Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 24.07.2012 - New York Review of Books

Yasmine El Rashidi berichtet von der absurden Ausbreitung der Bürokratie in Ägypten, wo sich jeder neue Politiker Unterstützung sichert, indem er Jobs im öffentlichen Dienst vergibt. Ahnungslosigkeit beim zuständigen Minister: "Bei einem Treffen mit Ashraf Abdelwahab fragte ich nach den Zahlen: Er nannte die Zahl sieben 'oder vielleicht zwölf'. Millionen? 'Ja, aber ich weiß es nicht genau. Nichts ist sicher, wissen Sie. Es ist schwer an genaue Zahlen zu kommen.' Ich fragte ihn nach der Behörde Capmas (die offizielle Quelle für statistische Daten in Ägypten) und dem National Intelligence Council, beide ein paar Türen weiter auf der prächtigen Straße zum Flughafen - 'Haben die keine Zahlen?' Als wollte er trotz der naiven Frage höflich bleiben, lachte er, und die Unterhaltung ging zu den großen Fragen seines Ministeriums über, zur Dezentralisierung der Regierung, der Reform der Bürokratie, den Kampf gegen die Korruption und die Automatisierung des öffentlichen Dienstes."

Magazinrundschau vom 26.06.2012 - New York Review of Books

Slavoj Žižek hält nicht viel von Marx. Kein Wunder, denn Marx legte großen Wert darauf, seine Theorien mit historischen Fakten zu untermauern, stellt John Gray nach Lektüre von Žižeks neuem Opus Magnum "Less Than Nothing" fest. Žižek verlässt sich lieber auf seine subjektive Wahrheit. Doch die liefert nicht genug Futter für eine konkrete Vision: "In einem stupenden Akt intellektueller Überproduktion übt Žižek Kritik an der bestehenden Ordnung; Kritik, die alles abzulehnen vorgibt, was gegenwärtig existiert, und dabei gleichzeitig den zwanghaften, ziellosen Dynamismus reproduziert, den Žižek beim Kapitalismus am Werk sieht. Die endlose Wiederholung einer im Grunde genommen inhaltsleeren Vision erzeugt den trügerischen Eindruck von Substanz, beläuft sich letztlich jedoch auf less than nothing - weniger als nichts."

Außerdem: Alison Lurie würdigt den kürzlich verstorbenen Kinderbuchautor und -illustrator Maurice Sendak. Christian Caryl liest zwei Bücher über Burma: Peter Pophams Biografie Aung Sans und Thant Myint-Us politische Reisereportage "When China meets India. Burma and the New Crossroads of Asia". Charles Baxter bespricht John Irvings Roman "One Person", wo er über folgenden Satz gestolpert ist: "Good writing isn't 'relaxed'." Und Deborah Eisenberg schickt eine Geschichte: "Cross Off and Move On".

Magazinrundschau vom 10.07.2012 - New York Review of Books

Der Autor Michael Chabon erzählt in einem äußerst amüsanten Essay, wie er sich als leidenschaftlicher Joyceaner erst nach Jahrzehnten an "Finnegans Wake" herantraute. Er schildert die Frustrationen und Gratifikationen mit dem berüchtigt unzugänglichen Text und beschreibt die Reaktionen seiner Freunde und Familie im Laufe des Jahres, das er der Lektüre widmete: "Im Laufe dieses Jahres schrieben mein jüngster Sohn und seine Klassenkameraden Gedichte über ihre Eltern, in denen sie deren hervorstechendsten Züge verewigten. Im Gedicht meines Sohnes bin ich dargestellt, festgehalten in einem Augenblick inmitten der Ewigkeit, als die es meinem Sohn erschienen sein muss, beim Lesen von 'Finnegans Wake'. Wenn er mir mit seinem Gedicht eine Art Denkmal errichten wollte, dann war 'Finnegans Wake' die Taube, die sich auf meinem Hut niedergelassen hatte."
Stichwörter: Chabon, Michael

Magazinrundschau vom 05.06.2012 - New York Review of Books

Die Schriftstellerin Zadie Smith verteidigt im Blog die öffentlichen Büchereien, die in London gegen den Protest der Bürger geschlossen werden sollen. Wie zum Beispiel das Willesden Garden Library Centre, das ebenso wie die angeschlossene Buchhandlung Luxusappartments weichen soll. Kann sein, dass Büchereien nicht so lukrativ sind, meint Smith, dafür lehren sie allein durch ihre Existenz, dass es auch über das Monetäre hinaus Werte gibt: "Büchereien gehen nicht den Bach runter, weil es Büchereien sind. Vernachlässigte Büchereien werden vernachlässigt, und nach einer Zeit liefert dieser Teufelskreis die Entschuldigung dafür, sie zu schließen. Gut geführte Büchereien sind voll, denn was eine gute Bücherei bietet, findet man woanders nicht so leicht: einen öffentliche Stätte, in der man nichts kaufen muss, um bleiben zu dürfen."

Außerdem: Diane Johnson begrüßt Elisabeth Badinters Intervention gegen die antifeministische Ideologie von der natürlichen Mutterschaft, die in den USA als "Attachment parenting" propagiert wird. Geoffrey Wheatcroft liest in Tom Watson und Martin Hickman "Dial M for Murdoch" noch einmal die Details der englischen Abhör-Affäre nach und empfiehlt auch William Shawcross' Biografie von 1992, die zwar recht schwärmerisch ausfällt, aber viel besser geschrieben sei und an all die gebrochenen Versprechen Murdochs erinnere.

Magazinrundschau vom 08.05.2012 - New York Review of Books

In einer Besprechung des Buchs "Who's Afraid of Post-Blackness?: What It Means to Be Black Now" des Rolling Stone-Autors und Kulturjournalisten Touré geht Darryl Pinckney weit ausholend der Frage nach, ob es im "schwarzen Amerika" wirklich "große Veränderungen" gegeben hat. Touré interviewte für sein Buch 105 Schwarze, überwiegend Männer, und gehört - 1971 geboren - zu einer Generation, die die Bürgerrechtsbewegung nicht mehr erlebte, aber von Obamas Vorbild profitierte. Pinckney zitiert ihn mit folgenden Sätzen: "Die Definitionen und Abgrenzungen von Blackness breiten sich in vierzig Millionen Richtungen aus - oder geradezu in die Unendlichkeit. Das bedeutet nicht, dass wir Blackness hinter uns gelassen haben, sondern dass wird den Begriff Blackness als etwas eng Definierbares hinter uns lassen und jedes Konzept von Blackness als legitim annehmen. Damit man mich recht versteht: Post-Black heißt nicht 'post-rassisch'. Post-rassisch postuliert, dass Rasse nicht existiert, wir uns irgendwie jenseits von Rasse befinden und behauptet Farbenblindheit: Das ist ein Bankrottbegriff, der eine naives Rassenverständnis in Amerika widerspiegelt. Post-Black bedeutete, dass wir sind wie Obama: verwurzelt in, aber nicht eingeschränkt durch Blackness."

Außerdem: Nadine Gordimer schreibt über neue Bedrohungen für die Freiheit in Südafrika: seit 2010 gibt es dort strenge Gesetzesvorlagen zum Schutz staatlicher Daten und zur Medienkontrolle. Und Julian Bell führt durch die große Retrospektive von Damien Hirst, die noch bis September in der Tate Modern in London zu sehen ist; einer der Gründe für ihn, unbedingt hinzugehen: die betrunkenen Schmetterlinge, denen man dort begegnet.Geoffrey O'Brien schreibt über drei Filme, die jetzt auf DVD erschienen sind: "The Artist" von Michel Hazanavicius, "Hugo" von Martin Scorsese und "The Phantom Carriage" von Victor Sjöström. Paul Krugman erklärt, wie man die Depression beendet. Und Garry Wills bespricht den vierten Teil von Robert A. Caros Biografie "The Passage of Power: The Years of Lyndon Johnson": "Robert Caros epische Biografie Lyndon Johnsons - dies ist der vierte Band von geplanten fünf - war ursprünglich als Studie über Macht geplant und auch so geschrieben. Aber diesen Band dominiert ein dringlicheres Thema: Es ist eine Studie über Hass."

Magazinrundschau vom 24.04.2012 - New York Review of Books

Charles Rosen assoziiert zum Verhältnis von Stil und Bedeutung, Freiheit und Ästhetik, wobei er den Bogen von Cicero über Montaigne zu Freud spannt: "Auch die 'Ode an die Freude' aus Beethovens Neunter muss hier genannt werden, da eine gut begründete These besagt, dass die Freude dieses Finales ganz offensichtlich als Substitut für das zu aufrührerische Wort Freiheit verstanden werden soll. Ein zu enthusiastischer oder hartnäckiger Gebrauch des Worts Freiheit würde all den über ihre Macht recht reizbaren Regierungen signalisieren, dass hier jemand auf Ärger aus ist. Freiheit und Freude sind natürlich nicht unvereinbar, sie passen sogar bemerkenswert gut zusammen."

Weiteres: Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg fürchtet eine Krise der Wissenschaft, da die amerikanische Politik immer weniger bereit ist, große Projekte wie die Teilchenbeschleuniger zu finanzieren: "In den nächsten Jahrzehnten werden wir vielleicht erleben, dass die Erforschung der Naturgesetze zum Erliegen kommt." Ronald Dworkin beobachtet bang das Verfahren über Barack Obamas Gesundheitsreform vor dem Obersten Gericht: "Die Aussicht der Aufhebung ist furchteinflößend." Andrew Hacker liest schaudernd Charles Murrays Buch "Coming Apart", eine Klage über den moralischen Verfall des weißen Manns. Tim Judah ruft die unangenehme Lage des zwischen Russland und der Türkei eingekesselten Armeniens in Erinnerung. Martin Filler schreibt über Rem Koolhaas.

Magazinrundschau vom 10.04.2012 - New York Review of Books

J.M Coetzee feiert Stanley Corngolds neue Übersetzung von Goethes "Werther" als sehr feinfühlig und von höchster Qualität. Auf den Werther selbst würde er eh nichts kommen lassen: "Zwei Energien fließen in seine Erschaffung: die bekenntnishafte, die dem Buch seine tragische emotionale Kraft gibt, und die politische. Leidenschaftlich und idealistisch, repräsentiert Werther das Beste einer neuen Generation von Deutschen, die das Aufwühlende der Geschichte deutlich spüren und ungeduldig die Erneuerung einer erstarrten sozialen Gesellschaft erwarten. Eine unglückliche Liebe mag seinen Selbstmord auslösen, aber der tiefere Grund liegt im Scheitern der deutschen Gesellschaft, jungen Menschen wie ihm etwas anderes zu bieten als das, was Goethe später das 'schleppende, geistlose, bürgerliche Leben' nennen sollte."

Weiteres: Trotz einzelner Einwände lobt Christopher de Bellaigue die Hadsch-Ausstellung im British Museum, die ihm klarmachte, dass "der Islam für einen gläubigen Muslim in erster Linie ein Glauben, und erst in zweiter eine Kultur ist". Der chinesische Astrophysiker Fang Lizhi erzählt, wie Peking ihn 1989 nach seiner Flucht in die amerikanische Botschaft dazu bringen wollte, zu gestehen und zu bereuen.

Magazinrundschau vom 03.04.2012 - New York Review of Books

Als klug und luzide empfiehlt Neal Ascherson Jason Stearns Buch "Dancing in den Glory of Monsters", das die Geschichte des Großen Afrikanischen Kriegs im Kongo erzählt. Neokoloniale Schuldzuweisungen verfangen bei Stearns offenbar nicht: "Für ihn geht es bei den fürchterlichen Ereignisse im Gürtel von Afrika zwischen Atlantik und Großen Seen um menschliches Versagen: die schwache soziale und politische Strukturen, die bei der ersten Erschütterung zusammenbrechen, der Mangel an ausgebildeten Eliten, die abwechselnde Einmischung oder Indifferenz der übrigen Staaten und in Stearns Sicht vor allem die Schwäche nationalstaatlicher Autorität. Gescheiterter Staat? Wenn es in Zaire oder Kongo jemals einen Staat gegeben hätte, der kohärent genug zum Scheitern gewesen wäre, hätten sich die Dinge weniger desaströs entwickelt."

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - New York Review of Books

Kann sich Italien ändern? Fasziniert, aber etwas skeptisch beobachtet Tim Parks die Reformversuche der dortigen Regierung. Er kennt Italien nur als Land, in dem Veränderungen lediglich dann akzeptiert werden, wenn alles beim Alten bleibt: "Sorgsam abgegrenzte kollektive Identitäten (Familien, politische Parteien, Gewerkschaften, Lokalstolz, religiöse Gruppen) mögen an sich bewundernswert sein, doch sie untergraben die Fähigkeit der Nation, in Bezug auf das Gemeinwesen eine gewisse Rangfolge der Dringlichkeiten herzustellen, zumal die Regierung selbst auch nur aus Fraktionen zusammengeschustert ist. Es ist nie leicht, gegen angestammte Interessen zu regieren; in Italien ist es nahezu unmöglich: Es gibt einfach so viele Gruppierungen, deren Existenz davon abhängt, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Mehr als in jedem anderen Land fühlen sich individuelle Italiener klein und mutlos, wenn ihre Gruppen in Gefahr geraten."

Charles Rosen bricht eine Lanze für das Virtuosentum des Franz Liszt, dessen Fantasie er einfach atemberaubend findet: "Er hatte weder die aristokratische Anmut, die tadellose Kunstfertigkeit und das morbid-intime Sentiment von Chopin noch die lyrische Passion von Schumann. So viel von Liszts Werk hat jedoch so viel Kraft, jede Kritik zu lähmen und Fragen des Geschmacks irrelevant zu machen."

Weiteres: Andrew Hacker liest einige Bücher zur wachsenden Ungleichheit in den USA und stellt fest, dass Amerikas Reiche nicht nur immer reicher werden, sondern auch immer mehr: "1972 wurden 22.887 Steuererklärungen eingereicht, die heute einem Einkommen von einer Million entsprächen. 1985 waren dies bereits 58.603. Und 2009 hatte sich diese Gehaltsklasse auf 236.893 erhöht." (Und während sie 1972 noch 42 Prozent Steuern auf ihre Million zahlten, sind es heute 25 Prozent.) Der Chef des ESF, Klaus Regling, erklärt im Interview über den Rettungsschirm: "Wir haben genug Feuerkraft." Richard Dorment huldigt dem Präraffeliten Edward Burne-Jones. Und Julian Barnes hat sich "The Iron Lady" angesehen, lässt sich aber zu keiner eindeutigen Äußerung hinreißen: "Wie zu jener Zeit, so auch in dem Film: Wir werden alle in Atem gehalten - vor Verzückung oder Horror."

Magazinrundschau vom 24.01.2012 - New York Review of Books

Simon Leys ist eine Berühmtheit, die in Deutschland nahezu unbekannt ist. Der Sinologe und glänzende Essayist war es, der im Jahr 1971 mit "Die neuen Kleider des Präsidenten Mao" die intelligenteren der westlichen Linken von ihrem Maoismus heilte - in einer Zeit als Sartre und Beauvoir noch nach Peking fuhren, um sich die Errungenschaften der chinesischen Revolution vorgaukeln zu lassen. Leider schreibt Leys nur höchst selten. In der neuesten Nummer der New York Review of Books präsentiert er eine schöne und einfache Hommage auf Liu Xiaobo, dessen Essays er als Standardlektüre für alle Experten und Neugierigen empfiehlt - und mehr noch den heutigen westlichen Linken, die den "Verfall der Werte" im heutigen China der Globalisierung und Marktwirtschaft zuschreiben. "Liu zeigt im Gegenteil, dass die Wurzeln des heutigen Zynismus, der Sexualisierung des moralischen Bankrotts in der Mao-Ära liegen. In jener Zeit, die linke Nostalgiker heute als eine Zeit der moralischen Reinheit ausmalen, wurde der Geist der Nation aufs tiefste verwüstet. Dieses Regime war antihuman und antimoralisch... Der grausame 'Kampf', den Maos Tyrannei der Gesellschaft auferlegte, trieb die Menschen dazu, ihre Seelen zu verkaufen, ihre Ehepartner zu hassen, ihre Eltern zu verraten, ihre Freunde zu betrügen, Druck auf Hilflose auszuüben, alles zu sagen, um 'korrekt' zu bleiben."

Außerdem schreibt Luc Sante über die "Mutter Courage des Rock", Patti Smith. Charles Hope bespricht die Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London. Und Anatol Lieven hat eine Reihe von Büchern über Afghanistan gelesen.