
Dürfen nur
Zeitzeugen über Lager, Krieg und Vernichtung schreiben? Ist "das Zeitalter der Gulag-Literatur, die uns den Atem verschlägt" mit Levi, Schalamow und Kertesz zu Ende, wie
Zeit-Redakteurin Iris Radisch
in ihrer Kritik an
Herta Müllers Roman
"Atemschaukel" behauptete? Der schwedische Autor
Steve Sem-Sandberg, dessen Roman
"Die Elenden von Lodz" gerade auf Deutsch erschienen ist,
widerspricht heftig: "Statt über den Krieg und dessen konkrete Opfer zu sprechen, beschäftigen wir uns schamlos mit unserem eigenen Verhältnis zu dem, was geschehen ist, oft mit
flagellantischen Formulierungen wie: 'Wer bin ich denn schon...', 'Mit welchem Recht kann ich...' etc., als sei die gesamte Diskussion darüber, was den Holocaust ermöglicht hat, erst dann real greifbar, wenn sie sich auf ein uns selbst betreffendes psychologisches Problem zurückführen lässt. Darin steckt Feigheit. Wir fordern Authentizität von jeder Zeugnisnahme. Doch indem wir darauf bestehen, dass nur diejenigen, die es am eigenen Leib erlebt haben, zum Erzählen berechtigt sind, geben wir zu erkennen, dass wir
im Innersten nicht berührt sind, dass eine Grenze zwischen uns und ihnen verläuft. Da jene Opfer sind, und sich somit notgedrungen außerhalb unseres eigenen Verständnishorizonts befinden, wird uns keine andere Haltung abverlangt als die des
zu nichts verpflichtenden Kniefalls." (Hier noch ein
Interview mit Sem-Sandberg über seinen Roman in der
Welt.)
Der französische
Historiker Pierre Manent erklärt im Interview mit der polnischen Zeitschrift
Res Publica Nowa (von
Eurozine ins Englische übersetzt), was die
europäische Idee wieder beflügeln könnte: innereuropäische Emigration, und das Gefühl einer nationalen Stärke, die es erst erlaubt, europäisch zu denken.
Polen sagt er dabei eine wichtige Rolle voraus.