Magazinrundschau - Archiv

L'Express

109 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 11

Magazinrundschau vom 12.08.2002 - Express

Eines der dunklen Kapitel der französischen Geschichte heißt Drancy. Das Durchgangslager auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau steht in Frankreich für die Endlösung. 130 Briefe aus dem Lager Drancy hat der Historiker Denis Peschanski in einem Band versammelt. Francois Busnel lobt die gelungene Sammlung von historischen Zeugnissen und kommt zu dem Schluss: "Die Kunst, die einen am meisten berührt, ersteht immer aus Ruinen."

Eine weitere lesenswerte Rezension aus der Bücherschau: Thierry Gandillot stellt Abenteuerromane vor, die in der Collections Bouquins erschienen sind. Die Werke des französischen Schriftstellers Gustave Aimard und des italienischen Autors Emili Salgari waren in Frankreich nach dem 19. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Salgari, der Kapitän bei der Marine war, forderte einen Journalisten, der seine Dichtungen nicht mochte, zum Duell . Dank des 30-jährigen Verlegers Matthieux Letourneux, der über die Poetik des Abenteuerromans promoviert hat, werden die erfolgreichen Bücher wieder auf den Markt gebracht.

Weitere Artikel: Olivier Le Naire ist bei seiner Reise durch die französische Verlagswelt bei Albin Michel angekommen. Die kulturgeschichtliche Reihe über die Liebe widmet sich den "Annees folles", den goldenen Zwanzigern. Anne-Marie Sohn, erklärt in einem langen Interview, warum die Mutter von Simonne de Beauvoir die Seiten von manchen Büchern zusammenklebte. Valerie Rochaix hat die erotischen Buchläden in Paris besucht, darunter die Librairie Galerie Pause Lecture, die Liberairie Curiosa und die Librairie La Musardine. Michele Leloup hat bei den Renovierungsarbeiten des Theatre de l?Europe zugeschaut. Im Januar 2003 soll es mit Racines "Phedre" in einer Inszenierung von Patrice Chereau eröffnet werden. Und Gilles Medioni weiß, warum man den französischen Chanson lieber zu zweit als alleine singt.

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - Express

Ein Porträt des französischen Kulturministers Jean-Jacques Aillagon zeigt die Richtung an, die die französische Kultur einschlagen soll: nach rechts. "Es gibt eine Form von Kultur, die von staatlichen Strukturen stark beeinflusst ist bzw. weniger von der Öffentlichkeit, dennoch ist Aillagon ein Liberaler, der auf gesellschaftliche Initiativen hören wird", sagt der Berater von Jacques Chirac gegenüber dem Express. Aillagon war einer der wenigen Rechten, die an den Protesten am ersten Mai gegen Le Pen teilgenommen haben, die von der PS und den extremen Linken veranstaltet worden war. Er protestierte auch als einziger seiner Partei gegen die Verfolgung ägyptischer Homosexueller. Auf der rechten Seite will er die französische Kultur neu erfinden, ohne dabei konservativ oder vaterländisch zu sein, aber auch ohne in verschwenderische Kreativität zu verfallen. Die Partei hält ihn für den idealen Mann, der "bourgeois" und "bobos" vereinen kann.

Außerdem: Franck Erikson hat das Festival von Verbier in der Schweiz besucht. Dieses Jahr sind unter anderen Künstler wie Jewgeni Kissin, Vadim Repin, Yuri Bashmet oder Zubin Mehta 1500 Meter den Berg hinauf gefahren. Dominque Simonnet hat bei Jean-Claude Casadesus (homepage), dem Leiter des Orchestre National de Lille, nachgefragt, ob man sich als Dirigent nicht manchmal komisch fühlt. Schließlich sei man der Einzige, der kein Musikinstrument in der Hand hält. Für Casadesus ist das Wesentliche an der Kunst des Dirigierens, das Unsagbare wahrnehmbar zu machen. So etwas ähnliches hat uns doch schon in der letzten Woche Jean-Luc Godard über die Kunst des Filmemachens erzählt.

Fortsetzung folgt in Sachen Liebe und französische Verlage: In dieser Woche führt der Historiker Alain Corbin den Leser in die Bordelle des 19. Jahrhunderts und erklärt, warum Madame Bovary kein Engel war. Olivier Le Naire ist im Quartier Latin zwischen den acht verschiedenen Sitzen der Editions du Seuil hin und her geirrt. Er weiß jetzt, warum das Logo des Verlags ein Baum ist. Und: Mit mehr oder weniger Strenge urteilen einige Neuerscheinungen auf dem französischen Buchmarkt über die Niederlage Lionel Jospins.

Magazinrundschau vom 29.07.2002 - Express

Jean-Luc Godard erzählt in einem Interview, wie er zum Kino gekommen ist und erklärt das Wesen der "Nouvelle Vague": "Wir haben alle zum Kino gefunden, indem wir die Revue du Cinema von Georges Auriol für uns entdeckt haben, aber wir konnten die Filme gar nicht sehen, von denen in der Zeitschrift die Rede war, da sie keinen Verleih hatten. Als gute Filme galten also ganz automatisch die Filme, die wir nicht sehen konnten. Daraus wurde ein genereller Glaube und letztlich wurde aus dieser Praxis Theorie: das Kino zeigt wie die Malerei das Unsichtbare. Weil das Kino, das Filmmaterial, für uns - rein von seiner materiellen Seite her - unsichtbar war." Alle französischen Intellektuellen philosophieren eben immer wieder gerne über das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, das sichtbare Unsichtbare bzw. das unsichtbare Sichtbare. Da bleibt einem nur: "Augen zu und durch!"

Außerdem: Laurence Liban stellt fest, dass es wohl genauso schwierig ist, Theater in der Wüste zu spielen wie Theater auf der Insel Korsika populär zu machen. Trotz der "Rencontres des theatres en Haut-Corse", die mittlerweile 40 000 Zuschauer anziehen, bleibt für den Theatermann Robert Renucci noch viel zu tun. Martine Lachaud war bei einem religiösen Ritual des Stammes der Tsogho, das derzeit seine Weltpremiere in Monpellier feiert. Pacal Dupont ist begeistert von Robert Plants neuem Album "Dreamland". Außerdem setzt der Express seine Reihen über Liebe und französische Verlagshäuser fort: Mona Ouzuf spricht über die Liebe in revolutionären Zeiten. Olivier Le Naire schaut bei Grasset vorbei.

In der Bücherschau überwiegen heute die Ausgaben von Grasset: Francois Busnel freut sich über eine neue Ausgabe von Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem", allerdings erschienen bei Gallimard. Besprochen werden der 54-Seiten lange Roman "Stallone" von Emanuelle Bernheim (die Besprechung finden Sie hier und die erste der wenigen Seiten finden Sie hier) und "Aller au diable" von Jacques Reda (die Besprechung finden Sie hier und die ersten Seiten lesen Sie hier). Annick Colonna-Cesari empfiehlt die Studie "La main et l?esprit" über die gegenseitige Befruchtung von Literatur und Malerei.

Und: "Putain" oder "Puree" hört man die Franzosen häufig leise vor sich hin schimpfen. "Pourri" klingt in deutschen Ohren ähnlich, ein Ausruf, mit dem man in Frankreich unter anderem Verschimmeltes beklagt. "L?ete pourri pour Gerhard Schröder" titelt der Express. Im Deutschen trifft da nur: Ein verhunzter Sommer.

Magazinrundschau vom 22.07.2002 - Express

Gilles Medioni porträtiert den 27-jährigen Schauspieler Jamel Debbouze, der in Frankreich als junger Wilder, als 'beurgois rebelle' bekannt ist (hier ein paar Fotos). "Würde mich Jacques Chirac eines Tages nach einer Lösung für die sozialen Probleme in den Banlieus fragen", sagt er im Gespräch mit dem Express, "dann würde ich ihm antworten, dass sich die Leute, die dort leben, normal verhalten würden, würde man sie nur normal behandeln. Die Professoren, die Polizisten, die Ärzte müssen nur an uns glauben. Wir tragen kein kriminelles Gen in uns." Azouz Begag, Soziologe und Autor des Buches "Les Derouilleurs", lobt Jamels Beitrag zu einem kollektiven Gedächtnis und zur Integration der Beurs in die französische Gesellschaft.

Wieder keine bemerkenswerten Skandale auf dem französischen Buchmarkt: Olivier Le Naire langweilt der Roman "Hell" von Lolita Pille, obwohl oder gerade weil Frederic Begbeder das Werk der jungen Autorin in seiner Literatursendung feierte und es sogleich an den Verlag "Grasset" vermittelte. Nicht einmal ein Skandalroman, schreibt Le Naire entrüstet, und dann auch noch vorgelegt von einer Autorin mit einem solchen Vornamen. Francois Busnel empfiehlt die Lektüre des Bandes "Conversations avec mon clone sur la passion amoureuse" von Pascal Nouvel. Dass der Gesprächspartner im Buch ausgerechnet ein Klon ist, muss wohl daran liegen, dass Nouvel nicht nur Philosoph, sondern auch Biologe ist. Die ersten Seiten lesen Sie hier. Jacques Duquesne empfiehlt eine Biografie von Eric Roussel, die sich dem politischen Leben Charles de Gaulles mit reichhaltigem Archivmaterial und unveröffentlichten Texten nähert.

Außerdem: Junun, eine Inszenierung des Regisseurs Fadel Jaibi aus Tunesien, hat Marion Vignal auf dem Theaterfestival in Avignon gesehen. 30 000 Tunesier haben die Inszenierung bereits in Jaibis Heimatland gefeiert. Frank Erikson ist im Großen und Ganzen enttäuscht von den Inszenierungen in Aix-en-Provence. Einzig Irina Brook mache mit "Eugen Onegin" dem berühmten Namen ihres Vaters alle Ehre.

Und: Der Express setzt die Reihe über französische Verlagshäuser fort: Olivier Le Naire irrt diesmal in den labyrinthischen Räumlichkeiten von Flammarion umher, dort wo Monsieur Henri und Monsieur Charles regieren. Man verständigt sich per E-Mail, ansonsten würde man sich anscheinend ständig verlaufen. Eine Fortsetzung der kulturhistorische Reihe über die Liebe bringt der Express auch in dieser Woche: Dominique Simonnet unterhält sich mit Jacques Sole über das Liebesleben während des Ancien Regime. Don Juan, Casanova und Romeo und Julia spielen darin die Hauptrollen.

Magazinrundschau vom 15.07.2002 - Express

5, rue Sebastien-Bottin lautet die Pariser Adresse des Verlagshauses Gallimard. Olivier Le Naire hat in den Räumlichkeiten und der Vergangenheit des Hauses gestöbert. Jean Dutourd, zwischen 1950 und 1966 Verleger bei Gallimard, erinnert sich: "In meinem Büro saß Camus. Wenn dort schöne Frauen antanzten, dann war es wegen ihm. Oder sie besuchten Nimier. Manchmal stiegen sie sogar zum Fenster herein, denn das Büro war im Erdgeschoß. Nimier machte immer Witze. Ich verstand mich auch sehr gut mit Queneau. Er schrieb 'Zazie' und ich 'Au bon beurre'. Er hat mir erzählt, dass während der deutschen Besatzung, als das Toilettenpapier fehlte, die Sekretärinnen Blätter aus den Manuskripten von Saint-John Perse herausrissen und sie an einem Nagel im WC aufhängten. Er hat mir auch erzählt, dass Gaston einen ehemaligen Bankräuber als Kassenwart anstellte. Das ganze intellektuelle Paris versammelte sich hier, wenn wir einen Abend gaben." Tout le Paris intello trifft sich in der nächsten Ausgabe des Express in den heiligen Hallen von Flammarion.

Michel Bouquet hat auf dem Theaterfesitval in Avignon ein Stück von Thomas Bernhard gesehen: "Minetti". Im Grunde genommen komme das Drama auch sehr gut ohne Zuschauer aus, schreibt er und zitiert Thomas Bernhard: "Ich habe immer für Schauspieler geschrieben, niemals für die Zuschauer, weil ich nicht für Idioten schreibe. Das Publikum ist der Feind jeden Geistes. Es ist und bleibt mein Feind.".

Weitere Artikel: Besprochen wird die neue Biografie des Widerstandskämpfers Jean Cavailles von Alya Aglan und Jean Pierre Azema. Der Express setzt seine kulturhistorische Reihe über die Liebe fort: Diesmal unterhält sich Dominique Simmonet mit Jacques Le Goff über die Rolle des Körpers, die Jungfräulichkeit und den moralischen Kodex des Mittelalters. Und Boris Thiolay und Emilie Trevert schildern in einer Reportage, wie sich die Ereignisse des 11. September auf die Techno-Szene in Frankreich ausgewirkt haben. Bei einer Rave-Party sind sie auf eine moderne Lebensform gestoßen: auf 'Techno-Nomaden'.

Magazinrundschau vom 01.07.2002 - Express

"Le musee qui n?existait pas", hat Daniel Buren die Ausstellung seiner Werke betitelt, die vom 26. Juni bis 23. September im Centre Pompidou zu sehen ist. Im Gespräch mit Eric Libiot antwortet er auf die Frage, warum er in seiner Kunst immer nur Streifen verwendet, die genau 8,7 cm breit sind: "Man muss verstehen, dass ich nicht Streifen ausstelle, sondern Streifen in einem bestimmten Kontext. In einem Kontext, der sich ständig wandelt." Der Ort ist also das Zauberwort. Bleibt zu hoffen, dass Buren eines Tages nicht auch noch gestreifte Streifen ausstellt.

Außerdem: Peter Brook hat seinen Auftritt auf dem Festival in Aix-en-Provence mit den Inszenierungen des "Don Giovanni" und der "Tragedie d?Hamlet". Auf der Bühne nur ein orangenes Tuch. "Nichts darauf, nicht darunter", schreibt Laurence Liban. Brook fasziniert eben auch diesmal mit seinem Theater des leeren Raums. Ein weiteres Sommerfestival in Frankreich ist das Festival de la Rochelle. Dort stellt Juliette Binoche vier ihrer Lieblingsfilme vor. Dem Express hat sie verraten, warum sie gerade diese Filme liebt.

Weitere Artikel: Der Express bringt ein kurzes Interview mit dem neuen Direktor des Musee d?Orsay, Serge Lemoine. Er hat vor, einige Bilder des Museums an eine andere Stelle zu hängen. Er glaubt, damit einer Überbewertung des Impressionismus entgegenzuwirken. Einen neuen Blickwinkel eröffnet das allemal. Martine Lachaud stellt die Gewinner des "Concours national de jazz de la Defense" vor.

Die Bücherschau geht in dieser Ausgabe auf Tauchkurs: In Frankreich trauen sich Wissenschaftler häufiger, auch mal was Fiktionales auf dem Schreibtisch zu fabrizieren. Jean Courtin, wissenschaftlicher Direktor des CNRS und Experte für Ur- und Frühgeschichte hat einen Roman mit dem Titel "Le Chamane du bout du monde" vorgelegt. Er geht darin der Frage nach, wie sich Menschen wohl vor 27 000 Jahren geliebt haben mögen. Auf so eine Idee gebracht haben ihn seine Tauchgänge in den Calanques vor Cassis, wo eine sixtinische Kapelle mit aufschlussreichen Wandmalereien vor mehreren tausend Jahren abgetaucht ist. In einem Interview erzählt der Wissenschaftler vom Rausch der Tiefe.

Ansonsten: Der Express empfiehlt Lektüre, bei der es sich wirklich lohnen soll, sie auch im Sommerurlaub mit sich herumzuschleppen. Unter den Romanen "Quand nous etions grands" der Pulitzer Preisträgerin Anne Tyler und "Le baton d?Euclide" des Astrophysikers Jean-Pierre Luminet. Er erzählt die Geschichte der mythischen Bibliothek von Alexandria aus dem Blickwinkel von vier Wissenschaftlern.

Und: Obwohl es sich lohnt, in Paris einfach ziellos herumzuschlendern, legt einem der Express neue Führer durch die französische Metropole ans Herz. Darunter: "Le Routard des amoureux a Paris".

Magazinrundschau vom 24.06.2002 - Express

In den Waschsalons von Paris kann man derzeit nicht nur das monotone Schleudern der Maschinen, sondern ab und an auch moderne Lyrik hören, berichtet Pascal Dupont, der anlässlich des 20. Marche de la Poesie Paris durchstreift hat. Es deklamieren die Künstler der Gruppe Oniropolis. "Einige aus unserem Publikum haben zugegebenermaßen den Kopf in der Trommel stecken oder konzentrieren sich auf die Gebrauchsanweisung auf der Waschpulverpackung, andere folgen aber unserem Beispiel und heben wie wir zum Dichten an", sagt Catherine dem Express. Im Netz hat Dupont außerdem elektronische Lyrik unter der Adresse Manuscrit.com entdeckt. Zum Lesen empfiehlt er eine Anthologie moderner Lyrik herausgegeben von Matthias Vincenot und Jean-Luc Favre: "Les nouveaux poetes francaises".

Mit dem Sommer beginnen auch die Festivals in Frankreich: Die Höhepunkte auf dem Festival in Aix-en-Provence, das sich in diesem Jahr der Wechselwirkung von Oper und Theater verschrieben hat, sind Mozarts Don Giovanni in einer Inszenierung von Peter Brook und die Oper Le Balcon von Peter Eötvös nach Jean Genets gleichnamigem Drama. Peter Eötvös' Oper "Die drei Schwestern" nach Tschechow war zuletzt auf den Wiener Festwochen zu sehen. ARTE zeigt diese Inszenierung am 24. Juli. Ein Porträt des ungarischen Komponisten mit dem vielversprechenden Titel "Die siebente Tür" sendet ARTE am 17. Juli.

Weitere Artikel: Daniel Rondeau bespricht einen Band mit Interviews mit dem französischen Widerstandskämpfer Pierre de Benouville. Alain Louyot lobt die Analyse der Folgen des 11. September von Alexandre Adler, erschienen unter dem Titel "J'ai vu finir le monde". Cecile Pivot erzählt die Geschichte des Buches "Le rage et l'orgueil" der italienischen Journalistin Oriana Fallaci, das in Frankreich verboten werden soll. Silvio Berlusconi hat Oriana Fallaci vorgeschlagen, sich als Kandidatin bei den Kommunalwahlen 2004 in Florenz aufstellen zu lassen.

Außerdem: Martine Lachaud hat die Sängerin Fayruz in Beirut besucht. Zu sehen ist sie auf Tournee mit ihrem neuen Album "Wala Kif" am 27. Und 28. Juni im Salle Pleyel in Paris.

Magazinrundschau vom 17.06.2002 - Express

Berlin und Marseille verbindet in diesen Tagen das Tanztheater: In Marseille feiert das Festival de Marseille, das sich modernen künstlerischen Ausdrucksformen verschrieben hat, seinen siebten Geburtstag. Die Choreografin Sasha Waltz zeigt "Zweiland" mit dem kanadischen Tänzer Luc Dunberry. Das Ballett der Opera National de Lyon ist mit zwei Produktionen vertreten. Neben "Cine-Concerts" sind im Amphitheater "Sucriere" die indische Sängerin Susheela Raman (hören Sie hier) und der spanische Sänger Esperanza Fernandez zu erleben. "L?immense solitude", ein Drama des jungen französischen Autors Frederic Pajac, wird von dem Bassbariton Ruggero Raimondi stimmlich begleitet. Also tief Luft holen, sich was wünschen und alle sieben Kerzen auf einmal ausblasen.

Sand, Wasser, Sonnencreme setzten so manchem Buch zu, das man am Strand liest, weshalb der eine oder andere Leser das Lesen im Sommer dann lieber ganz lässt. Der Express berichtet, welche Marketingmaßnahmen die französischen Verlage unternehmen, um doch noch den einen oder anderen zu überzeugen, dass so ein paar Sandkörner zwischen den Buchdeckeln nicht so schlimm sind. Besonders gut verkaufen sich in Frankreich "Le Pianiste" von Wladyslaw Szpilman, dessen Adaption Roman Polanski die goldene Palme in Cannes eingebracht hat und natürlich - immer noch - "La vie sexuelle de Catherine M." von Catherine Breillat. Auch ohne großartige Werbung mehr als 266 000 mal verkauft, bereits im letzten Jahr. Es lebe die Kunst - auch ohne Kommerz.

Weitere Artikel: Vincent Hugeux hat mit Charles Enderlin über sein Buch "Le rêve brise" gesprochen, das den Friedensprozess im Nahen Osten seit 1995 nachzeichnet und sein Scheitern analysiert.

Und: In Frankreich reicht die Verbindung von Chanson und Literatur bis in die Zeit zwischen den Weltkriegen zurück. Gestern waren es Brecht, Sartre, Prevert und Aragon, die der Musik ihre literarische Stimme liehen, heute sind es Nothomb, Dijan, Nimier und Ravalec. Eine kleine Lektion in der Geschichte des französischen Chansons erhalten Sie hier.

Magazinrundschau vom 03.06.2002 - Express

"En panne" ist in Frankreich immer irgend etwas, doch der französische Roman ist es nicht, meinen zumindest Olivier Le Naire und Francois Busnel: Vier Neuerscheinungen von jungen französischen Autoren beweisen immerhin, dass der französische Literaturbetrieb wirklich in Betrieb ist. Unter den jungen Talenten ist Anne Parlage, deren Stil laut Busnel scharf wie ein Rasiermesser ist. Ihr Roman "Le souffle du Minotaure" erzählt von einer unglücklichen Liebe, vom Labyrinth der Gefühle, in dem plötzlich ein Monster haust. Le Naire lobt den Roman "Le dernier voyage d?Emilie" des 27jährigen Schriftstellers Nicolas Michel wegen der gelungenen Konstruktion der Handlung. Die Hauptfigur des Romans ist die herzkranke Emilie, die lernt, jeden Moment des Lebens intensiv zu leben. Empfohlen wird außerdem der Kriminalroman von Colin Thibert "Royal Cambouis". Marc Vilrouge lässt in seinem Roman "Air conditionne" in einem Racheakt die Lüftungsschächte eines Verlagshauses verstopfen. Tod eines Kritikers, Tod eines Lektors oder Tod eines Verlagshauses, das sind eben die Themen dieser Tage.

Die Bücherschau widmet sich diese Woche der Psychoanalyse und parapsychologischen Phänomenen: Laurence Liban porträtiert J.-B. Pontalis, dessen Schriften sich zwischen Literatur und Psychoanalyse bewegen. Besprochen werden das Buch "Les illusionistes", in dem der Nobelpreisträger Georges Charpak und sein Koautor Henri Bloch unter anderem erklären, wie man glauben machen kann, dass man sich mit einem Spieß die Zunge durchbohrt (lesen Sie hier) und der Aufsatzband "Le savoir du prince" von Ran Halevi, der den Einfluss von Philosophen auf Könige vom Mittelalter bis zur Aufklärung nachzeichnet (lesen Sie hier).

Außerdem: Eric Libiot feiert die Gewinner des 55. Filmfestival in Cannes. Und: Nach einem aufmunternden "Allez-y" verrät der Sänger Renaud in einem Gespräch mit Gilles Medioni, warum er sich in einem seiner Songs über Bernard-Henry Levy lustig macht. Nach einer langen künstlerischen und privaten Krise erscheint jetzt sein neues Album "Boucan d'enfer". Renaud gesteht außerdem, dass eine seiner Inspirationsquellen Klosprüche sind.

Magazinrundschau vom 27.05.2002 - Express

Jerome Savary lässt mal wieder die Puppen tanzen. Sein neues Spekakel "Chano Pozo" ist eine musikalische und tänzerische Hommage an den gleichnamigen Schlagzeuger. Schauplatz ist Kuba, wie schon 1997 in der Inszenierung des "Bourgeois gentilhomme". Savary mischte die Dialoge von Moliere mit Salsaklängen. Die neue "Comedie musicale" hat Savary wie immer mit seiner "Theaterfamilie" und geladenen Gästen auf die Beine gestellt, doch auch diesmal lässt er sich nicht lumpen: Einen Teil der französisch-kubanischen Koproduktion bezahlt die kubanische Regierung. Granma, das offizielle Organ der kommunistischen Partei Kubas, bringt Savary zu Ehren eine lange Reportage. Zu sehen ist das Stück in der Opera Comique in Paris vom 24. Mai bis 29. Juni. 

Weitere Artikel: Maurice Bejart spricht im Interview über Diaghilews "Ballets russes", die Einführung des Tanzes auf dem Festival d'Avignon, die Bedeutung des Spiegels, die Quellen seiner Inspiration und die philosophischen Gespräche, denen er als Kind auf einem Diwan liegend in einer kleinen Wohnung in Marseille zuhörte. Anlässlich der 55. Filmfestspiele in Cannes haben Sophie Grassin und Eric Libiot mit Gaspar Noe, dem Regisseur von "Irreversible" gesprochen. Der Film erzählt in schockierenden Bildern die Geschichte eines Mannes, der seine vergewaltigte Frau rächt. Für das französische Kino rollt Eric Libiot den roten Teppich aus und zieht Bilanz über die letzten Publikumserfolge.

Außerdem: Francois Busnel hat ein "Queneaurama" verfasst. Daniel Rondeau stellt Dominique Villepins Buch "Le cri de la Gargouille" vor, eine aktuelle, politische Diagnose Frankreichs. Besprochen werden "Avant de tout oublier", ein Buch von Alain Marsaud, einem Abgeordneten der RPR, (lesen Sie hier) und "Ils ont assassine Massoud" von Marc Epstein und Jean-Marie Ponteau, das spannend wie ein Roman geschrieben ist (lesen Sie hier).