demokratie selbst zu festigen."

Michael Walzer von der Zeitschrift Dissent erwidert dagegen: "Linke Intellektuelle sollten sich bei ihren Gesprächspartnern Grenzen setzen. Ich bin sicher, dass mir Nadia in Bezug auf die Nazis hier recht geben würde, es trifft auch auf Stalinisten und heute auf islamische Eiferer zu. Wie sollen sich westliche Linke heute gegenüber dem Islam verhalten? Wir sollen linke Prinzipen der Demokratie bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigen. Ich sehe in dieser politischen Position keine Intoleranz und keinen Manichäismus." Die ganze Debatte kann man hier nachlesen.

Auch Charles Taylor, die Koryphäe des Mutikulturalismus, äußert sich. Er wendet sich gegen Paul Bermans kritischen Essay über Tariq Ramadan (hier unser Resümee), den er als Gesprächspartner des Westens Willkommen heißt.

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - ResetDoc

Auch in Italien gibt es heftige Diskussionen über das Verhältnis zu den Muslimen im eigenen Land. Heftig umstritten sind geplante Moscheebauten in Bologna und Genua. Die Bürgermeister beider Städte zögern, der von Bologna denkt über ein Referendum nach. Der Soziologieprofessor Stefano Allievi hält das für einen fatalen Fehler: "Es ist nicht akzeptabel, dass hier eine mutmaßliche Mehrheit darüber abstimmen soll, ob eine Minderheit die ihr zustehenden Rechte frei ausüben kann." Auch die australische Politikwissenschaftlerin Pamela Ryan warnt im Interview vor einem einfachen Referendum: "Urteile werden dabei spontan gefällt, ohne Hintergrundwissen oder Verständnis für den Gegenstand. Gerade in diesem Bereich sind die Urteile deshalb von Stereotypen und Ängsten bestimmt." Sie verweist aif die von ihrem Institut Ida (Issues deliberation Australia) angewendete Methode des "deliberative polling", die belegt, dass die Urteile ganz anders ausfallen, wenn die Befragten zuvor ausführlich über den Gegenstand informiert werden.

Mario Sciajola, einer der wichtigsten Vertreter der italienischen Muslime, zeigt dagegen durchaus Verständnis für Berührungsängste: Bei einer Mega-Moschee wie der in Bologna, die 52.000 Quadratmeter einnehmen soll, "scheint es mir legitim, das Einverständnis der Menschen, die dort leben, einzuholen - entweder durch ein Referendum oder wenigstens durch eine detaillierte Umfrage."
Stichwörter: Bologna, Genua

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - ResetDoc

Bei den Wahlen in Marokko am 7. September hat die islamische "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (PJD) entgegen aller Erwartung nicht gewonnen. Die Wahlbeteiligung lag allerdings auch nur bei 37 Prozent. Reset.doc hat den Wahlen ein Dossier gewidmet, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Tayyip Erdogans AKP in der Türkei für andere islamische Länder ein Modell sein kann. Samir Mustafa bezweifelt das für Marokko: "Die zentrale Rolle der Religion in der Verfassung und die Wiedereinführung einer strittigen, aber sicher interessanten Balance zwischen einer Rechtsordnung, die fundamental säkular und zivil ist, und dem Respekt vor dem Islam als höchster Quelle und als Quelle der Inspiration für den Gesetzgeber, gibt Marokko - ausgenommen Tunesien und die Türkei, die sich für die vollständige Trennung von Staat und Kirche entschieden haben - eine avantgardistische Stellung unter den Ländern mit einer muslimischen Mehrheit. Aus dieser Synthese ist ein Modell der islamischen Gesellschaft entstanden, das pazifistisch und zurückhaltend ist angesichts extremistischer Aktivitäten. Zugleich ist Marokko damit ein schwieriges Terrain geworden für Parteien, die sich auf die islamische Moral berufen. (...) Ein großer Teil der einfachen Leute fragt sich, wozu man eine politische Gruppe für islamische Inspiration braucht, wenn der Islam doch vom Prinz der Gläubigen, Mohammed VI. geschützt wird."

Weitere Artikel: Für den Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wäre Marokkos Aufnahme in die EU der größte Garant für eine demokratische Entwicklung, wie er im Interview erklärt. Der Politikwissenschaftler Driss Lagrini ist vor allem besorgt über die geringe Wahlbeteiligung. Federica Zoja vergleicht die Situation der PJD mit den Muslimbrüdern in Ägypten. Und Daniele Cristallini fasst die Reaktionen in der arabischen Presse auf die Wahlen in Marokko zusammen.

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - ResetDoc

Die neue Ausgabe von Reset.doc ist der Türkei gewidmet. Dort finden nach missglückter Präsidentschaftwahl und E-Putsch am Sonntag Wahlen statt. Die in Yale lehrende Philosophin Seyla Benhabib sieht im Land nicht nur einen Kampf zwischen Laizität und Islam toben, sondern auch einen zwischen alter und neuer Elite: "Die CHP, die republikanische Volkspartei, ist Atatürks alte Partei und repräsentiert das Militär, den Öffentlichen Dienst, die Judikative und die Lehrer. Das sind alles die säkularen Elemente, auf denen die Republik gründet, und ihre Politik birgt viel Jakobinertum in sich - nicht, weil sie revolutionär sind, sondern weil sie den Staat über alles stellen, die Republik ist für sie alles, das Individuum nichts. Und sie fühlen sich extrem bedroht... Die Basis der AKP ist das Kleinbürgertum, nicht das Bürgertum, sondern die Händlerschicht, die sich sehr an Mittelklasse-Werten orientiert. Es sind Menschen, die an das Privateigentum glauben und vielleicht ein kleines Stück Land, ein Haus und ein Auto besitzen. Diese neue anatolische Bourgeoisie hatte nie eine Rolle in der türkischen Politik gespielt. Aber jetzt hat Anatolien gesprochen."

Die Istanbuler Soziologin Nilüfer Göle weist auf die negativen Effekte hin, die Europas "exklusive Politik" gegenüber der Türkei auf das Land hat, besonders Nicolas Sarkozys eindeutige Äußerungen: "Es war, als wäre der türkischen Gesellschaft der Teppich unter den Füßen weggezogen worden, ein Teppich, von dem die Menschen glaubten, er gehörte ihnen seit Jahrhunderten. Der Nationalismus wächst und beschränkt sich nicht mehr auf die untere Mittelklasse oder marginalisierte, ungebildete Bereiche der Gesellschaft. Selbst die größten Pro-Europäer wenden sich dem Nationalismus zu. Die Fähigkeit, die Spannungen zwischen Säkularismus und Islam zu lösen, ist geschwächt wie auch das europäische Projekt keinen Rahmen mehr für demokratische Politik und Konsens in der türkischen Politik bildet."

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - ResetDoc

Die neue Ausgabe von Reset.doc versammelt Beiträge einer Konferenz zu al-Dschasira und den neuen arabischen Medien vom Mai in Santa Barbara. Patricia Kubala widmet sich der Rolle der Religion in den ägyptischen Medien, die bei den staatlich-säkularen Sendern überhaupt nicht vorkommt, bei den privaten umso mehr. Fatwa-TV nennt sie die Sender, "in denen eine religiöse islamische Persönlichkeit, ob sie nun eine institutionelle Autorität genießt oder nicht, ihre rechtliche Meinung zu rituellen Praktiken oder alltäglichem Verhalten verbreitet. Diese Programme sehen meist so aus, dass eine religiöse Persönlichkeit Telefonanrufe oder E-Mails beantwortet, in denen Zuschauer Lösungen für individuelle Probleme suchen. Doch da diese Fragen in einem öffentlichen Raum gestellt werden, erwecken sie den Eindruck, als wären die Fragen nicht nur für den individuellen Frager von Bedeutung, sondern für die gesamte muslimischen Gemeinschaft."

Weitere Artikel: Courtney C. Radsch beschreibt die Vorreiterrolle von al-Dschasira bei der Etablierung staatsferner Medien. Schließlich gibt es auch einige Anmerkungen zum Thema von Yigal Carmon, einstiger Oberst bei der israelischen Armee und spätere Gründer des verdienstvollen Middle East Media Research Institute (Memri).

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - ResetDoc

Reset.doc widmet ein Dossier der Islamkonferenz in Deutschland, die - spät, aber immerhin - sich der Tatsache stellt, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist. Matteo Landricina berichtet über die Hintergründe der Konferenz. Im Interview erklären Navid Kermani und Ezhar Cezairli übereinstimmend, dass die Probleme der Integration nur wenig mit dem Islam selbst zu tun haben.

"Viele Muslime", so Navid Kermani, "spüren in Folge der Anschläge islamistischer Terroristen, dass das Misstrauen in der Gesellschaft wächst und die Berichterstattung in den Medien immer alarmistischer wird. Allerdings: Es ist die deutsche Öffentlichkeit, die die Menschen seit einigen Jahren zu Muslimen 'macht'. Tatsächlich sehen sich die Iraner, Türken oder Libanesen gar nicht so sehr als zugehörig zu einer Gruppe, sondern sind eben Iraner, Türken oder Libanesen, zumal die sozialen Verhältnisse und der Bildungsgrad unter den muslimischen Einwanderern ganz unterschiedlich ist. Die Menschen sind Muslime, aber ihr erster Bezugspunkt ist nicht der Islam, sondern ihre kulturelle Herkunft und die deutsche Gegenwart."

Und die Frankfurter Zahnärztin Ezhar Cezairli meint, dass Integration nicht in erster Linie durch die Religion behindert wird. Es seien eher "soziale und kulturelle Probleme, dass Kindern aus Immigrantenfamilien nicht die gleichen Chancen haben, weil sie keine Hilfen von ihren Familien und Müttern bekommen, wenn sie Schwierigkeiten in der Schule haben. Deshalb müssen der deutsche Staat und die ganze Gesellschaft zusammenarbeiten, damit sie die deutsche Sprache lernen, bessere Noten bekommen und dem Unterricht besser folgen können."

Magazinrundschau vom 22.05.2007 - ResetDoc

In einem Interview mit dem italienischen Internetmagazin resetdoc.org nimmt Ayaan Hirsi Ali auch Bezug auf die von Perlentaucher und signandsight.com lancierte Bruckner-Buruma-Debatte. Und sie fragt sich, was heute eigentlich noch "links" und was "rechts" ist: "Wenn Väter ihre Töchter von der Schule holen und sie zur Heirat zwingen, wenn Genitalverstümmelung stattfindet und Sozialisten und Sozialdemokraten sagen: 'Das ist ihre Kultur, das ist Multikulturalismus, lass uns das schützen', dann denke ich, dass sie nicht links sind. Wenn 'Linkssein' hieße, sich um individuelle Rechte zu sorgen, wie im klassischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, dann würde ich mich als links definieren. Aber die Linke befasst sich heutzutage nur mit Gruppen: Arbeiter, Frauen und Männer, Reiche und Arme. Sie befasst sich nicht mit einzelnen."

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - ResetDoc

Im Interview erklärt der ägyptische Autor Ala Al-Aswani "Der Jakubijan-Bau", Leseprobe), er könne theoretische Debatten über Demokratie nicht mehr hören. "Debatten, Konferenzen und Meetings über die Bedingungen der Demokratie sind sinnlos. Wir können nicht auf einem theoretischen Niveau über Demokratie diskutieren; zuerst müssen wir sie in die Praxis überführen. Um das Argument zu vereinfachen: Ich glaube, Demokratie basiert auf Respekt für die Menschenrechte, legitimierten Wahlen, dem Wechsel der Macht, ohne Gewalt und coup d'etats, und dem Recht der Menschen, ihre eigenen Führer zu wählen... Leider ist Tyrannei überall. Es gibt 22 arabische Länder und nicht eine Demokratie!"

Der Islam ist absolut vereinbar mit Frauenrechten, behauptet die Philosophin und Juristin Martha Nussbaum in einem Interview. Vorbild ist für sie Indien (nicht Pakistan). "Was wir in einigen Nationen sehen, ist nicht der Islam selbst, sondern eine politische Version des Islam, die nicht eine zwingende Interpretation der religiösen Texte ist... Ayaan Hirsi Ali hätte lieber nach Indien als in die USA gehen sollen. Dort hätte sie bestimmt bessere Chancen, als Frau eine führende Rolle in der Politik oder im intellektuellen Leben zu spielen. Man könnte auch Bangladesch erwähnen, eine Demokratie mit 85 Prozent Muslimen, wo Frauen (beide Musliminnen, Begum Khaleda Zia und Sheikh Hasina) die beiden wichtigsten politischen Parteien anführen."

Der iranische Philosoph Abdolkarim Soroush will das nicht zuletzt vom Papst verbreitete Vorurteil über den Widerspruch von Islam und wissenschaftlicher Vernunft zurechtrücken. Auch und gerade für den Iran treffe es nicht zu: "Die religiösen Intellektuellen des heutigen Iran bemühen sich um die Neubestimmung des Verhältnisses von Vernunft und Offenbarung. Besonders bei der Interpretation der Heiligen Schrift (d.h. des Koran) suchen sie die Unterstützung durch moderne Hermeneutik und die Erfahrungen des Christentums. Und ganz im Gegensatz zu dem, was der Papst zu glauben scheint (...), glauben diese religiösen Intellektuellen, dass der Islam gerade aus den vielen möglichen Interpretationen besteht und dass es unmöglich ist, den reinen Kern der Religion zu erreichen."