
Der Schriftsteller
Peter Nadas hat die ständige Ausstellung des kleinen französischen Dorfes
Le Vernet besucht, wo die von Serge Klarsfeld gesammelten Fotografien der im dortigen
Konzentrationslager ermordeten Kinder zu sehen sind: Klarsfeld "drang in die Wildnis der Geschichte ein und trug nach jahrzehntelanger hartnäckiger Arbeit
Amateurfotografien aus dem Dickicht heraus, mit denen niemand gerechnet hatte. Niemand wollte mit ihnen rechnen. Warum sollte sich jemand an die Gesichter der ermordeten Kinder von unbekannten Menschen erinnern, wen interessiert das?" Nadas überlegt, warum er die lange Reise nach Le Vernet gemacht hat: "Es ist
nicht die Neugier, in mir ist kaum noch Neugier. Emotional hat es sicher Ähnlichkeit mit dem, was Jahrhunderte früher die
Pilger leitete: Für eine Schuld zu büßen, die ich nicht auf mich geladen habe, nie auf mich laden will, mich seelisch gegen die Realität der kontinuierlichen und massenhaften Ermordung und Folterung von Menschen zu verteidigen. Büßen für das
bloße Überleben, obwohl mein Überleben nicht mein persönlicher Verdienst ist, ich kann es nicht einmal als ein Geschenk betrachten. Zu Orten zu laufen, wo Menschen gelitten haben und gestorben sind. Die letzte Ehre erweisen, aber nicht im weltlichen oder im geistlichen Sinne des Wortes, nein, sondern um weder den Ort noch die Existenz dieser Menschen zu vergessen."
Der kanadische
Autor und Booker-Prize-Träger
Yann Martel erklärt im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Laszlo L. Szigeti, warum Identität komplexer ist, als die nationalen und sprachlichen Schubladen, in die man sie oft hineinquetschen will: "Meine Kultur ist französisch, aber ich schreibe auf Englisch. Wissen Sie, heutzutage betrachten wir jede Art von
Komplexität mit einem gewissen Argwohn. Aber die Identität ist nun mal eine sehr komplexe Sache ... Unsere Identitäten gestalten sich nach Rasse, Kultur, Religion, Geschlecht, sogar nach unserer Figur. Es gibt
korpulentere Menschen unter uns, die diesen Zustand in ihr alltägliches Selbstbild integrieren. Aber wenn man morgens aufsteht, denkt man nicht darüber nach, ob man die
Identität eines Dicken, eines Vegetariers, eines Homosexuellen, eines säkularen Katholiken, eines Italieners oder Kanadiers hat, man erlebt einfach diesen Morgen. ... Ich bin mit Chomsky der Meinung, dass die Sprache nichts anderes ist als ein
ausgefeiltes Geschnaube. Ob wir auf Ungarisch, Deutsch oder Englisch schnauben, hat keine Bedeutung. Die wahre Tragödie ist es, keine einzige Sprache wirklich gut zu kennen, denn dann bleibt einem der Reichtum aller Sprachen verborgen - aber es ist egal, welche Sprache das ist."