Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 61 von 65

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Elet es Irodalom

Das ES-Magazin druckt mehrere Nachrufe auf Istvan Eörsi (mehr hier): "Ein draufgängerischer Intellektueller, ein intellektueller Draufgänger, der es liebte, zu widersprechen. Er liebte Situationen, Entscheidungen und Begründungen des Dennoch und Trotzdem" - schreibt Andras B. Vagvölgyi. "Es war gut, dass er Veränderungen wollte und an ihnen teilnahm. ... Es war gut, dass er sich durch die Jahre im Gefängnis lachte und seine Wächter in den Wahnsinn trieb. Es war nicht gut, dass die ungarische Gesellschaft auf den ersten Ruf mit Janos Kadar ins Bett stieg, aber es war gut, dass Eörsi auch dazu eine andere Meinung hatte. Gleich am Tag seiner Freilassung. Es war gut, dass die Demokratische Opposition, die Samisdat-Zeitschriften, die Menschenrechte, die Forderung nach einer demokratischen Gesellschaftsordnung, das Verlangen nach dem freien Leben ohne Istvan Eörsi damals unvorstellbar war."

"Er war einer der Begründer der neuen Ordnung, aber das wird meistens nicht anerkannt - wer hat schon über einen ironischen Gründungsvater gehört? Gründungsväter grinsen nicht. Eörsi war einer der größten ungarischen Satiriker, weil er nicht alles auslachte. Nur fast alles" - meint der Philosoph Miklos Gaspar Tamas.

Weiteres: Zwei Beiträge feiern den Nobelpreis von Harold Pinter (hier und hier) und György Konrad feiert den von den Nazis ermordeten und zu Unrecht in Vergessenheit geratenen ungarischen Maler Istvan Farkas.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Elet es Irodalom

Es ist nicht länger hinnehmbar, dass nur Historiker den Inhalt der Stasiunterlagen kennen dürfen, meint der Historiker Laszlo Varga. Er kritisiert das ungarische Verfassungsgericht, das den Gesetzesentwurf der Sozialisten über einen wesentlich freieren Zugang zu den Stasiunterlagen als verfassungswidrig einstufte: "Jeder Staatsbürger der Republik hat das Recht, seine Geschichte kennen zu dürfen. Sowohl seine individuelle Lebensgeschichte als auch die Geschichte des Kollektivs, der Nation. ... Es hat einen gewissen Charme, dass ich gerade heute zufällig dem Genossen K. begegnete, der mich damals im Auftrag der Partei bespitzelte. Ich habe ihm (instinktiv) die Hand gegeben, denn nicht er, sondern sein (anonymer) Auftraggeber schrieb jene Fußnote zum Bericht, die mich als 'Kleinbürger' einstufte, wegen der ich meinen Job verloren hätte. Aber wenn Genosse K. mich damals bespitzelte, warum darf ich hier seinen Namen nicht nennen?"

Auf der ersten Seite seiner Onlineausgabe bringt das ES-Magazin die Links zu den zahlreichen Beiträgen, die der verstorbene Istvan Eörsi auf seinem Sterbebett schrieb. Das Magazin druckt Peter Esterhazys Rede zur Eröffnung des neuen Literaturhauses in Frankfurt am Main.

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Elet es Irodalom

Ein Vergleich linker Parteien in Deutschland und Ungarn ergibt für den Philosophen und Gesellschaftstheoriker Gaspar Miklos Tamas, dass die ungarische Linke gar nicht existiert: "Der Begriff 'Linke' bezeichnet in Ungarn gar keine Linke, sondern eine sich für Modernisierung einsetzende, bürgerliche, kosmopolitische und pluralistische Gemeinschaft. Hinter dem Begriff 'Mitte-Links' verbirgt sich, von einigen lokalen Schnörkellinien abgesehen, eine neokonservative beziehungsweise neoliberale Linie, vor allem was Wirtschafts-, Sozial-, Sicherheits-, Außen- und Umweltpolitik und den öffentlichen Dienst angeht. Auch die westeuropäischen Sozialdemokraten machten fast überall einen grundlegenden Wandel durch. Sie sind heute im besten (das heißt im linksten) Fall liberal zu nennen. Aber so weit, wie die ungarische Linke, sind sie noch nie gegangen."

Um einen schweigenden Großvater, einen ins Arbeitslager verschleppten Vater und einen sich die Geheimnisse der Familie ergründenden Sohn kreist der Roman "Der weiße König" des jungen Schriftstellers György Dragoman, den der Literaturkritiker Istvan Csuhai als die literarische Sensation des Herbstes feiert: "Die 'Unterwelt' der Straßenarbeiter, die die Fußball spielenden Jungs zwingen, eine unbrauchbare Grube zu graben, ... aber auch die 'Überwelt' des Großvaters, der seiner Schwiegertochter jegliche Hilfe verweigert, obwohl er als pensionierter Parteisekretär viel für sie tun könnte, der afrikanische Gesandte, der sich für sie einsetzt, aber eine Gegenleistung in natura verlangt, der die Wohnung regelmäßig durchsuchende Ermittlungsbeamte: all das erzählt in einer fast kafkaesken Weise vom allgegenwärtigen Ausgeliefertsein. Diese Charaktere und Situationen wären, vielleicht mit einer gewissen zeitlichen Verschiebung, überall in Osteuropa möglich gewesen."

"Der Text soll wie eine Bombe geschaffen sein, durch die man das Terrain für das normale Leben räumt" - sagt der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin im Gespräch und zerlegt die im Zentrum seiner apokalyptischen Folterphantasien stehende Eismetapher: "In 'Ljod. Das Eis' beschäftigte mich die Frage, was Gewalt ist und warum die Menschheit nie ohne sie auskommt. Die Figuren meiner 'Eistrilogie' suchen alle den riesigen Eisblock, der als Meteorit irgendwo in Sibirien einschlug und diese Menschen miteinander verbindet. Sie sind Mitglieder einer nie da gewesenen Sekte, die ihr Glück darin finden, Das Eis zu suchen und einander über Das Eis zu erkennen. Die 'Brüder' sind monströs, denn es ist nicht die geschwisterliche Liebe, sondern die Gewalt, die sie verbindet. Darauf zielen alle Sekten: andere auszugrenzen, um die eigene innere Einheit zu sichern. Und letztendlich ist es das, womit sich die ganze Menschheit beschäftigt. Das Eis ist eine Metapher, ein Prisma, durch das ich die Menschen zeigen kann."

Weiteres: Der junge Autor Krisztian Grecso wundert sich sehr darüber, warum die 68er-Intellektuellen in Berlin auf ihren Partys Telemann in Sandalen mit weißen Socken spielen.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Elet es Irodalom

Der Essayist György Petöcz zieht eine Zwischenbilanz des Versuchs von Budapester Intellektuellen, das historische jüdische Viertel zu retten. In der Stadtplanung soll nämlich eine Reihe historischer Mietshäuser einer neuen Allee weichen: "Hier, im Zentrum der Elisabethstadt entstand das 'echte' Budapest, die Welt des modernen, kosmopolitischen Gewimmels und der Begegnungen, der Geburtsort des Pester Kleinhändlers, der literarischen Kaffeehäuser und Kabaretts, die Heimat vieler Theater und Redaktionen, die Mischung aus bürgerlichem Reichtum und kleinbürgerlicher Armut, aus Groß- und Kleinstädtischem und sogar des sich in die kreisförmigen Höfe zurückziehenden Provinziellen, ein bezauberndes Sammelsurium des Westens und des Balkans."

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Elet es Irodalom

Die Tagebücher des ungarischen Schriftstellers Sandor Marai, von Literaturkritikern oft als sein Hauptwerk gefeiert, konnten noch nie in voller Länge veröffentlicht werden. Tibor Meszaros, Herausgeber der ersten, demnächst in der Originalsprache erscheinenden Edition nennt die Gründe für Marais Selbstzensur: "In der Emigration war es sehr schwer, in Ungarisch geschriebene Bücher in einer hohen Auflage zu verkaufen, er musste gezwungenermassen mehrere Jahre in einem Band zusammenfassen... Er handelte aber auch aus politischen Erwägungen. Marai machte aus seiner Meinung nie einen Hehl und doch ließ er Vieles aus den früheren Ausgaben aus Rücksicht auf die in Ungarn Gebliebenen aus. 1951 sendete das Radio Freies Europa seine Vorlesungen, in denen er u.a. das Rakosi-Regime scharf kritisierte. Am nächsten Tag suchte die Stasi seine Mutter auf. Danach wollte Marai weder seine Mutter noch seine Geschwister solchen Attacken aussetzen."

Der US-Korrespondent Akos Rona-Tas erinnert daran, dass mit New Orleans auch eine Insel der Opposition untergegangen ist. "Aus einer blühenden Handelsstadt des 19. Jahrhunderts entstand in New Orleans eine französische, spanische, englische und schwarze Elemente verbindende reiche Stadtkultur, die immer einen Fremdkörper im konservativen Süden bedeutete. In der Stadt von Sherwood Anderson, William Faulkner und Tennessee Williams ist der Jazz geboren, der die Kultur der Schwarzen erstmalig in die Kultur des Westens integrierte. Das weltberühmte Karneval Mardi Gras ließ für eine kurze Zeit jegliche rassische, gesellschaftliche und kulturelle Unterschiede verschwinden. Die katholische Big Easy bot Asyl für alle, die ihren Platz in der dörflichen, rassistischen und tief protestantischen Welt des Südens nicht finden konnten. Diese Welt hielt New Orleans für einen Sündenherd, für die Hochburg der Bordelle, der gottlosen Rassenmischung, der profithungrigen Händler und des Kosmopolitismus."

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Elet es Irodalom

Die Literaturwissenschaftlerin Julia Sonnevend feiert die Novellen des jungen ungarischen Schriftstellers Attila Bartis, der gerade von den deutschen Lesern entdeckt wird (Leseprobe): "Schonungslose, strenge, zu Kompromissen unfähige Texte, man kann sich so schön vor ihnen fürchten. Diese Texte erwarten kein Verständnis von der Welt oder vom Leser, aber sie suchen doch - schamhaft oder offen - immer irgendeinen letzten Sinn. Siebenbürgen erscheint in diesen Texten nicht in seiner geografischen oder soziologischen Realität, sondern als metaphysischer Raum des Ausgeliefertseins. Wenn Bartis über die kleine Stadt Szamosujvar schreibt, spricht er auch über Auschwitz, und hier ist das so natürlich, wie ein Satz, der auf den anderen folgt. Diese Texte sind beklemmend und doch gehoben, wir finden eine räumliche und seelische Weite in ihnen. Denn wenn er über einen Plattenbau schreibt, schreibt er auch über die ganze Welt. Während er stets die Räume der Beklemmung umkreist, werden seine Texte doch nicht eng. Bartis ist nicht der Autor der Peripherie, die ganze Welt wird in seinen Texten zur Peripherie."

Weiteres: eine Schau der deutschen Rezensionen zur Neuübersetzung der Gedichte von Attila Jozsef.
Stichwörter: Plattenbau, Siebenbürgen, Attila

Magazinrundschau vom 23.08.2005 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Peter Nadas hat die ständige Ausstellung des kleinen französischen Dorfes Le Vernet besucht, wo die von Serge Klarsfeld gesammelten Fotografien der im dortigen Konzentrationslager ermordeten Kinder zu sehen sind: Klarsfeld "drang in die Wildnis der Geschichte ein und trug nach jahrzehntelanger hartnäckiger Arbeit Amateurfotografien aus dem Dickicht heraus, mit denen niemand gerechnet hatte. Niemand wollte mit ihnen rechnen. Warum sollte sich jemand an die Gesichter der ermordeten Kinder von unbekannten Menschen erinnern, wen interessiert das?" Nadas überlegt, warum er die lange Reise nach Le Vernet gemacht hat: "Es ist nicht die Neugier, in mir ist kaum noch Neugier. Emotional hat es sicher Ähnlichkeit mit dem, was Jahrhunderte früher die Pilger leitete: Für eine Schuld zu büßen, die ich nicht auf mich geladen habe, nie auf mich laden will, mich seelisch gegen die Realität der kontinuierlichen und massenhaften Ermordung und Folterung von Menschen zu verteidigen. Büßen für das bloße Überleben, obwohl mein Überleben nicht mein persönlicher Verdienst ist, ich kann es nicht einmal als ein Geschenk betrachten. Zu Orten zu laufen, wo Menschen gelitten haben und gestorben sind. Die letzte Ehre erweisen, aber nicht im weltlichen oder im geistlichen Sinne des Wortes, nein, sondern um weder den Ort noch die Existenz dieser Menschen zu vergessen."

Der kanadische Autor und Booker-Prize-Träger Yann Martel erklärt im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Laszlo L. Szigeti, warum Identität komplexer ist, als die nationalen und sprachlichen Schubladen, in die man sie oft hineinquetschen will: "Meine Kultur ist französisch, aber ich schreibe auf Englisch. Wissen Sie, heutzutage betrachten wir jede Art von Komplexität mit einem gewissen Argwohn. Aber die Identität ist nun mal eine sehr komplexe Sache ... Unsere Identitäten gestalten sich nach Rasse, Kultur, Religion, Geschlecht, sogar nach unserer Figur. Es gibt korpulentere Menschen unter uns, die diesen Zustand in ihr alltägliches Selbstbild integrieren. Aber wenn man morgens aufsteht, denkt man nicht darüber nach, ob man die Identität eines Dicken, eines Vegetariers, eines Homosexuellen, eines säkularen Katholiken, eines Italieners oder Kanadiers hat, man erlebt einfach diesen Morgen. ... Ich bin mit Chomsky der Meinung, dass die Sprache nichts anderes ist als ein ausgefeiltes Geschnaube. Ob wir auf Ungarisch, Deutsch oder Englisch schnauben, hat keine Bedeutung. Die wahre Tragödie ist es, keine einzige Sprache wirklich gut zu kennen, denn dann bleibt einem der Reichtum aller Sprachen verborgen - aber es ist egal, welche Sprache das ist."

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Elet es Irodalom

Der Physiker Istvan Hargittai erinnert sich an Leo Szilard und weitere vier Spitzenforscher ungarischer Abstammung, die in den 1930ern in die USA emigrierten und das Manhattan-Projekt initiierten: "Szilard suchte die Lösung für alle Probleme mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Als er in verschiedenen Besprechungen wegen seines nicht typisch amerikanischen Auftretens und des starken Akzents Misstrauen bemerkte, nahm er irgendwann einen echten Amerikaner in die Besprechungen mit, der nur die Rolle hatte, Vertrauen zu erwecken. Nachdem Leo Szilard, Jenö Wigner und Edward Teller Einstein dazu bewegen konnten, den berühmten Brief an Roosevelt zu schreiben, der den Präsidenten auf die Gefahr einer Atombombe aus Deutschland aufmerksam machte, wurden die ungarischen Atomphysiker auf die größte Vertrauensprobe gestellt. Roosevelt stellte eine Kommission aus Politikern, Forschern und Militärexperten auf, aus der die ungarischen Physiker wegen des strengen Geheimcharakters ausgeschlossen wurden, bis endlich die Entdeckung gemacht wurde, dass die in der Kommission verhandelten Geheimnisse gerade von diesen Ungarn stammten."

Magazinrundschau vom 26.07.2005 - Elet es Irodalom

Ungarn feiert den hundertsten Geburtstag des großartigen Abenteur- und Kriminalromanautors der dreißiger Jahre, Jenö Rejtö, dessen unter dem Namen P. Howard veröffentlichte Bücher in Ungarn heute noch zu den beliebtesten überhaupt gehören. Aber darf man ihn deshalb ernst nehmen? Der Schriftsteller Andras Cserna-Szabo ärgert sich über die Borniertheit von Literaturwissenschaftlern, die eine scharfe Grenze zwischen Trivial- und Hochkultur ziehen und Rejtö unbedingt in eine Schublade quetschen wollen. "Warum können sie immer noch nicht kapieren, dass dieser ungarische Jude mit dem Geburtsnamen Reich schlicht und ergreifend ein Genie war, der für uns aus Heftromanen und dem Pester Kabarett eine bezaubernde, unbehagliche, bis ins Knochenmark erschütternde Welt zusammenknetete, die nie zuvor da war und nie wiederkehren wird, über die wir schallend, aber mit Tränen in den Augen lachen? Wenn die Wissenschaftler ihn nicht haben wollen, auch gut. Perlen vor die Säue? ... Wir, die Ungarn sind doch irgendwie eine hoffnungslose Spezie: während die Tschechen ihren Schwejk, den weisen Idioten, längst kanonisiert haben, und inzwischen Touristen aus aller Welt mit Schwejk in ihr Land locken, stehen die Ungarn am hundertsten Geburtstag von Rejtö da und sind mit sinnlosen Diskussionen über die Grenze zwischen Trivial- und Hochliteratur beschäftigt!"

Der Historiker Jozsef Martin feiert Andras Oplatkas Monographie "Graf Stephan Szechenyi. Der Mann, der Ungarn schuf", aber gleichzeitig fragt er sich, warum es so selten solche Bücher gibt, warum es seit der Wende so wenig Austausch zwischen den kleinen, benachbarten Völkern Mitteleuropas gibt: "Wir, Ungarn, Slowaken, Tschechen, Polen, Kroaten, Serben und viele anderen wissen so wenig voneinander. Die Isolation lockert sich vielleicht ein bisschen in der deutsch-ungarischen Beziehung, zumindest was die Literatur angeht: der Erfolg von Peter Nadas, Peter Esterhazy, Imre Kertesz, die Wiederentdeckung von Sandor Marai im deutschen Sprachgebiet belegt das, und trotzdem weiß man in Deutschland nicht, wie man die Namen dieser Autoren aussprechen soll. Und wir in Ungarn wissen genausowenig, wie die Namen unserer nahen und gleichzeitig fernen Nachbarn ausgesprochen werden."

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Istvan Eörsi meint, dass der globale Terrorismus nicht auf religiöse oder ideologische Konflikte, sondern vor allem auf die Armut der Dritten Welt zurückzuführen sei: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es neben unserer europäisch-amerikanischen Perspektive auch eine andere Perspektive gibt, die davon ausgeht, dass die Notwehr berechtigt ist. Vielleicht ekeln wir uns vor ihren Mitteln, vielleicht verachten ihren Fanatismus, aber eines muss klar sein: unsere Mittel sind auch nicht schöner, unser lukrativer Zynismus ist zwar vielleicht unterhaltsamer, aber keineswegs moralischer als mörderischer Fanatismus."

Der Literaturwissenschaftler Laszlo Bedecs feiert den neuen Roman, "Bumgartesz", von Jehan Calvus, ein aus dem multiethnischen Siebenbürgen stammender, in Wien lebender Autor. Auf den Spuren von Jorge Luis Borges schrieb Calvus "einen Roman in essayistischer Form über die Suche nach der idealen Sprache". Der Rezensent verlor sich sichtlich gern im Labyrinth der Assoziationen "von den Ateliers der mittelalterlichen Malerei zu den Bahnhöfen der Zukunft", denn "in diesem umfangreichen und dichten Textgefüge wird in einer ironischen Art und Weise kein Satz zu Ende geschrieben, kein Gedanke zu Ende gedacht, keine Frage endgültig gestellt. ... Die Bilder des Romans beschwören die bunte, überfüllte, fast surreale Welt der Filme von Peter Greenaway herauf, die ganzseitigen Grafiken, Kalligrafien, und Marionettenfotos fordern den sinnierenden, essayistischen, gleichzeitig spielerischen und ironischen Text heraus."