Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 62 von 65

Magazinrundschau vom 12.07.2005 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller György Konrad betrachtet die Weltgeschichte als "Konkurrenz der sich miteinander unterhaltenden Selbstporträts und Selbstdefinitionen" der Kontinente und plädiert dafür, neue Ideen des Europäischen (und der Europäischen Union) zu entwerfen: "Die Substanz Europas ist die Neugier (die lässlichste Sünde und reizvollste Tugend vielleicht), der Hunger des Lernens und Forschens, die Sehnsucht nach Verstehen, der Hedonismus des Gehirns. Das Besondere an Europa ist der lebhafte Dialog zwischen Tradition und Innovation, der Auszug der Bücher aus den Ordenhäusern während der Gutenberg-Revolution, die Entstehung der selbstständigen Inseln der Intellektuellen." Laut Konrad sollten die Potentiale der Kultur für die europäischen Verständigung auch von den Politikern endlich erkannt werden: "Über Kunstwerke können wir andere Völker erlebnishaft verstehen. Romane zu lesen ist bekanntlich eine gute Methode, uns in Empathie zu üben. Wenn ihr eine Union wollt, dann sollt ihr manchmal in der Haut anderer Europäer stecken mögen, zum Beispiel indem ihr ihre Bücher lest. Lass uns doch gegenseitig unsere Komplexität erkennen, um uns über sie zu freuen oder zu amüsieren!"

Weiteres: Die Literaturkritikerin Judit Ambrus ärgert sich, dass immer mehr Autorinnen Helen Fieldings moppelige Heldin "Bridget Jones" nachahmen: "Mein Gott, bitte gib uns nur einmal eine Bridget mit Anorexie!" Anne Kotzan schreibt über die Martin Munkacsi Retrospektive "Think while you shoot!" in Hamburg. Und der Fotograf Laszlo Lugosi Lugo stellt fest, dass die "Revolution der digitalen Fotografie" darin, besteht, dass die "Fotografie durch die Digitalität zu einem allen zugänglichen Instrumenten, zu einer echten demokratischen Sprache geworden ist."

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - Elet es Irodalom

Die Menschenrechtsorganisation Serbisches Helsinki Komitee hat auf dreihundert Seiten Protokolle abgehörter Telefongespräche zwischen serbischen Kriegsverbrechers veröffentlicht. Den ungarischen Schriftsteller aus der Vojvodina (heute Serbien) György Szerbhorvath hat sichtlich schockiert, was für ein alltägliches Geschäft der Massenmord für diese Leute war. Der Chef der serbischen Militärs Ratko Mladic gibt zum Beispiel einem seiner Offiziere Anweisungen, welche Stadtbezirke beschossen werden sollen: "- Beschießt Velesic und Povalic, da wohnen nicht so viele Serben. Uuuund, schauen wir mal, beschießt auch Dobrovoljacka, und da diesen Stadtteil oben bei der Humska. Und Djura Djakovic auch, kapierst Du? ... Gebt auch eine Schussreihe auf das Präsidentenamt ab. - Ich verstehe, Genosse General. - Na, dann ciao."

Der Historiker Tamas Laszlo Papp ärgert sich darüber, dass die Benes-Dekrete in Tschechien immer noch gültig sind: "Ein jeder Kleinstaat unserer Region hat sich seine eigene Heils-, Leidensgeschichten und Verschwörungstheorien erschaffen, die sich den Geschichtsinterpretationen der Nachbarn entgegensetzen. In diesen Mythen spielt immer derjenige die Rolle des Opfers, der die Theorie erdichtete, während die dämonisierte Ethnie ausschließlich als Täter auftritt." Den Ungarn falle zum Verhältnis zu den Slowaken und Tschechen meistens nur ein, dass "wir sie immer alle großzügig aufgenommen haben". Die Tschechen dagegen sähen sich als "kleines, tapferes Volk, das gegen den Revisionismus der Habsburger, der Nazis und der Ungarn kämpft". Laut Papp hätte die EU von den Tschechen die Aufhebung der Benes-Dekrete und von den Türken die ehrliche Verarbeitung des Massenmordes an den Armeniern verlangen müssen: "So dürfen wir uns nicht wundern, wenn es der EU nicht gelingen wird, zu einer ehrbaren moralischen Gemeinschaft zusammenzuwachsen."

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Elet es Irodalom

György Klein, Professor Emeritus der Karolinska-Universität und 25 Jahre lang Mitglied der Nobel-Kommission für Medizin, verrät im Gespräch, wie die Entscheidung über den Nobelpreis gefällt wird: "In der Nobel-Kommission sitzen fünfzehn, die verschiedensten Gebiete der medizinischen und biologischen Forschung repräsentierende Professoren. Diese Gebiete kann man so wenig miteinander vergleichen wie den Apfel mit der Birne. Jedes Kommissionsmitglied vertritt ein Gebiet, aber in den anderen Gebieten kennt er sich nicht so gut aus. ... Die Entscheidung hängt letztendlich davon ab, welcher Vertreter der zwei aussichtsreichsten Kandidaten die anderen von der Bedeutung des vertretenen Gebietes überzeugen kann. Es geht hier nicht mehr darum, wer wirklich gut war, denn alle Kandidaten waren ausgezeichnet. Den Preis bekommt, wessen Paradigma die Welt veränderte."

Der Anglist Tamas Benyei versucht die für Kontinentaleuropäer manchmal rätselhafte englische Seele in einer Sammelrezension der Bücher des Philosophen und Essayisten Roger Scruton und der Schriftsteller Jonathan Coe (mehr hier), Ben Elton (mehr hier) und Irvine Welsh (mehr hier) zu entschlüsseln.
Stichwörter: Welsh, Irvine, Coe,jonathan

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Elet es Irodalom

Die Soziologin Agnes Losonczi erzählt im Gespräch über ihr neues Buch, für das sie siebzig mittelständische Familien in einem einzigen Budapester Stadtbezirk unter anderem darüber befragt hat, wie sie die letzten fünfzehn Jahre nach der Wende erlebt haben: "Die Mehrheit von ihnen sehnt sich überhaupt nicht in den Sozialismus zurück. Überraschenderweise selbst jene Menschen nicht, die sehr unter den Veränderungen gelitten haben, die vor der Wende bereits arm waren und nach der Wende noch ärmer wurden. Soweit wir feststellen konnten ist das Verhältnis der Ungarn zur Wende nicht davon geprägt, wie sich ihre Situation seitdem konkret verändert hat - ob vielleicht ihre Möglichkeiten jetzt eingeschränkter sind -, sondern es ist geprägt davon, wie sich die Ungarn gesellschaftlichenGerechtigkeit, die 'gute Gesellschaft' im Innern vorstellen."

Der Literaturwissenschaftler Gergely Angyalosi feiert Zsuzsa Rakovszkys (mehr hier) lange erwarteten neuen Roman "Sternschnuppenjahr", der aus der Perspektive eines Kindes die erdrückende Welt der 1950er Jahre in Ungarn beschreibt. "Die poetische Kraft des Romans entsteht durch die Spannung zwischen dem raffinierten Lyrischen der Sprache und der Unmittelbarkeit und Reduziertheit der kindlichen Wahrnehmung." Der Roman kann laut Rezensent ohne jeglichen historischen Anspruch das Lebensgefühl von damals vermitteln, zum Beispiel in der "wunderschönen, traumbildartigen Vision einer Flucht, in der vier zusammengehörige Menschen (Mutter, Kind, Großmutter und Amme) und die längst weggelaufene Katze nicht nur das zum Gefängnis gewordene Land, sondern auch das von Angst und Beklemmung vergiftete Dasein in einem Boot verlassen."

Weiteres: Sandor Radnoti stellt ein neues Buch der Filmwissenschaftlerin Yvette Biro vor, das der Langsamkeit als ästhetisches Prinzip in der Filmgeschichte gewidmet ist: "Die Langsamkeit ist zwar kein absoluter Wert an sich, aber sie soll verteidigt und gewürdigt werden, wenn die Geschwindigkeit zum einem absoluten Wert avanciert."

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - Elet es Irodalom

Istvan Eörsi analysiert am Beispiel der Autobiografie des renommierten ungarischen Wirtschaftsexperten Janos Kornai das Verhältnis der Intellektuellen zur Macht: "Ich glaube nicht, dass nur diejenigen sich moralisch einwandfrei benommen haben, die auf die Möglichkeit legalen Publizierens gänzlich verzichteten, um der Zensur auszuweichen. Auch solche Autoren gab es, die ihre Bücher legal publizierten, um sie mehr Lesern zugänglich zu machen, aber deshalb aus der Sicht der Zensur uninteressante Themen wählten oder brisante Themen verkleideten, dass sie sich doch durch den offiziellen Filter schleppten."

Weiteres: Kritiken über die große Gesamtausgabe der Werke des ungarischen Romanciers Gyula Krudy in fünfzig Bänden (Kalligram Verlag, Bratislava) und über die autobiografischen Schriften von Ilona Harmos, der Witwe des in Deutschland gerade wieder entdeckten Dezsö Kosztolanyi (mehr hier), die den Zweiten Weltkrieg als Jüdin überlebte.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - Elet es Irodalom

Diese Ausgabe widmet sich der größten Buchmesse der ungarischen Literatur, die in diesen Tagen in Budapest stattfindet. Der Schriftsteller Otto Tolnai glaubt, dass die Neuen Medien nicht das Ende, sondern gerade den Neubeginn des Gutenberg-Zeitalters bedeuten: "Etwas Merkwürdiges geschieht in der Welt, in Berlin, Budapest oder Belgrad: das Zeitalter der Digitalität löst gegen alle Erwartungen eine Art Explosion in der Buchbranche aus. Wenn mich nicht jede Art von Explosion in Angst versetzen würde, auch das Platzen einer Kaugummiblase oder In-die-Luft-jagen eines Knallfroschs, würde ich jetzt von der neuen Renaissance des Buchs schwärmen ... Und die Merkwürdigkeiten sind damit noch nicht zu Ende, denn dieser Prozess fällt zusammen mit einem noch nie da gewesenen internationalen Umbruch, der neuen Popularität und dem neuen Prestige ungarischer Romane, mit einer großen Renaissance der ungarischen Literatur."

Die offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi konnten vielleicht deshalb zu emblematischen Figuren des Sozialismus werden, weil man sie am einfachsten verurteilen kann, meint der junge ungarische Schriftsteller Gabor Schein in seiner Buchkritik über "Balaton-Brigade", den neuen Roman von György Dalos. Der Roman erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Stasispitzels, der in der Wendezeit deutsch-deutsche Begegnungen am beliebten ungarischen Urlaubsort Balaton überbewachen muss. "Hauptmann Klempner - Deckname Dr. Schwabe - stellt fest, dass er, wie die Deutschen im allgemeinen, Befehle auch dann präzise ausführt, wenn sie absolut keinen Sinn mehr haben. Sein Kollege von der ungarische Stasi ist dagegen genauso, wie man sich die typischen ungarischen Beamten vorstellt: ein zynischer Schlendrian." Der Verfasser liest den Roman "als Ironie der Ironie, die klischeehafte, moralische Urteile und Geschichtsbilder auslacht, durch die die Überlegenheit der Nachwelt gesichert werden sollen."

Weitere Artikel: Der junge Schriftsteller und Herausgeber Zsolt Lang rezensiert den großen Essay des Literaturhistorikers György Poszler über die multiethnische Stadt Klausenburg (bekannt auch als Kolozsvar oder Cluj Napoca, heute Rumänien). Die Literaturkritikerin und Herausgeberin Boglarka Nagy feiert "Splitter aus Licht", den Debütroman der jungen Autorin Aniko N. Toth, der laut Rezensentin besonders Leser erfreuen wird, "die als Kind ihre Großmutter zu den Gräbern unbekannter, lange verstorbener Verwandte auf einem Dorffriedhof begleitet haben, über die immer noch faszinierend geheimnisvolle Geschichten in der Familie erzählt werden." Weitere Buchkritiken unter anderem über "Die Musik der Sirenen" mit Essays des Altertumswissenschaftlers György Janos Szilagyi und eine Hegel-Monographie von Miklos Almasi.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - Elet es Irodalom

Der legendäre Örley-Kreis, eines der ersten, am Rande der Legalität arbeitenden, von der Zentralmacht mit knirschenden Zähnen geduldeten Foren der demokratischen Opposition wurde vor 20 Jahren im Budapester Hotel Astoria gegründet. Einer der Begründer, der bildende Künstler Adam Tabor, erklärt, was das bedeutete: "Nicht die politischen Umwälzungen lösen die kulturelle aus, sondern umgekehrt: die Revolution des Geistes, der Literatur und Kunst führt früher oder später zur Revolution der Politik und Gesellschaft. Wir haben eine Revolution gemacht, die nicht in oder nach 1989, sondern zwischen 1969 und 1989 stattfand. Ich erdreiste mich zu sagen, dass die ungarische Wende durch die moderne und avantgardistische Kunst und Kultur der sechziger und siebziger und die Postavantgarde der achtziger Jahre angekündigt, sogar teilweise vorbereitet wurde."

"Nach den Treffen des Örley-Kreises ging ich abends oder morgens mit einem Brausen im Kopf nach Hause, auch im Traum diskutierte ich mit mehreren Dutzend Menschen weiter. Mit Liebe und Wucht, mit dem sicheren Gefühl, die Welt zu verändern" - erinnert sich ein anderer Begründer, Peter Racz im nächsten Beitrag.

Der im 1. Jahrhundert im Römischen Reich spielende Roman "Gefangenschaft" von György Spiro wird als die literarische Sensation des bald beginnenden Budapester Buchfestivals gefeiert. Der Autor erzählt im Interview, wie der Roman entstanden ist: "Ich wollte nicht wissen, wie das Christentum entstand, sondern wie die Welt aussah, in der es nicht nur entstand, sondern auch unglaublich schnell triumphierte. ... Das Römische Reich des 1. Jahrhunderts war unserer Welt sehr ähnlich, sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher oder mentaler Hinsicht. Das überraschte mich sehr. Es war der Beginn des Kaisertums, ein blühendes Reich, eine sehr gut aufgebaute und organisierte und tolerante Welt, und doch brach der Wahnsinn aus, denn die Menschen empfanden irgendetwas unerträglich."

Der Publizist Andras Brody feiert ein Buch der Soziologin Agnes Losonczi, das Gespräche mit vielen Familien eines einzigen Budapester Bezirks enthält, und damit eine lokale Oral History des 20. Jahrhunderts liefert.
Stichwörter: Christentum, Römisches Reich

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller Istvan Eörsi meint, dass die Medien die ungarische Gesellschaft allmählich entpolitisieren: "Wir trauern über jeden Verkehrsunfall, wir freuen uns, wenn ein Kind aus dem Fluss gerettet wird. In dieser Welt hat die Politik kaum noch einen Platz." Das erinnert Eörsi an die Kommunikationsstrategie des Gulaschkommunismus, der den Staatsbürger "nicht überzeugen, sondern entpolitisieren" wollte: "Natürlich gibt es heute keine zentrale Macht mehr, die sich die Entpolitisierung der Bürger zum Ziel gesetzt hat. Aber auch ohne sie lagert sich der Geist des Kadar-Regimes allmählich auf das Land, fast ohne jeglichen Widerstand. Das Ansehen der Politik ist schwer beschädigt. Die politische Leidenschaft, diese spezifische Form der Suche nach Wahrheit hat ihren Wert verloren. ... Unter dem Kadar-Regime ging es dem Staatsbürger am besten, wenn er sich anpasste. Jetzt gibt es zwei politische Lager, an die er sich anpassen kann, wenn er will. Aber Anpassung ist keine Politik. Wer sich anpasst, den interessieren die eigentlichen Ereignisse nicht, die auf unser Leben Einfluss nehmen."

Am Budapester Donauufer, unweit vom Parlament und dem Mahnmal der 1944 hier erschossenen Juden, wurde eine Statue von Istvan Bibo, Historiker, Sozialwissenschaftler und Verfasser von "Die Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei", eingeweiht. Der Schriftsteller und Essayist Ivan Sandor findet sein geistiges Erbe höchst aktuell und zu Unrecht wenig bekannt: "Bibo hat vor allem interessiert, wie eine größere Menschengruppe, zum Beispiel eine Nation, irreführende Erfahrungen über sich selbst und die Außenwelt entwickelt; wie Abwehrreaktionen und Sündenböcke entstehen; wie die 'eingefrorene Vergangenheit' zum Sprechen gebracht werden kann und wie sich familiäre und individuelle Erinnerungen dazu verhalten. Ein halbes Jahrhundert vor den modernen Historikerdebatten erkannte er, dass es notwendig ist, zwischen offiziellen und privaten Erinnerungskulturen zu unterscheiden, ihre Widersprüche zu hinterfragen, 'leere' Räume zu analysieren, in denen man keine Antworten findet, weil in ihnen die 'offiziellen' Geschichtsbilder unterschiedlicher Machtinteressen einander auslöschten."

Günter Grass und Imre Kertesz wurde die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin verliehen. Das ES-Magazin druckt die Laudatio von Joachim Küpper an den ungarischen Schriftsteller (hier im Original).

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - Elet es Irodalom

Der Historiker Ignac Romsics feiert die jüngste ungarische Historikergeneration, die immer wieder die fundiertesten Interpretationen über die umstrittensten Kapiteln der ungarischen Geschichte vorlegen, während die älteren Historiker damit beschäftigt sind, alte Streits weiterzuführen. Romsics rezensiert eine Neuerscheinung des jungen ungarischen Historikers Balazs Ablonczy über Pal Teleki, eine der umstrittenen Gestalten der ungarischen Geschichte. Teleki war ungarischer Ministerpräsidenten von 1920-1921 und 1939-1941 (mehr hier). "Keins der beiden Lager im großen Teleki-Streits wird mit diesem Buch zufrieden sein. Weder diejenigen, die Telekis Antisemitismus schön zu reden versuchen, noch jene, die ihn für den Holocaust unmittelbar verantwortlich machen ... Das Buch dokumentiert nämlich schonungslos, dass der Antisemitismus das Denken und die Politik Telekis seit 1919 erheblich beeinflusste. ... Aber es warnt auch davor, die heutige Perspektive mit der Zeit vor 1941 zu verwechseln. Die Wannsee-Konferenz, auf der die Ermordung der Juden beschlossen wurde, fand mehrere Monate nach Telekis Tod statt; die Deportation der ungarischen Juden begann im April 1944. Teleki kann für den Holocaust nicht unmittelbar verantwortlich gemacht werden."

Das ES-Magazin gratuliert dem Literaturwissenschaftler und Essayisten Laszlo Földenyi (mehr hier) zum Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und druckt die Laudatio von Ilma Rakusa: "Földenyi, seinem Wesen nach ein melancholischer Metaphysiker, dem die plafonierte Ideenwelt des Kommunismus, unter dem er aufwuchs, keinerlei geistige Nahrung bot, suchte und fand bei den Deutschen das, was er eine seltene 'Sensibilität für die Transzendenz' nennt, idealtypisch verkörpert in den deutschen Romantikern. Heute allerdings sieht sich Földenyi enttäuscht. In seinem kürzlich erschienenen Aufsatz mit dem Titel 'Überschattete Liebe zur deutschen Literatur' beklagt er den Verlust solcher Sensibilität, die zugunsten einer 'Stromlinienförmigkeit des Denkens' aufgegeben worden sei. ... Der Blick von außen sieht oft mehr. Warum also sollten wir nicht von Földenyis Sensibilität lernen? Von seiner Skepsis gegenüber falschen Gewissheiten und dem Design des Glatten und Gutgemeinten? Und wenn uns dabei gelegentlich Schwindelgefühle überkommen, heißt das zuverlässig, dass die Lektion gefruchtet hat."

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Elet es Irodalom

"Die westliche Welt kann sich bald im monumentalen historischen Bild des Byzantinischen Reiches widergespiegelt sehen" - lautet die These des Ästhetikprofessors Akos Szilagyi. "Das Byzantinische Reich stellte eine innige Verflechtung der Zivilisationen von Europa und Asien dar. Die Beziehung des Reiches zum Osten war nie so problematisch, wie sich diese Beziehung im Westen der Neuzeit gestaltete. Der sich globalisierende Westen, mit seinen verschwommenen Gesichtszügen, sucht verzweifelt nach Antworten auf die Frage, wie er sich gegenüber dem Osten - der arabischen Welt, der Türkei, Japan und China - verhalten soll. Und umgekehrt: Auch der sich auf seine eigene Art und Weise globalisierende Ferne und Nahe Osten definiert seinen Bezug zur westlichen Welt neu. Wer wird wessen Problem lösen? Das ist 'Gegenwartsmusik'."

György Litvan hat die Autobiografie des renommierten ungarischen Wirtschaftsforschers Janos Kornai gelesen und wurde auf Passagen aufmerksam, in denen der in Budapest lebende, jedoch auch vor der Wende regelmäßig an amerikanischen Eliteuniversitäten lehrende Professor wie beiläufig beschreibt, wie er von Stasi-Spitzeln in London beobachtet wurde: "Diese Herren werden nicht namentlich erwähnt, er nennt auch seine inländischen Spitzel nicht, deren Namen er nach 1989 in seiner Akte las. Kornai befasst sich auch nicht explizit mit der großen Stasi-Debatte der letzten Monate - trotzdem stellt dieses Buch eine Widerlegung der aus pragmatischen Gründen verbreiteten Lüge dar, dass die Bespitzelung ungarischer Staatsbürger nur auf die Abteilung III/III des damaligen Innenministeriums beschränkt gewesen sei, der Rest des Ministeriums habe sich mit 'patriotischen Aufgaben' befasst."

Weiteres: Gabor Körner, renommierter Experte der polnischen Literatur, feiert die erste ungarische Übersetzung der "Ungöttlichen Komödie" des polnischen Klassikers Zygmunt Krasinski. Der Filmkritiker Lorant Stöhr berichtet über das renommierte ungarische Underground-Filmfestival "Mediawave". In einem offenen Brief an die ungarische Regierung protestieren mehrere, sich für Menschenrechte und Umweltschutz einsetzende Organisationen gegen die Verhaftung von drei russischen Staatsbürgern, die friedlich vor dem ungarischen Parlament demonstriert hatte, dabei jedoch ein heikles Thema ansprachen: eine verheerende Umweltkatastrophe, ausgelöst durch ein ungarisches Atommülldepot im Uralgebirge.