Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 31

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - Eurozine

Dürfen nur Zeitzeugen über Lager, Krieg und Vernichtung schreiben? Ist "das Zeitalter der Gulag-Literatur, die uns den Atem verschlägt" mit Levi, Schalamow und Kertesz zu Ende, wie Zeit-Redakteurin Iris Radisch in ihrer Kritik an Herta Müllers Roman "Atemschaukel" behauptete? Der schwedische Autor Steve Sem-Sandberg, dessen Roman "Die Elenden von Lodz" gerade auf Deutsch erschienen ist, widerspricht heftig: "Statt über den Krieg und dessen konkrete Opfer zu sprechen, beschäftigen wir uns schamlos mit unserem eigenen Verhältnis zu dem, was geschehen ist, oft mit flagellantischen Formulierungen wie: 'Wer bin ich denn schon...', 'Mit welchem Recht kann ich...' etc., als sei die gesamte Diskussion darüber, was den Holocaust ermöglicht hat, erst dann real greifbar, wenn sie sich auf ein uns selbst betreffendes psychologisches Problem zurückführen lässt. Darin steckt Feigheit. Wir fordern Authentizität von jeder Zeugnisnahme. Doch indem wir darauf bestehen, dass nur diejenigen, die es am eigenen Leib erlebt haben, zum Erzählen berechtigt sind, geben wir zu erkennen, dass wir im Innersten nicht berührt sind, dass eine Grenze zwischen uns und ihnen verläuft. Da jene Opfer sind, und sich somit notgedrungen außerhalb unseres eigenen Verständnishorizonts befinden, wird uns keine andere Haltung abverlangt als die des zu nichts verpflichtenden Kniefalls." (Hier noch ein Interview mit Sem-Sandberg über seinen Roman in der Welt.)

Der französische Historiker Pierre Manent erklärt im Interview mit der polnischen Zeitschrift Res Publica Nowa (von Eurozine ins Englische übersetzt), was die europäische Idee wieder beflügeln könnte: innereuropäische Emigration, und das Gefühl einer nationalen Stärke, die es erst erlaubt, europäisch zu denken. Polen sagt er dabei eine wichtige Rolle voraus.

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Eurozine

In Ungarn zu diskutieren, ist heute so schwierig wie zuletzt in den Achtzigern, meint der Schriftsteller Laszlo Garaczi: "Auch heute nehmen alle öffentlichen Äußerungen notwendigerweise die Form von ideologischen Argumenten an und enden oft in Feindlichkeiten. Etwas übertrieben ausgedrückt könnte man sagen, dass sogar heute Leser nach Hinweisen suchen, ob ein Schriftsteller über das linke oder rechte Ohrläppchen [seiner Geliebten] schreibt, den linken oder rechten Schnürsenkel, um zu sehen, auf welcher Seite er oder sie steht. Es zählt nicht die Qualität des Arguments, sondern wer es geäußert hat und welche Bedeutung man hinein interpretieren kann." Das mag einer der Gründe sein, warum die Ungarn sich oft so gewunden und, ähm, umständlich ausdrücken. Ein anderer ist offenbar die kontaminierte Sprache: "Die Anbahnung eines Dialogs ist nicht einfach in einer Sprache, in der die Synonyme für 'Patriot' (hazafi, patriota) entgegengesetzte Bedeutungen haben, weil das eine von der Linken, das andere von der Rechten besetzt ist. Auf einem so komplizierten und vergifteten linguistischen Gelände kann man seine Ideen klarerweise nur mit erhöhter Sorgfalt und Vorsicht äußern."

Außerdem: Richard Overy betrachtet (hier auf Deutsch, hier auf Englisch) Konzentrationslager aus einer internationalen Perspektive.

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - Eurozine

Aus einer Kleinstadt zu kommen, das ist schwer, schreibt die polnische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Malgorzata Litwinowicz. Sie erinnert sich an einen Studenten, der während eines Workshops auf die Frage, wo er herkomme, "Ich bin aus Grodzisk" sagte und in Tränen ausbrach. "Kleine Städte sind schmutzig, vernachlässigt, eng, entsetzlich gleichförmig und 'provinziell' - in der schlimmsten Bedeutung des Wortes. Es sind Orte, in denen man 'aufstrebt'. An solchen Orten erschafft man nicht, man 'sucht'. Man kann dort unmöglich erleuchtet sein, man ist schlicht die Reflektion der Großstadtlichter (die in Polen nicht sehr hell strahlen). Man geht niemals in eine Kleinstadt oder kehrt aus freien Stücken dorthin zurück - man landet dort durch Zufall oder Gewalt. Man sitzt dort fest und dann endet man dort." Nur sehr selten hat die Literatur die Kleinstadt zum Hauptschauplatz gemacht. Eine der wenigen Ausnahmen, so Litwinowicz, war die jiddische Literatur.

Weitere Artikel: Jiri Travnicek singt ein melancholisches Liebeslied auf Brünn, diese Stadt, "in der man immer noch lindernde Poesie genießen und naiv sein kann, während man in Prag trendy, up-to-date, gut informiert und belesen sein muss" und die Milan Kundera, der berühmteste Sohn Brünns, aus seinem Band mit Erzählungen getilgt hat. Und Therese Kaufmann, Ivan Krastev, Claus Offe, Sonja Puntscher-Riekmann und Martin M. Simecka unterhalten sich über die Krise Europas.

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - Eurozine

Kenan Malik (Website) hat für die Bergens Tidene (auf Englisch bei Eurozine) einen Kommentar verfasst, in dem er darlegt, warum Anders Breivik den Dschihadisten mehr ähnelt als ihm lieb sein kann. Unter anderem wegen seines Hasses auf die Vielfalt: "Ich war lange Zeit ein Verteidiger der Vielfalt und ein Kritiker des Multikulturalismus. Breivik seinerseits lehnt die Vielfalt gerade deshalb ab, weil er die Leute zurück in kulturelle Schubladen stecken will. Die Ironie ist, dass sich Breiviks Glaube an den 'Kampf der Kulturen' bei allem Hass auf Multikulti auf Begriffe kultureller Differenz und Identität stützt, die nicht so weit entfernt sind von manchen multikulturellen Politikauffassungen. Auch hier erweist sich seine Nähe zu islamischen Dschihadisten."

Rita Chin von der University of Michigan kommt in ihrem Artikel über "Türkische Frauen, westdeutsche Feministinnen" (hier auf Deutsch, hier auf Englisch) mühelos zu dem Schluss, dass deutsche Feministinnen schon Ende der 70er Jahre zum Rassismus tendierten. So zum Beispiel Susanne von Paczensky, die 1978 in einem Vorwort zu dem Rowohlt-Reportageband "Die verkauften Bräute" ihr Unbehagen beschrieb beim Anblick von Frauen, die "demütig zwei Schritte hinter ihren Männern her" gehen. Chin rümpft die Nase: "Während diese kulturellen Praktiken Türkinnen als 'fremd' und sogar 'nicht anpassungsfähig' abstempelten, deutete Paczenskys Betonung der Veränderung an, dass sie womöglich anpassungsfähig gemacht würden. ... Diese Haltung kam nicht unerwartet, waren doch die meisten Personen, die mit Migrantinnen arbeiteten, selbst ernannte Feministinnen, welche die Situation der türkischen Frau durch die Linse ihres eigenen Kampfes betrachteten."

Magazinrundschau vom 19.07.2011 - Eurozine

Antoine Garapon hat für Esprit (auf Französisch online auf Eurozine) eine sehr faszinierte und faszinierende Reportage über den Neuaufbau der Institutionen, die Wahrheitskommissionen, die Rolle der Frauen in der tunesischen Revolution geschrieben. Und er besteht in seiner Reflexion der Ereignisse auf dem exemplarischen Charakter gerade der tunesischen Revolution. "Die tunesische Revolution - und das ist nicht ihr geringstes Verdienst - formuliert die Idee von Revolution selbst neu; sie eröffnet in der langen und windungsreichen Geschichte dieses Begriffs ein neues Kapitel. Zunächst einmal bricht sie endgültig - muss man es noch betonen? - mit jedem marxistischem Bezug, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis zum Mauerfall, die Idee der Revolution dominierte. In einigen Punkten ähnelt die Revolution den osteuropäischen Ereignissen von 1989. Die Aufgabe, die vor den Tunesiern liegt gemahnt auch an die 'Lustration' in den Ländern der ehemals sowjetischen Sphäre: Wie bricht man mit einem Regime, das die Menschen und Institutionen korrumpierte?"
Stichwörter: Lustration, Mauerfall, Tunesien

Magazinrundschau vom 12.07.2011 - Eurozine

Selbst bald vierzig Jahre nach Francos Tod gibt es in der spanischen Gedächtnispolitik noch manche No go areas. Nach wie vor haben die Opfer der franquistischen Seite ihre Ehrenmale, während die Opfer der republikanischen Seite nicht mal benannt sind, schreibt der Historiker Julian Casanova in einem Originalbeitrag für Eurozine. Eine der am stärksten beharrenden Kräfte ist die Katholische Kirche: "Sie schaffte es, ihre privilegierte Situation der Franco-Zeit in die neue Ära zu retten. Eifersüchtig wacht sie über ihre Finanzquellen und das Monopol, das sie in der Schulerziehung errungen hatte. Mit Unterstützung des Vatikans verteidigt sie jeden Quadratmeter des Territoriums, das der Staat in moralischen Fragen beanspruchen könnte. 35 Jahre nach Franco fehlt Spanien eine Religionsfreiheit, die dem Wandel des Landes durch die Immigration angemessen wäre."

In der gleichen Eurozine-Reihe über Vergangenheitspolitik in Europa findet sich ein interessantes Interview mit dem türkisch-holländischen Genozid-Forscher Ugur Ümit Üngör, der dafür plädiert, auch Verbrechen gegen soziale oder politische Gruppen unter den Begriff des Genozids zu fassen.

Wieder nach oben stellt Eurozine Julian Petleys kritischen Überblick über den Zustand der britischen Presse vom Ende letzten Jahres. Petles spricht hier bereits über den Abhörskandal der News of the World und verheißt den britischeMedien keine gute Zukunft, wenn Murdoch die Übernahme des Pay-TV-Senders BSkyB gelingt.

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Eurozine

Eurozine stellt die Texte eines Kongresses, den das Netzwerk vor kurzem veranstaltet hat, über den Medienwandel online. Interessant die Forschungsergebnisse des Medienwissenschaftlers Leonhard Dobusch, der herausgefunden hat, dass nicht immer neue Urheberrechtsgesetze für de Kreativen wichtig sind, sondern Verhandlungsmacht gegenüber Verwertern: Wer es schafft, seine Verträge neu zu verhandeln, verdient auch besser. "Stärkere Urheberrechte können die Einkommensunterschiede zwischen Künstlern sogar noch verschärfen. In ihrer aktuellen Form sind Urheberrechte nur eine Lösung für eine kleine Minderheit der Kreativen und Verleger."

Außerdem erzählt Iryna Vidanava Schlimmes über die Situation der Journalisten in Weißrussland. Einige müssen jahrelange Strafen in Hochsicherheitsgefängnissen absitzen. Dennoch ist sie optimistisch: Immer mehr Weißrussen haben Breitbandinternet, und immer weniger Zeitungen lassen sich einschüchtern.

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - Eurozine

Der litauische Philosoph Tomas Kavaliauskas und sein russischer Kollege Boris Kapustin führen für Kulturos barai (auf Englisch bei Eurozine) ein ausuferndes Gespräch über osteuropäische Desillusionierungen nach der Wende. Trotz aller Katerstimmung wird nach Kräften - und frei, immerhin! - mit Hegel, Mannheim, Rawls jongliert. Bei einem Diktum Havels wird?s stellenweise ein bisschen konkreter. "Havels Ausdruck 'In der Wahrheit leben' ist nicht einfach naiv, sondern falsch", sagt Kavaliauskas. "Die Übergangsperiode vom Sozialismus zum Kapitalismus und vom kommunistischen Einparteienstaat zum Pluralismus hat keine Bedingungen geschaffen, um in der Wahrheit zu leben. Massenmedien spielen mit Bildern und schaffen nur illusorische Wahrheiten." Darauf antwortet Kapustin, dass man Havels Satz von Anfang an als Utopie habe verstehen müssen, deren Wesen es nun mal sei, nie Realität zu werden. Aber "Utopien sind mächtige Werkzeuge der Kritik am Status quo und seiner Untergrabung. Mächtig werden sie gerade dadurch, dass sie den Status quo transzendieren, ohne vor ihm zu fliehen oder in bloßes Wunschdenken auszuweichen."
Stichwörter: Pluralismus, Massenmedien

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - Eurozine

Heimat hat sie nicht mehr, sagt Herta Müller in einem in Bukarest geführten Gespräch mit Gabriel Liiceanu in Dilema Veche (auf englisch übersetzt auf Eurozine): "Alle Deutschen, die einst in Rumänien lebten, sind nun irgendwo anders in der Welt. Manchmal schmerzt es mich, aber dann denke ich wieder, das ich Glück hatte. Ohne Zweifel war es Glück, Rumänien verlassen zu haben. Ich weiß nicht, was ich in Rumänien noch hätte tun können. Ich weiß nicht, ob ich heute hier wäre und Bücher geschreiben hätte. Und doch bin ich manchmal traurig, dass mein Glück eine Abwendung von Unglück war."

Und noch eine weitere Übernahme aus Dilema Veche in Eurozine: Andrei Plesu unterhält sich, ebenfalls in Bukarest, mit Adam Michnik, der ein Ende der Aufarbeitung von Vergangenheit fordert. Kritik an Intellektuellen, die keinen Widerstand gegen die kommunistischen Regimes leisteten, lehnt er in einer indirekten Antwort auf Herta Müller ab: "Das ist eine bolschewistische Attitüde. In Russland gibt es eine Menge Leute, die so argumentieren. Warum wurde Solschenizyn verhaftet? Wegen seines Antikommunismus? Nein, weil er ein Trotzkist war. Und wie unterscheidet sich Trotzkismus von Kommunismus? Gar nicht. Warum sollten wir Solschenizyn also respektieren? Sacharow? Er hat die Atombombe gebaut!"

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - Eurozine

Kunstperformances quälen nicht nur das Publikum, oft quälen auch die Künstler sich selbst. Donatien Grau weist in einem Artikel für A Prior, der online von Eurozine publiziert wird, auf die religiösen Ursprünge und Dimensionen der Performancekunst hin, die der Idee der "Inkarnation" sehr nahe seien. "Um es noch klarer zu sagen. Das Prestige des Kunstwerks liegt in der Tatsache, dass Seele/Geist/Bewusstsein des Künstlers stärker sein können als körperliche Begrenztheit oder Schwierigkeit. So gesehen erscheint das Leiden des Künstlers als Neuauflage des Martyriums, ein Schlüssel für das Werk von Künstlern wie Gina Pane. In einem kühnen Schluss könte man sagen, dass die Märtyrer die ersten Performance-Künstler waren..." Glücklicherweise stellt Grau bei jüngeren Künstlern eine Abwendung von diesem Modell und eine Hinwendung zu erzählerischen Formen fest.
Stichwörter: Märtyrer