Magazinrundschau

Klempner werden?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.10.2017. Kapitalismus und Gleichberechtigung vertragen sich nicht, lernt Alena Wagnerova in Novinky. Die New York Times staunt über den Internationalismus der neuen Rechten. Die LRB sieht schwarz für Kurdistan. La vie des idees liest Identitätsmuster aus der Gänseleber. Im New Yorker erinnert sich Jonathan Franzen an den Rassismus im New York der Achtziger.

Novinky.cz (Tschechien), 11.10.2017

Tereza Simunková unterhält sich mit der tschechisch-deutschen Publizistin Alena Wagnerová über Geschlechterrollen vor und nach der Wende. Wagnerová, die in den 60er-Jahren nach Deutschland emigrierte, erinnert sich an ihr damaliges Befremden: "In der Tschechoslowakei hatte ich mich als mündiges, dem Mann gleichberechtigtes Subjekt gefühlt, als Mensch mit eigenem Status. In Deutschland erlebte ich dann, dass ich durch die Stellung meines Mannes definiert wurde. Auf einer Einladung wollte die Gastgeberin mir ihre sechs Töchter vorstellen und begann aufzuzählen: Gerdas Mann ist Lehrer, Magdas Mann Bibliothekar, Ursulas ist Pfarrer … Und unser Vermieter wunderte sich darüber, dass ich die Heizkostenrechnung selbst bezahlte." Während die berufliche Gleichberechtigung der Frau in Deutschland erst im reformierten Eherecht 1977 erreicht wurde, wurden Mann und Frau in der CSSR bereits 1950 rechtlich gleichgestellt. Der emanzipative Vorsprung der kommunistischen Gesellschaft gegenüber dem Westen habe allerdings in den Zeiten der sogenannten"Normalisierung" zu stagnieren begonnen (in der Zeit stagnierte im Grunde alles). Der Fall der Mauer bewirkte nach Wagnerová sogar einen Rückschritt: "Die Rückkehr des Kapitalismus brachte die Marginalisierung der Frauen in der Gesellschaft mit sich: Die Männer gewannen ihre alten Jagdgründe in Handel und Unternehmertum zurück, die sie im Sozialismus verloren hatten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Verstaatlichung, die vor allem Männer betraf, da ihnen die meisten Unternehmen gehörte, die normativen männlichen Verhaltensmuster geschwächt hatte. Die Rückkehr des Kapitalismus hat die Männer bereichert, sie haben neues Selbstbewusstsein gewonnen."
Archiv: Novinky.cz

Slate.fr (Frankreich), 16.10.2017

Wird man so in fünfzehn Jahren über ein Comeback von Harvey Weinstein reden? Zwei RedakteurInnen der Seite verhandeln in einem Gespräch, ob man bei dem Musiker Bertrand Cantat, der gerade ein neues Album herausbringt, den Künstler vom Totschläger trennen kann. Cantat hatte 2003 seine Lebensgefährtin Marie Trintignant erschlagen. Nadia Daam und Éric Nahon unterhalten sich vor allem über den medialen Umgang mit Cantats Neustart in Frankreich. Daam meint: "Der Botschafter ist genauso wichtig wie die Botschaft … Er versucht sich zu normalisieren. Das ist eine Strategie. Und ziemlich gerissen von ihm, weil er bekannt war für die politische Schlagkraft seiner Songs. Es ist eine Art und Weise, uns zu sagen: Ich bin derselbe wie vorher. Ist er nicht, denn in der Zwischenzeit hat er mit seinen Fäusten eine Frau umgebracht." Ihr Kollege Nahon meint: "Was würde ich an seiner Stelle tun? Klempner werden? Roadie? Wahrscheinlich nicht … Und ehrlich, kein Mensch wäre gern an seiner Stelle. Ich verstehe, dass Cantat wieder Musik macht. Was denn sonst? Darum geht es doch heute: Muss man akzeptieren, dass sich ein Mann, der eine Frau umgebracht hat, wieder in der öffentlichen Kunstsphäre bewegt? Ich persönlich halte mir die Möglichkeit offen, mich von seiner Musik berühren zu lassen …Trotzdem kann ich seine brutale Tat nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Das steht fest."

Außerdem zu lesen ist ein höchst opulent (und appetitanregend) bebildertes Porträt von Starkoch Alain Ducasse, über den gerade ein Dokumentarfilm gedreht wurde.
Archiv: Slate.fr
Stichwörter: Bertrand Cantat

Linkiesta (Italien), 14.10.2017

Marco Cubeddu, Autor aus Mailand, erzählt recht witzig und rührend, wie er in Neapel vor dem Bahnhof von einer Zigarettenschmugglerin nach Strich und Faden ausgenommen wurde. Und endet mit einer Hymne auf diese Stadt: "Diebe soll es nicht geben? Aber wenn es sie nicht gäbe, wie sollten wir uns übertölpeln lassen? Wollen wir wirklich, dass ganz Italien vor der Welt nur als Mailand dasteht? Sollen wir unseren italienischen Geist in einen skandinavischen Geist umwandeln? Nach der Art von Marco Travaglio und seinem fiskalen, juristischen und existenziellen Muster? Die Stadt Neapel will von uns fast gar nichts und garantiert uns im Gegenzug ein bisschen Schlauheit, sie lehrt uns die Augen offen zu halten, auf der Hut zu sein und nicht zu glauben, dass alles immer in die richtige Richtung geht."
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Archiv: Linkiesta
Stichwörter: Italien, Neapel

New York Times (USA), 15.10.2017

Im neuen Heft des New York Times Magazine ist James Angelos zu Gast bei Götz Kubitschek, der im Heft als Prophet der Neuen Rechten mit gesamteuropäischen Ambitionen vorgestellt wird. Eine akzeptable Fassade soll dabei helfen: "Die Idee etwa, dass niemand gezwungen sein sollte, fest bei einer strengen Ideologie zu bleiben, klingt erstmal in Ordnung. Doch für Kubitschek und seine Leute gehören eben Liberalismus, Multikulturalismus, Egalitarismus und Feminismus zu den strengen Ideologien dazu, für Kubitschek 'soziale Experimente', die dem 'Volk' von der politischen Elite übergestülpt werden. Kubitscheks Ansichten erhalten immer mehr Zuspruch. Trotz der auf den Nationalsozialismus zurückgehenden kulturellen Tabus schließt sich Deutschland einer langen Liste von europäischen Staaten an, wie Österreich, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Italien und die Slowakei, in denen mitunter offen rassistische Parteien von rechtsaußen bei den Wahlen über signifikante Minderheiten verfügen. Diese ethno-nationalistische Renaissance stellt ein Paradox dar. Europäische Nationalisten, die einst gegeneinander agierten, bilden jetzt eine Art Regenbogen-Koalition der Neuen Rechten, in der souveräne Staaten ihre ethnische und kulturelle Identität bewahren, um einem größeren 'westlichen' Ideal zu dienen. Dieser 'Ethno-Pluralismus', wie ihn Neue Rechte gern nennen, basiert nicht auf liberalen westlichen Werten wie Gleichheit oder dem Vorrang individueller Rechte, sondern auf der Opposition zu anderen, nicht-weißen Kulturen, die angeblich Europa und den Rest der Welt bedrohen."

Ferner: Sophie Elmhirst trifft den britischen Schriftsteller Philip Pullman, Erschaffer der Fantasyreihe "His Dark Materials". Reid Forgrave besucht den Norden Minnesotas, wo der Bergbau eine einzigartige Naturlandschaft bedroht. Und Benoit Denizet-Lewis untersucht Angstzustände bei amerikanischen Teenagern.

Eurozine (Österreich), 12.10.2017

Ernesto Córdoba Castro untersucht (auf Englisch in Eurozine, original im slowenischen Magazin Razpotja) die linken Quellen und Argumente, mit denn Marie Le Pen geschickt ihre rechten Ansichten zusammenkleistert und verkauft: "Eine der intellektuellen Referenzen, die Le Pen sich angeeignet hat, ist der Poststrukturalismus - den die angelsächsische Welt, immer so verspätet mit ihren Übersetzungen, immer noch als die neueste Mode in der kontinentalen Philosophie hält, obwohl ihre Autoren längst tot sind: die sogenannte Französische Theorie. Wie Le Pen in einer Rede vom 12. Februar 2011 erklärte: 'Ich werde die Präsidentin der Rückkehr zum Realen sein. Eingeschlossen in ihrer Blase, die wie alle spekulativen Blasen platzen muss, hat die Kaste den Kontakt mit dem Realen verloren. Die Welt, die sie uns aufgezwungen hat, die die ihre ist, hat nichts mit unserer zu tun, die real ist. Ihre Welt ist virtuell' - das hätte so ausgezeichnet von Baudrillard, Jacques Lacan oder Iñigo Errejón (dem Chefideologen von Podemos, einem Schüler von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und einer der Intellektuell, der die Bezeichnung 'Kaste' für die politische Klasse in Spanien populär gemacht hat) geliefert werden können."

Außerdem: Jiri Priban bereitet uns darauf vor, was Tschechien und Europa bevorsteht, wenn der Milliardär und Populist Andrej Babis die am 20. Oktober anstehenden Parlamentswahl gewinnt.
Archiv: Eurozine

La vie des idees (Frankreich), 16.10.2017

Matthieu Ferry stellt eine amerikanische Studie vor, die sich einem soziologischen Vergleich des praktischen und ethischen Umgangs mit Lebensmitteln in Frankreich und den USA widmet: "Contested Tastes: Foie Gras and the Politics of Food" von Michaela DeSoucey. Denn während in Frankreich die Gänseleber das Zentrum eines mächtigen gastronomischen Nationalismus bildet, ruft dieses Danaergeschenk in den USA Tierschützer auf den Plan. So ist sie in Chicago inzwischen verboten, was natürlich an ihren grausamen Produktionsbedingungen liegt: "Über Grausamkeit zu befinden, heißt, ein moralisches Urteil zu äußern. Für die Kultursoziologie hat ein solches Urteil zwei Ebenen: Zum einen verweisen unsere moralischen Standpunkte auf die Matrix von Objekten, die wir gemäß unseren eigenen ethischen Prinzipien für gut oder schlecht erachten. Zum anderen sind unsere Entscheidungen mit unserer sozialen Identität verknüpft und damit mit sozialen Gruppen, denen wir angehören; demnach ziehen sie auch symbolische Grenzen zu jenen Gruppen, deren Prinzipien wir nicht teilen. Die durch die Gänseleber ausgelöste Kontroverse aus soziologischer Perspektive zu betrachten, bedeutet deshalb, sich mit dem Konflikt zu befassen, indem man die kulturellen Identitäten der Beteiligten berücksichtigt und den Begriff der 'Gastropolitik' von Arjun Appadurai heranzieht, mit dem dieser Konflikte beschreibt, in denen richtige Ernährung ein Auffangbecken für moralische, kulturelle und politische Auseinandersetzungen ist."
Stichwörter: Gastropolitik

London Review of Books (UK), 19.10.2017

Mit ihrem mutigen Kampf gegen den Islamischen Staat haben sich die irakischen Kurden viele Verbündete gemacht, doch mit dem Referendum zur Unabhängigkeit scheint die Kurdische Regionalregierung (KRG) das Blatt überreizt zu haben, fürchtet Patrick Cockburn. Alle stehen jetzt gegen sie, die UN, die USA, Frankreich und Deutschland, vor allem aber die Regionalmächte, die irakische Armee ist in Kirkuk einmarschiert: "Die Türkei, Iran und Irak sind vereint wie nie zuvor und planen eine Blockade der KRG... Die Türkei reagiert besonders feindselig. Die Kurden, sagte Erdogan, schaffen nicht einen unabhängigen Staat, sondern 'eine offene Wunde, in der man das Messer umdreht.' Barzani hatte gute Beziehungen zu Erdogan aufgebaut, der die Freundschaft allerdings jetzt für beendet erklärt hat. 'Die KRG, die wir so großzügig unterstützt haben, wandte sich gegen uns, dafür wird sie zahlen.' In Zukunft werden die Türkei nur noch mit der irakischen Regierung zusammenarbeiten. Die irakischen Kurden hoffen, dass ihnen die USA noch einmal zu Hilfe kommen werden und zwischen ihnen und ihren Gegnern vermitteln. Sie betonen, dass die Wege nach Kurdistan noch unverändert offen sind. Vielleicht überlebt die KRG ihre derzeitige Isolierung, aber die Gefahr wächst, dass der kurdische Quasi-Staat das gleiche Schicksal nehmen wird wie das Kalifat."

Weiteres: Die Drehbuchautorin Lucy Prebble berichtet von den Erfahrungen, die sie mit Harvey Weinstein gemacht hat. Jenny Turner liest Chris Kraus' Autobiografie "After Kathy Acker".
Stichwörter: Kurdistan, Irak

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.10.2017

Der Literaturkritiker und Editor József Tamás Reményi, der im Juli mit einem offenen Brief über die neue, staatlich dotierte Schriftstellerakademie eine breite Diskussion auslöste, antwortet auf die Beiträge dazu in den vergangenen Wochen. "Die KMTG ist nicht darum zurückzuweisen, weil sie die Extremität irgendeiner Seite ist, sondern weil sie die Missgeburt einer machtpolitischen-wirtschaftlichen Nomenklatur ist, die sich vom geistig-intellektuellen Leben völlig entfernt hat. Jene Nomenklatur, die als Stütze und Schaufenster nicht nur dilettantische Günstlinge und skrupellosen Durchschnitt an die Leine nimmt, sondern auch die Frustration der ungarischen Literatur ausnützt. Wenn wir Frustration mit leichtem Geld nähren, verschlimmern wir die Situation."

New Yorker (USA), 23.10.2017

Im aktuellen Heft des New Yorker erinnert sich Jonathan Franzen an eine Jugend im "scary" Manhattan der frühen 80er: "Wir lebten an einer Grenze. 1981, vor der totalen Gentrifizierung und den Masseninhaftierungen, war die Stadt geteilt in Schwarz und Weiß. Als ein junger Witzbold aus Harlem auf der Linie 3 nach Norden den Zaubertrick vollführte und alle weißen Fahrgäste an der 96. Straße verschwinden ließ, fühlte ich mich ertappt und schuldig, weil ich weiß war … In ästhetischer Hinsicht zog die Stadt mich an, aber ich hatte ständig Angst erschossen zu werden. Amsterdam Avenue war eine scharfe Grenze, nur ein einziges Mal stand ich auf ihrer Ostseite, nachdem ich den Fehler gemacht hatte, mit dem C-Zug bis zur 110. Straße zu fahren und von dort zu Fuß nach Hause zu gehen. Es war später Nachmittag und niemand nahm Notiz von mir, aber ich hatte irre Angst. Der Eindruck der Bedrohung wurde durch die Sicherheitsgitter und -schlösser an unserem Haus noch verstärkt. In meiner Vorstellung verband ich sie mit einem älteren weißen Nachbarn mit wütender Demenz, der manchmal an unsere Tür klopfte und, bekleidet nur mit einem Pyjama, schimpfend schwor, seine Frau würde mit Schwarzen verkehren. Auch vor ihm hatte ich Angst, und ich hasste ihn dafür, eine Teilung zu benennen, die wir liberalen Kinder stillschweigend akzeptierten."

Außerdem: Sheelah Kolhatkar stellt fest, dass Roboter längst nicht mehr uns assistieren, sondern umgekehrt. Ronan Farrow dokumentiert die Anschuldigen gegen Filmmogul Harvey Weinstein wegen sexueller Nötigung. Und Denis Johnson schickt eine Kurzgeschichte: "Strangler Bob".
Archiv: New Yorker