
Im aktuellen
Magazin der
New York Times erklärt der derzeit in Berlin lebende russische Drehbuchautor
Michael Idov, wie in
Russland nationales Selbstverständnis und Kultur untrennbar miteinander verbunden sind: "Es geht dabei um Russlands geschundenes Selbstbewusstsein. Genau wie andere Nationen, die ihre Weltgeltung verloren haben (Frankreich oder Deutschland etwa), hat Russland die schlechte Gewohnheit angenommen, jedes neue Produkt oder Ereignis unter dem Gesichtspunkt
nationalen Untergangs bzw. nationaler Renaissance zu sehen. Noch die seichteste Unterhaltung wird zum Schlachtfeld für den russischen Geltungsdrang. Wenn eine Show oder ein Film floppt, heißt es nicht, der Autor ist schlecht, sondern: Russland hat schon wieder verloren. Handelt es sich um einen Erfolg, heißt es: Endlich einmal etwas, für das wir uns nicht schämen müssen. Das größte Kompliment für ein Buch, ein Lied oder einen Film, lautet: 'nestydnyi', was soviel wie '
nicht blamabel' bedeutet. Das wiederum heißt,
die Scham ist eine Grundbedingung der Existenz in Russland, und die Momente, wenn diese Scham außer Kraft gesetzt ist, sind selten und kostbar. Hier liegt das Geheimnis von Putins Popularität: Sein Talent, diese grundlose Scham in einen
gleichfalls unbegründeten Stolz zu verwandeln, indem er territoriale Unterwerfung als Triumph ausgibt. Ich für meinen Teil würde lieber in einem Russland leben, das das nächste 'House of Cards' hervorbringt, als in einem, das für den entsprechenden Plot sorgt."
Außerdem: Jon Pareles nimmt Abschied von
David Bowie und
umreißt noch einmal dessen Genie: "Er setzte Maßstäbe im Rock und auf dem Theater für eine ganze Generation: etwas sowohl Konstruiertes, Überspanntes, als auch Aufrichtiges, das mehr aussagte, als es Naturalismus konnte. Mit einer Stimme, die vom Bariton bis ins Falsett reichte, war er
komplex androgyn, ein Erkunder aller möglichen menschlicher Triebe."