
Diese Ausgabe widmet sich der größten
Buchmesse der ungarischen Literatur, die in diesen Tagen in Budapest stattfindet. Der
Schriftsteller Otto Tolnai glaubt, dass
die Neuen Medien nicht das Ende, sondern gerade den Neubeginn des Gutenberg-Zeitalters bedeuten: "Etwas Merkwürdiges geschieht in der Welt, in
Berlin, Budapest oder Belgrad: das Zeitalter der Digitalität löst gegen alle Erwartungen eine Art Explosion in der Buchbranche aus. Wenn mich nicht jede Art von Explosion in Angst versetzen würde, auch das Platzen einer Kaugummiblase oder In-die-Luft-jagen eines
Knallfroschs, würde ich jetzt von der neuen Renaissance des Buchs schwärmen ... Und die Merkwürdigkeiten sind damit noch nicht zu Ende, denn dieser Prozess fällt zusammen mit einem noch nie da gewesenen internationalen Umbruch, der neuen Popularität und dem neuen Prestige ungarischer Romane, mit einer großen
Renaissance der ungarischen Literatur."
Die offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter der
Stasi konnten vielleicht deshalb zu
emblematischen Figuren des Sozialismus werden, weil man sie am einfachsten verurteilen kann, meint der junge ungarische
Schriftsteller Gabor Schein in seiner
Buchkritik über "Balaton-Brigade", den neuen Roman von
György Dalos. Der Roman erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Stasispitzels, der in der Wendezeit deutsch-deutsche Begegnungen am beliebten ungarischen Urlaubsort Balaton überbewachen muss. "Hauptmann Klempner -
Deckname Dr. Schwabe - stellt fest, dass er, wie
die Deutschen im allgemeinen, Befehle auch dann präzise ausführt, wenn sie absolut keinen Sinn mehr haben. Sein Kollege von der ungarische Stasi ist dagegen genauso, wie man sich die typischen ungarischen Beamten vorstellt:
ein zynischer Schlendrian." Der Verfasser liest den Roman "als
Ironie der Ironie, die klischeehafte, moralische Urteile und Geschichtsbilder auslacht, durch die die
Überlegenheit der Nachwelt gesichert werden sollen."
Weitere Artikel: Der junge Schriftsteller und Herausgeber
Zsolt Lang rezensiert den großen Essay des Literaturhistorikers
György Poszler über die multiethnische
Stadt Klausenburg (bekannt auch als Kolozsvar oder Cluj Napoca, heute Rumänien). Die Literaturkritikerin und Herausgeberin
Boglarka Nagy feiert "Splitter aus Licht", den Debütroman der jungen Autorin
Aniko N. Toth, der laut Rezensentin besonders Leser erfreuen wird, "die als Kind ihre Großmutter zu den Gräbern unbekannter, lange verstorbener Verwandte auf einem Dorffriedhof begleitet haben, über die immer noch faszinierend
geheimnisvolle Geschichten in der Familie erzählt werden." Weitere Buchkritiken unter anderem
über "Die Musik der Sirenen" mit Essays des Altertumswissenschaftlers
György Janos Szilagyi und eine Hegel-Monographie von
Miklos Almasi.