Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

863 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 87

Magazinrundschau vom 05.12.2023 - New Yorker

Seit Jahren arbeiten Microsoft und OpenAI daran, künstliche Intelligenz sicher und für möglichst viele Nutzer zugänglich zu machen, jetzt hätte ein Coup gegen den OpenAI-CEO Sam Altman dem Ganzen beinahe den Garaus gemacht, erzählt Charles Duhigg. Altman war kurz vor Thanksgiving ab- und ebenso schnell wieder eingesetzt worden, an seiner statt müssen nun einige Aufsichtsratsmitglieder gehen, die Angst vor den Möglichkeiten der KI bekommen hatten. Die große Skepsis ist sicher berechtigt, was aber manchmal vielleicht zu kurz kommt - vor allem in der deutschen Berichterstattung - sind die Chancen, die KI bietet: zum Beispiel für jemanden wie den 1972 geborenen Kevin Scott, der in einer armen Familie aufwuchs und als erster in der Familie ein College besuchte. Heute ist Scott Chief Technology Officer von Microsoft und maßgeblich für die Zusammenarbeit mit OpenAI verantwortlich. Ein Teil seiner Agenda war von Anfang an, wie er in einem Memo an seinen Chef erklärte, "Menschen zu fördern, die normalerweise von der Technologiebranche ignoriert werden. Für Hunderte Millionen von Menschen, so sagte er mir, seien die Vorteile der Computerrevolution weitgehend unerreichbar, es sei denn, man könne programmieren oder arbeite für ein großes Unternehmen. Scott wollte, dass die künstliche Intelligenz die Art von einfallsreichen, aber digital ungebildeten Menschen, unter denen er aufgewachsen war, befähigt." Sein Optimismus wird geteilt von der 1988 in Albanien geborenen Mira Murati, die ihm bei OpenAI am nächsten steht. "Wie er war sie in Armut aufgewachsen. Als sie 1988 in Albanien geboren wurde, hatte sie mit den Folgen eines despotischen Regimes, dem Aufstieg des Gangsterkapitalismus und dem Ausbruch des Bürgerkriegs zu kämpfen. Sie bewältigte diese Umwälzungen durch die Teilnahme an Mathematikwettbewerben. Ein Lehrer hatte ihr einmal gesagt, dass, solange sie bereit war, um Bombenkrater herum zu navigieren, um zur Schule zu kommen, er dies auch tun würde. Als Murati sechzehn Jahre alt war, erhielt sie ein Stipendium für eine Privatschule in Kanada, wo sie hervorragende Leistungen erbrachte. 'Ein großer Teil meiner Kindheit bestand aus Sirenen und Menschen, die erschossen wurden, und anderen schrecklichen Dingen', erzählte sie mir im Sommer. 'Aber es gab auch Geburtstage, Verknalltheit und Hausaufgaben. Das lehrt einen eine gewisse Hartnäckigkeit - daran zu glauben, dass die Dinge besser werden, wenn man weiter an ihnen arbeitet.'"

Weiteres: Parul Seghal überlegt, was einen guten Kritiker ausmacht. John Adams denkt über musikalische Denkmäler nach. Alex Ross hörte "eine schillernde Auswahl neuer Musik" beim California Festival unter Esa-Pekka Salonen. Anthony Lane sah im Kino Yorgos Lanthimos' Film "Poor Things" mit Emma Stone, Willem Dafoe und Mark Ruffalo.

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - New Yorker

Jennifer Gonnerman unterhält sich mit der Schwester eines Amokläufers, die weiterhin zu ihrem Bruder hält - obwohl er auch die eigenen Eltern umgebracht hat. Kip Kinkel hat zum Tatzeitpunkt unter einer Psychose gelitten, die nicht erkannt worden war. "Ich habe Kristin gefragt, ob es einen Moment gegeben hat, an dem sie Kip vergeben konnte für das, was er getan hat. 'Ich habe nie diesen Moment erreicht, in dem ich nur noch wütend auf ihn war und ihm hätte verzeihen müssen', sagte sie mir. 'Er konnte sein Verhalten nicht steuern.' Sie hat mir gegenüber geäußert, dass ihre Wut sich nicht gegen ihren Bruder richtet, sondern gegen die Tatsache, dass er nie die psychologische Hilfe bekommen hat, die er gebraucht hätte. Nach dem Tod ihrer Eltern ist Kip ihr einziger naher Verwandter und ihr Bedürfnis, an dieser Beziehung festzuhalten, scheint auch ihre Sicht auf das Geschehene beeinflusst zu haben. 'Wir hatten gerade unsere Eltern verloren', sagt sie und macht eine Pause. 'So hat es sich für mich immer angefühlt - es ist so, dass wir unsere Eltern verloren haben, und nicht, 'Er hat sie uns genommen.'' Eines Abends, als Kristin uns über die Autobahn fährt, blättere ich durch die Familienalben, die sie mitgebracht hat. Darin sind Fotos der Familie mit ihren Fahrrädern, mit Kip, der wie ein Football-Spieler der Seattle Seahawks angezogen ist, mit der Familie im Urlaub in Nordkalifornien, wie sie mit ihrem Volkswagen durch einen Mammutbaum fahren. 'Wir waren eigentlich eine ganz normale Familie', findet Kristin. Aber in der Art und Weise, wie sie in den Medien dargestellt werden, bemerkt sie ein Muster: 'Es gibt da dieses große Bedürfnis, uns in eine Schublade zu stecken und uns einen Stempel aufzudrücken, der sich von dem unterscheidet, den du deiner eigenen Familie gibst. Denn wenn wir ähnlich wären, hätte es genauso gut deine Familie sein können. Und ich glaube, dieser Gedanke sorgt bei anderen für großes Unbehagen.'"

Außerdem: Adam Kirsch rät, den Bruder von Isaac Bashevis Singer, Israel Joshua Singer, zu entdecken: "Das Werk von Israel Joshua Singer, das in den fünfzehn Jahren vor dem Holocaust geschrieben wurde, spiegelt eine Zeit wider, in der die jiddische Zivilisation lebendiger und moderner war als je zuvor. Es zeigt auch, dass Juden in Osteuropa bereits spüren konnten, wie ihre Zukunft verschwand, noch bevor der Holocaust überhaupt denkbar war." Rebecca Mead porträtiert Sandra Hüller.

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - New Yorker

Masha Gessen interviewt den Psychiater und Psychoanalytiker Robert Jay Lifton, geboren 1926, der zu psychologischen Strukturen des Totalitären, zur Psyche der Nazi-Täter und zu den Auswirkungen der Atombomben geforscht hat. In seiner Arbeit hat sich Lifton viel mit dem Begriff des "Überlebenden" befasst: "Ich mache einen Unterschied zwischen dem hilflosen Opfer und dem Überlebenden als Akteur der Veränderung. Am Ende meines Buches über Hiroshima habe ich der Beschreibung des Überlebenden ein langes Kapitel gewidmet. Überlebende großer Katastrophen sind sehr besonders. Sie haben Zweifel über den Fortbestand des Menschlichen. Überlebende eines schmerzhaften Verlusts von Familienmitgliedern oder nahestehenden Menschen eint das Bedürfnis, diesem Überleben eine Bedeutung zu geben. Menschen können behaupten, Überlebende zu sein, selbst, wenn sie es nicht sind; Überlebende selbst lassen ihre Frustration manchmal an ihrem Umfeld aus. Es gibt alle möglichen Probleme mit den Überlebenden. Und trotzdem, sie haben ein bestimmtes Wissen dadurch, was sie erlebt haben und andere nicht. Überlebende haben mich überrascht, indem sie Dinge gesagt haben wie 'Auschwitz war scheußlich, aber ich bin froh über diese Erfahrung.' Ich war erstaunt, diese Dinge zu hören. Natürlich haben sie damit nicht gemeint, dass sie es genossen haben. Aber sie haben versucht zu sagen, dass sie realisiert haben, dass sie einen Wert und eine Wichtigkeit durch die Dinge haben, die sie durchlebt haben. Und das habe ich dann als Überlebensmacht oder Überlebensweisheit bezeichnet."

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - New Yorker

Joyce Carol Oates ist eine ziemlich schreibwütige Autorin, stellt Rachel Aviv fest, mindestens ein Buch schreibt sie jedes Jahr - Schreiben ist auch Lebens- und Krisenbewältigung. Eine solche Krise hat Oates nach ihren ersten veröffentlichten Büchern erlebt und sich produktiv zu Nutzen gemacht: "Sie hat sich gefühlt sich als hätte sie eine Wolke im Kopf, die sich langsam ausbreitet, bis sie so schwer war wie Beton. Sie hat eine Reihe an Spezialisten konsultiert, um herauszufinden, ob etwas mit ihr falsch ist. Eines Tages hat sie im Bett liegend darüber nachgedacht, wie viel Zeit sie mit Arztterminen verbracht hat. 'Ich dachte mir - was für eine Zeitverschwendung, wirklich, aber warum nicht eine Geschichte darüber schreiben?', hat sie ihrer Freundin Gail Godwin geschildert und nahegelegt, dass die Symptome psychosomatischer Natur sind. Die Kurzgeschichte heißt 'Plot' und handelt von einem männlichen Autor, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht und jede seiner Stimmungen in einen seiner Charaktere oder in eine Szene transformiert. Oates hat Godwin erzählt, dass Kunst die Bedingungen für einen gesunden Verstand schaffen kann. 'Wenn ich mich unruhig fühle, schreibe ich über eine unruhige Person', erklärt sie. 'Wenn mir danach ist mich aufzulösen, ist es nur natürlich, mich in etwas anderes aufzulösen.' Die gleiche Methode lässt sich anwenden, schreibt sie, bei dem Dilemma, eine 'umfassende, komplexe Seele' zu haben, die öffentlich aber nur als 'dünnes, fadenscheiniges Rinnsal' erscheint. Als Oates 'Plot', in der Paris Review erschienen, noch mal gelesen hat, dachte sie 'Mein Gott! - War ich das?', wie sie Godwin schrieb. 'Und habe ich das überstanden, habe ich die Sache besiegt? Oh ja.' Fiktion, hat sie in ihr Tagebuch geschrieben, kann als eine Art 'Gegen-Zusammenbruch' wirken."

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - New Yorker

Den Schwierigkeiten, den Strippenziehern des Menschenhandels beizukommen, widmet sich Ed Caesar im New Yorker: Der Eritreer Kidane, ein ehemaliger Obst- und Gemüsehändler, den alle nur unter diesem Vornamen kennen, hat wohl Millionen Dollar damit verdient, Flüchtlinge auszubeuten, zu foltern und ihre Familien um Geld zu erpressen. Die Justiz ist damit überfordert: Der internationale Strafgerichtshof hat bislang keine Anklage gegen am Menschenhandel Beteiligte in Libyen erhoben. Bei einer Gerichtsverhandlung in Addis Abbeba gelang es ihm, mit Hilfe von Bestechung zu entfliehen. Das Ausmaß der Brutalität des Menschenhandels, der von Kidane und seinen Helfern praktiziert wird, verschlägt einem den Atem. "Nachdem der Arabische Frühling 2011 zu einer Revolution in Libyen geführt hatte, begann Kidane in diesem Land zu arbeiten - unter anderem in Misrata, einer Stadt am Mittelmeer, in der viele Migranten landeten, bevor sie das Meer überquerten. Bis 2014 hatte er genug Geld und Macht erlangt, um sich in der kriminellen Nahrungskette nach oben zu arbeiten. Er begann, in einer anderen Küstenstadt, Sabratha, ein Lager zu betreiben, in dem viele Migranten festgehalten und erpresst wurden, bis die Überfahrt für sie gebucht war. ... Kidane und die Wachen hielten die Migranten in einem Zustand ständiger Angst. Alle paar Tage wurden Menschen aus der Menge herausgezogen und aufgefordert, ein Familienmitglied auf einem Mobiltelefon anzurufen. Nachdem der Migrant seine Notlage geschildert hatte, wurde er brutal misshandelt, während seine Entführer das Familienmitglied um die Tausende von Dollar baten, die es kosten würde, ihn freizukaufen. Eine gängige Foltermethode bestand darin, das Fleisch der Gefangenen mit geschmolzenem Plastik zu versengen. ... Viele Migranten verbrachten Monate unter Kidanes Kontrolle. Ein Äthiopier, den ich traf, Seleshi Girma, verbrachte mehr als drei Jahre in dem Lager - seine Familie war bitterarm und brauchte so lange, um das Lösegeld zusammenzukratzen. Fast alle, mit denen ich über Kidane sprach, glaubten, dass er ein sadistisches Vergnügen an den Schlägen hatte. Sicherlich fügte er seinen Opfern mehr Schmerzen zu, als nötig war, und peitschte sie oft mit Gummischläuchen aus. Ein weibliches Opfer sagte gegenüber Le Monde, dass sie während ihrer sechsmonatigen Gefangenschaft wiederholt von Kidane vergewaltigt worden sei. Sie nannte ihn eine 'Hyäne, die beim Anblick von Blut erregt wird'. Die Migranten erinnern sich an von Kidane organisierte Fußballspiele, bei denen Spieler, die eine Torchance verpatzten, erschossen wurden. Die Siegermannschaft erhielt eine Migrantin zur Vergewaltigung."

Außerdem: Adam Gopnik porträtiert den amerikanischen Bürgerrechtler Bayard Rustin. Rivka Galchen sah die Netflix-Doku "Life on our Planet". Michael Schulman bespricht Ridley Scotts "Napoleon".

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - New Yorker

David Remnick sendet eine erschütternde Reportage aus Israel, für die er auch einen der von der Hamas überfallenen Kibbuze besucht hat: "Ein IDF-Presseoffizier hat uns schusssichere Westen und Schutzhelme gegeben. Es hatte schon ein paar Tage keine Schusswechsel mehr gegeben, keine Anzeichen, dass sich noch Hamas-Kämpfer in der Gegend befänden, aber ein Offizier hat uns gewarnt: 'Das hier ist aktives Kampfgebiet.' 1951 gegründet, war Kfar Aza ein wohlhabendes Kibbuz, an das zwei Unternehmen angeschlossen waren, eines, das Färbemittel für Plastik hergestellt hat, ein anderes hat Licht- und Soundsysteme für Veranstaltungen bereitgestellt. Ungefähr 750 Menschen haben dort gelebt, mit Kindergärten, einem Fitnessstudio, einem Schwimmbad, einem Friedhof. Jetzt waren die meisten Häuser von Kugeln durchsetzte Ruinen, eingestürzt, gesprengt, in Brand gesetzt. Früher an jenem Tag waren die letzten Leichen vom Gelände entfernt worden, aber der Gestank des Todes war geblieben. Uns wurde gesagt, dass es so viele Leichen gegeben hat, oft verbrannt oder verstümmelt, dass die jungen IDF-Soldaten ihre Arbeit hier nicht aushalten konnten und die Zaka zur Hilfe gerufen haben, eine Organisation religiöser Freiwilliger, die, mit großer Sorgfalt, Körper, Körperteile und sogar Blut aufgelesen und den Toten eine angemessene Beerdigung nach jüdischem Ritus ermöglicht haben. Ich hatte ein Video gesehen, in dem ein Freiwilliger kaltes Wasser über einen der verbrannten Leichname gegossen hatte. Ich habe gefragt, warum. Um ihn abzukühlen, wurde mir erklärt, damit der Plastiksack, in den die Leiche gelegt wird, nicht schmilzt." Auch mit dem Schriftsteller David Grossman trifft sich Remnick, er macht sich Sorgen, was der 7. Oktober und seine Folgen für das politische Klima Israels bedeuten werden: "Grossman weiß, dass das politische Klima des Landes sich höchstwahrscheinlich von seiner Weltsicht entfremden wird. 'Ich vermute, dass Israel sich mehr und mehr nach rechts richten wird, mehr und mehr religiös wird', führt er aus. 'Die jüdische Identität wird eingeengt auf Selbstverteidigung. Es wird mehr und mehr Unterstützung für die Armee geben, obwohl die Armee versagt hat. Mein Appell an meinen Premierminister ist dieser: Sie haben Israel in Ihren Händen, diese wertvolle Sache. Sie sind verantwortlich für dieses einzigartige Land. Wenn dieses Land scheitert, wird die Geschichte uns noch einmal gnädig sein?'"

Weitere Artikel: Carolyn Korman erzählt von den Folgen des tödlichen Waldbrands in der Stadt Lahaina auf der hawaiianischen Insel Maui. Dorothy Wickenden begleitet Sally Snowman, die letzte offizielle Leuchtturmwärterin in den USA. Michael Schulman liest Bücher über Hollywood und die Macht der Streamingdienste von Peter Biskind und Maureen Ryans.

Magazinrundschau vom 24.10.2023 - New Yorker

China befindet sich in einer ziemlichen Krise, stellt Evan Osnos fest: Der Generalsekretär Xi Jinping hat das Land in eine ungute Situation von wirtschaftlicher Stagnation, internationaler Isolation und ideologischen Zwängen geführt: "Im Alter von siebzig hat Xi die Amtszeitbegrenzung für seine Regierung aufgehoben und selbst treue Gegner eliminiert. Er reist weniger als früher und verrät weniger über die Gefühle hinter seinen Entscheidungen; es gibt keine öffentlichen Schimpftiraden oder Prahlereien. Er bewegt sich so gezielt, dass er an einen Schwimmer unter Wasser erinnert. Vor der Pandemie haben ihn die chinesischen Staatsmedien oft vor Menschenmengen gezeigt, die ihm in gestelzter Anbetung applaudierten. Diese Videos zirkulierten im Ausland mit der verächtlichen Bildunterschrift 'Westliches Nordkorea', aber zu Hause in China bewachen die Zensoren Xis Ehre mit Argusaugen; ein Leak aus einem chinesischen sozialen Medium hat letztes Jahr gezeigt, dass nicht weniger als 564 Spitznamen für ihn blockiert werden, darunter 'Cäsar', 'der letzte Kaiser', und einundzwanzig Variationen von Winnie the Pooh." In der Bevölkerung regt sich angesichts der mauen Wirtschaftsdaten dennoch zusehends Unmut, so Osnos: "Nach einem Jahrzehnt von Xis Kampagne für übermächtige Kontrolle hat er in den Chinesen Überzeugungen geweckt, aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Ich habe mit einem ehemaligen Banker gesprochen, der mit seiner Familie von Shanghai nach Singapur gezogen ist, nachdem er befürchten musste, sein Wissen über mächtige Menschen und ihre Finanzen könnte für ihn zum Risiko werden. 'Auch wenn ich China liebe, die Nation ist eine Sache und die Regierung eine andere - sie ist eine Gruppe von Personen, die für einen kurzen Moment im großen Wurf der Geschichte Macht über das Land hat', erklärt er mir. 'Ich habe keinerlei Intention, die Regierung zu stürzen, noch hätte ich die Fähigkeit dazu. Aber es gibt Wahrheiten, von denen ich glaube, dass die chinesischen Bürger das Recht haben, sie zu kennen. Wir sind alle darauf gedrillt worden, dass es besser ist, den Mund zu halten. Aber das ist falsch. Wenn die Informationen nicht frei zirkulieren können, wird sich das ganze Land zurückentwickeln.'"

Weitere Artikel: Elizabeth Kolbert macht eine Kostenrechnung für die Plünderung des Planeten auf. Alex Ross hört eine "Madame Butterfly" in Detroit. Jackson Arn besucht die Henry-Taylor-Ausstellung im Whitney Museum. Und Anthony Lane sah im Kino Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon".

Magazinrundschau vom 10.10.2023 - New Yorker

Die USA haben mehr Waffen an die Ukraine geliefert als jedes andere Land. Aber sie haben auch immer wieder Lieferungen neuer Waffen hinausgezögert und die Aussicht auf eine Nato-Mitgliedschaft - auch auf Drängen von Olaf Scholz - verweigert. Die Ukraine hockt derweil in eine Art Limbo, weil sie nie weiß, wie weit die Unterstützung tatsächlich reichen wird. Das vorläufige Einfrieren aller Ukrainehilfe aufgrund des Putsches einiger rechtsaußen-Republikaner gegen ihren Sprecher bestätigt das nur. Susan B. Glasser hat sich für den New Yorker mit Jake Sullivan, dem Sicherheitsberater Joe Bidens, über den schlingernden Kurs der US-Regierung unterhalten: "Sullivan macht sich offensichtlich große Sorgen darüber, wie sich die Situation entwickeln wird. ... Selbst ein ukrainischer Sieg würde die amerikanische Außenpolitik vor Herausforderungen stellen, da er 'die Integrität des russischen Staates und des russischen Regimes bedrohen und zu Instabilität in ganz Eurasien führen würde', wie es ein ehemaliger US-Beamten mir gegenüber ausdrückte. Der Wunsch der Ukraine, die besetzte Krim zurückzuerobern, bereitet Sullivan besondere Sorgen. Er hat die Einschätzung der Regierung zur Kenntnis genommen, dass dieses Szenario das höchste Risiko birgt, dass Putin seine nuklearen Drohungen wahr macht. Mit anderen Worten: Es gibt nur wenige gute Optionen. 'Der Grund für die zögerliche Haltung gegenüber einer Eskalation liegt nicht unbedingt darin, dass sie russische Vergeltungsmaßnahmen für ein wahrscheinliches Problem halten', so der ehemalige Beamte. 'Es ist nicht so, dass sie denken: Oh, wir geben ihnen ATACMS und dann wird Russland einen Angriff gegen die NATO starten. Vielmehr erkennen sie, dass es nicht weitergeht, dass sie einen Krieg führen, den sie weder gewinnen noch verlieren können.'"

China hat seine Flotte an Fischereischiffen massiv erweitert - allerdings nicht nur zum Zwecke des Fischens und vor allem zu Lasten der Besatzungen, wie Ian Urbina zeigt. "Der chinesische Staat besitzt einen großen Teil der Industrie - inklusive rund zwanzig Prozent der Tintenfisch-Schiffe - und kontrolliert den Rest mit der Overseas Fisheries Association. Heutzutage konsumiert die Nation mehr als ein Drittel des Fisches auf der Welt. Die chinesische Flotte hat auch den internationalen Einfluss der Regierung erweitert. Das Land hat etliche Häfen im Rahmen seiner Belt and Road-Initiative errichtet, ein globales Infrastruktur-Programm, das dafür gesorgt hat, dass China zeitweise der größte Geldgeber für Entwicklungen in Südamerika, Subsahara-Afrika und Südasien ist. Diese Häfen erlauben dem Staat, Steuern zu umschiffen und regulierenden Behörden aus dem Weg zu gehen. Die Investitionen kaufen der Regierung auch Einfluss. 2007 hat China Sri Lanka mehr als dreihundert Millionen Dollar geliehen, um einen Hafen zu bauen. (Eine Firma im Besitz des chinesischen Staates hat den Auftrag umgesetzt.) 2017 war Sri Lanka, das kurz vor der Rückzahlung des Kredites stand, gezwungen, einen Deal einzugehen, der China Kontrolle über den Hafen und seine Umgebung für die nächsten 99 Jahre zusichert." Die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, stehen dabei selten im Fokus: "Wie die Boote, die sie beliefern, sind auch die chinesischen Verarbeitungsstätten auf Zwangsarbeit angewiesen. Über die letzten dreißig Jahre hat die nordkoreanische Regierung ihre BürgerInnen gezwungen, in Fabriken in Russland und China zu arbeiten und neunzig Prozent ihres Einkommens - Summen, die sich auf hunderte Millionen Dollar belaufen - in Konten einzuzahlen, die der Staat kontrolliert. Die ArbeiterInnen sind oftmals stark überwacht und in ihrer Bewegungsfreiheit streng eingeschränkt. Sanktionen der UN verbieten solche Nutzung nordkoreanischer ArbeiterInnen, aber, chinesischen Regierungsschätzungen zufolge, haben letztes Jahr allein in einer nordöstlichen Stadt Chinas rund 80 000 NordkoreanerInnen gelebt."

Weitere Artikel: Emily Witt erzählt die Geschichte eines Trans-Teenagers auf der Suche nach einer angemessene Behandlung in den USA. Michelle Orange denkt über die Bedeutung von Madonna nach. Gideon Lewis-Kraus liest "Going Infinite", Michael Lewis' Buch über Sam Bankman-Fried, Gründer und ehemaliger CEO der inzwischen insolventen Kryptowährungsbörse FTX. Julian Lucas bespricht Teju Coles Roman "Tremor". Und Anthony Lane sah im Kino Justine Triets "Anatomy of a Fall" mit Sandra Hüller und Samuel Theis.

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - New Yorker

CO2-Kompensation eignet sich hervorragend, um mit dem schlechten Gewissen von Firmen einen Haufen Geld zu verdienen, stellt Heidi Blake am Beispiel des Schweizer Unternehmens South Pole fest, das mehr als ein Jahrzehnt lang solche Kohlenstoff-Kredite vermittelt und verkauft hat - mit zweifelhaftem Erfolg. Verfolgt haben die Schweizer "viele große Projekte, darunter ein ausgedehntes Netz von Wasserkraftanlagen in den Bergen des südwestlichen Chinas. Danach hat die Firma rapide expandiert. Ihre Gründer haben sich auf Asien, Afrika und Lateinamerika verteilt und viele hundert Projekte unter Vertrag genommen. Bald hatte South Pole Geschäftstellen in Thailand, Mexiko, Indonesien und Indien eröffnet. Mitarbeiter, die bald als 'Pinguine' bekannt waren, haben neue Angestellte mit dem Schlachtruf 'Willkommen im Eisberg' begrüßt. In den Jahren nach der Implementierung des Kyoto-Protokolls wurde tausende Projekte unter dem Clean Development Mechanisms-Programm der UN registriert und hunderte Millionen Kohlenstoff-Kredite ausgestellt, jeder von ihnen im Wert von einer Tonne Kohlenstoff. Mit dem wachsenden Markt hat sich aber auch die Frage nach der Integrität dieser Projekte gestellt. Wissenschaftler fragen sich, ob die Entwickler den Einfluss ihrer Projekte überschätzen. Gerade Umweltforscher haben Klima-Kompensation als System sinnentleerter Ablassbriefe abgekanzelt. Eine Online-Parodie lädt untreue Ehepartner dazu ein, jemand anderen fürs Treusein zu bezahlen: "Wenn du Cheat Neutral bezahlst, finanzierst du monogamiebestärkende Kompensationsprojekte." Bei einem Klimagipfel reagieren auch die Fridays for Future-Aktivisten auf den von ihnen als unsinnig wahrgenommenen Ablasshandel: Greta "Thunberg und andere Demonstranten wurden beim Singen draußen gefilmt: 'Ihr könnt euch eure Klima-Krise in den Arsch schieben.' Später hat sie ein Addendum getweetet: 'Ich habe beschlossen, Schimpfwort- und Fluch-neutral zu werden. Für den Fall, dass ich etwas Unangemessenes sage, schwöre ich, das zu kompensieren, indem ich etwas Nettes sage.'"

Weiteres: Nathan Heller fragt: Was ist mit San Francisco passiert? Jackson Arn besucht die Manet/Degas-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art. Ian Buruma liest Gary J. Bass' "erschöpfendes und faszinierendes" Buch über das Tokio-Tribunal nach dem Zweiten Weltkrieg, "Judgment at Tokyo: World War II on Trial and the Making of Modern Asia". Amanda Petrusich hört Troye Sivans Album "Something to Give Each Other".

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - New Yorker

Carnivor zu leben, ist der neuste Ernährungstrend, allerdings mit alten Wurzeln, hält Der Anthropologe Manvir Singh nach der Lektüre etlicher Ernährungstraktate - und einigen Ausflügen auf die TikTok-Accounts der "Fleischfluencer" - fest. Der "Liver King", bei dem der Name Programm ist, hat drei Millionen Follower auf TikTok und durchaus, ähm, interessante Ernährungstipps auf Lager: "Dem Buch 'The Carnivore Code' zufolge sind Pflanzen Gift - sie wollen nicht gegessen werden und haben daraus resultierend chemische Reaktionen entwickelt, die die Verdauung angreifen sollen. Ebenfalls in 'The Carnivor Code' verkündet der Influencer Shawn Baker (319 000 Instagram-Follower), dass die Proto-Menschen am effizientesten an Protein und Kalorien gekommen sind, indem sie 'ein riesiges, fettes, energiegefülltes Tier der Megafauna erlegt haben.' Sie mögen ab und zu an Früchten und Nüssen geknabbert haben, gibt er zu, aber die Zeit und Energie, um dadurch das gleiche Resultat zu bekommen, wäre 'um mindestens eine Größenordnung größer.' Der Liver King selbst hat sich folgenden prägnanten Slogan überlegt: 'Warum Gemüse essen, wenn du auch Hoden essen kannst?'" Ob diese Ernährungsweise so effektiv ist, wie die Fleischfluencer ihren Zuschauern verklickern wollen, davon ist Singh noch nicht so recht überzeugt: "Modediäten eignen sich perfekt für eine schnelle Verbreitung. Sie sprechen die Unzufriedenheit an. Sie liefern primitive Erklärungen dafür, warum alles schief läuft. Und sie bedienen sich einer intuitiven Logik, die bei spirituellen Traditionen im Mittelpunkt steht: Je größer das Opfer, desto größer die Belohnung." Nachhaltig ist am Ende keine, meint Singh.

Weitere Artikel: Ian Johnson liest Ian Johnsons superbes Buch über chinesische Undergroundhistoriker "Sparks: China's Underground Historians and Their Battle for the Future". Missbrauch in österreichischen Kinderheimen nimmt Margaret Talbot unter die Lupe. Jennifer Wilson liest J. M. Coetzees  Roman "Der Pole". Amanda Petrusich trifft sich mit Joan Baez, um über neuen Dokufilm über ihr Leben (unsere Besprechung) zu sprechen - und natürlich über Bob Dylan. Außerdem unterhält sich Petrusich mit dem Elektromusiker Daniel Lopatich.