Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 19.09.2023 - New Yorker

Sam Knight stellt im New Yorker den in Dänemark lebenden schwedischen Architekten Pavels Hedström (Instagram) vor. Von den japanischen Metabolisten beeinflusst, gehört er zu einer wachsenden Gruppe jüngerer und älterer Architekten, die der Ansicht sind, dass wir in Zeiten des Klimawandels nicht einfach so weiterbauen können wie bisher, dass kleine Verbesserungen nicht helfen, sondern ein grunsätzliches Umdenken erforderlich ist. Immerhin verursacht die Baubranche ein Drittel der weltweiten Emissionen, so Knight. Viel gebaut hat Hedströn noch nicht, aber es geht ihm auch weniger um Gebäude als um Ideen: "'Es geht darum, unseren Verstand umzuprogrammieren, wie wir uns mit der Natur verbinden', sagt er. 'Ich denke, das ist es, was ich erreichen möchte.' Hedström sieht die meiste Architektur als 'eine Membran, die uns schützen und vom Rest der Natur trennen soll'. Seine Absicht ist das Gegenteil: Er möchte, dass das nicht-menschliche Leben nah ist, unentrinnbar. Eine seiner Erfindungen ist der Inxect-Suit, ein PVC-Anzug mit Kapuze und Gesichtsmaske, der auf der Ausrüstung basiert, die bei der Reinigung von Bohrinseln getragen wird, und den sich eine Person mit einer Kolonie von Mehlwürmern teilt. Die Wärme und Feuchtigkeit im Inneren des Anzugs nähren die Würmer, die bestimmte Formen von Plastik verdauen können und dann ihrerseits als Nahrungsquelle für den Menschen dienen können. 'Wie Krabben-Popcorn', sagt Hedström. 'Wirklich lecker.' Ein weiterer Prototyp von Hedström, der Fog-X, ist eine oberschenkellange Outdoor-Jacke, die in einen Unterschlupf umgewandelt und mit Hilfe von leichten Stangen zu einem segelähnlichen Gerät umfunktioniert werden kann, das Trinkwasser aus der Luft sammelt. Eine App liefert Echtzeitdaten zur Überwachung von Nebel und Wolken. Im Februar gewann der Fog-X den internationalen Lexus Design Award für junge Designer und setzte sich damit gegen mehr als zweitausend Einsendungen durch. 'Pavels ist eine Art sehr romantischer, 'Dune'-ähnlicher Charakter, so wie er sich und seine Arbeit präsentiert', sagte mir Sumayya Vally, eine südafrikanische Architektin, die den Serpentine-Pavillon 2021 entworfen und Hedström als Mentorin begleitet hat. 'Es ist dystopisch, aber auch sehr, sehr real.' Paola Antonelli, leitende Kuratorin in der Abteilung für Architektur und Design des Museum of Modern Art, war Mitglied der Jury für den Lexus Award. Sie ordnete Hedströms Arbeit in eine Tradition spekulativer und radikaler Architektur ein, die in den sechziger Jahren begann. Gruppen wie Archigram in London und Archizoom in Florenz stellten sich wandelnde Städte, Plug-in-Städte und die 'No-Stop City' vor, eine Stadt, die von der Architektur selbst befreit ist. Sie loteten die Zukunft aus, um die Gegenwart zu verwirren. 'Wunderschöne Artefakte - also eine große formale Eleganz -, die das Auge anziehen, um dann den Geist zu fesseln', so Antonelli. 'Pavels, gerade aus der Schule gekommen, ist sozusagen der Sohn all dieser Designer.'"

Weitere Artikel: Rebecca Mead erinnert sich anlässlich einer britischen Ausstellung an die Ästhetik der Bloomsbury Gruppe. Rachel Sym beschreibt die Karriere des amerikanischen Designer Thom Browne, der jetzt erstmals eine Kollektion bei den Haute Couture-Schauen in Paris zeigen darf. Vinson Cunningham porträtiert den Theaterautor Jeremy O. Harris. Und Anthony Lane sah im Kino Kenneth Branaghs neuen Poirot-Film, "A Haunting in Venice".

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - New Yorker

Von den gleichen Motiven wie Michelle Fournet sind auch die Forscher getrieben, die das CETI-Forschungsprojekt betreiben, um mit Hilfe von KI die Klicklaute der Pottwale zu erlernen. Wenn man Elizabeth Colberts Reportage liest, möchte man sofort Meeresbiologe werden - oder wenigstens welche kennenlernen, zum Beispiel den Kanadier Shane Gero, der seit 2005 die Pottwale vor der Antilleninsel Dominica studiert und inzwischen jeden von ihnen mit Namen kennt. Colbert erlebt sogar die Geburt eines von hungrigen Grindwalen umkreisten Pottwalbabys. Steven Spielberg könnte das nicht haarsträubender erzählen. Doch zurück zu dem Projekt, das die Westküste Dominicas "in ein riesiges Aufnahmestudio für Wale verwandeln" will. Wenn wir die Grammatik der Laute verstehen, verstehen wir dann wirklich, was die Wale sagen? Nein, erklärt Shafi Goldwasser, die das Simons Institute for the Theory of Computing an der University of California in Berkeley leitet. "'Heutzutage spricht jeder über diese generativen KI-Modelle wie ChatGPT', fährt sie fort. 'Was tun sie? Man gibt ihnen Fragen oder Aufforderungen, und sie geben dann Antworten, indem sie vorhersagen, wie Sätze zu vervollständigen sind oder welches das nächste Wort sein wird. Man könnte also sagen, dass das ein Ziel von CETI ist - dass man nicht unbedingt versteht, was die Wale sagen, aber dass man es mit gutem Erfolg vorhersagen kann. Man könnte also ein Gespräch erzeugen, das ein Wal verstehen würde, aber vielleicht versteht man selbst es nicht. Das ist also eine Art seltsamer Erfolg.' Vorhersage, so Goldwasser, würde bedeuten, 'dass wir erkannt haben, wie das Muster ihrer Sprache aussieht. Es ist nicht zufriedenstellend, aber es ist etwas.'"

Sehr viel beängstigender liest sich Dana Goodyears Wissenschaftsreportage über die Möglichkeiten der Genmanipulation durch CRISPR. Als der chinesische Wissenschaftler He Jiankui 2018 als erster die internationale Vereinbarung durchbrach, CRISPR nicht bei Embryonen einzusetzen, war das Entsetzen groß. "CRISPR versprach, die Medizin zu verändern, indem es einen Weg zur Heilung einer genetischen Krankheit durch Editieren der DNA des betroffenen Gewebes bietet. Diese Form des Editierens wird als 'somatisch' bezeichnet; die Veränderungen, die dabei vorgenommen werden, sind auf den einzelnen Patienten beschränkt. Beim Editing eines Embryos hingegen wird die DNA der zukünftigen Eizellen oder Spermien des Embryos - seine Keimbahn" - verändert, was zu Veränderungen führt, die an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden", die dem Probanden schaden und künftige Generationen beeinträchtigen könnten. Deshalb setzte sich unter den Wissenschaftlern ein breiter Konsens durch, vorerst keine vererbbaren Veränderungen am menschlichen Genom vorzunehmen. Doch dieses Einverständnis scheint angesichts der Fortschritte bei CRISPR langsam aufzuweichen, stellt Goodyear fest. Es gibt wirklich grauenvolle Erbkrankheiten, die man einfach nur ausgerottet wünscht, wie man am Ende der Reportage lesen kann, in dem Goodyear von einer Familie erzählt, deren Tochter am Batten-Syndrom leidet. Aber es bleiben eben auch die Risiken: "Eine große Sorge ist, dass sich die CRISPR-Schere nicht vorhersehbar verhält: Wie die Besen in 'Der Zauberlehrling' schneidet sie manchmal das Zielgen und schneidet dann immer weiter, was zu 'Off-Target'-Mutationen führt. Selbst die 'zielgerichteten' Schnitte können negative Folgen haben; das Ausschalten eines Gens kann ein Gesundheitsproblem lösen, aber ein anderes verursachen. (...) In einem Positionspapier aus dem Jahr 2015 mit dem unverblümten Titel 'Don't Edit the Human Germline' argumentierte eine Gruppe von Wissenschaftlern, dass die Kontroverse über das Editing menschlicher Embryonen die Aussichten auf somatisches Editing gefährden würde, das das Leben von Millionen von Menschen retten könnte, die bereits leben und leiden. ... Die Autoren fügten hinzu, dass es ein Leichtes sei, vererbbares Editing für 'nicht-therapeutische Veränderungen' zu nutzen. Fyodor Urnov, einer der Autoren, sagte: 'Ich nenne Ihnen jetzt drei Anwendungsszenarien, vor denen wir große Angst haben sollten. Befürchtung Nummer eins: die Bewaffnung des Militärs. Wir wissen, wie man einen Menschen herstellt, der mit vier Stunden Schlaf auskommt - ich kann Ihnen sagen, welche Mutation wir vornehmen müssen. Zweitens: Wir wissen, welches Gen wir verändern müssen, um das Schmerzempfinden zu verringern. Wenn ich ein Schurkenstaat wäre, der eine nächste Generation von quasi schmerzfreien Soldaten der Spezialeinheiten herstellen will, weiß ich genau, was zu tun ist. Es ist alles veröffentlicht. Und drittens: Körperliche Stärke. Man braucht keine große Laboroperation. Man braucht nur den bösen Willen.'"

Weitere Artikel: Jackson Arn stellt anlässlich seiner ersten Retrospektive in Bostons Museum of Fine Arts den Maler Matthew Wong vor. Alex Ross erlebt eine neue Lisztomanie. Und James Wood empfiehlt Clare Carlisles "eloquente und originelle" Eliot-Biografie "The Marriage Question: George Eliot's Double Life".
Stichwörter: ChatGPT, Wong, Matthew

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - New Yorker

Ross Douthat, nicht unumstrittener Kolumnist der New York Times, steht zwischen den zunehmend verhärteten Fronten von Konservatismus und Liberalismus, zeigt Isaac Chotiner in seinem Porträt eines Mannes, der sich selbst zwar eigentlich konservativ nennt, aber immer am Austausch mit und dem Verständnis von anderen Meinungen interessiert ist - auch wenn es sich dabei um Verschwörungstheorien handelt. "'Ich glaube, viele Menschen im Umkreis des New Yorkers oder der New York Times haben während der Trump-Zeit beschlossen, dass sie gar nicht wissen wollen, woher all diese Ideen überhaupt kommen. Es hat ihnen gereicht, dass sie schlecht waren. Ich glaube, man sollte sich schon bemühen herauszufinden, woher diese Theorien kommen.' Douthat wurde immer lebhafter; er lächelte breit und wedelte mit der rechten Hand in der Luft, um seine Aussagen zu unterstreichen. 'Was der Liberalismus - der Eliteliberalismus, wie auch immer Sie ihn nennen - nicht hat, ist eine Theorie der Überzeugungskraft.' Er hielt erneut inne. 'Deshalb bin ich vielleicht doch ein Liberaler, weil ich mich für diese Theorien der Überzeugungskraft interessiere.'" Laut Chotiner diskutiert Douthat lieber, warum eine Idee nicht funktionieren kann, als darüber, ob sie fehlgeleitet ist. "Zuvor hat er mir bereits erzählt, dass es 'ironischerweise die Bedeutung des Glaubens schwächen kann, wenn Kirche und Staat zu sehr miteinander verflochten sind, weil Religion von den Menschen so als korrupt oder zu involviert in die schmutzige Tag-für-Tag-Realität der Welt wahrgenommen wird'. Douthat überträgt diesen Pragmatismus manchmal auf seine Kritik an der Linken. 'Ich denke, es ist wichtig, dass die Leser des New Yorker erkennen, dass es sich hier um eine Aussage über Glaubenssysteme im Allgemeinen handelt, die nicht nur auf das katholische Christentum zutrifft', so Douthat, einen früheren Kommentar weiter ausführend. 'Wenn man an die Ansichten denkt, die mit Antirassismus und Wokeness und so weiter verbunden sind, zeigen sich die Grenzen dessen, was eine elitäre Form der Progressivität in der Breite der Bevölkerung erreichen kann, ohne einen Backlash vom Typus Ron DeSantis zu provozieren. Überzeugungskraft und Konsens sind sehr wichtig für Religion, für Politik, für Ideologie.'"

Weitere Artikel: Julian Lucas liest Mohamed Mbougar Sarrs Roman "Die geheimste Erinnerung der Menschen". Jennifer Egan erzählt von Obdachlosigkeit in New York und wie man ihr entkommt. Judith Thurman stellt die Homer-Übersetzerin Emily Wilson vor. Jill Lepore bespricht Walter Isaacsons Musk-Biografie. Carrie Battan hört Europop von Romy.

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - New Yorker

Das ist mal wieder so ein Artikel, aus dem HBO eine fette Serie wie "Succession" machen könnte, à la "Elon Musk auf dem Weg zur Weltherrschaft". Wenn man Ronan Farrows 60.000 Zeichen durch hat, findet man diesen Titel gar nicht mehr so abwegig und um so unheimlicher, als Farrow gegen Ende seines Artikels vor allem auf Elon Musks depressive Tendenzen, seinen angeblichen Drogengebrauch, sein Querdenkertum und seine immer trolligere und verrücktere Rhetorik zu sprechen kommt. Die entscheidenden Passagen finden sich dennoch eher im ersten Drittel des Artikels, denn sie zeigen, dass ganz Amerika im Grunde längst von diesem Mann abhängig ist, und nicht nur Amerika, denn die komplette Kommunikationsstruktur der ukrainischen Kriegsführung hängt an dem Internetzugang, den Elon Musk ihr über seine Internetsatelliten via Starlink gewährt. Das große Geld hat schon häufiger eine Rolle in Kriegen gespielt, so Farrow. Aber "es gibt kaum einen Präzedenzfall dafür, dass ein Zivilist zum Schiedsrichter eines Krieges zwischen Nationen wird, und auch nicht für den Grad der Abhängigkeit, den die USA jetzt von Musk in einer Vielzahl von Bereichen haben, von der Zukunft der Energie und des Transports bis zur Erforschung des Weltraums. SpaceX sind derzeit die einzigen Raketen, mit denen die NASA Besatzungsmitglieder von amerikanischem Boden in den Weltraum transportieren kann - eine Situation, die noch mindestens ein Jahr andauern wird. Der Plan der Regierung, die Autoindustrie auf Elektroautos umzustellen, erfordert einen besseren Zugang zu Ladestationen entlang der amerikanischen Autobahnen. Dies hängt jedoch von den Maßnahmen eines anderen Musk-Unternehmens, Tesla, ab... Seit zwanzig Jahren sucht Musk angesichts bröckelnder Infrastruktur und eines schwindenden Vertrauens in die Institutionen nach Business-Chancen in wichtigen Bereichen, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat." Und "seine Macht wächst weiter. Seine Übernahme von Twitter, das er in 'X' umbenannt hat, bietet ihm ein entscheidendes Forum für den politischen Diskurs im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahlen."

Außerdem: Sam Knight versenkt sich für eine Reportage tief in die Welt der Bio-Bienenhalter - und fragt sich angesichts neuerer Forschungsergebnisse, wonach wilde Bienen viel resistenter sind als bisher angenommen, ob Bienenhaltung wirklich in Ordnung ist. Und Filmkritiker Richard Brody stellt beim Sichten einer neuen Amazon-Doku über Wayne Shorter fest: Der kürzlich verstorbene Jazz-Saxofonist war ein Nerd und echter Filmfreak. Der Trailer gestattet einen ersten Einblick:

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - New Yorker

Über Ukrainer, die in das Land des Aggressors fliehen (müssen) und die vielfältigen Ursachen dafür schreibt Masha Gessen und porträtiert dabei Schicksale wie das der Krankenschwester Olga, die bei Ausbruch des Krieges mit ihrer Familie in dem Mariupoler Krankenhaus, in dem sie arbeitet, Schutz vor russischen Bomben sucht. Russische Truppen evakuieren sie, sie kommt nach St. Petersburg: "Sie hat keinen Kontakt mehr zu einigen ihrer engsten Freunde, die sich in Westeuropa aufhalten. 'Sie sind völlig vom Krieg eingenommen,' erzählt sie mir, 'das ist alles, worüber sie sprechen.' Olga spricht mit ihren Kindern nicht über den Krieg. Sie hat ihnen erzählt, ein 'böser Mann' habe ihren Vater getötet. Während unseres Gesprächs wiederholt sie ständig, 'Ich habe diesen Krieg erlebt.' Ich beginne zu verstehen: Würde Olga nach Westeuropa oder zurück nach Mariupol gehen, hätte sie ständig das Gefühl, sich immer noch mitten im Krieg zu befinden. Sie will nur damit abschließen. Der einzige Ort auf diesem Planeten, auf dem es keinen russisch-ukrainischen Krieg gibt, ist Russland. Was die russische Regierung als humanitäre Hilfe tarnt, nennen Menschenrechtsaktivisten Kriegsverbrechen. Viele Ukrainer, mit denen ich gesprochen habe, haben Situationen beschrieben, in denen es der einzige Ausweg vor dem sicheren Tod schien, in einen der Busse zu steigen, die, von russischen Behörden gestellt, nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete fuhren. In einem Bericht von September 2022 hat Human Rights Watch solche Fälle als 'illegale Zwangsumsiedlung' bezeichnet. Nach internationalem Recht sind Zwangsumsiedlungen oder Deportationen - ersteres meint die Bewegung von Menschen innerhalb der Staatsgrenzen, letzteres über Grenzen hinweg - Kriegsverbrechen. (Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat mindestens drei Personen der Zwangsumsiedlung bosnischer Muslime für schuldig befunden.) Der Bericht macht deutlich, dass dieses Kriegsverbrechen auch 'Umsiedlungen in Umständen miteinschließt, in denen eine Person nur zustimmt, weil sie Konsequenzen befürchtet wie Gewalt, Nötigung, Inhaftierung, wenn sie bleibt, und die Besatzungsmacht diese zwanghaften Rahmenbedingungen ausnutzt, um sie umzusiedeln. Zivilisten zu vertreiben oder umzusiedeln, kann nicht mit humanitären Gründen gerechtfertigt werden', fährt der Bericht fort, 'wenn die humanitäre Krise, die diese Bewegungen auslöst, selbst das Ergebnis rechtswidriger Handlungen der Besatzungsmacht ist.'"

Nicht nur der Krieg beschäftigt den New Yorker weiterhin, auch die Probleme, die Konsum im Überfluss mit sich bringen - und die Chancen für Unternehmer, die damit einhergehen. "Dale Rogers, Wirtschaftsprofessor an der Arizona State University, hat zusammen mit seinem Sohn Zachary, der an der Colorado State lehrt, einen Vortrag gehalten, in dem es hieß, dass allein die Retouren der Weihnachtszeit sich in den USA mittlerweile auf einen Wert von 300 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen. Zachary sagt: 'Also sind eineinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA - bereits größer als das BIP vieler Länder der Erde - nur Zeug, das Leute zu Weihnachten bekommen und mit 'Hm, gibt's das auch in blau' wieder zurückgegeben haben.' Der jährliche Verkaufswert von retournierten Bestellungen in den USA nähert sich wohl eine Billion Dollar", hat David Owen in seiner Recherche über die Industrie der 'Reverse Logistics', das Geschäft mit Warenrückgaben, herausgefunden. Dahinter stehen ungeheure finanzielle Summen und eine Wegwerfmentalität nicht nur der Verbraucher, sondern auch der Hersteller: "Fast alle modernen Geräte enthalten Elektronik, die nicht nur eine begrenzte Lebensspanne hat, sondern in der Regel auch unmöglich zu reparieren und teuer auszutauschen ist. Unser früherer Handwerker hat meiner Frau und mir erklärt, dass wir immer das 'dämlichste' Gerät kaufen sollten, das wir finden können. Ein guter Rat, der aber mittlerweile fast nutzlos geworden ist, weil sogar Mixer und Kaffeemaschinen Mikrochips enthalten."

Weitere Artikel: Parul Sehgal porträtiert die Autorin Jaqueline Rose. Zech Helfand beschreibt die Faszination von Monster-Truck-Shows. Kathryn Schulz liest Gunnar Brobergs Biografie über Carl Linneus, und Alex Ross hört Monteverdis "Orfeo" open air in Santa Fe.

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - New Yorker

The Ones That Shouldn't: The Gift. © Lisa Yuskavage. Courtesy the artist and David Zwirner

So entblößt hat Ariel Levy den männlichen Blick auf weibliche Körper noch nie gesehen, wie auf den Bildern der amerikanischen Malerin Lisa Yuskavage, die er für den New Yorker porträtiert. Sie nimmt beim Malen selbst diesen dezidiert männlichen Blick ein, um dessen objektivierende Sicht zu entlarven. So auch bei einem Gemälde, das von David Lynchs Film "Blue Velvet" inspiriert ist: "'Ich dachte, Warum stelle ich mir nicht einfach vor, dass er es ist, der malt?' Das Resultat ist ein verstörendes Bild mit dem Titel 'The Gifts.' Vor einem algengrünen Hintergrund steht eine nackte weibliche Figur, deren Arme entweder fehlen oder hinter dem Rücken gefesselt sind, sie schwebt über einer Flut wogender Wellen. Es sieht aus, als würde die Frau mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen werden, als Gallionsfigur eines Schiffes zu dienen. 'Dann habe ich ihr diese albernen, billigen Blumen in den Mund gestopft', sagt Yuskavage. 'Und ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen.' Die Figur sieht verstört aus, traumatisiert. Sie hat Yuskavage an eine Robbe in einer PETA-Werbung erinnert, die schon weiß, dass sie gleich zu Tode geknüppelt wird. 'Ein Mann würde seiner Figur das niemals in die Augen legen, verraten, dass sie diese Angst hat', sagt sie. 'Aber weil ich eine Frau bin, kann ich das nicht ignorieren.' Diese Arbeit ist anders als die Bilder in ihrer ersten Ausstellung. Die schlammigen Töne wurden ersetzt durch lebhafte, gesättigte Farben; die weibliche Figur ist aggressiv exponiert, anstatt sich zu verstecken. Yuskavage ist begeistert: 'Ich habe mich beim Malen so gut gefühlt - ich dachte mir, das muss richtig sein.' Entweder das, oder sie wäre dabei, den Verstand zu verlieren."

Magazinrundschau vom 18.07.2023 - New Yorker

Der Begriff 'failed state' muss in Jon Lee Andersons Artikel zur desolaten Lage Haitis gar nicht fallen, die Schilderungen von organisierter Gewalt, Regierungsversagen und internationalem Desinteresse machen auch so klar, dass sich das Land in einer fundamentalen und schon lange andauernden Krise befindet. Besserung ist nicht in Sicht. Besonders die Gangs sind ein Problem: "Haitianer, die nach Hilfe von offizieller Seite suchen, werden wieder und wieder enttäuscht. Das Land hat nur rund 9000 Polizisten, wobei angenommen wird, dass viele von ihnen selbst bei den Gangs involviert sind. 'Im Verhältnis zur Größe des Staates sind das nur etwa fünf Prozent der benötigten Polizeikräfte', lässt ein in der Region ansässiger Diplomat verlauten. Die Armee ist im Grunde genommen nicht existent, es gibt nur etwa 2000 aktive Soldaten. Das, was die Regierung an Ausgaben aufbringen kann, fließt oft in Patronage. Trotz einer brachliegenden Wirtschaft, fügt der Diplomat hinzu, 'hat sich die Zahl der Angestellten im Staatsdienst in den letzten fünf Jahren um dreißig Prozent gesteigert, weil die Regierung die Posten mit Parteifunktionären besetzt.' Die Trump-Regierung hatte wenig Interesse an Haiti. Während eines Meetings im Oval Office 2018 fragte Trump, wieso die USA Immigranten aus Haiti und anderen 'Dreckslöchern' aufnehmen solle. Joe Biden hat in seiner langen Karriere nur wenig mehr Bedenken gezeigt. Als Präsident Clinton 1994 über eine Intervention nachdachte, wandte sich Biden dagegen: 'Wenn Haiti - was für eine schreckliche Aussage - wenn Haiti einfach still und heimlich in der Karibik versinken oder hundert Meter in die Höhe schießen würde, wäre das für unsere Belange mehr oder weniger irrelevant.'" Doch auch im Land sind die Umgangsformen bisweilen äußerst rau, wie die Perspektive der Beamtin Manigat zeigt, die gegen Bandenkriminalität vorgehen will: "Sie macht sich keine Sorgen wegen der Gefahr, Menschenrechte zu verletzten. 'Wenn man mit Banditen zu tun hat, greifen die Menschenrechte nicht', sagt sie. 'Was sollen wir machen, sie um Gnade anflehen? Nein, wir sollten ihnen keinerlei Mitleid zeigen, ganz so, wie sie es auch mit uns machen.' Manigat spricht über Che Guevara, der in Bolivien in einem Kamp mit von den USA unterstützten Streitkräften getötet wurde. 'Sein Leichnam wurde ausgestellt, jeder konnte sehen, dass er tot war', schildert sie. 'Hier haben die Verbrecher Namen - wir wissen alle, wer sie sind - und auch ihre Körper müssen öffentlich gezeigt werden, um die Bevölkerung zu schocken. Der Körper stirbt vom Kopf her.'"

Außerdem: Rivka Galchen schreibt über die Fortschritte im Kampf gegen Multiple Sklerose, und was diese für andere Krankheiten bedeuten. Jil Lepore fragt sich, ob Bären und Menschen nebeneinander existieren können. Emily Nussbaum berichtet über Kulturkriege in der Country Musik. Louis Menand denkt über den Aufstieg und Fall des Neoliberalismus nach. Anthony Lane sah "Mission Impossible", Teil 7.1 im Kino.

Magazinrundschau vom 25.07.2023 - New Yorker

Presse unerwünscht: Paige Williams schreibt darüber, wie eine kleine, familiengeführte Lokalzeitung in den USA in Zeiten des großen Blättersterbens und zunehmender Repressalien zu bestehen versucht. Das Budget ist knapp, die Leserschaft schwindet und manchmal machen es auch die Staatsorgane nicht unbedingt leicht, Journalismus zu betreiben. Der Journalist Chris Willingham recherchiert für die McCurtain Gazette, die Zeitung seines Vaters Bruce, Vorfälle rund um die Polizei des Ortes, die in Vetternwirtschaft verstrickt zu sein scheint und einen mangelnden Willen zur Aufklärung von Verbrechen an den Tag legt. Das führt sofort zu Spannungen: "In einer Kleinstadt ist man als hartnäckiger Reporter zwangsläufig unbeliebt. Es ist nicht so leicht, über die Drogen-Anklage eines alten Freundes zu schreiben, wohl wissend, dass man ihm in der Kirche wieder begegnen wird. In seiner Teenie-Zeit war Chris selbst zwei Mal Thema in der Zeitung, weil er mit seinen Kumpels Bier in einem Lebensmittelgeschäft gestohlen hatte, in dem einer von ihnen arbeitete, und weil er illegal - wahrscheinlich mit denselben Kumpels, auf jeden Fall biertrunken - auf einer Brücke direkt über einer guten Angelstelle geparkt hatte." Als er dem Sheriff und dessen Angestellten mit seinen Recherchen gefährlich nah kommt, gerät Willingham selbst ins Kreuzfeuer, wie der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs zwischen ihnen zeigt: "Alicia Manning bringt das Gespräch kontinuierlich auf die Gazette. Jennings schlägt vor, einen 'altersschwachen Panzer' zu organisieren, damit in das Redaktionsbüro zu fahren und das Ganze als Unfall zu bezeichnen. Der Sheriff scherzt: 'Dann musst du aber meinem Sohn zuvorkommen.' Sein Sohn ist sein Stellvertreter. Sie lachen. Manning spricht über die Möglichkeit, Chris Willingham in der Stadt zu begegnen: 'Ich mache mir keine Sorgen darüber, was er mit mir machen könnte, ich mache mir Sorgen darüber, was ich ihm antun könnte.' Ein paar Minuten später meint Jennings: 'Ich kenne hier zwei ziemlich tiefe Löcher, falls du die Info mal brauchst.' 'Ich hätte einen Bagger,' erwidert der Sheriff. 'Naja, diese Löcher sind ja schon ausgegraben,' entgegnet ihm Jennings. Er fährt fort, 'Ich kenne zwei, drei Auftragsmörder. Ganz ruhige Jungs. Die würden keine verdammte Gnade walten lassen.' Bruce war zuvor schon einmal bedroht worden, aber das hier fühlte sich anders an. Dem U.S. Press Freedom Tracker zufolge wurden im letzten Jahr 41 Journalisten körperlich angegriffen. Seit 2001 sind mindestens 13 getötet worden."

Patrick Radden Keefe erzählt, wie der Galerist Larry Gagosian den modernen Kunsthandel formte. Jennifer Wilson liest Dostojewskis "Brüder Karamsow". Anthony Lane sah im Kino "Oppenheimer" und "Barbie".

Magazinrundschau vom 04.07.2023 - New Yorker

Kaum ist die britische Schriftstellerin Zadie Smith aus den USA nach London zurückgekehrt, gerät sie in den Bann des Viktorianischen: Charles Dickens spukt in ihrem Kopf wie ein ungebetener Geschichtengeist und natürlich beginnt sie, einen historischen Roman zu schreiben, wie sie frohgemut erzählt. Aber wie macht man sich frei von Charles Dickens? "Ich habe zu Mr. Dickens gesagt: So. Sie können eine Statistenrolle einnehmen, aber ich werde Sie im nächsten Kapitel töten, sofort. Sie werden hier nicht abhängen und Sie werden keine geistreichen Reden schwingen oder irgendwelche Weisheiten zum Besten geben. Ich habe mein Wort gehalten und ihn im nächsten Abschnitt getötet, in einem sehr kurzen, sehr dickens-unähnlichen Kapitel mit dem Titel 'Dickens ist tot!' Ich hatte sofort ein Gefühl der Katharsis, von dem die Leute denken, dass es sich beim Schreiben ständig einstellt, das ich aber nur selten zu spüren bekommen habe. Schau mich an! (Habe ich zu mir selbst gesagt.) Ich habe gerade Dickens umgebracht! (Indem ich seinen plötzlichen Tod und die anschließende Beerdigung in der Westminster Abbey beschrieben habe.) Aber, nicht lange nachdem ich diese triumphale Szene geschrieben hatte, ist Charles Dickens (aus praktischen Gründen in Form eines Flashbacks) wieder aufgetaucht, als eine jüngere und noch stärkere und unbändigere Kraft als vierzig Seiten zuvor. An dem Punkt habe ich aufgegeben. Ich habe ihn in meinen Seiten herumspazieren lassen, so, wie er auch im London des 19. Jahrhunderts herumspaziert. Er ist da, dort in der Luft, in den Komödien und Tragödien, in der Politik und der Literatur. Er ist da, dort, wo er nichts zu suchen hat (zum Beispiel in den Diskussionen um die Zukunft Jamaikas). Er ist da, mal als unterdrückender, mal als unwiderstehlicher, als reizvoller, als übermächtiger Einfluss, ganz, wie er es auch im Leben war. Ganz, wie er es in meinem Leben war. Aber so sind sie, die Einflüsse aus der Kindheit. Sie treiben dich in den Wahnsinn, gerade weil du weitaus tiefer in ihrer Schuld stehst als du weißt oder zugeben möchtest. Siehe auch: Eltern."

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - New Yorker

Wie unterschiedlich Kinder in den USA und in China lernen, erlebten die Zwillingstöchter von Schriftsteller Peter Hessler am eigenen Leib, als sie für zwei Jahre an einer chinesischen Reformschule unterrichtet wurden. Das System an der Chengdu Experimental Primary School ist, obwohl es sich ursprünglich mal an John Deweys Prinzip des Learning by Doing orientiert hatte, streng konkurrenz- und leistungsbezogen - und von der Ideologie durchzogen, die Peking vorgibt. "Während das amerikanische Schulsystem Wert legt auf kleine Klassen, tendiert das chinesische System eher dazu, den Fokus auf Effizienz und Spezialisierung zu legen. Eine typische Grundschullehrerin in den USA unterrichtet alle Fächer, wohingegen Lehrerin Zhang nur Chinesisch unterricht. Sie wird dabei von einer Referendarin unterstützt, die ebenfalls nur dieses Fach unterrichtet, ein anderer Lehrer unterrichtet Mathematik, wieder ein anderer Englisch und so weiter. Den ganzen Tag über bewegen sich die Kinder kaum von ihren Plätzen. Das Mittagessen wird auf einem Metallwagen ins Klassenzimmer gebracht und die Kinder essen an ihren jeweiligen Tischen, wie kleine Workaholics. Während des Unterrichts sitzen sie mit beiden Füßen fest auf den Boden gestellt und den Armen akkurat über dem Tisch gefaltet. Wenn ein Lehrer ein Kind aufruft, steht es auf, bevor es spricht. Wenn eine Schülerin im Matheunterricht einen Strich in einem Gleich- oder Divisionszeichen oder ein Minus aufzeichnet, muss sie dafür ein Lineal benutzen. Eine Weile lang war es für die Mathelehrerin okay, dass die Zwillinge Cai Cai und Rou Rou die mathematischen Symbole freihändig geschrieben haben, aber dann hat sie begonnen, Punkte dafür abzuziehen und sie haben sich schnell daran gewöhnt, Lineale zu benutzen. Diese Disziplin ist Teil der allgemeinen Bedeutung, die der Effizienz zugeschrieben wird: Wenn Kinder ordentlich sind, verschwenden sie weniger Zeit. Das System verlässt sich auch auf die vollumfängliche Unterstützung der Eltern, ohne ihnen die Gelegenheit zu geben, in der Sache mitzureden. Ihnen wird, mit seltenen Ausnahmen wie Foto-Gelegenheiten, davon abgeraten, das Schulgelände zu betreten. In der App WeChat sind die Eltern sehr engagiert dabei, sich darum zu kümmern, dass etwa Gebühren bezahlt werden und administrativen Aufgaben nachgegangen wird, zudem schreiben sie über alle möglichen anderen Themen von Hausaufgaben bis Schuluniformen. Ich habe aber niemals gesehen, dass irgendjemand versucht hätte, die Lehrerin zu belehren. Es gibt keine Vorschläge, keine Beschwerden, keine Kritik. Die Botschaft, die die Schule vermittelt, ist klar: Wir haben hier die Kontrolle."

Deutlich launiger, wenn auch nicht ohne Ernst, lesen sich da die Ausführungen der populären Altphilologin Mary Beard zu den römischen Kaisern und ihrem Ab- und Weiterleben. Einige schillernde Charaktere haben sich da im Imperium angesammelt, erzählt sie fröhlich, nicht alle haben ein friedliches Ende gefunden: "Elagabalus war ein Teenager aus Syrien, der 218 n.Chr. Kaiser wurde, ein von Mutter und Großmutter orchestrierter Griff nach der Macht, wie man sich erzählt hat. Er ist schnell als extravaganter (und gelegentlich sadistischer) Gastgeber bekannt geworden. Auf seinen Dinnerparties wurden oft Delikatessen serviert, die sogar nach römischen Standards als exotisch zu betrachten sind, so wie Kamelfüße und Flamingohirne. Es hat zu seinem Arsenal an Partyspäßen gehört, Furzkissen (übrigens die ersten in der europäischen Überlieferung) auf Sofas zu verteilen, Fake-Essen aus Wachs oder Glas an weniger wichtige Gäste zu servieren, die dann den Abend damit verbracht haben, erhabeneren Gästen beim Genuss der Mahlzeiten zuzusehen, und zahme Löwen, Bären und Leoparden zwischen Besuchern freizulassen, die dabei waren, ihren Rausch auszuschlafen. Für manche war der Schock, sich beim Erwachen zwischen den Tieren wiederzufinden, so groß, dass sie wortwörtlich zu Tode erschrocken sind. Angeblich hat er seine Gäste auch einmal unter einem so grandiosen Blütenregen begraben, dass sie daran erstickt sind. Ist es da noch überraschend, dass Elagabalus von verärgerten Leibwachen gemeuchelt und sein Körper äußerst unfeierlich im Tiber versenkt wurde?"