Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 31

Magazinrundschau vom 23.05.2017 - Eurozine

Im Interview mit Aro Velmet von der estnischen Zeitschrift Vikerkaar (auf Englisch in Eurozine) gesteht David Graeber, dass er die Trump-Wähler verstehen kann und erklärt zugleich seine Nostagie über die in alle Winde zerstreute Occupy-Bewegung: "Eigentlich gab es immer Männer wie Trump, aber sie bekamen nie Aufmerksamkeit, denn die Leute zogen unsere Art der Alternative vor. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, einen offenen Brief an das Establishment zu schreiben. Um den Leuten im Grunde zu sagen: Wir wollen euch doch nur warnen. Die meisten Leute in Amerika denken, dass das politische System von Grund auf und total verkommen ist, und sie haben gute Gründe, das zu denken. Nur die Manager-Berufsklassen, die den Kern der Wählerschaft der Demokratischen Partei bilden, denken, es würde ausreichen, ihre Gaunereien für legal zu erklären. Niemand sonst denkt so. Wir wollten das in eine positive Richtung lenken, und dann kamen sie, und haben uns zusammengeprügelt. Die Liberalen taten das. Nicht die Rechte. Bürgermeister, die Occupy unterdrückten, waren meist Demokraten."

Magazinrundschau vom 18.04.2017 - Eurozine

Es fehlt bekanntlich eine europäische Öffentlichkeit. Der Autor André Wilkens (ehemals Mitarbeiter der Soros-Stiftung) und der Europa-Politiker Jakob von Weizsäcker  haben neulich bei Spiegel online die Gründung eines großen European Broadcasting Service, also eines europaweiten öffentlich-rechtlichen Senders vorgeschlagen, der in 24 Sprachen funktionieren soll. Dagegen verwahren sich in Eurozine Carl Henrik Fredriksson und Roman Léandre Schmidt, die statt dessen einen Graswurzel-Ansatz vorziehen und eine europäische Förderung bereits bestehender Medien in Europa vorschlagen, die sich für europäische Themen öffnen sollen: "Europäische Institutionen sollten sich bis 2019 auf ein intelligentes System der Unterstützung bereits bestehender Medien einigen, die vom Publikum in ihren Ländern bereits geschätzt werden und ihre Arbeit europäischer ausrichten sollen. Genau in jenen Ländern, wo unabhängige Arbeit nur unter großen Schwierigkeiten möglich ist, gibt es keine andere Option, als lokale Initiativen zu unterstüzen und ihre Einbeziehung in europäische Netzwerke zu fördern. Die Entscheidung über diese Förderungen sollten einer unabhängigen Behörde obliegen."

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Eurozine

Lange galt Russland als Staat ohne Ideologie, laut Verfassung war sie sogar verboten. Doch das ändert sich zunehmend, schreibt Evgenia Lezina, vor allem seit Wladimir Putin - mit der Besetzung der Krim - erkannt hat, wie dienlich seinen Popularitätswerten die Konfrontation mit dem Westen ist: "Mit der Berufung auf patriotische Gefühle und eine nationale Idee kommt der Vergangenheit eine größere Bedeutung zu, das Regime zu legitimieren. Zum einen haben staatliche Stellen immer wieder auf die jahrhundetelange Kontinuität in der russischen Geschichte verwiesen und das Bedürfnis nach Versöhnung und nationaler Einheit betont, zum anderen haben sie angekündigt, aktiv jeden Versuch zu unterbinden, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren oder alternative Deutungen historischer Ereignisse zu bieten. Diese Tendenz zeigt sich auch bei den offizellen Erklärungen zum hundertsten Jahrestag der russischen Revolution. Sie klingen wie dieselbe Durchschrift: 'Wir müssen aus der Geschichte die Lehre zur Versöhnung ziehen und die soziale, politische und gesellschaftliche Eintracht untermauern, die wir bis heute erreicht haben. Es ist inakzeptabel, aus persönlichen oder politischen Motiven über Tragödien zu spekulieren', erklärte Putin in seiner jährlichen Ansprache vor dem Parlament am 1. Dezember 2016."

Ingo Petzt fragt zudem, wie gesichert Weißrusslands Unabhängigkeit ist. Kürzlich habe der Minsker Machthaber Lukaschenko erklärt, für Unabhängigkeit müsse man kämpfen, doch die Weißrussen seien ein friedliebendes Volk: "Das große Militärmanöver West 2017, das Russland für diesen Sommer mit 100.000 Mann in Weißrussland und Kaliningrad angesetzt hat, hat ebenfalls Gerüchte über eine mögliche Besetzung befeuert."

Magazinrundschau vom 11.10.2016 - Eurozine

In einem Artikel für Index on Censorship, online bei Eurozine, gibt Andrey Arkhangelsky einen sehr nützlichen Überblick über die paar unverzagten Medien in Russland, die noch investigativen Journalismus betreiben. Anlass ist ihm der zehnte Jahrestag des Mords an Anna Politkowskaja. Die neuen Technologien, sagt er, haben nicht automatisch eine größere Vielfalt oder mehr mutigen Journalismus gebracht - alles hängt wie immer von Einzelnen ab. Und von deren persönlichem Mut: "Verleger und Investoren dachten oft, dass sie nur nach den Regeln spielen und offene Kritik vermeiden müssen, dann würde sie niemand anrühren. Aber die Regeln ändern sich immerzu, und sie sind nirgends schriftlich formuliert. Niemand kann sie erraten. Diese kafkaeske Situation führt zu allgemeiner Nervosität, sagt uns aber auch etwas über Meinungsfreiheit: Wer in eine partielle Beschneidung seiner Freiheit einwilligt, dem wird sie früher oder später ganz genommen."

Magazinrundschau vom 13.09.2016 - Eurozine

Luka Lisjak Gabrijelcic führt für die slowenische Zeitschrift Razpotja - auf Englisch bei Eurozine - ein sehr instruktives Gespräch mit dem Historiker Timothy Snyder, der unter anderem ausführlich über den Einfluss Hannah Arendts auf seine Bücher spricht. Eine historische Voraussetzung für die Totalitarismen, die den Höhepunkt ihres Vernichtungswahns in den von Snyder so benannten "Bloodlands" erlebten, ist für Arendt und ihn der Imperialismus des 19. Jahrhunderts: "Meiner Meinung nach sagt sie zurecht, dass am Ende des 19. Jahrhunderts etwas Wichtiges mit dem Begriff des 'Reichs' passiert. Im Grunde war das eine Intuition von ihr - basierend auf ihrer Lektüre von Joseph Conrad - , aber ich glaube, sie weist zurecht darauf hin, dass das Rassedenken in den Kolonialreichen eine wesentliche Rolle in der Genese der Totalitarismen spielt. Hitler, und nicht nur er, sieht sich an, was in Afrika und bis zu einem gewissen Grad in Amerika geschieht und wendet die Kategorie eines auf Rasse beruhenden Reichs in einer sehr kruden und vereinfachten Weise auf Europa an. Völlig zurecht betont sie, dass dies nicht ohne die Kolonialerfahrung in Afrika hätte geschehen können."

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - Eurozine

In einem beeindruckenden Essay für Eurozine erklärt der noch recht junge Autor Sergei Lebedew ("Oblivion"), wie der Mangel an Vergangenheitsbewältigung die russische Gesellschaft dauerhaft schwächt. "Die innere Natur totalitärer Macht, die die Rechte und Freiheiten ihrer Bürger unterdrückt, liegt darin, dass sie ihnen im Nachhinein erlaubt zu sagen, dass 'wir nichts damit zu tun' hatten. Die Attraktion des totalitären Systems, das Individuen ihrer Wahlfreiheit und damit Verantwortung beraubt, liegt darin, ihnen am Ende ein metaphysisches Alibi und ein stetiges Weitergeben der Schuld zu erlauben. So kommt ein Teufelskreis der Verantwortung ohne Verantwortliche in Gang. Der einzige Weg aus diesem Teufelskreis ist, dass eine Gesellschaft zunächst ihre Verantwortung dafür auf sich nimmt, dieses totalitäre Regime erlaubt und ertragen zu haben."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Eurozine

In einem langen, anregenden Interview analysiert der derzeit im Exil lebende Garri Kasparow die Lage Russlands und Putins verheerende Politik. Aber das Verhalten der Europäer macht ihm zu schaffen: "Indem sie die Annektierung der Krim akzeptiert hat, hat die freie Welt, vor allem die EU und die USA, de facto Putins Behauptung akzeptiert, die traditionelle Weltordnung, die den Frieden garantiert hat, sei am Ende. Ich finde es erstaunlich, dass die Länder, die am meisten von dieser Ordnung profitiert haben, die europäischen Nationen, das nicht zu verstehen scheinen. Ich habe mich für das Ergebnis des niederländischen Referendums geschämt. Ob man die gegenwärtige Regierung der Ukraine mag oder nicht, die Ukrainer haben jedenfalls bewiesen, dass sie es wert sind, in die EU aufgenommen zu werden. Sie haben für deren Werte gekämpft, eine überlegene Armee bekämpft, bereit, ihr Leben zu geben, um Teil der europäischen Integration zu werden. ... Die nächste Schlacht wird der Brexit. Ich bin wahrlich kein Fan der Brüsseler Bürokratie, aber das schreit zum Himmel. Es geht hier nicht darum, die Brüsseler Bürokratie zu unterstützen, sondern die Einheit Europas gegen Kräfte zu verteidigen, die seine Grundwerte ablehnen."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Eurozine

Sehr lesenswert ist Lukasz Pawlowskis Gespräch mit Anne Applebaum ursprünglich in Kultura Liberalna, auf englisch in Eurozine. Sie stellt das Phänomen Trump in einen internationalen Kontext des überall gedeihenden Populismus und des Wunsches nach Renationaliserung von Politik, der sich etwa in der Brexit-Kampagne ausdrückt. Trump sieht sie auf einer Linie mit anderen Populisten "wie Marine Le Pen und die anderen, die nicht länger an die Nato  glauben, die die traditionellen Alliierten links liegen lassen und die ihr Land aus der Welt zurückziehen wollen. Trump ist nicht der erste Isolationist in der amerikanischen Politik, aber er ist der erste seit sehr langer Zeit, der einen solchen Aufwind erlebt. Isolationismus war in der amerikanischen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg immer marginal - aber nun ist er auf einmal ins Zentrum gerückt."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Eurozine

Was genau kennzeichnet eigentlich das aktuelle Verhältnis Europas zu Russland? Ist es wirklich nur ein Wertekonflikt? Carl Henrik Fredriksson fürchtet bei Eurozine, dass noch mehr im Spiel ist, nämlich eine Neuordnung des geopolitischen Schachbretts, die von Europa noch gar nicht verstanden worden ist. Durch Putin sei ein an die Restauration von 1815 gemahnendes Denken wieder ins Spiel gekommen, das durchaus auch westeuropäische Intellektuelle infiziert, schreibt Fredriksson: "Die alten Ideen kommen wieder in Mode. Die Rede von 'legitimen Interessen' und 'Einflusssphären' ist das neue Schema, nicht nur in Russland, und die Ereignisse in der Ukraine haben gezeigt, dass die Unverletzlichkeit der Grenzen und das 'Prinzip der gleichen Rechte und Selbstbestimmung der Völker' keineswegs selbstverständlich sind. Die Restaurierung alter (Super-)Machtstrukturen, die im Herbst der Nationen von 1989 untergegangen waren, sind Teil einer politischen Agenda geworden, die die europäische Ordnung nach dem Kalten Krieg auf den Kopf stellen will. Oder sogar schon gestellt hat."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Eurozine

Ein Dialog zwischen Russland und der Ukraine ist unbedingt nötig, um die andauernde Krise zwischen den beiden Ländern zu beenden. Voraussetzung ist allerdings, dass Russland die Ukraine als eigenen Staat wirklich anerkennt, meint die in Wien lehrende ukrainische Politikwissenschaftlerin Tatiana Zhurzhenko. "Die Hauptfrage dabei ist, ob sich in Russland eine Gruppe für Versöhnung etablieren kann. Das kann nur geschehen, wenn der gegenwärtige imperialistisch-nationalistische Konsens über die Ukraine zerbricht. Ein Dialog mit russischen Liberalen wäre möglich, selbst wenn Ukrainer und Russen ihre jüngste Geschichte völlig unterschiedlich sehen. Aber zu allererst hängt die Zukunft der ukrainisch-russischen Beziehung davon ab, wie sich Europa verhält. Ein geschwächtes, egoistisches Europa, das seine Werte verrät, wird Putins Regime stärken und die ukrainische Gesellschaft in den ethnischen Nationalismus stoßen, der dann die einzige Option bleibt."

In einem Artikel, der vor dem niederländischen Referendum geschrieben wurde, warnt der Historiker Timothy Snyder: "Was wie eine lokale niederländische Frage aussieht, hat jetzt allgemeine Bedeutung. 'Nein' zu wählen würde bedeuten, die russischen Anstrengungen, die EU von innen zu destabilisieren, zu billigen und die Weiterführung der russischen Kriege in der europäischen Nachbarschaft zu unterstützen. Die niederländischen Bürger haben Glück, weil sie immer noch an den Wahlurnen für europäische Freiheiten stimmen können, statt ihr Leben dafür auf den Straßen riskieren zu müssen. Möge das so bleiben."