Magazinrundschau - Archiv

Le Monde diplomatique

77 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 8

Magazinrundschau vom 14.08.2012 - Le Monde diplomatique

Christian Parenti rekonstruiert en detail die blutige und von internen Machtkämpfen geprägte Phase der kommunistischen Herrschaft in Afghanistan und schließt daraus auf die Unfähigkeit der Eliten, das Land zu modernisieren: "Für eine bestimmte urbane Schicht Afghanistans lautete die wichtigste Frage schon immer: Bringt uns diese oder jene Ideologie auch die Elektrifizierung? Es sind diese städtischen Kreise, die seit den 1920er Jahren versucht haben, die bürokratische Macht der Hauptstadt auf das ganze Land auszudehnen, und damit immer wieder gewaltsamen Widerstand auslösten. Zunächst setzten sie auf die konstitutionelle Monarchie, danach auf die Präsidialrepublik, dann auf den Sozialismus sowjetischen Stils, und am Ende auf Nadschibullahs verzweifelte Beschwörung der nationalen Einheit. Heute ruhen ihre Hoffnungen auf dem äußerst fragwürdigen Experiment, dem Land mithilfe von Nato-Truppen eine liberale Demokratie aufzudrücken."

Neal Ascherson erklärt sich Europas Sonderlichkeit mit seiner Ähnlichkeit zur Fischreuse, wobei die asiatische Landmasse die große Öffnung darstellt, durch die über Jahrtausende wandernde Völker in das schmale Europa-Ende kamen: "Vielleicht ist der Gedanke nicht ganz abwegig, dass der extreme Druck auf die Gesellschaften, die in den äußersten Westen Europas hineingepresst wurden, zur Herausbildung bestimmter 'europäischer' Reaktionsmuster beigetragen haben könnte - die Fixierung auf Veränderungen etwa oder die psychopathischen Schübe, die immer wieder zerstörerische Kräfte freigesetzt haben."

Magazinrundschau vom 17.07.2012 - Le Monde diplomatique

In einer tollen Reportage erzählt Charlotte Wiedemann vom muslimischen Leben in New York, wo der schwarze Islam des Malcolm X auf den weißen Islam der eher arrivierten Einwanderer kracht. Imam Talib Abdur Rashid erklärt ihr die Gefechtslage so: "'Die Einwanderer reißen sich ein Bein aus, um zu zeigen, dass sie gute Amerikaner geworden sind. Wir einheimischen Muslime sind dagegen stigmatisiert durch unsere Hautfarbe und die Vergangenheit als Sklaven.' Die eingewanderten Muslime suchen eine Nische in der Gesellschaft, fährt er fort, darum wollen sie eine gute Beziehung zu den Mächtigen, und das sind vor allem die Amerikaner europäischer Abstammung. 'Die arabischen und südasiatischen Muslime beziehen sich mehr auf die weißen Machtstrukturen als auf uns, ihre muslimischen Brüder und Schwestern, die den Islam in Amerika etabliert haben.' Wer sich dem weißen Amerika und zumal seiner politischen Rechten anbiedert, kann sicher sein, in Imam Talibs Blog bloßgestellt zu werden: Schwarze, die das tun, nennt er 'Hausneger' oder 'Onkel Tom', so hat bereits Malcolm die Anpasser beschimpft; und muslimischen Einwanderern ruft er schon mal zu: 'Hey, hier ist Amerika, nicht Bangladesch!'"

Außerdem: Jean-François Boyer berichtet aus Mexiko ebenfalls sehr spannend vom Krieg gegen die Drogen und dem Terror der Kartelle. Shervin Ahmadi reist noch einmal in den Ferienort ihrer Kindheit, nach Gorgan im Norden des Iran.

Magazinrundschau vom 15.05.2012 - Le Monde diplomatique

Niels Kadritzke zeichnet in seiner ausführlichen Reportage ein düsteres Bild von Griechenland, ohne die Griechen dabei einfach nur als Opfer zu stilisieren. Nur, wen sollen sie jetzt wählen? Die Parteien, die über Jahrzehnte den Schlamassel mit angerührt haben? Oder eine der drei linken Parteien, deren Vertreter kürzlich minutenlang im Fernsehen aufeinander einbrüllten? Ein Grund für den Streit der Linken ist der Euro, den die Kommunisten wieder abschaffen möchten: "In der Währungsfrage sind sich die nichtkommunistischen Linksparteien mit weiten Teilen der Bevölkerung einig. Laut Umfragen wollen 75 Prozent der Befragten alles tun, um in der Eurozone zu bleiben. ... Alle seriösen griechischen Ökonomen sind sich darin einig, dass ihr Land mit einer billigen Drachme noch lange kein Argentinien wäre, das sich nur - und mühsam genug - mit Rohstoffexporten zu steigenden Weltmarktpreisen sanieren konnte. Die Rückkehr zur Drachme würde vielmehr den Zusammenbruch der griechischen Banken auslösen, während die inflationäre Währung die unentbehrlichen Importe und damit auch das Leben extrem verteuern würde. Vor allem aber würde der Abschied vom Euro den Ausverkauf des Landes zu Schleuderpreisen einleiten. Die Profiteure wären unter anderem die Griechen, die ihre Euro-Schätze im Ausland gebunkert haben. Und natürlich die internationalen Hedgefonds und Tourismuskonzerne. ... Dass ausgerechnet die griechischen Kommunisten einen solchen Raubzug der 'Euro-Plutokraten' ermöglichen wollen, war in diesem babylonischen Wahlkampf die absurdeste Pointe."

Magazinrundschau vom 17.04.2012 - Le Monde diplomatique

Wer sagt, dass Europa ein Superstaat sein muss? Der britische Historiker Neal Ascherson spürt dem utopischen Funke Europas nach und findet ihn im Widerstandsstandsfrühling der Jahre 1943 bis 1948, in der europäischen Resistance. "Wir malen uns gern aus, dass die jungen Männer und Frauen, die damals in den Wäldern auf den nächsten Fallschirm mit Waffen für ihren Partisanenkampf warteten, von einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft träumten. Aber das taten sie nicht. Sie kämpften, um ihr Land zu befreien. Ihr Antrieb war ein altmodischer Patriotismus, der Wunsch, ihre geschändeten Staaten zu befreien, auszumisten und neu aufzubauen." Aschersons Bild von Europa ist das eines lebenden Schwamms: "Eines knautschigen Gebildes unbestimmter Ausdehnung, eines kostbaren und wunderschönen Kollektivwesens, in dessen offenen Poren ungezählte Gastorganismen schwimmen oder sich einnisten und vermehren. Es wird nie ein klirrender, stählerner Superstaat sein, der blitzartig über Krieg und Frieden entscheiden kann. Und es wird für seine eigene Verteidigung in Wahrheit immer auf andere Mächte angewiesen sein."

Magazinrundschau vom 17.01.2012 - Le Monde diplomatique

Charlotte Wiedemann begibt sich in einem großen Report auf die Spuren des arabischen Sklavenhandels in Afrika, der in Sansibar im 19. Jahrhundert seinen Höhepukt erreichte: "Pro Jahr wurden damals etwa 30.000 afrikanische Sklaven über Sansibar exportiert. Mindestens ebenso viele schufteten, mit hoher Todesrate, auf den örtlichen Nelkenplantagen. Omanische Händler hatten die Nelkenproduktion eingeführt; sie erwies sich als so lukrativ, dass der omanische Sultan seinen Sitz von Maskat nach Sansibar verlegte. Auf dem einstigen Sklavenmarkt steht eine Kirche; ein Missionar hatte irgendwann das Gelände gekauft. Zwischen Kirche und Touristentoilette ein Mahnmal: eine Figurengruppe, Frauen und Männer in Ketten, in einem angedeuteten Keller. Auf dem Hinweisschild steht: entworfen von einer Schwedin, gesponsert unter anderem von der Firma Ericsson. Seltsam; als sei in Sansibar, das so sehr auf seine islamische Identität hält, die Erinnerung an die Sklaverei nur ein Anliegen von Christen und westlichen Ausländern."

Peter Pomerantsev beleuchtet die Rolle des obersten Kreml-Spindoctors Wladislaw Surkow, der in Moskau eine Kombination aus Despotismus und Postmodernismus pflegt: "Im heutigen Russland kommt ständig etwas Neues auf die Bühne: am Morgen eine Diktatur, gegen Mittag eine Demokratie, am Abend eine Oligarchie, derweil hinter der Bühne Ölkonzerne enteignet, Journalisten umgebracht und Milliarden beiseitegeschafft werden. Und im Mittelpunkt der Show steht mit Wladislaw Surkow ein Mann, der an einem Tag nationalistische Skinheads finanziert und am nächsten Menschenrechtsgruppen unterstützt. Diese Strategie setzt darauf, jede denkbare Opposition in ständiger Verwirrung zu halten."

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - Le Monde diplomatique

Le Monde diplomatique übersetzt verdienstvoller Weise Tim Parks' Text über die Banken in der Renaissance. Beim Besuch der Ausstellung "Geld und Schönheit" in Florenz hat er erkannt, dass Banken und Geldgeschäfte etwas Positives sind. Besonders die Bilder von Jan Provoost und Marinus van Reymerswaele haben ihm die Augen geöffnet: "Diese besonderen Gemälde mit ihrem Fokus auf der geistigen Welt von Männern, die in der rastlosen Mehrung ihres Vermögens aufgehen, lassen die tatsächlichen Vorbehalte der Kirche gegen den Wucher erahnen: Wenn man derart mit dem Geld spielen, es so verleihen und vervielfachen konnte, dass man es - in den Worten des Bettelmönchs Bernardino di Siena - 'kopulieren und sich vermehren lassen' durfte, dann würden die Menschen kaum noch Zeit für Gott haben. Und noch weniger würden sie sich mit der gesellschaftlichen Stellung zufriedengeben, die ihnen durch die Geburt zugewiesen war. Wucher, Bankgeschäfte und Geldverleih waren Vehikel für soziale Mobilität, für eine von Menschen ausgehende, illegitime Beeinflussung der Gesellschaft - und das konnte nur im Chaos enden."

Außerdem: Stefan Ripplinger verwahrt sich gegen die Rede von der Kunst als Lebensmittel: "Ihre Sinnlosigkeit ist das Andere und Sympathische an der Kunst. Weil sie weder Lehr- noch Lebensmittel ist, erinnert sie daran, wie platt die meisten Lehren sind und wie fade das tägliche Brot schmeckt."

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - Le Monde diplomatique

Jean-Luc Racine schildert die wenig ermutigende Lage in Pakistan nach der Tötung Osama bin Ladens, die zu keinerlei Umdenken geführt habe: "Einige mutige Journalisten in Pakistan riskierten es, nach der US-Aktion von der pakistanischen Armee Rechenschaft zu fordern oder sogar offen zu schreiben, was viele denken: 'Wenn wir nichts gewusst haben, sind wir ein gescheiterter Staat, wenn wir aber Bescheid wussten, sind wir ein Schurkenstaat.' Obwohl einige Stimmen eine vollständige strategische Neuorientierung Pakistans forderten, ging es in der öffentlichen Debatte bald nur noch um die Frage der nationalen Souveränität. Die Regierung, führende Politiker der Opposition und die Medien verurteilten einstimmig den Übergriff der USA... Das Militär wiederum beklagte vor allem, dass die bloße Anwesenheit bin Ladens in einer Garnisonsstadt eine 'Verleumdungskampagne gegen Pakistan' ausgelöst habe. Und als ISI-Chef Pasha seinen Rücktritt anbot, lehnten der Staatspräsident ebenso wie der Ministerpräsident und das Parlament ab."

Im Jemen gehen die Proteste gegen den mittlerweile ausgereisten Präsidenten Ali Abdullah Saleh weiter. Laurent Bonnefoy und Marine Poirier liefern einen spannenden Hintergrundbericht zur Lage im Land, dessen Zersplitterung in Parteien, Clans, Religionen und Generationen sich bisher immer auch auf die Opposition übertrug. Doch dies könnte sich jetzt ändern, meinen die beiden Autoren. Die Solidarität werde zum zentralen Prinzip des Wandels: "Gleichzeitig hat sich auch ein neues Bild der Jugend herausgebildet: als politisch, aber nicht parteigebunden, pluralistisch und autonom. Anstelle der sektiererischen oder regionalistischen Symbole von früher dominieren heute auf den großen Plätzen die Nationalfarben und die Nationalhymne. Viele Beobachter fragen sich deshalb, ob die Einheit des Jemen, die viele schon am Zerfallen sahen, sich nicht im Gegenteil eher festigt."

Außerdem eruiert Alain Gresh, wie sich der arabische Frühling auf Palästina auswirkt, da PLO und Hamas mit Hosni Mubarak in Ägypten und Baschar al-Assad in Syrien jeweils ihre stärksten Unterstützer verloren haben. Und es gibt einen Text von Alexander Smoltzcyk über Bahrain als Vorabdruck aus dem Buch "Die arabische Revolution".

Magazinrundschau vom 17.08.2010 - Le Monde diplomatique

Die Informatikerin Constanze Kurz schildert, wie die durch eine verbesserte Kamera-Überwachung ermöglichte lückenlose Speicherung und Analyse von biometrischen Daten der Menschen, die sich in öffentlichem Raum bewegen, nun entscheidend beschleunigt werde durch die Vernetzung der Kameras über das Internet zu "zentralen Auswertungsknoten": "Die ursprünglich vorhandene Trennung in viele kleine Verantwortungs- und Überwachungsbereiche entfällt, der gefürchtete Big Brother entsteht aus der technologiegetriebenen Kombination der vielen einzelnen elektronischen Augen zu einer universellen, flächendeckenden Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse und menschlichen Verhaltensmuster." Verschlimmert wird das Ganze durch den immer billigeren Speicherplatz: "Während bis vor wenigen Jahren Aufnahmen nur kurze Zeit aufbewahrt und nicht vollständig ausgewertet werden konnten, steuern wir auf eine Zukunft zu, in der das einmal Aufgezeichnete nie wieder weggeworfen werden muss. Vor kurzem konnte man sich noch einreden, dass der Überwacher hinter den Monitoren sowieso nicht hinschaue. Jetzt wird dessen Aufmerksamkeit durch eine Software gelenkt, die auf alles reagiert, was nicht ins Muster des braven, shoppenden Bürgers passt."

Außerdem klärt Misha Glenny über die generelle Tendenz in diversen nationalen Verteidigungsstrategien auf, den Cyberspace als "fünften Schauplatz des Krieges" zu betrachten. Er berichtet, dass nach dem Konflikt zwischen Google und der chinesischen Regierung im Januar diesen Jahres die USA sowie die NATO nun verstärkt die Cybersysteme und Abwehrprogramme ihrer "wichtigsten Rivalen" (seien sie staatlich oder nicht) ausforschten. Es gelte, ein "Cybergeddon" zu verhindern.

Magazinrundschau vom 16.03.2010 - Le Monde diplomatique

Seit drei Jahren verhandeln die Industriestaaten über das neue Acta-Abkommen gegen Produktpiraterie. Florent Latrive beschreibt die Ziele der Verhandlungen, die geheim und an allen demokratischen Gremien vorbei geführt werden, so: "Das Abkommen gegen Produktpiraterie ist der nächste Schritt in einer Entwicklung des internationalen Rechts, die wegführt vom klassischen Urheber- und Patentrecht. Dieses war dem Schutz der Erfinder und Künstler, der Forderung von Transparenz gegenüber der Industrie sowie dem Verbraucherschutz verpflichtet. Jetzt steht der Schutz des geistigen Eigentums im Vordergrund. Und auch wenn etwas anderes behauptet wird, die Verschärfung der Regeln dient dazu, die internationale Arbeitsteilung festzuschreiben, die den Süden auf Landwirtschaft und Industrie festlegt, während der Norden Kreativität und Mehrwert für sich reserviert: Modeaccessoires werden in Paris entworfen und in Tunesien produziert; Computer in Silicon Valley entwickelt und in Asien gebaut. Und strenge Kontrollen an den Grenzen und im Internet stellen sicher, dass keine 'Fälschungen' die Märkte überschwemmen. Wenn dabei verhindert wird, dass rechtmäßige Kopien und Generika weitergegeben werden oder dass Internetnutzer sich privat Musikstücke oder literarische Werke überlassen, wird das gern in Kauf genommen."

Weiteres: Ibrahim Warde nimmt das Modell Dubai unter die Lupe. Und außerdem sind Auszüge aus den Erinnerungen von Irene Bruegel zu lesen, die als Kind deutsch-jüdischer Sozialisten aus der Tschechoslowakei in London aufwuchs: "Als ich sieben war, hörte ich meine Mutter sagen: 'Wenn Stalin stirbt, gehen wir wahrscheinlich nach Hause zurück.' Danach betete ich stundenlang, Gott möge Stalin vor dem Tod bewahren."

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - Le Monde diplomatique

"Die neuerliche Zerstückelung Afrikas hat begonnen", meldet Joan Baxter und berichtet, wie sich Großkonzerne und Staatsfonds landwirtschaftlich nutzbaren Boden aufkaufen: "Internationale Banken und Investmentfonds, Industrieländer, Agrarkonzerne und reiche Einzelunternehmer wollen auf Riesenflächen gigantische industrielle Großfarmen aufziehen, die Nahrungsmittel und Biosprit produzieren sollen." Dabei mischen nicht nur westliche Konzerne bei dieser Neuauflage des Great Games mit: "Im Nachbarstaat Mali, wo die Wüstenbildung rasant voranschreitet, hat sich Libyen 100 000 Hektar wertvollen Ackerboden am Nigerufer unter den Nagel gerissen. Auch Peking ist mit von der Partie. Angeblich 2,8 Millionen Hektar groß ist die Fläche, die China in der Demokratischen Republik Kongo gepachtet hat, um die größte Ölpalmenplantage der Welt aufzuziehen. Und Philippe Heilberg, der dem New Yorker Investmentfonds Jarch Capital vorsteht, hat im Süden des Sudan mit dem Sohn des Warlords Paulino Matip einen Pachtvertrag über 400 000 Hektar Land abgeschlossen."

Außerdem zu lesen ist ein Vorabdruck aus Fabrizio Gattis Report "Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa": "Man versammelt sich im Autogare. 'Start um acht Uhr', heißt es vor dem Fahrkartenschalter."
Stichwörter: Kongo, Libyen, Mali, Sudan, Games